Schausteller-Nachrufe A - Z

Josef Schoeneseifen

1977 Josef Schoeneseifen. Foto Aribert

Am 10. Oktober 2018 wäre Josef Schoeneseifen 100 Jahre alt geworden.
Aber es waren ihm nur 65 Jahre auf seiner Reise als Schausteller vergönnt.

Der vor 100 Jahren, am 10.10.1918 geborene Josef Schoeneseifen war das zweite Kind seiner Eltern Josef und Hubertine Schoeneseifen. Es gab eine ältere Schwester und zwei weitere Schwestern folgten.
Die alteingesessene Bonner Schaustellerfamilie Schoeneseifen hatte es während des 1. Weltkriegs nach Wuppertal verschlagen. Dort erlebte der einzige Sohn, der Bubi genannt wurde, seine ersten Lebensjahre. Dann zog die Familie wieder in ihre Heimatstadt Bonn zurück.
Die Familie Schoeneseifen hatte bereits vor 1900 eine große Bedeutung unter den Bonner Schaustellern und bei den Veranstaltern des Pützchens Markt und viele Ehrungen waren ihnen verliehen worden.
Aus den Eheleuten Josef und Katharina Schoeneseifen waren die Köln-Bonner-Schausteller-Dynastien: Schoeneseifen und Sonntag sowie mütterlicherseits die Familien Hoche, Hölzgen und Barth entstanden.

Nur selten erzählte Bubi Schoeneseifen von seiner Kindheit direkt nach dem 1. Weltkrieg, die ihm offenbar in keiner guten Erinnerung war. Allgemeine Armut, Hunger, Not und ein recht strenger Vater waren seine ständigen Begleiter. Der Schulbesuch beschränkte sich auf wenige Wintermonate.

1939 wurde Bubi Schoeneseifen zum Kriegsdienst eingezogen. Die Führung eines Verpflegungstrupps brachte ihn bis vor die Toren Kairos.
Zum Ende des Krieges kam er in amerikanische Gefangenschaft, wurde nach Florida verschifft und zur Arbeit als Kellner im Spielcasino von Miami eingesetzt. Erst 1948 wurde er aus der „Gefangenschaft“ entlassen.

Als er zu seinen Eltern nach Hause kam, war dort kein Platz mehr für ihn.
Die kinderlose Schwester seines Großvaters und deren Mann, Hans Müller, boten ihm fürs Erste eine Unterkunft. Der Onkel bestellte bei der Karussellbaufirma Achtendung in Köln eine Berg- und Talbahn die Schmetterlingsbahn. Er vereinbarte, dass sein Neffe, Bubi Schoeneseifen am Bau des Karussells mitarbeiten konnte und durch diese Eigenleistung die Anschaffungskosten der Schmetterlingsbahn erheblich gesenkt werden konnten.
Nach Fertigstellung sollte Bubi Schoeneseifen mit dem Karussell reisen und am Umsatz beteiligt werden. Aber zu Saisonbeginn war die Vereinbarung vergessen und der Neffe wurde auf die Straße gesetzt. Bis 2016 war diese Schmetterlingsbahn der Familie Eisbusch im Einsatz.

Josef Schoeneseifen gab nicht auf, kaufte einen alten ausrangierten Möbelwagen, in dem er schlief und auch sein in aller Eile selbstgebautes Geschäft, einen Meerschweinchen-Pavillon transportieren konnte.
Schon während der ersten Saison lernte er die Kölner Schaustellertochter Maria Milz kennen. Er wechselte seinen Betriebsstandort von Bonn nach Köln.
Im Dezember 1950 heiratete das Paar, 1951 kamen die erste Tochter Margit und 1956 der Sohn Hans-Josef auf die Welt. 1965 folgte eine zweite Tochter Sabine.

In der Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit etablierten sich Josef Schoeneseifen und seine Frau Maria als selbständige Schausteller. Ihr mutiger Unternehmergeist war die Wurzel für ein erfolgreiches Schaustellerleben in Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders.

Vom Meerschweinchen-Spiel zum Schokoladenwerfen.
Von ihrer ersten selbstgebauten Verlosung wechselte das junge Paar 1960 zu einem neuen Verlosungswagen der Firma Stork.
Als die Schwiegereltern bei der Firma Achtendung die St. Moritz-Bahn (Rakete) in Auftrag gaben, übernahm Bubi Schoeneseifen deren Überschlagschaukel, auch Looping genannt. Nach zwei Saisons verkaufte er die Überschlagschaukel an seinen Schwager Werner Milz und erwarb die St. Moritz-Bahn seiner Schwiegereltern, die sich zum Kauf eines Autoskooters entschieden hatten.

Josef und Maria Schoeneseifen betrieben nun zwei Geschäfte, die St. Moritz-Bahn und die Verlosung. Ihr Traum war jedoch eine Bobbahn mit Dach.
Im Herbst 1961 besuchten sie die Firma Heinrich Mack um ein Karussell mit Dach zu bestellen.
Franz Mack wehrte den Wunsch ab, denn die Pläne der Bobbahnen seien mittlerweile im Keller und niemand würde sich mehr für diesen Karusselltyp interessieren. Mack bat die neuen Kunden zur Freiburger Messe zu fahren. Dort war gerade die Sprungschanze beim Publikum mit großer Begeisterung angenommen worden.
Familie Schoeneseifen fuhr nach Freiburg. Auch sie waren von dem neuen Karussell fasziniert. Plötzlich setzte ein Regenschauer ein. Alle Besucher flüchteten zum nahe stehenden Autoskooter und zur Raupe und die Sprungschanze stand völlig leer im Regen.
Unverzüglich fuhren sie zurück zu Mack und bestellten eine Berg- und Talbahn mit Dach.

Bubi Schoeneseifen wollte einen langen, quer stehenden Mittelbauwagen, um dadurch einen Transport von einem Volksfest zum nächsten einsparen zu können.
Auch für den Antrieb schlug er eine Neuerung vor. Bisher waren die Bobbahnen über einen Stiftenkranz oder eine Kaderwelle von der Mittelkonstruktion aus angetrieben worden. Bubi Schoeneseifen hatte die Idee das Karussell über vier Motore zu fahren, die zwischen den Auslegern eingehängt werden sollten. Beim Ausfall eines Motors würde man auch mit drei Motoren weiterfahren können. Mack nahm den Vorschlag an und in Folge wurden alle Anlagen dieser Baureihe, wie auch der später technisch modifizierte Musikexpress mit vier Außenmotoren angetrieben.

Die Eheleute Josef und Maria Schoeneseifen entschieden noch einmal gegen den Rat der Firma Mack, indem sie nicht das bewährte winterliche Dekorationsthema wählten, sondern die Entscheidung für ein völlig neues Motiv trafen. Der weiße Farbauftrag der Schneelandschaft sollte der bunten farblichen Gestaltung einer exotischen Wildkatzenjagd weichen.
Zunächst stand das Atelier Heinz Opitz dem Wunsche sehr skeptisch gegenüber, denn unvergessen war, dass die Bobbahn der Firma Löffelhardt mit einer Dschungel-Bemalung beim Publikum nicht angekommen war.
Aber Maria Schoeneseifen ließ sich von der Dschungelthematik nicht abbringen und Bubi Schoeneseifen vertraute dem Gespür seiner Frau, die bei allen seinen Aktivitäten immer die Stütze und Ratgeberin im Hintergrund war.

Das Karussell erhielt den Namen Jaguarbahn. Es wurde zum Kultkarussell und Treffpunkt von Jung und Alt. Der Name Jaguarbahn ist noch heute, nach fünf Jahrzehnten, regional in Erinnerung geblieben.
Der Nachfolger Musikexpress wurde um die 200-mal gebaut und ist damit zum erfolgreichsten Karussell der Firma Heinrich  Mack geworden. 

1962 kauften die Eheleute ein Grundstück in Köln-Porz und bauten eine Halle darauf. Damals für eine junge Schaustellerfamilie noch eine recht ungewöhnliche und gewagte Investition.
1967 wurde ein moderner Wohnwagen von der Firma Stork erworben.
1970/71 bauten sie ein Haus auf dem Betriebsgrundstück.

Josef (Bubi) Schoeneseifen war die Erfolgsleiter immer zwei Stufen auf einmal nehmend hinaufgestiegen.
Seine berufliche Kompetenz bescherte ihm auch einige Ämter in den Kölner Schaustellervereinen. Seine Stimme hatte Gewicht. 1980 initiierte er gemeinsam mit Willi Kleiner die Gründung der GKS, der Gemeinschaft Kölner Schausteller e.V.
Josef Schoeneseifen war ein Mann mit besonderem Charisma und einer Dominanz, die keinen Widerspruch duldete. Aber hinter seiner etwas streng wirkenden Art verbarg sich ein hilfsbereiter und verantwortungsvoller Schausteller.
Beliebt und geachtet führte die Familie ein gutes Leben. Inzwischen waren Kinder und Schwiegerkinder in der Firma aktiv und betrieben die einzelnen Geschäfte. Die jüngste Tochter besuchte die Ursulinenschule.

1966 wurde die Verlosung verkauft und als Zweitgeschäft ein holländischer Twister angeschafft. Nach zwei Saisons wurde der Twister an die Firma Gey aus Oberhausen verkauft und ein Hully Gully bei der Firma Mack bestellt.
Am 1. Mai 1969 wurde Josef Schoeneseifen in Velbert, während einer technischen Störung, im Mittelbau des Hully Gully‘s schwer verletzt. Er lag viele Wochen mit einem Beckenbruch und weiteren Verletzungen im Krankenhaus. Daher trennte sich die Familie von diesem Karussell nach Ende der Saison und bestellte bei Mack die Diskothek.
Mit der Diskothek wurde wieder eine Idee von Josef Schoeneseifen bei der Firma Heinrich Mack umgesetzt, ein Musikexpress ohne Dach mit einer bunten Flower-Power Dekoration. Das einzige Karussell dieser Baureihe, welches von Mack gebaut wurde.

Zu Karneval des Jahres 1969 war bereits ein neue Jaguar Bahn (Musikexpress) geliefert und die bisherige Jaguarbahn (Pfosten) an die Firma Roie in Frankfurt verkauft worden. 

1971 übernahmen die Tochter und Schwiegersohn, Familie Ramus, den Jaguar und Josef Schoeneseifen stieg mit seinem heranwachsenden Sohn Hans-Josef in die Achterbahnszene ein.
Sie kauften einen Jet-Star der Firma Schwarzkopf. Zunächst in Kooperation mit Heinz Osselmann aus Düsseldorf. Bereits nach dem Großen Schützenfest auf der Rheinwiese in Düsseldorf trennte sich die Gemeinschaft und Josef Schoeneseifen wurde alleiniger Eigner.
Die Diskothek wurde an die Firma Grass aus Düren verkauft.

Josef Schoeneseifen hatte seine beruflichen Entscheidungen immer sehr besonnen umgesetzt und sich oft auf das Bauchgefühl seiner Frau verlassen. So sagte er im letzten Moment den Auftrag zum Bau eines Riesenrades ab, mit dem er sich an dem Projekt Tivoli in Köln beteiligen wollte. Eine gute Entscheidung, wenn man sich an die Geschichte des Kölner Vergnügungsparks erinnert.

Ein anderes Mal lag er nicht richtig. 1970, als in Köln der Weihnachtsmarkt wieder ins Leben gerufen wurde, hatte er die Entwicklung der Weihnachtsmärkte unterschätzt. Lange vertrat Josef Schoeneseifen die Meinung, dass er nicht neun Monate mit Eisen (Achterbahn) durch die Bundesrepublik fahre, um dann in der schönsten Zeit des Jahres in einer Bude Würstchen verkaufen wollte.

1980 Weihnachtsmarkt auf dem Neumarkt in Köln. Hier kocht der Chef selbst.

 

Es kam jedoch ganz anders….
Später liebte er seine Hütte, in der er als stolzer Küchenchef Kölsche Spezialitäten sowie leckere Suppeneintöpfe, die er selbst kochte, verkaufte.

 

 

 

 

 

1976, auf dem absoluten Höhepunkt ihrer beruflichen Laufbahn entschloss sich das Ehepaar Schoeneseifen zum Kauf des Alpenblitzes von der Firma Schwarzkopf. Es sollte noch einmal eine neue Herausforderung werden.
Sechs Jahre gab Josef Schoeneseifen die Hoffnung nicht auf, dass die technischen Probleme, die dieses Geschäft von Beginn an hatte, gelöst werden konnten.
Zu spät entschloss er sich zum Verkauf — alle Rücklagen waren aufgebraucht.
Die Entscheidung einer Reisenden Gaststätte im Jahre 1982 konnte den Fehlkauf des Alpenblitzes nicht auffangen.

1984 starb Josef Schoeneseifen im Alter von 65 Jahren; er war zu müde um nach dem unerwarteten Fall wieder aufzustehen und neu durchzustarten. Sein Lebensinhalt waren seine Familie und sein Betrieb.
Er hat vieles auf den Weg gebracht, ist aber viel zu früh gegangen.

© Margit Ramus geb. Schoeneseifen

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DER KOMET schrieb in seiner Ausgabe 4392 vom 20.08.1984

„Jetzt hat auch Josef Schoeneseifen — im Alter von 65 Jahren — seinen letzten Platz gefunden, den ihm keiner streitig macht. Die beeindruckend große Anteilnahme von Freunden und Kollegen, ein Meer von Kränzen und Blumengebinden verdeutlichten den Respekt und die freundschaftlich-kollegiale Verbundenheit, die ihm von der großen Gemeinde der Schausteller entgegengebracht wurde.
Josef Schoeneseifen gehörte zu den profilierten Persönlichkeiten der Kölner Schausteller-Szene. Fünfzehn Jahre lang wirkte er mit großem Engagement als Fachschaftsleiter der Fachgruppe I (Schausteller) im Bezirksverband des Ambulanten Markt- und Schaustellergewerbes Köln-Aachen e.V. (HAGD); genauso lange war er Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Kölner Schausteller und arbeitete entscheidend mit an der Umwandlung dieses beruflichen Zusammenschlusses in eine Genossenschaft, die jetzige Gemeinschaft Kölner Schausteller eG.
Wenn seine Reiseroute nur eben zuließ, war Josef Schoeneseifen als Fachschaftsleiter oder Delegierter fast ausnahmslos dabei, wenn auf Fachtagungen, Verbandsversammlungen oder aus anderen beruflichen Anlässen aktuelle Probleme diskutiert oder Grundsatzfragen erörtert werden mussten.
Den Sprung in die Selbständigkeit wagte er 1950 mit einem Verlosungsgeschäft. dass er — ausgestattet mit handwerklichem Können und viel technischem Verständnis — selbst gebaut hat. Vier Jahre später übernahm er sein erstes Fahrgeschäft, eine Überschlagschaukel (Looping). Danach kam die „St-Moritz-Bahn“, (Rakete), und 1962 präsentierte er den „Jaguar“, ein für damalige Verhältnisse auffallend schön ausgestattetes Rundfahrgeschäft. „Twister“, „Hully-Gully“, „Diskothek“, dann die neue, modernere Ausführung des „Jaguar“, schließlich „Jet-Star“ und „Alpenblitz“ … viele Fahrgeschäfte, die immer dem Stil und dem Geschmack ihrer Zeit entsprachen, gingen sozusagen durch die Hände von Josef Schoeneseifen.
Sein Sohn, sein Schwiegersohn und seine Tochter setzten die Reise mit gepflegten Geschäften fort.
Sein letztes Geschäft, den Reise-Ausschank „Alt-Köln“, verkaufte Josef Schoeneseifen im Frühjahr 1984, nachdem ein Herzinfarkt es ihm unmöglich gemacht hatte, weiter als Schausteller aktiv zu sein. Obschon es zeitweise gesundheitlich wieder bergauf zu gehen schien, hat sich Josef Schoeneseifen nie wieder ganz erholt. Sein Tod kam dennoch überraschend und erschütternd für seine Familie, für Freunde und Kollegen.“

„Viele der Schausteller, die sich in Köln an zwei aufeinanderfolgenden Tagen — am 9. und 10. August — vor Verstorbenen aus ihrer Mitte verneigt hatten, standen wenige Stunden nach den Beisetzungsfeierlichkeiten wieder an ihren Geschäften — auf der Cranger Kirmes in Wanne-Eickel, auf dem Aachener Bend, auf dem Volksfest in Bergisch Gladbach…
‚Anderen Freude bereiten‘ heißt die berufliche Lösung, ‚zeig dein lachendes Gesicht‘. —
Die Reise geht weiter. Das Ziel steht fest.“  © wkl

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Dazu Schaustellergeschäfte im Archiv Kulturgut Volksfest:

Überschlagschaukel
St. Moritz-Bahn
Verlosung
Pfosten Jaguar
Twister
Hully Gully
Musikexpress Jaguar
Diskothek
Enterprise
Jet Star
Alpenblitz
Alt Köln

 

Klock, Wolfgang: Josef Schoeneseifen. In: DER KOMET 4392 / 20.08.1984 S. 17
Die Bilder in der Galerie sind aus dem privaten Archiv von Margit Ramus. Sollte jemand seine Rechte verletzt sehen, bitte kurze Benachrichtigung, dann wird das Foto raus genommen.

Ein Beitrag zu “Josef Schoeneseifen

  1. Roland Koch

    Betr. Tivoli Köln
    Unser Weinzelt ( s. BIld ) wurde an die Fa. Rosenzweig ins Tivoli verkauft, und dort als Kegelbahn ? installiert.
    Leider ging die dortige Fa. in Konkurs und uns blieben nur die ungedeckten Schecks .
    Gruss
    R. Koch

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