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Stork

Berliner Luft. Schaubude der Familie Heitmann in den 1960er Jahre.

Firmendaten Wagenfabrik Eberhard Stork & Söhne 1919 – 1984.

Am 2. April 1919 gründete der aus Theiningsen stammende Stellmacher Eberhard Stork (geb. am 21.12.1888) in Soest in der Filzenstraße eine kleine Stellmacherei. Noch heute erinnert ein Wagenrad als Symbol des Stellmacher-Gewerbes an der Fassade des heutigen Café Sauerland, an diesen ersten kleinen Betrieb. [1]
Eberhard Stork baute zunächst mit drei Mitarbeitern verschiedene Wagen für Bewohner aus der umliegenden Region.

 

1921 wurde der aus Soest stammende Schausteller Hans Schneider auf den Handwerksbetrieb aufmerksam. Er benötigte einen Packwagen für seinen Schaustellerbetrieb. Es kam zum ersten Auftrag für Eberhard Stork für einen Schausteller.
Schnell wurden auch andere Kollegen von Hans Schneider auf Eberhard Stork aufmerksam.
Da die Räumlichkeiten der Werkstatt so klein waren, wurden die ersten Wagen und Wohnwagen auf der Straße im Freien gebaut. Bei Regen oder Schnee wurden einfache Planen gespannt, um die neuen Aufträge fristgerecht zu erfüllen.

Inzwischen war Eberhard Stork mit Amalie, geborene Gödde aus Herne verheiratet. 1921 wurde die Tochter Maria (1921-2013) geboren. 1923 folgte der erste Sohn Eberhard II. 1925 kam wieder eine Tochter auf die Welt Elisabeth (später Wagner, sie starb 2006). 1927 wurde der Sohn Walter geboren.

1928 mietete Eberhard Stork I. eine größere Werkstatt im Leckgadum. Nach dem Umzug der Stellmacherei von der Filzenstraße zum Leckgadum entwickelte sich die Firma zur Wagenfabrik und schon bald waren 15 Mitarbeiter eingestellt.
Immer mehr Schausteller kamen nach Soest und ließen sich Wagen für ihre Orgeln, Packwagen für Karussells, Riesenräder oder Schaukeln bauen. Daneben wurden die ersten Wohnwagen mit Pitschpin-Holz-Verkleidung gebaut.
Die gute Qualität und das faire Geschäftsgebaren sprachen sich bei den Schaustellern bald herum und die Nachfrage stieg rasch. Als Vorteil zeigte sich, dass die Thüringischen Karussellbauer wie Bothmann, Heyn und Gundelwein keine Packwagen anboten.
Die Firma Heinrich Mack aus Waldkirch begann zur gleichen Zeit, sich einen Namen als Wagenbauer für Schausteller zu machen. Aber die Entfernung zwischen Soest und Waldkirch im Schwarzwald betrug um die 500 km und so kamen die beiden aufstrebenden Familienunternehmen sich nicht in die Quere.

1928 hatte Eberhard Stork in der Nähe der angemieteten Werkstatt ein Wohnhaus für seine Familie gebaut.
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Bau von Schaustellerwagen weitgehend eingestellt. Eberhard Stork I. erledigte Reparaturen, Stellmacherarbeiten und Pflichtaufträge von der Wehrmacht.
Schon bald nach dem Krieg kamen wieder Aufträge von Schaustellern. Stork arbeitete nun mit 15 Leuten. Seine beiden Söhne Eberhard II. und Walter hatten ebenfalls das Handwerk des Stellmachers gelernt und waren durch die harte Schule des strengen Vaters gegangen. Sie arbeiteten beide im Familienbetrieb.

1950 starb Amelie, die erste Frau von Eberhard Stork. Er heiratete später seine zweite Frau Maria, geb. Helfmeier, mit der er keine Kinder mehr hatte.
1951 erwarb die Familie/Firma ein Grundstück Auf der Galgenstatt, von etwa 9.000 qm.

1954 traten die Brüder Eberhard II. und Walter als persönlich haftende Gesellschafter in die Firma ein, die ab nun im Handelsregister der Stadt Soest unter „Wagenfabrik Eberhard Stork & Söhne“ eingetragen war.
Beide Söhne hatten mittlerweile auch Familien gegründet. Eberhard II. heiratete 1947 Else Haverland. Sie bekamen 1947 einen Sohn Eberhard III. und 1957 noch einen Sohn Norbert.
Walter heiratete 1949 Lieselotte Märtin Sie bekamen 1949 die Tochter Gabriele, heute verheiratete Brotte und 1954 den Sohn Helmut.

Nach dem Tod des Firmengründers Eberhard Stork im Jahre 1959 bauten die beiden Söhne den Betrieb ganz im Sinne des Vaters weiter aus.
Eberhard II. übernahm den kommunikativen Teil, das sogenannte Management. Er knüpfte Kontakte zu Neukunden und vertiefte gemeinsam mit seiner Frau Else die guten Geschäftsverbindungen mit den Schaustellern, die nicht selten in persönliche Freundschaften zwischen dem Hause Stork und verschiedenen Schaustellerfamilien mündeten. In der Buchhaltung arbeitete Herr Alfons König, der Schwager von Else Stork. (Mann ihrer Schwester)
Walter Stork erfüllte die nicht weniger wichtigen Aufgaben, denen sich eine expandierene Firma im Nachkriegsdeutschland stellen musste. Er war der unermüdliche Motor der reibungslosen Produktion und der Umsetzung technischer Neuerungen.
So ergänzten sich Eberhard und Walter Stork und hatten dennoch ihren jeweiligen Freiraum.
Beide Brüder wohnten mit ihren Familien in einem großzügigen Doppelhaus. Dessen Bau war 1956 in das Betriebsgelände Auf der Galgenstatt integriert worden.

Bereits zu Beginn der 1960er Jahre war der Betrieb dermaßen expandiert, dass ein weiteres Betriebsgelände mit dem Werk II am Coesterweg geschaffen wurde. Auf einem 21.500 qm großen Grundstück wurden nach und nach vier Hallen in den Maßen 60 mal 24 Metern gebaut. Dann folgte ein Mietshaus, welches an die Hallen angefügt wurde.
Mit dem 1964 eröffneten Werk II war ein stimmiges Ensemble auf diesem riesigen Grundstück im neu angelegten Industriegelände von Soest entstanden. Das Werk II bot ausreichend Platz zur Fertigung der Unterwagen, sowie die Herstellung der Spezialkunststoffplatten, die für die Außenverschalung der Schaustellerwagen verwendet wurden.
Inzwischen waren 140 Leute angestellt.
Schon früh wurde bei der Firma Stork ein soziales Verhalten zu den Mitarbeitern und ein gutes Arbeitsklima hochgehalten. Dusch-, Wasch- und Umkleideräume sowie lichte Aufenthaltsräume wurden eingerichtet.

Für den Ausbau des Kundenstamms war Eberhard Stork verantwortlich. Die Grundlage für diese erfolgreiche Mission lag jedoch in der Qualität der Wagen, die von Soest in die gesamte Bundesrepublik, in die skandinavischen Ländern sowie nach Frankreich, Spanien und Italien ausgeliefert wurden. Viele Aufträge erfolgten von den Groß-Zirkus-Unternehmen wie Althoff, Krone, Knie, Roncalli und Barum. Auch der spanische und der italienische Nationalzirkus bezogen ihre Spezialfahrzeuge und teilweise auch Wohn- und Mannschaftswagen von der Firma Stork.

Die Firma Stork & Söhne stellte sich allen Herausforderungen. Ein kleine Anekdote erzählt die Lösung des Problems zum Transport von Giraffen für den Zirkus Knie[2].
Stork konstruierte einen Wagen, bei dem das Dach hydraulisch nach oben geöffnet werden konnte. Die Giraffen wurden hinein geführt, legten sich nieder und das Dach wurde geschlossen und der Wagen konnte zum nächsten Standplatz transportiert werden. Dort wurde das Dach wieder geöffnet und die Giraffen verließen mit hoch erhobenem Haupt den Wagen.

In den 1960er Jahren entwickelte sich auch der Bau und die Ausstattung von Wohnwagen schlagartig. Die Firma Stork trägt einen erheblichen Anteil zur Entwicklung der Wohnsituation der Schausteller bei. Es gab keine Fließbandarbeiten, sondern individuelle Wünsche im Wohnwagenbau der Auftraggeber wurden erfüllt. Längst war die Wohnsituation der Schausteller Welten entfernt von dem Klischee des Fahrenden Volkes, das mit Pferd und Wagen von Ort zu Ort zog.
Für die Bevölkerung war es jedoch immer noch schwer vorstellbar, dass bei den Herstellern von Wohnwagen elegante „Wohnungen“ auf Rädern entwickelt wurden.
Die Kosten eines Wohnwagens lagen Anfang der 1960er Jahre um die 40-50.000 DM.
Ende der 1960er stiegen sie auf das Doppelte und Mitte der 1970er Jahre kostete ein Wohnwagen der gehobenen Klasse schon über 200.000 DM.
Anzumerken ist, dass diese Wohnwagen in der Regel ein Schaustellerleben um Längen überdauerten und oft von der einen Generation zur anderen weitergegeben wurde und noch immer wird.

Alle Fotos in der Galerie aus dem © Archiv Stork/Brotte.

1964 sollen bereits in einem Jahr 150 Wagen der verschiedensten Kategorien gebaut worden sein.
Fachkräfte wie Stellmacher, Schlosser, Schmiede, Elektriker, Heizungstechniker, Sanitärmeister, Fliesenleger, Maler, Anstreicher usw. waren angestellt. Nach dem Motto, alles aus einer Hand und schlüsselfertige Übergabe der Luxuswohnwagen wurde außerdem die Zulieferung von Polstermöbel, Teppichböden, Keramikfliessen und hochwertige Dekorationsstoffe für die Fenster benötigt. Sanitäreinrichtungen lieferte die Firma Villeroy & Bosch und oft waren goldene Wasserhähne oder Toilettendeckel Sonderanfertigungen.
1970 hieß es in der Welt am Sonntag:
„Luxus für die Kirmes! …] Der Ruf der Firma geht in die ganze Welt.“ [3]

Neben Wohnwagen wurden jedoch auch unzählige Schiesswagen, Verlosungswagen, Automatenwagen, Imbiss- und Ausschank-Geschäfte gebaut. Die Priorität lag in den Lichtinstallationen und der Technik der Wagen.
Die Dekorationen von den Schiesswagen und Verlosungen wurden von dem Kunst- und Kirchenmaler Fritz Laube gemalt. Später kam der Maler Gos aus Goslar hinzu, der auch viele Schmuckdachkanten der Imbisse mit Stadtansichten malte.
Ohne Zweifel entwickelte sich in den 1970er Jahren die dekorative Gestaltung auch mit der zeitgenössischen Kunst und dem Anspruch des Publikums zur Popularisierung der Modernen.

In der folgenden Bildgalerie sind Kassenwagen, Packwagen, Dotschenwagen und Toilettenwagen zu sehen. Alle aus dem © Archiv Stork/Brotte

Den Spirit des Unternehmens fasst Walter Stork in einem Interview mit der Zeitung „Blick in die heimische Wirtschaft“ vom 18.12.1964 wie folgt zusammen:

Wir müssen vor allem mit der Technik Schritt halten und allen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen sein. Für uns gibt es keine Monotonie, keine Eintönigkeit, wir haben uns der modernen Zeit anzupassen und daraus alle Folgerungen zu ziehen“[4]

In der folgenden Bildgalerie sind Imbisswagen und Süßwaren zu sehen. Alle Fotos aus dem © Archiv Stork/Brotte

 

In der folgenden Bildgalerie sind Spielgeschäfte und viele Verlosungswagen zu sehen. Alle Fotos aus dem © Archiv Stork/Brotte

Noch heute sind viele dieser soliden gebauten Schaustellergeschäfte auf deutschen Volksfesten anzutreffen.
Neben den Wagen baute Stork 1966 einen Miniskooter für die Firma Kurt Kipp aus Bonn. Die Konstruktion wurde patentamtlich geschützt. In der Jubiläumsausgabe zum 50jährigen Bestehen der Firma heißt es, dass die Firma Stork ein Patent für ein Kinderkarussell, montiert auf einem einzelnen Wagen mit hydraulischer Hebevorrichtung, erlangte.[5] Überliefert ist, dass sie für die Familie Malferteiner auch eine Kindereisenbahn baute.
Außerdem baute Stork auch Schaugeschäfte und die Fassadenwagen von Boxbuden. Fotos aus dem Archiv  © Stork/Brotte

1973 stieg Eberhard III., der Sohn von Eberhard II. in die Firma ein. Er hatte eine Ausbildung als Schreiner und Innenarchitekt gemacht. Er war jung, voller Ideen und Innovationen für das Management und wollte Veränderungen für die solide Geschäftsphilosophie der vergangenen 50 Jahre.
Der Sohn von Walter Stork studierte zur gleichen Zeit BWL mit dem Ziel, nach dem Studium ebenfalls in den Betrieb einzusteigen.
Aber es sollte anders kommen…

Walter Stork, der Mann im Hintergrund, verließ 1975 auf dem Zenit des geschäftlichen Erfolgs den Familienbetrieb Eberhard Stork & Söhne. Er stieg aus.
Gesundheitliche Gründe sollen es gewesen sein. Walter Stork ließ sich seinen Firmenanteil auszahlen und ging in den vorzeitigen Ruhestand.
Sein Sohn beendete das BWL Studium mit dem Vordiplom. Er ging in die Luftfahrt und ist bis heute leidenschaftlicher Pilot bei der Lufthansa.

1982 übertrug Eberhard Stork die gesamte Firma an seinen Sohn Eberhard Stork III.
Eberhard Stork heiratete Eugenie Schnettler. Die jungen Leute bekamen ein Sohn Eberhard IV. Heute ist die Ehe geschieden.

Für alle Kunden war es ein Schock, als 1984 das Ende der Firma bekannt wurde und die Werkstätten geschlossen wurden. Den Pfad der soliden Geschäftsphilosophie zu verlassen, war in einer Sackgasse geendet.
Im Jahre 2003 starb Eberhard Stork II. Seine Frau Else folgte ihm drei Jahre später.
Die Ehefrau von Walter Stork starb 2014. Walter Stork lebt immer noch in seiner Haushälfte Auf der Galgenstatt 9, in seiner Heimatstadt Soest. Die Stadt, in der alljährlich die Soester Allerheiligen Kirmes noch immer in der gesamten Altstadt gefeiert wird.

Ein interessantes Gespräch der Verfasserin mit Herrn Walter Stork im September 2016 ermöglichte die Biografie der Firma „Eberhard Stork & Söhne“, die einen nicht unerheblichen Beitrag zur Geschichte des Kulturguts Volksfest beiträgt. Der Erfolg der Wagenbaufirma Stork verdient für die kommenden Generationen in Erinnerung gehalten zu werden. Wir wollen „Dankeschön“ sagen!

Nachtrag:
Gewissermaßen gab es eine Fortsetzung der Firma Eberhard Stork & Söhne, als sich fünf ehemalige Mitarbeiter; Wilfried Coerdt. Herbert Birkholz, Uli Buschhoff, Paul Franke und Heinz Hubert Stephansblome entschlossen eine neue Firma zu gründen.
So entstand die Firma „Soester Fahrzeugbau“. Zehn Jahre führten sie gemeinsam die Firma. Nach einigen betrieblichen Veränderungen wurde die Firma endgültig aus dem Handelregister am 10.05.2006 gelöscht.
Einer der damaligen Mitarbeiter, Uli Buschhoff, arbeitet wohl noch immer im Wagenbau.

© Dr. Margit Ramus

Die folgenden PDF-Dateien dürfen mit Genehmigung von Familie Stork/Brotte ins Archiv eingestellt werden.

Anzeiger 18.12.1964 S.1

Anzeiger 18.12.1964 S.2

Anzeiger 18.12.1964 S.3

Anzeiger 18.12.1964 S.4

Anzeiger 03.04.1969 50jähriges Jubiläum 

Welt am Sonntag 24.05.1970

 In der letzten Bildgalerie sind Schiesswagen zu sehen. Alle Fotos aus dem Archiv  © Stork/Brotte

[1] Blick in die heimische Wirtschaft. Zeitungsauschnit 18.12.1964.
[2] Welt am Sonntag 24.05.1970 Ingrid Klemm-
[3]  Welt am Sonntag 24.05.1970.
[4]  Blick in die heimische Wirtschaft. Zeitungsauschnit 18.12.1964.
[5]  50jähriges Jubiläum Anzeiger 03.04.1969.
Ausführliches Telefongespräch der Verfasserin mit Walter Stork im September 2016.
Email-Korrespondenz der Verfasserin mit Gabriele Brotte geb. Stork 9/10 2016.

Alle Fotos in den Galerien sind von der Familie Stork zur Verfügung gestellt worden. © Stork / Brotte

2 Beiträge zu “Stork

  1. Marcus Herwald

    HALLO
    Gibt es ein Druckexemplar der Biografie der Firma Stork Wagenbau Soest
    Mein Vater hat dort im Krieg seine Lehre als Stellmacher gemacht und ist erst aus Soest weg 1950 und kam 1977 wieder und konnte direkt wieder bei Stork anfangen bis zum Ende der Firma 1982

    Antworten
    1. Margit Ramus Beitragsautor

      Hallo Herr Herwald
      Außer dieser ersten ausführlichen Biografie der Firma Eberhard Stork & Söhne im Archiv des Kulturguts Volksfest sind mir keine weiteren Aufsätze über die Firma Stork bekannt. Sollten Sie noch Fotos oder Dokumente Ihres Vaters haben, können sie gerne ins Archiv eingestellt werden. MfG

      Antworten

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