Kunsthistorische Betrachtung der Dekorationen A - Z

Dekorationen der 1970er Jahre

Ab 1970 begann mit den Konstruktionen der Firma Heinrich Huss eine Zeit, in der die Karussells in Skelettbauweise das Bild der Volksfestplätze veränderten.
Die Stahlgerippe der einzelnen Bautypen Swing Around (Ramus 2013. Kat. Nr. 60), Turbo Star (Ramus 2013. Kat. Nr. 64) und Tri Star (Ramus 2013. Kat. Nr. 68) waren in Form und Funktion bereits Elemente der futuristisch, dekorativen Gestaltung.
Wie schon bei den ersten Karussells von Klaus bot die Verkleidung der Kasse eine Möglichkeit zur individuellen Dekoration.
Harry Knorrn, dessen Schwerpunkt in der Bemalung von Großwandleinwänden lag, wurde von Huss fest angestellt und malte in dem für ihn typischen Malstil.

Das Rad mit den futuristisch anmutenden Fahrgastgondeln stellte sich um 90° auf und beeindruckte den Betrachter durch Form und Funktion. Harry Knorrn malte auch die Rückwand des Folgebaus des Enterprises: UFO 2000. (Ramus 2013. Kat. Nr. 42)

Daneben setzten sich viele Dekorationsthemen der 1960er Jahre auch in den 1970er Jahren fort. So malte Hilbert zum Beispiel an den Familienachterbahnen Flitzer oder auch Racing (Ramus 2013. Kat. Nr. 42) eine verschneite Berglandschaft, durch die ein Rennen führte. Herbert Sommer bemalte 1974 die Rückwand des Schienengeschäfts Alpenblitz des Herstellers Anton Schwarzkopf ebenfalls mit einer weißen Gebirgslandschaft. (Ramus 2013. Kat. Nr. 65)

1978 begann Huss mit der Baureihe von großen Schaukeln. (Ramus 2013. Kat. Nr. 69) Etwa zeitgleich bauten auch die Firmen Zierer und Schwarzkopf diesen Bautyp. Nach Angaben des Künstlers Harry Knorrn waren die Dekorationen der Huss-Schiffe fast alle von ihm gemalt worden.
Die Vorlage zur Gestaltung der ersten Großschiffschaukel lieferte der Film „Die Bounty“. Er wurde auch namengebend für ein Modell der neuen Baureihe der Firma Huss. Harry Knorrn thematisierte in großformatigen Bildern die abenteuerlichen Geschichten der Piraten und der ersten Weltumsegler. (Ramus 2013. Kat. Nr. 69)

Die Rundfahrgeschäfte von Mack wurden alle von Heinz Opitz sen. gemalt, der auch Gefallen an der Marinemalerei fand.
Die Seesturmbahn von 1978 orientierte sich an den Vorgängerbauten der Herstellerfirmen Bothmann und Heyn der 1930er Jahre. Der Unterschied lag in der Malweise.
Harry Knorrn malte surrealistisch und provokativ, Opitz sen. hingegen naturalistisch und gemäßigt. Knorrn wählte grelle Farben, Opitz arbeitete in Pastellfarben mit Farbabstufungen von Grau bis Blau. Das Meer wurde ruhig mit weißen Gischtkronen dargestellt.
Knorrn malte das Meer vom Sturm aufgewühlt in einer aggressiven Farbzusammenstellung. Es war nicht selten Schauplatz von Seeschlachten oder Szenen griechischer Sagen, in denen Poseidon aus der Tiefe auftauchte.
1979 entschied sich der Schausteller Manfred Hovey beim Folgebau, für den Namen Happy Sailor. Bereits der Name des Karussells sowie die Form der Gondeln forderten eine maritime Landschafts Dekoration. Hier ist die gemäßigte Handschrift von Opitz sen. deutlich zu erkennen. (Ramus 2013. Kat. Nr. 70)

Neben diesen Neuerscheinungen in der Volksfestarchitektur präsentierte Josef Zierer Anfang der 1970er ein altbekanntes Fliegerkarussell mit zeitgemäßen technischen Raffinessen. Dieses Kettenkarussell erhielt aufgrund der Funktion den Namen Wellenflieger. (Ramus 2013. Kat. Nr. 61)
Die aneinandergereihten Kartuschen der Schmuckdachkante waren aus dem neuen Werkstoff Polyester gefertigt und wurden mit floralem Stuckwerk gerahmt. Obwohl längst neue Dekorationsstile Einzug gehalten hatten, orientierte sich die Dekoration an den neubarocken Schmuckdachkanten der Wende zum 20. Jahrhundert. Hilbert wurde beauftragt, romantische Landschaften, Blumen und Ornamente zu malen. Nachdem er die Zeitpläne für die Fertigstellung der Dekorationsteile nicht mehr hatte einhalten können, wurde ab 1976 Josef Wallner als Maler hinzugezogen.

Dekorationen an Schaustellergeschäften zu malen bedeutete, schnell arbeiten zu können. Josef Wallner malte insgesamt 85 Wellenflieger, für die er jeweils eine individuelle Bemalung wählte. In der Regel benötigte er vier bis sechs Wochen für eines dieser Karussells. Diese Arbeit umfasste 16 Schmuckdachkanten-Bildträger, 16 große Trichterplafonds, 16 kleine Trichterplafonds und acht Kassenteile. Später kamen eine Rückwand und eine weitere kleine Kasse hinzu. Die Motive waren oft gleich und zeigten Landschaften, Frauenporträts, Vögel, Amoretten und Blumengebinde. (Dering 1986)

Auch Josef Wallner malte neben den Wellenfliegern andere Schaustellergeschäfte. Er hielt nicht immer an seiner Malweise im Stil der Romantik mit barocken Zitaten fest. 1975 gestaltete er den kulissenartigen Aufbau der Dachdekoration des Schiesswagens Goldener Westen. (Ramus 2013. Kat. Nr. 63) Heinz Opitz thematisierte ebenfalls den Wilden Westen. Ungefähr zeitgleich zu Mack baute 1975 auch Josef Zierer Modelle dieser Baureihe mit einer Westerndekoration. Zierer setzte dem Schiesswagen einen imposanten Kulissenbau auf. (Ramus 2013. Kat. Nr. 63)

Zu Beginn der 1970er Jahre hatte auch die Firma Eberhard Stork mit dem Bau einer Serie von Schiesswagen begonnen. (Ramus 2013. Kat. Nr. 63)  Der bereits bekannte Landschafts- und Tiermaler Fritz Laube bekam die Aufträge für die Fassadengestaltung, die das Thema der Jagd darstellen sollte. Obwohl dasselbe Dekorationsthema gewünscht wurde, erschuf Laube für jeden Auftraggeber eine individuelle Darstellung von verschiedenen Jagdszenerien.
Zum Beispiel sind vor einer herbstlichen Landschaft englische Reiter in roter Schmuckuniform auf der Fuchsjagd zu sehen. Die Landschaft ist in warme Gelb- und Rottöne getaucht. Laube gelingt es, die Dynamik einer leidenschaftlichen Jagd darzustellen. Mit großem Tempo wird das Tier gehetzt. Begleitet von bellenden Hunden setzen die Reiter zum Sprung über den Wall an. Der Betrachter spürt die Begeisterung der Jagdteilnehmer.
Die Malerei auf der Schmuckdachkante des zweiten Schiesswagens ist angelehnt an die Fernsehserie „Daktari“. Die Serie thematisiert das Leben in einem afrikanischen Tierreservat. Obwohl eine Kampfszene eines Löwenpaars stattfindet, strahlt die Szene keine Gefahr aus. (Ramus 2013. Kat. Nr. 63)

Auch bei der Bauaufgabe der Spielgeschäfte, denen die Verlosung zugeordnet wird, wurden neue Dekorationsthemen aufgenommen. Die Thematisierung anderer Kulturen wird in Verbindung mit der gegenstandslosen Malerei als klischeehafte Interpretation der Metropole Hong Kong als Spielhölle dargestellt. (Ramus 2013. Kat. Nr. 46) Der Farbfächer im Zentrum der Schmuckdachkante erinnert an die Arbeiten von Frank Stella, der in den 1960er Jahren zu einer immer stärkeren Geometrisierung der Form und zur Reduzierung der Farbe gekommen war.

Freie Nachbildungen der buddhistischen Tempelbaukunst wurden von nun an auch auf viele unterschiedliche Arten als Kulissenbauten in die Dekoration eingebracht. (Ramus 2013. Kat. Nr. 46; 63)

In den 1950er Jahren wurde in der dekorativen Gestaltung der Lauf- und Belustigungsgeschäfte bereits eine Gleichzeitigkeit verschiedener Malweisen festgestellt. Diese Objekte sind auch in den 1970er Jahren noch auf den Volksfestplätzen anzutreffen. Neue Modelle kamen hinzu. Zu bemerken ist, dass nach wie vor ein Lokalkolorit gepflegt wurde, indem eine Gaudi auf den Fassaden von Lauf- und Belustigungsgeschäften thematisiert wurde, wie bereits mit dem Sündigen Dorf der Firma Fellerhoff oder in den 1970er Jahren mit der Altweibermühle. Die Altweibermühle war noch 2007 in Düsseldorf auf dem Schützenfest im Einsatz.

Im Jahr 1976 gab der Bremer Schausteller Friedel Finnendahl einen Irrgarten bei Willi Dietz in Auftrag. Neu war, dass der Baukörper fest auf einem Wagen installiert war und die Vorhangfassade mehrfach geklappt und gesteckt vorgesetzt wurde. Neu war auch die Thematisierung der Welt der Mayas und der Pharaonen. Harry Knorrn bekam den Auftrag zur Bemalung. 1979 entsteht der erste zweistöckige Irrgarten in Containerform, fest installiert auf einem Wagen. 1986 erfolgte nach einem Besitzerwechsel eine Umgestaltung der Fassade.

Neben dieser thematischen Entwicklung der Dekoration von Fassaden beherrscht die Raute als auffälligstes Element die Dekoration der Autoskooter. Mitte der 1970er Jahren beginnt eine spielerische Anordnung der Lichtleisten, durch die die geometrische Malerei miteinbezogen wird. Die Zeit der vertikal aufgestellten, weißen Neonröhren geht zu Ende und es entsteht eine geometrisch-abstrakte Farb-Licht-Beziehung. Gleichzeitig lassen sich Formen der beleuchteten Schmuckelemente auf architektonische Schmuckformen, wie beispielsweise der Eierstab, bis zur Antike zurückführen.

Ende des Jahrzehnts überraschte die Firma Distel mit einer Dekoration ihres Autoskooters, die einen Vergleich mit den Fassaden der Horten-Kaufhäuser von Egon Eiermann zulässt. Die Hortenkachel wurde auch Wabenfassade genannt. An dieser Wabenfassade wurde von der Firma Distel an ihrem Autoskooter in modifizierter Form bis zur Gegenwart – als Wiedererkennungsmerkmal – festgehalten, wie man an der Aufnahme während des Münchner Oktoberfests 2009 feststellen kann.

Bisher sind die Verkaufsgeschäfte von pikanten Lebensmitteln wie Bratwurst oder Suppen noch nicht berücksichtigt worden. Bis in die 1950/60er Jahre waren es meist rechteckige, einfache Pavillonbauten. Im abgebauten, transportbereiten Zustand gibt es keine Vorbilder in der Kunst. Erst die baulichen Dekorationselemente orientierten sich an verschiedenen Formen der Architektur, wie zum Beispiel das Fachwerk oder die Dachform.

Erst ab den 1970er Jahren wurden Wagen mit aufwendigen Dekorationselementen von verschiedenen Firmen wie Heinrich Mack, Eberhard Stork, Willi Dietz und anderen gebaut. Einige Beispiele werden vorgestellt. Die Dekorationen waren nicht auf einen Typus festgelegt. Es gab sachliche Schmuckdachkanten mit monochromen Leuchtstoffkästen, in denen das Produkt angeboten wurde.

Das Fachwerkhaus mit Sattel- oder Walmdach wurde zum Verkauf von Produkten aller Geschmacksrichtungen eingesetzt. Daneben begann auch die kulissenartige Gestaltung des Dachaufbaus, die eine Stadtarchitektur darstellte.
Ein Beispiel für die Nutzung des Fachwerkhauses bietet das Knusperhaus von der Firma Schweizer aus Nürnberg. Fritz Hilbert ist diese Arbeit zuzuschreiben. Im Satteldach ist eine Dachgaube eingelassen, die mit einem Brezelfries eingefasst ist. Die aufgelegten Brezeln oder anderen Leckereien verweisen auf das Produkt, das verkauft werden soll.

Abschließend kann zusammengefasst werden, dass sich in den 1970er Jahren die Gleichzeitigkeit verschiedener Stile und Themen der Dekoration fortsetzte. Die Maler Sommer, Opitz sen. und Heinz Opitz, Hilbert und Wallner blieben ihrem Stil weitgehend treu. Schneebedeckte Landschaften wurden nicht nur auf Schmuckdachkanten von Karussells, sondern auch übergreifend auf andere Bauaufgaben gemalt.

Josef Zierer stellte Anfang der 1970er Jahre ein altbekanntes Fliegerkarussell mit zeitgemäßen technischen Raffinessen als Wellenflieger vor. Er orientierte sich an den neubarocken Dekorationen der Wende zum 20. Jahrhundert. Hilbert und ab 1976 auch Josef Wallner wurden beauftragt romantische Landschaften, Blumen und Ornamente zu malen.

Der Landschafts- und Tiermaler Fritz Laube malte in diesem Jahrzehnt die flächigen Fassaden einer Serie von Schiesswagen des Herstellers Eberhard Stork. Laube blieb bei dem bereits bekannten Thema Jagd. Aber im Gegensatz zu den statischen Darstellungen der 1950er Jahre fand er nun für seine agierenden Protagonisten Vorbilder in den zeitgenössischen Fernsehserien.
Gleichzeitig präsentierten die Hersteller Mack und Zierer einen neuen, kulissenartigen Aufbau der Dachdekoration der Schiesswagen. Thematisiert wurde der Wilde Westen der USA im 19. Jahrhundert als Bezug zur Funktion der Bauaufgabe.
Daneben begann die Thematisierung anderer Kulturen, indem zum Beispiel die buddhistische Tempelarchitektur der Japanischen Kunst in vielen unterschiedlichen Weisen in die Fassaden eingebracht wurde.

Ab Mitte des Jahrzehnts hatte die futuristische Form und Funktion der Karussells Swing Around, Turbo Star und Tri Star ohne zusätzliche Dekoration Bestand. Bei neuen Offenen Rundfahrgeschäften inspirierte die amerikanische Fernsehserie „Enterprise“, die die Abenteuer eines Raumschiffs im Weltall thematisierte, die Namengebung und Dekoration, so zum Beispiel beim Enterprise und UFO 2000, deren Gestaltung Harry Knorrn übernahm.

Neben den genannten Neuentwicklungen gab es auch technische und dekorative Innovationen bei den Lauf- und Belustigungsgeschäften. Im Jahr 1976 baute die Firma Willi Dietz einen Irrgarten, dessen Baukörper fest auf einem Wagen installiert war und dem die Vorhangfassade mehrfach geklappt und gesteckt vorgesetzt wurde. Neu war die Thematisierung der Welt der Mayas und Pharaonen, mit denen sich Harry Knorrn in seiner Malerei auseinandersetzte.

In den 1970er Jahren gab es weitere Neuheiten im Fahrgeschäftsbereich. Etwa zeitgleich zu den Firmen Zierer und Schwarzkopf stellte Huss 1978 eine Baureihe von großen Schaukeln vor. Die Vorlagen zur Gestaltung der Großschiffschaukeln lieferten Abenteuer- und Piratenfilme, die von Harry Knorrn thematisiert wurden.
Auch die bereits aus dem 17. Jahrhundert in der Kunst der Niederlande bekannte Marinemalerei fand ihre Verwendung auf den Fassaden von Schaustellergeschäften.

© Margit Ramus

Ramus 2013.
Dering 1986.

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