Kunsthistorische Betrachtung der Dekorationen A - Z

Dekorationen der 1960er Jahre

In diesem Jahrzehnt erscheinen fast jährlich, nicht selten auf Vorgängerbauten zurückgreifend, neue Karussellkonstruktionen in Form des Rundbaus oder des Skelettbaus. Dennoch verschwinden die älteren Fahrgeschäfte nicht einfach von den Volksfestplätzen. Teilweise werden sie dem Zeitgeist entsprechend dekorativ umgestaltet, andere bleiben in ihrem Originalzustand erhalten, wie zum Beispiel das Bodenkarussell.

Zu den älteren Fahrgeschäften gehören auch der Autoskooter und die Berg- und Talbahn. Erstaunlicherweise sind diese beiden, die erfolgsreichsten und meistgebauten Fahrgeschäfte des 20. Jahrhunderts. Sie erlebten im Laufe der Jahre viele Modifizierungen, wie die  konstruktiv und formal umgestaltete Berg- und Talbahn, zunächst Bobbahn genannt. Außerdem sind sie beispielhaft für die wandelnden Dekorationen der Volksfestarchitektur.

Noch zu Beginn der 1960er wurden einige Bobbahnen, (Ramus 2013. Kat. Nr. 37) von Opitz sen. in Anlehnung an die Olympischen Winterspiele von Cortina d’Ampezzo im Jahre 1956, mit Winterlandschaften gemalt. Die Modelle erhielten die unterschiedlichsten Namen.

Die erste Abwendung von der winterlichen Dekoration setzten die Eheleute Schoeneseifen 1962 für ihre Berg- und Talbahn durch. Sie wünschten ein Urwald-Dekor und entschieden sich für den Namen Jaguarbahn. (Ramus 2013. Kat. Nr. 37)

Die Sprungschanze (Ramus 2013. Kat. Nr. 48) gehörte zu den neuen Offenen Fahrgeschäften und – wie bereits der Name ankündigte – wurde der Betrachter wieder in eine verschneite Berglandschaft entführt. Farbtupfer wurden durch beleuchte Häuschen und Tannenbäume geschaffen. Die Fahrweise über eine Sprungschanze und die olympischen Winterspiele 1960 in Squaw Valley inspirierten zur Namengebung Olympia Sprung Schanze.
Beleuchtete Tannenbäume und kleine Schneehütten, von dem Waldkirchner Bildhauer Willi List gearbeitet, schmückten die Rückwand. Große Leuchtbuchstaben und sternförmig angeordnete Lichtleisten schlossen sie nach oben ab. Die Stahlarme der Mittelkonstruktion waren ebenfalls mit Glühbirnen akzentuiert.

Nicht nur im Atelier von Heinz Opitz sen. bei Heinrich Mack behandelte man das Thema Winterlandschaft, sondern auch bei Anton Schwarzkopf, für den inzwischen auch Herbert Sommer arbeitete. 1962 malte Sommer eine weiße Winterlandschaft mit Skifahrern auf die Rückwand des Skilifts. 1965 folgte die Bayernkurve. (Ramus 2013. Kat. Nr. 51)
Für die meisten Modelle dieser Baureihe wurde eine winterliche Dekoration gewählt.
Die hohe, halbrunde Rückwand zeigte in einer geschlossenen Komposition eine verschneite Gebirgskette. Davor waren wie am Rande eines Eiskanals bunt gekleidete Zuschauer platziert. 1967 gestaltete Sommer das gleiche Thema auf der Schmuckdachkante des Schlittenexpresses (Ramus 2013. Kat. Nr. 51) von Josef Zimmer. Sommer setzte mit der Bekleidung der Skifahrer bunte Akzente in die weiße Winterlandschaft. Auf eine Beleuchtung mit Neonröhren wurde verzichtet und stattdessen mit Lichtleisten und beleuchteten Figuren auf den Rückwänden und Schmuckdachkanten gearbeitet.

Ganz anders wurde bei den Autoskootern vorgegangen. Dort dominierten die Neonröhren die Dekoration. Bei den Hallenbauten der Autoskooter änderte sich die dekorative Gestaltung bei fast jedem neuen Auftrag. Anfang der 1960er Jahre veränderte sich die Form der Schmuckdachkanten. Waren die Dachkanten in den 1950er Jahren vertikal geschwungen mit geradem Abschluss, werden nun organisch geschwungenen Flugdächer gebaut. Eine Tendenz, die sich auch in der Architektur der 1960er Jahre beobachten lässt. Als Beispiel sei hier auf Eero Saarinens JFK Flughafen (1956–1962) in New York verwiesen.
Manche Schmuckdachkanten, wie zum Beispiel beim Autoskooter der Firma Rudolf Barth, zeigen aber auch geometrisch hochgezogene Ecklösungen der zeitgenössischen Architektur. Sie erinnern an die Neue Philharmonie in Berlin von Hans Scharoun. Beim Modell der Firma Distel beherrschte die Raute, die von weißen, vertikal aufgestellten Neonröhren beleuchtet wurde, die Fassade.
Wie schon in den 1950er Jahren ähnelten auch andere Bauaufgaben in der Ausführung der Konzeption der Autoskooter.

Neben diesem Dekorationsstil kann bei den fortlaufenden konstruktiven Entwicklungen der Offenen Rundfahrgeschäfte in Skelettbauweise durchgängig die Anlehnung an Luft- und Raumfahrt in der dekorativen Gestaltung festgestellt werden. Die Ausnahme bildet der 1966 von Kaspar Klaus gebaute Polyp. (Ramus 2013. Kat. Nr. 52) Der Focus der dekorativen Gestaltung dieses skelettartig konzipierten Karussells war ohne Zweifel auf die auf- und abschwingenden Auslegerarme gerichtet. Sie assoziierten den Vergleich mit einer Krake oder einem Tintenfisch. Der Lebensraum von Meerestieren wurde als neues Dekorationsthema eingeführt.

In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre flossen auch die Flower-Power-Zeit sowie die Musik der Beatles, Rolling Stones und anderer Gruppen in die Dekoration der Karussells ein.

Beim Hully Gully stellte die Dekoration einen Bezug zur tanzenden und taumelnden Drehscheibe des Karussells her.
Im Zentrum der Rückwand war in eine Nische eine Band eingestellt. Rechts und links schlossen sich vielfach geschwungene Bildtafeln mit aufgelegten Lichtleisten in Bogen-, Stern- und Halbkreisformen an.
Im Eingangsbereich verwendete Mack die blütenkelchartigen Lichtständer, die auch schon von dem Bautyp Calypso bekannt waren. Bei jedem Modell wechselte die Band, mal Bongo, mal Beat oder Schlager. Sie wurden dominierend für die gesamte Rückwandgestaltung. (Ramus 2013. Kat. Nr. 53)

Ab 1967 baute Mack wieder eine zu diesem Zeitpunkt eigentlich technisch und formal überholte Bobbahn. Das Karussell ging als Musikexpress in die Volksfestarchitektur ein. Die Dachkonstruktion wurde zunächst von vier, später von zwei Säulen getragen.
Musik, Tanz und Dynamik eroberten die Schmuckdachkanten. Von den Pastelltönen der 1950er Jahre wechselte man zur bunten, blumigen Farbgestaltung. Dabei wurde an den geometrischen Mustern, insbesondere der Raute festgehalten. Die geometrische Form der Raute wurde auch zur formalen Gestaltung der Lichtkästen aus Kunststoff verwandt.

Die Form der Fahrgastgondeln wandelte sich von den bisherigen Bobs zu einer eher kutschenförmigen Chaise. Auch die Familie Schoeneseifen entschied sich für eine technisch überarbeitete Version ihrer Jaguarbahn. Sie hielten an ihrem Urwald-Thema fest. Der eingesetzte Tunnel glich einer kulissenbauartig konzipierten Szenerie von wilden Tieren.

In der Fassadengestaltung der Lauf- und Belustigungsgeschäfte zeichnet sich ein sehr schneller Wechsel der Thematik ab. In seiner ersten Arbeit „Hollywood macht Spaß“ von 1947, orientierte sich Herbert Sommer an den Collagen der Dadaisten. Bald folgten seine mit Milieustudien gemalten Vorhangfassaden von Belustigungsgeschäften.
Anfang der 1950er Jahre startete Mack eine Baureihe der gleichen Bauaufgabe. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass der Besucher das Vergnügen einer Belustigung mit der Bayrischen Gaudi assoziierte. In den neuen Dekorationen gelang es Heinz Opitz sen., diese bayrische Gaudi humorvoll und klischeehaft darzustellen.

Erst Mitte der 1960er Jahre präsentierte Harry Knorrn nicht nur eine völlig andere Thematik, sondern auch eine komplett neue Darstellungsweise. Wie in seiner Biografie beschrieben, begann er als Schaustellermaler zunächst nur, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Diese Arbeit sollte die nächsten 20 Jahre zu seinem Lebensinhalt werden.
Seine Fassaden überraschten, weil er bei seinen übergroßen Figuren auf eine sachliche Wiedergabe der Form verzichtete. Seine Malweise zeigte eine radikale Vereinfachung und Verzerrung der Form und der Proportion.
Knorrn verwendete ungebrochene Farbtöne, die er in grelle Kontraste zueinander setzte. In seiner Malerei findet man collageartig nebeneinandergestellte Elemente, die an Surrealismus, Pop Art, Comic Street Art und plakative Werbung denken lassen. Die Beziehung zu seinem Vorbild Salvador Dali wird beim Vergleich mit einem Bildausschnitt von Dali erkennbar.

Daneben vollzog sich die seit den 1950er Jahren gängige Amerikanisierung einzelner Karussells nicht nur in den Musikübertragungen, sondern nun ebenfalls in den Bildinhalten der Schmuckdachkanten übergreifend auch auf andere Bauaufgaben.

Ein letztes Beispiel aus den 1960er Jahren für differenzierte Dekorationsmöglichkeiten von ein und derselben Bauaufgabe zeigt eine Verlosung, auf deren Schmuckdachkante kulissenartig die Skyline von Manhattan abgebildet ist. Die im Zentrum stehende Bildtafel wurde von Herbert Sommer gemalt und soll den Strand von Santa Monica darstellen.

Zusammenfassend kann für die 1960er Jahre festgestellt werden, dass zunächst kein Wandel im Dekorationsstil erfolgte, sondern nur eine Erweiterung der Themen in der bildhaften Gestaltung.
Die neuen Karussellkonstruktionen wie Bobbahnen, Sprungschanze, Bayernkurve oder Schlittenexpress wurden von Sommer oder Opitz sen. mit verschneiten Landschaften gemalt. In Verbindung mit der winterlichen Landschaftsdarstellung wurde auf eine Beleuchtung mit Neonröhren verzichtet. Stattdessen wurden teilweise die Konturen der Schmuckdachkanten und bei den Offenen Rundfahrgeschäften die Rückwände mit Lichtleisten akzentuiert. Zusätzlich wurden beleuchtete Figuren als Blickfang eingesetzt oder die Fassade wurde mit dem Namen des Objekts in Leuchtbuchstaben abgeschlossen.

Die Formen der Schmuckdachkanten von Autoskootern wurden ausgeprägter, zeigten konvexe oder konkave Schwingungen und waren bemalt mit geometrischen, insbesondere rautenförmigen Mustern.
Die Amerikanisierung machte sich in einzelnen Dekorationen in der kulissenartig dargestellten Skyline von Manhattan bemerkbar.

Neben diesem Dekorationsstil kann bei den Offenen Rundfahrgeschäfte in Skelettbauweise eine durchgängige Anlehnung an Luft- und Raumfahrt in der dekorativen Gestaltung festgestellt werden.
In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre zog die neue Welle der Flower-Power-Zeit auch in die Dekoration der Karussells ein. Von den Pastelltönen der 1950er Jahre wechselte man zur Polychromie. Bei dem ab 1967 von Mack gebauten Musikexpress entwickelten sich, wie beim Hully Gully, neue Formen der Bildtafeln der Rückwand mit aufgelegten Lichtleisten in Bogen-, Stern- und Halbkreisformen. Musik, Tanz, Dynamik, bunte Blumen und Maikäfer eroberten die Dekoration. Auf die Vorhangfassaden der Belustigungsgeschäfte der 1960er Jahre malte Heinz Opitz sen. eine lustige bayrische Gaudi.

Mitte der 1960er Jahre präsentierte der junge Maler Harry Knorrn nicht nur eine völlig andere Thematik auf den Vorhangfassaden der Lauf- und Belustigungsgeschäfte, sondern auch einen vollkommen neuen Stil der Darstellung. Beides war als Provokation gegenüber der realistischen Malweise seiner Malerkollegen Sommer und Opitz sen. zu verstehen.

© Dr. Margit Ramus

Ramus 2013.
Dering 1986.
Gespräche der Verfasserin mit Heinz Werner Opitz in Waldkirch 2006; 2010; 2016.
Gespräche der Verfasserin mit Kurt Even-Mack in Waldkirch 2006; 2016.
Gespräch der Verfasserin mit Harry Knorrn in Bestwig 2005.

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