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Rudolf Barth

Rudolf Barth Foto © Archiv der Familie

Rudolf Barth (Lebensdaten 1939 – 2020)

Einmal endet jede Reise!
Einmal finden alle ihren Platz, die großen und die kleinen Schausteller!
Nun ist Rudolf Barth als einer der ganz Großen auf seinem letzten Platz angekommen.
Nach einem unglücklichen Sturz in seinem Haus vor etwa zwei Jahren fiel er nach einer Gehirnblutung in ein wochenlanges Koma. Nach seiner Genesung erholte er sich leider nie mehr ganz. Mehr und mehr verlor er die Erinnerungen an sein Leben und sein Wirken.
In der Nacht zum 2. Juni ist Rudolf Barth im Alter von 80 Jahren ganz still eingeschlafen.

Was für ein Mensch war Rudolf Barth?
Sein Lebenswerk der „Olympia-Looping“, die weltweit größte transportable Achterbahn mit fünf Loopings, hatte ihn berühmt gemacht.
Ehrgeizig hatte er viele Innovationen im Achterbahn-Bau auf den Weg gebracht. Deshalb wird Rudolf Barth sen. in der weltweiten Freizeittechnologie unvergessen bleiben.

Er war ein Macher, ein Wühler, ein Kämpfer. Ging immer mit dem Kopf durch die Wand und setzte oft genug die Ellenbogen für seine Ziele ein. „Geht nicht“, gab es für ihn nicht.
Als Geschäftsmann und Kollege, gefürchtet, geachtet und geschätzt, war er vor allem: ein Mann von Wort.
Aber Rudolf Barth war auch gesellig und genoss einen exklusiven Lebensstil auf viele Art und Weise.
Er führte zwanzig Jahre lang den Bonner Schaustellerverein e.V., angeschlossen an den DSB. Seine Nachfolge trat sein Sohn Peter an.
Großzügig zeigte sich Rudolf Barth in der Unterstützung des SV Beuel 06. Diesem Verein hatte fast acht Jahre als Vorsitzender vorgestanden. Dort hatte er in seiner Jugend Fußball gespielt, denn auch Fußball war einer seiner Leidenschaften.

Seine Heimat war Bonn-Beuel, wo auch sein Elternhaus steht. Als Schausteller hatte er viele Jahre mit seiner Frau im Wohnwagen auf unzähligen Volksfestplätzen gelebt.
Beruflich führte es ihn in die bayrische Landeshauptstadt. Auch dort war der Bonner zu Haus und fand viele Freunde und Anerkennung bei Kollegen und Regierung.
Später wechselte er mit Liesel, mit der er vergangenes Jahr Diamanten-Hochzeit (60 Jahre) gefeiert hatte, zwischen der gemeinsamen Villa am Rhein, einer Eigentumswohnung in München oder auch dem Haus in Österreich hin und her.

In den letzten Jahren war es ruhiger geworden um den Mann mit den sechs Fingern – vier verlor er vor 58 Jahren in einer Säge. Trotz der fehlenden Finger galt seiner zweiten sportlichen Leidenschaft viele Jahre dem Golfspiel. Auf internationalen Golfplätzen hatte er ein Handicap von 26 erreicht.

In einem Interview sagte er vor einigen Jahren:

„Früher war ich viel unterwegs, aber jetzt im Alter bin ich am liebsten mit meiner Frau zu Hause und genieße den Blick auf den Rhein. Dennoch gibt es immer noch genug Veranstaltungen, bei denen ich unser Unternehmen präsentiere.“

Inwieweit sich hinter Rudolf Barth, dem erfolgreichen Geschäftsmann und Lebemann, ein liebevoller Ehemann, Vater, Schwiegervater, Opa und Bruder verbarg, bleibt der Familie zu erzählen vorbehalten. Ohne Zweifel waren ihm die eigene Familie und die seiner Geschwister immer sehr wichtig. Besonders sah seine Schwester Monika in ihm einen Ersatz für den viel zu früh verstorbenen Vater. Für sie alle war Rudolf Barth Vorbild, Sorger und ein Fels in der Brandung.

Frühe Jahre

Rudolf Barth wurde 1939 als ältester Sohn der Eheleute Rudolf und Franziska (Mütti genannt) in Wittlich im Wohnwagen geboren. Es folgten 1941 der Bruder Günter und 1949 die Schwester Monika (Neuen-Barth).
Bereits 1939 hatten die Eltern einen der ersten Autoskooter der Firma Mack erworben. 1952 lieferte die Firma „Heinrich Mack“ einen neuen Autoskooter. Dem Zeitgeist und den technischen Neuerungen entsprechend, schaffte Rudolf Barth sen. in den kommenden Jahren mehrfach neue Autoskooter komplett mit modernem Wagenmaterial und Zugmaschinen an. Schon bald wurden gleichzeitig zwei und später drei Autoskooter betrieben.

Die beiden Brüder Rudolf und Günter arbeiteten, wenn sie aus der Schule nach Hause gekommen waren, schon früh im expandierenden, elterlichen Betrieb.
Sie gingen durch eine harte Schule.
Bei den „Barths“ herrschte ein strenges Reglement. Arbeit und Disziplin bestimmten den Tagesablauf. Der Vater, Rudolf Barth sen., von seiner Frau Mütti, der übrigen Familie und dem Personal nur „Chef“ genannt, stellte hohe Ansprüche an seine Söhne. Trotzdem war der „alte Barth“ ein Familienmensch und besonders seiner Tochter ein liebevoller Vater.

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich gemeinsam mit der Tochter Monika Barth, meiner Großcousine, das Ursulineninternat besuchte und manches Wochenende bei Barths verbrachte.
Pünktlich um 8 in der Früh wurde gemeinsam an einem reich gedeckten Tisch in der großen Wohnküche des Küchenwagens gefrühstückt. Oft flogen zwischen den beiden Brüdern die Fetzen, solange, bis der Chef mit seiner Faust auf den Tisch schlug und augenblicklich Stille eintrat.
Das Mittagessen wurde von der Familie wieder in der Küche eingenommen. Das Personal saß an einem großen Tisch auf der Veranda, die die beiden Wagen, Wohn- und Küchenwagen miteinander verband.
Tante Mütti kochte, wie zu dieser Zeit alle Schaustellerfrauen, für die gesamte Mannschaft. Der „Chef“ achtete kategorisch darauf, dass die Fleischportionen für die Angestellten genau so groß wie seine eigene waren. Meine Mutter erzählte oft, dass sie bei einem zufälligen Zusammentreffen mit Tante Mütti in einer Metzgerei in Betzdorf, aus Scham den Fleischvorrat für eine ganze Woche gekauft habe. Tante Mütti bestellte 20 große Koteletts und meine Mutter war gewohnt nur Kleine zu kaufen.
Bei Barths gab es auch am Nachmittag auf der Veranda gemeinsam mit ihren Leuten eine Kaffeepause mit frischem Blechkuchen.
Der „alte“ Barth hatte die Devise, wer hart arbeiten muss, muss auch gut essen! (Längst verpflegen sich die Angestellten der Schaustellerfirmen selbst und eine solche Art des Zusammenlebens ist höchst selten geworden.)

1959 heiratete Rudolf Barth jr. Elisabeth Frembgen, von Familie und Freunden kurz Liesel genannt. Zunächst betrieb Rudolf Barth jun. mit seiner jungen Frau einen der Autoskooter der Eltern.
Rudolf und Liesel bekamen drei Söhne: Rudolf, Rolf genannt (1960), Peter (1961), und Otto (1966) Barth. Alle drei besuchten ein Internat, dennoch wollte keiner von ihnen je etwas anderes als Schausteller werden und in die Fußstapfen von Vater und Großvater treten.

Neue Zeiten künden sich an

In der Schaustellerbranche verband man die Firma Barth aus Bonn immer mit den modernsten Autoskootern, die die Werkshallen von Heinrich Mack verlassen hatten.
Deshalb waren die Kollegen und Verwaltungen erstaunt, als Rudolf Barth 1971, damals noch Junior, zusammen mit seinem Cousin Josef Barth aus Andernach und Herbert Meyer aus Neuwied eine gebrauchte Schwarzkopf-Familien-Achterbahn von Hans-Otto Schäfer aus Schwerte kaufte.
Bereits nach Saisonende trennte sich das Trio und Rudolf Barth jr. führte, neben seinem Autoskooter, das Geschäft alleine mit seiner Frau weiter.

1972 starb Rudolf Barth sen. völlig unerwartet nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt an einer Lungenentzündung.
Der Betrieb wurde unter den drei Kindern aufgeteilt. Jeder bekam einen Autoskooter mit kompletten Wagenmaterial und Reiserouten.
Zusätzlich erhielt Günter das Betriebsgrundstück in Bonn-Beuel und Rudolf, der den Beinamen Junior jetzt ablegte, wurde alleiniger Besitzer des zweiten Anwesens an der Roitzheimer Straße in Euskirchen. Dort waren in den vergangenen Jahren Wagenhallen, Werkstätten und angegliederte Wohnräume, für die Barths selbst und die Betriebsangehörigen gebaut worden.

Rudolf Barth schlug neue Wege ein

1975 verkaufte Rudolf Barth die Familien-Achterbahn, nachdem er bei dem Stahl- und Fahrzeugbau-Unternehmen Anton Schwarzkopf eine neue Bahn des Typus Jet Star II, mit dem Eigennamen Super Jet, in Auftrag gegeben hatte. Daneben wurden weiterhin der Autoskooter und inzwischen auch ein Imbisswagen, der Schwarzwaldgrill, betrieben. Der eigentlich für den Weihnachtsmarkt in Bonn angeschafft worden war. Aber nach dem Erfolg bei den Besuchern, auch auf Volksfestplätzen eingesetzt wurde.

Rudolf Barth konzentrierte sich nun auf Achterbahnen. Sein Leben und das seiner Familie veränderten sich. Denn es begann eine aufregende Zeit in der Entwicklung der transportablen Achterbahnen.

1978 brachten Oskar Bruch und Fritz Kinzler ihren „Looping Star“ mit dem ersten Vertikal-Looping auf die Reise.

Rudolf Barth hatte sich nie gescheut Risiken einzugehen. Jetzt reagierte er schnell. Sein Ehrgeiz trieb ihn an. Er wollte das technische Wunderwerk der neuen Stahlachterbahn der Firma Bruch & Kinzler mit dem ersten Looping dieser Art, toppen.

Zum Pützchens Markt 1979 fand die Premiere des Doppel-Loopings statt. Ganz Bonn stand gleich zweimal auf dem Kopf. Nur ein Jahr später, erhielt Rudolf Barth mit dem Doppel-Looping die Zusage zum Münchner Oktoberfest. Der Erfolg beim Publikum war unbeschreiblich.

Mit diesem Sprung in die oberste Liga der Volksfeste blieb Rudolf Barth dennoch bodenständig. Er baute den Betrieb in Form von familieninternen Einzelfirmen mit seinen Söhnen Rolf, Peter und Otto in den kommenden Jahren weiter aus.
Zunächst waren die drei Jungs im elterlichen Betrieb tätig gewesen. Nun wurden einige Geschäfte gemeinsam mit dem Vater angeschafft. Das Interesse weitete sich neben Autoskooter und Achterbahnen auch auf andere Schaustellergeschäfte aus.
Rudolf Barth verlor den Familienbetrieb nie aus den Augen. Später gründeten alle drei Söhne mit ihren Ehefrauen selbstständige Betriebe.

Aber zurück in die 1980er Jahren. 1981 bestellte Rudolf Barth bei der Firma Heinrich Mack die Südseewellen, eine Schlickerbahn mit einer sommerlich gestalteten Dekoration. Der Sohn Otto betrieb zunächst dieses Karussell.
1985 übernahm sein Bruder Peter mit seiner Frau Ulla das beliebte Rundfahrgeschäft Südseewellen. Von 1997 bis 2013 wurde es von dessen Sohn Peter betrieben. Nach vielen Jahren, auch auf dem Pützchens Markt, steht das Karussell heute in Rimini.
1997 erwarb Peter Barth sen. ein Hochgeschäft, den Flying Circus. Ende der Saison 2008 wurde das Geschäft in einen Vergnügungspark in Budapest verkauft.
Gegenwärtig werden von Peter Barth und seiner Frau Ulla der Schwarzwaldgrill  ein gastronomischer Betrieb mit Imbiss, und ein von der Firma Heinrich Mack gebautes Ausschank-Karussell betrieben. 

Ihr zweiter Sohn Günter ist der einzige männliche Spross der Bonner Familie Barth, der nicht im Schaustellergewerbe tätig ist, sondern Jura studierte und als Jurist in einer bekannten Sozietät arbeitet.

Damals, im Jahre 1985, gründete Otto Barth die Firma „O. Barth & H. Markmann & Co GmbH“. Hinter dem „Co“ verbarg sich Rudolf Barth. Die Firma erwarb einen Polypen, den Octopussy. 1991 stieg Hubert (Huppemann) Markmann, der bis dahin das Karussell betrieben hatte, aus der Firma aus. Er wechselte zu einem Laufgeschäft. 1998 kaufte Hubert Markmann den Octopussy als alleiniger Inhaber und ist gegenwärtig damit noch auf der Reise.

1986 übernahm Rolf Barth den Autoskooter seines Vaters. Er betrieb ihn bis zum Saisonende 2014. Rolf Barths Sohn Rudolf jr. betreibt inzwischen mit seiner Mutter, Erni Kipp das Jupiter-Riesenrad. Gemeinsam mit seinem Bruder Roland und ihrer Mutter kauften sie 2015 die Familien-Achterbahn „Feuer und Eis“.
Die Tochter von Rolf Barth, Claudia stieg aus dem elterlichen Betrieb aus und betreibt mit ihrem Partner eigene Geschäfte.

Wilde Mäuse

Im Jahr 1994 bestellte Rudolf Barth gemeinsam mit seinem Sohn Otto zwei identische Wilde Mäuse (kleine Achterbahnen). Die erste Wilde Maus wurde zu Pfingsten 1995 nach Frankenberg und die zweite im August 1995 zum Volksfest in Heilbronn geliefert.
Die Achterbahnen konnten als Einheit zusammen, wie z.B. auf dem Pützchens Markt in den Jahren 1996, 1997 und 1998, oder auch getrennt aufgebaut werden.

1999 übernahm Rolf Barth eine der beiden Wilden Mäuse aus der Gemeinschaftsfirma seines Vaters Rudolf Barth und seines Bruders Otto. Gegenwärtig ist er noch mit diesem Geschäft unterwegs.
Die zweite Anlage steht inzwischen im „Freizeitpark Taunus-Wunderland“, der im Dezember 1998 von Otto Barth erworben wurde und heute gemeinsam mit Ehefrau Belinda und Sohn Otto Barth jr. betrieben wird.

Dschunke

Neben den erfolgreichen Entscheidungen bei den Autoskootern, Rundfahrgeschäften und Achterbahnen gab es in der Familie Barth auch Fehlentscheidungen. So z.B. im Jahre 1981 mit der Anschaffung der Dschunke, ein doppelter Fliegender Teppich mit zwei Schiffen als Fahrgastgondeln. Sie war von Anton Schwarzkopf konstruiert und gebaut worden.
Es war ein Gemeinschaftsobjekt von Rudolf und Günter Barth und dem Cousin Josef Barth aus Andernach.
Bereits in der ersten Winterpause wurde die Anlage wegen erheblicher technischer Schwierigkeiten umgebaut und auf ein Schiff (Fahrgastgondel) reduziert.
Die Dschunke war ein optisch durchaus ansprechend gestaltetes Geschäft, aber der wirtschaftliche Erfolg blieben aufgrund immer wieder auftretender technischer Probleme aus.
1993 wurde die Anlage eingestellt und die Dekoration verschrottet. Der Rest wurde von der Firma Wieland Schwarzkopf aufgekauft, umgebaut und als Sturmvogel in den Hansepark aufgestellt.

Zurück zu den sensationellen Entwicklungen im Achterbahnbau.

Dreier-Looping

Von nun an bestimmten die Stahlkolosse das weitere Leben von Rudolf Barth.
Im Jahre 1982/83 traf Rudolf Barth die Entscheidung zum Bau eines Dreier-Loopings. Er unterzeichnete bei Anton Schwarzkopf den Vertrag. Die Planung lief auf Hochtouren, als am 6.11.1983 die Nachricht wie eine Bombe einschlug, dass die Firma Schwarzkopf in Insolvenz gehen würde.
Unmittelbar nachdem das Gericht den Konkurs eröffnet hatte, wurde ein Konkursverwalter eingesetzt. Die Produktion des Dreier-Loopings verlief nun unregelmäßig.

Kurzentschlossen gründete Rudolf Barth mit Herbert Breidenbach und Wieland Schwarzkopf 1984 eine Herstellerfirma. Sie übernahmen aus der Schwarzkopf-Konkursmasse das Projekt Dreier-Looping und sicherten damit die Fertigstellung der Anlage.

Mitte der Saison 1984 folgte die Premiere der neuen Looping-Achterbahn auf dem Schützenfest in Hannover. Nach der Auslieferung stieg Rudolf Barth wieder aus der Firma aus.
Auch in der Heimatstadt Bonn wurde der Dreier-Looping wieder mit Begeisterung angenommen. Übrigens ist bereits seit 1950 die ununterbrochene Teilnahme der Familie Rudolf Barth am Pützchens Markt verbrieft, auch durch Anzeigen im „Mitteilungsblatt der Gemeinde Beuel“.

Da der Betrieb mehr und mehr expandierte, erwarb Rudolf Barth im August 1984, ein großes Grundstück in Kuchenheim bei Euskirchen. Dort wurden mit den Jahren große Hallen und Betriebsräume errichtet.

Thriller

Auch Oskar Bruch aus Düsseldorf, der anfangs gemeinsam mit der Firma Fritz Kinzler in das Geschäft der großen transportablen Coaster eingestiegen war, setzte neue Maßstäbe im Achterbahnbau. 1986 präsentierte die Firma Oscar Bruch den Thriller, eine Achterbahn mit vier Loopings.

Fünfer-Looping

Schon während der Bauphase des Thrillers begann Rudolf Barth gemeinsam mit Werner Stengel einen weiteren Superlativ im Achterbahnbau zu planen. Gleich fünf Looping-Ringe sollten durchfahren und damit ein neuer Weltrekord für transportable Bahnen aufgestellt werden.
Nach den Erfahrungen mit dem Dreier-Looping gründete Rudolf Barth zusammen mit einigen ehemaligen erfahrenden Mitarbeitern von Anton Schwarzkopf ein Konstruktionsbüro.
Die Statik für das Projekt eines Fünfer-Loopings wurde vom Ingenieur-Büro Werner Stengel ausgeführt.
Mit den fertigen Produktionsplänen suchte Rudolf Barth einige Achterbahnhersteller auf, so auch die Firmen „Vekoma Rides“ aus den Niederlanden sowie die schweizerisch-liechtensteinische Firma „Intamin AG“. Intamin hatte von Schwarzkopf Patente gekauft, einige Rechte konnte das Ingenieurbüro Rudolf Barth für das neue Projekt erwerben.
Schließlich übergab Barth den Auftrag zum Bau der Superlative im transportablen Achterbahn-Bau der „Bayrischen Berg-, Hütten- und Salzwerke AG in Peißenberg“ kurz BHS genannt.

Rudolf Barth beschloss die neue AchterbahnOlympia Looping“ zu nennen und erregte damit das Interesse des Olympischen Komitees. Das Komitee forderte für die Nutzung von „Olympia“ als Synonym und Markenzeichen der Olympischen Spiele im Namen des Loopings 5o.ooo Mark Lizenzgebühren.
Wie bereits gesagt, wollte Rudolf Barth immer mit dem Kopf durch die Wand. Derartige zusätzliche Kosten waren nicht eingeplant.
Er gewann die Auseinandersetzung mit dem Komitee!
Seine fünf Ringe, die den höchsten Punkt der Bahn schmücken sollten, waren nicht in bekannter Manier verschlungen, sondern nebeneinander aufgestellt. Auf in dieser Weise angeordnete Kreise hatte das Sport-Komitee keine Rechte. Außerdem fanden die Anwälte heraus, dass der Name „Olympia“ als Marke nicht geschützt war, sondern auch von einem Büromaschinenfabrikanten und einem Autohersteller im Logo genutzt wurde.
Später erinnerte die Farbgebung der Loopings, trotz unterschiedlicher Anordnung, an die Olympischen Ringe.

Auch die Finanzierung des 16-Millionen-Projekts war nicht so einfach. Als Grundlage war der Verkauf des Dreier-Loopings angedacht, aber es fand sich kein Käufer. Ein Amerikaner war kurzfristig abgesprungen. Der Kämpfer Rudolf Barth meisterte auch diese Situation mit seiner Hausbank.

Damals zum Ende der Saison sollte der Dreier-Looping nach Amerika verkauft werden.
Nach dem Herbstvolksfest in Köln-Deutz 1989 wurde er in Container verladen und sollte nach Amerika verschifft werden. Ein interessantes Kaufangebot hatte sich ergeben. Aber die Kaufsumme traf nicht ein. Der geplatzte Verkauf des DreierLoopings stellte sich in Folge als großer Gewinn heraus, denn die Anlage bereicherte fortan auch viele ostdeutsche Volksfestplätze.

Noch im gleichen Jahr wurden Volksfestplätze wie Aschaffenburg, Düren, Nürnberg, Oldenburg und Bielefeld damit angefahren.
Nach dem Fall der Mauer wurden lukrative Volksfeste in den neuen Bundesländern gehalten. Wie zum Beispiel: 1990 Berlin Alexander Platz; 1991 Magdeburg; Leipzig; Dresden; Halle u.a. Auch dort war die Anlage die absolute Sensation.

Erst 1996 wurde der Dreier-Looping in den Sunway Lagnoon Park in Kuala Lumpur, der Hauptstadt von Malaysia, verkauft. Ab 2000 stand die Bahn im Flamingoland in Kirby Mis-perton, England. 2006 gab es einen erneuten Wechsel nach Mexiko City in den La Feria Chapultepec Park, dort ist sie gegenwärtig noch anzutreffen.

Zurück zum Olympia-Looping

1988 wurden die Baupläne des Fünfer-Loopings beim TÜV eingereicht. Aber zur Überraschung aller wurde die 6 g Vertikalbeschleunigung von der Prüfbehörde nicht genehmigt. Beim Dreier-Looping war dieser Wert mit 6,1 g durchgegangen.
Inzwischen waren jedoch neue Berechnungen zu allgemeinen Belastungsgrenzen von Fahrgeschäften in Arbeit. Den Ergebnissen wollte man nun mit der schnellen Abnahme der Konstruktionspläne einer neuen Anlage nicht vorgreifen.

Die Zeit drängte!
Werner Stengel, der Speziallist für Lösungen in Bezug auf komplizierte und komplexe Berechnungen der Fahrstrecken von Achterbahnen, begann die Überarbeitung der Schienenführung in der Raumkurve. Mit den praktischen Ideen des Autodidakten Rudolf Barth sen. wurde das Problem gelöst.
Die Schienenhöhe wurde um zwei Meter gesenkt. Der Zug würde anstelle mit 83 km, „nur“ mit 80 Stundenkilometer in den ersten 25 Meter hohen Looping einfahren. Dadurch konnte die Vertikalbeschleunigung von 6 g auf 5,2 g herabgesenkt werden. Aufgrund dieser neuen Situation wurde die Genehmigung der Baupläne des Fünfer-Loopings erteilt. Die neue Raumhöhe sollte sich später positiv auf das Fahrverhalten auswirken.

1989 war es soweit!
Die Szene und die Achterbahn-Fans der ganzen Welt schauten nach Deutschland zum Münchner Oktoberfest, auf die Firma Barth und ihren Olympia-Looping. Ein gigantisches technisches Wunderwerk war geglückt.

Der langfristige  Erfolg des Rudolf Barths basierte auch auf der Tatsache, dass er einer der wenigen Schausteller war, der nicht fortlaufend seine Geschäfte wechselte, sondern sie innerhalb der Familie weitergab, die großen Bahnen optimal ausnutze und sie dann gewinnbringend verkaufte. Letztendlich respektierte er, dass nach dem Fünfer-Looping die Grenze des Machbaren im transportablen Achterbahnbau und der Finanzierung erreicht waren.

Bis zur Gegenwart ist der Stahlkoloss Olympia-Looping die größte transportable Achterbahn der Welt. Er ist in Topzustand auf deutschen und europäischen Großveranstaltungen unterwegs.
Inzwischen betreibt Otto Barth mit seinem Sohn Michael den Olympia-Looping. Bisher führten sie gemeinsam mit Rudolf Barth sen. die Firma Rudolf Barth & Sohn KG.

Nun ist die Zeit des Abschieds gekommen

2017 wurde Rudolf Barth in einem Interview des Generalanzeigers Bonn gefragt, worauf er besonders stolz sei? Er überlegt nicht lange und antwortete:

„Auf meine Familie, vor allem auf unsere Söhne Rolf, Peter und Otto. Alle drei sind wie die Eltern erfolgreiche Schausteller. Mein Vater wäre stolz, weil sie die nächste Generation verkörpern. Leider ist er schon 30 Jahre tot.“

Inzwischen sind fast 50 Jahre seit dem Tod des „Chefs“ vergangen. Nun hat der „Herr der Ringe“ wie Rudolf Barth manchmal genannt wurde, selbst die Reise verlassen.
Seine Söhne und deren Familien werden das Erbe verantwortungsbewusst antreten, damit ihr Vater auch weiterhin mit einem stolzen Lächeln zurückschauen kann.

Letzter Weg

Am 8. Juni 2020 endete die letzte Reise von Rudolf Barth auf dem Friedhof in seiner Heimatstadt Bonn-Beuel. Trotz der Corona-Krise begleiteten ihn viele Freunde und Kollegen aus Nah und Fern. Wegen den Hygiene- Bestimmungen fand nur die engste Familie in der Leichenhalle Platz. Deshalb wurde der Trauergottesdienst auf einen Bildschirm nach draußen übertragen.
Der katholische Circus-und Schaustellerseelsorge Pfarrer Sascha Ellinghaus hielt die Trauerrede. 
Zahlreiche Kränze und Fahnen von Abordnungen verschiedener Schaustellerverbände sowie Kollegen aus ganz Deutschland erwiesen dem Verstorbenen die letzte Ehre.

Der Oberbürgermeister von Bonn, Ashok Sridharan würdigte Rudolf Barth als „Schausteller mit Leib und Seele“  der seinen Lebensmittelpunkt in Bonn hatte und den Pützchens Markt seit vielen Jahrzehnten mit seinen Geschäften bereichert hat.

Der Münchens Wiesn-Chef Clemens Baumgärtner verneigte sich ebenfalls vor Rudolf Barth. Er beschrieb ihn als Schausteller der besonderen Art. Er habe München bereichert und für viel Freude gesorgt. Ihm verdanke das Münchner Oktoberfest mit dem Olympia Looping die beeindruckende, weltweit bekannte Silhouette.

Auch Edmund Radlinger, Vorsitzender des Münchner Schaustellervereins e.V. und Vizepräsident der Finanzen im DSB, würdigte Rudolf Barth als fairen Kollegen.

Als letzter Trauerredner beschrieb Albert Ritter, Präsident des DSB, Rudolf Barth als Visionär der Zukunft im Achterbahn-Bau. Auf der ganzen Welt sei er wohl der berühmteste Schausteller und er ginge in die Geschichte ein.

Zum Abschluss wurden die vielen Fahnen der Schaustellervereine dreimal gesenkt.

 

© Margit Ramus

Einen Überblick über die Ahnenreihe finden sie unter folgendem Link:

Tabellarischer Lebenslauf Familie Rudolf Barth – Bonn

Alle Angaben zur Familien- und Firmen-Chronik wurden von Monika Neuen, Rolf Barth sowie Otto Barth gemacht. Otto, Peter und Ulla Barth haben die Richtigkeit des Inhalts bestätigt.
Das  Bildmaterial wurde von Monika Neuen-Barth und Ulla Barth zur Verfügung gestellt und darf mit deren Genehmigung im Archiv veröffentlicht werden. © Archiv Neuen-Barth
Einige Fotos sind von Mark Schumburg und dürfen mit dessen Genehmigung verwendet werden.

Ein Beitrag zu “Rudolf Barth

  1. Helmut Schumann

    Sehr geehrte Frau Ramus!
    Sehr schöner Nachruf auf R. Barth.
    Der letzte große Schausteller in Deutschland…
    In stillem Gedenken.
    Helmut Schumann, Eitorf

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