Quellen und Literatur zur Volksfestkultur

FORSCHUNGSLAGE

Leider gibt es nur wenige wissenschaftlich fundierte Quellen und Literatur zur Volksfestkultur.
Florian Dering erarbeitete 1986 in seiner volkskundlichen Dissertation die Entstehung und Entwicklung der allgemeinen Volksbelustigungen vom 18. Jahrhundert bis in die frühen 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. (Dering 1986.)

In dem Buch von Margit Ramus wird erstmals die Themenvielfalt der Schaustellerdekorationen mit Architektur und Malerei von der Antike bis zur Gegenwart verglichen. (Ramus 2013.)

Bis dahin war die Gesamtsituation der deutschen Schaustellergeschäfte nicht erforscht. Auch fand noch keine Auseinandersetzung mit der architektonischen Formenlehre in Bezug auf die Baukunst der temporären Volksfestplätze statt. Es war bisher unüblich, die Stilbegriffe der Kunstgeschichte zur Beschreibung eines Karussells oder eines Autoskooters anzuwenden.

Andrea Stadler fasste den Beginn im europäischen Karussellbau in ihrem Aufsatz aus dem Jahr 2006 „Karussellfabriken um 1900“ zusammen. (Stadler 2006.)

Dipl.-Ing. Reinhold Heinzinger vom TÜV Bayern e. V. publizierte 1983 im Jubiläumsbuch vom „Komet“ einen Aufsatz über Fliegende Bauten und ihre Entwicklung.
Dort schreibt er: „Fliegende Bauten in einfacher Ausführung existieren in Deutschland bzw. Europa seit nahezu 300 Jahren.“
Er führt einige Hersteller von Karussells um die Wende zum 20. Jahrhundert auf. Persönlichkeiten wie Fritz Bothmann oder Friedrich Heyn, die für die Geschichte der Schaustellergeschäfte von besonderer Bedeutung sind, werden von ihm nicht genannt. Ihre Namen waren inzwischen in Vergessenheit geraten. (Heinzinger 1983. S. 57–66)

In der Publikation von Geoff Weedon und Richard Ward von 1981, die 2003 in einer Neuauflage erschien, wird die Entwicklung der englischen „Fairground Art“ in Wort und Bild dokumentiert. (Weedon&Ward 1981.)

David Braithwaite veranschaulicht in seiner Arbeit „Fairground architecture“ die Konstruktion und Dekoration einer Achterbahn, eines Autoskooters und eines Karussells. Die Schilderung weicht jedoch von einer fachlichen Baubeschreibung unter Berücksichtigung architektonischer Formenlehre und Stilkunde ab. (Braithwaite 1968.)

In der volkskundlichen Forschungsarbeit des englischen Historikers Brian Steptoe berichtet dieser von der Inventarisierung etwa 200 nostalgischer Karussells in den USA und etwa 80 alter Karussells in Großbritannien. Steptoe bestätigt, dass ein nicht geringer Teil der in den USA erhalten gebliebenen Karussells in England, Deutschland und Italien hergestellt und von zahlreichen Emigranten zwischen 1880 und 1920 in die „Neue Welt“ eingeführt worden seien. Da die Amerikaner nostalgische Karussells als „culture [of] the other side of the Atlantic ocean“ schätzen, seien fast alle Karussells restauriert und oft in Vergnügungsparkanlagen in festen Bauten geschützt, sozusagen „eingehaust“, aufgebaut worden.
Dennoch beklagt Steptoe das wissenschaftliche Desinteresse an alten Karussells. Er setzt sich seit 1992 für den Erhalt der traditionellen Karussells als Kulturgut ein. Er wird unterstützt von Vanessa Toulim, der Tochter einer englischen Schaustellerfamilie, die einen Lehrstuhl an der Universität Sheffield innehat und Vorlesungen über die Geschichte englischer Schausteller und die Entwicklung des Karussellbaus hält. (Steptoe 2002.)

Bemerkenswert ist, dass in Sheffield 1994 das „UK National Fairground Archive as part of the Special Collections at the University Libary in Sheffield“ eingerichtet wurde. Ein gleiches Interesse wie in den USA und in England für die Jahrmarkts-Kultur wäre auch für Deutschland wünschenswert, weil das Volksfest nicht nur in seinen Ursprüngen zur deutschen Kulturgeschichte gehört, sondern heute noch vielerorts als kulturelles Ereignis von der Bevölkerung wahrgenommen wird.

Alle genannten Arbeiten berücksichtigen nicht kunsthistorische Aspekte, sondern in erster Linie volkskundliche Entwicklungen.

QUELLENLAGE

Obwohl es erstaunlich viele deutsche Quellen gibt, sind diese nur mangelhaft erschlossen oder ausgewertet.
Neben wenigen Kopien von alten Katalogen der Herstellerfirmen wurde der Fund von Original-Architekturplänen und firmeninternen Unterlagen der Karussellbaufirma Fritz Bothmann aus Neustadt an der Orla im Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar  zu einer wichtigen Quelle für das digitale Archiv. Zu den firmeninternen Unterlagen gehören ein Adressenverzeichnis deutscher Kunden, ein internationales Kundenverzeichnis und umfangreicher Schriftverkehr, unter anderem Angebote oder Auftragsbestätigungen von Fahrgeschäften an Kunden aus fast allen Ländern der Welt. (ThHSTA)

Im Buch von Margit Ramus „Kulturgut Volksfest Architektur und Dekoration von Schaustellergeschäften“ wurde das umfangreiche Bildmaterial von Schaustellergeschäften, Malerwerkstätten und Karussellherstellern katalogisiert und kunsthistorisch bearbeitet. 

Im Jahr 1883 wurde das erste Fachblatt für das Reisegewerbe und den Markthandel, „DER KOMET“, in Pirmasens gegründet. DER KOMET gehört bis heute zu den wichtigsten Informationsquellen des Reisegewerbes.
Interessantes Bildmaterial und Informationen findet man in der 1996 erstmals erschienenen Zeitschrift „Kirmes und Park Revue“. Sie beschäftigt sich seriell mit Recherchen von Schaustellerchroniken und alten Geschäften.

Daneben gibt es in einigen Stadt-, Heimat- und Volkskundemuseen sowie Stadtarchiven kleine Sammlungen, die zwar den allgemeinen Bereich des Schaustellerberufs darstellen, aber eher zur Eigenwerbung dienten.

Zwei große, wertvolle Sammlungen an Exponaten, Briefen und Dokumenten, die das gesamte Spektrum des Jahrmarkts sowie eine umfassende Bibliothek aufweisen, befinden sich im Münchner Stadtmuseum, Abteilung Puppentheater/Schaustellerei sowie im „Markt- und Schaustellermuseum Essen“. Letzteres wurde, von dem im Jahr 2011 verstorbenen Erich Knocke gegründet. Er war Schausteller und trug mehr als 40 Jahre Raritäten zusammen. In seiner umfangreichen Literatursammlung werden unter anderem die regionalen Geschichten der Jahrmärkte, ihre Beschicker sowie die Entwicklung der unterschiedlichsten Volksbelustigungen behandelt.

Die handschriftlichen Aufzeichnungen des ehemaligen Leiters der Sammlung im Münchner Stadtmuseum, Dr. Florian Dering über Schaustellermaler, sind ebenfalls ergiebige Quellen für kommende Untersuchungen.

Intensiv ausgewertet wurden in der Vergangenheit Gespräche mit Zeitzeugen. Dazu gehörten Hersteller, Maler und Schausteller. Sie unterstützen das Archiv unter anderem mit ihren privaten Fotosammlungen. Bildmaterial wird auch aus Sekundärliteratur, Fachzeitschriften, Festschriften und Presseberichten genutzt werden. Besondere Bilddokumente stellt Mark Schumburg aus seinem umfangreichen Fotoarchiv für dieses Archiv zur Verfügung.

© Margit Ramus