Schaustellergeschäfte A - Z

Calypso

Calypso Nr. 2 der Firma Bausch & Distel.
Name(n) des Geschäftes Calypso
Typologische Bauaufgabe Offenes Rundfahrgeschäft
Bauform Rundbau
Baujahr 1958
Hersteller Heinrich Mack
Maler Heinz Opitz sen.
Dekorationsstil Grafik
Dekorationsthema  Musik und Tanz
Bauherren / Inhaber  Bausch & Distel; u.a.

Baugeschichte

Im Jahr 1957 war der Münchner Schausteller Heinz Distel bei einem Besuch in den USA auf die völlig neue Fahrweise des Karussells Scrambler aufmerksam geworden. Der Amerikaner R.H. Harris aus Atlanta, Georgia hatte 1952 den Prototyp entwickelt, der zunächst nur als Parkgeschäft stationär genutzt wurde.
1953 wurde das bei den Besuchern beliebte Karussell von der Herstellerfirma Eli Brigde Company in Serie gebaut und sofort zum Erfolgsschlager auf den amerikanischen Volksfesten.(Koppei Calypso. S.20)

Von diesem Erfolg motiviert gaben Heinz Distel gemeinsam mit seinem Kollegen Bausch den Nachbau bei der Firma Heinrich Mack in Auftrag. Sie sicherten sich für zwei Jahre ein nationales Gebietsrecht.
Das Karussell Calypso wurde 1958 zum Deggendorfer Volksfest geliefert, es folgte Nürnberg und von dort bereits im ersten Jahr zum Münchner Oktoberfest. Der Erfolg war sensationell. Schon am Ende der ersten Saison war klar, dass das Karussell zum Wirtschaftswunder der späten 1950er Jahre avancierte. Es sollen 12 Anlagen für deutsche Kirmesplätze gebaut worden sein.

Baubeschreibung

Offener Rundbau dessen Oberfläche nach hinten leicht ansteigt. Das Zentrum der Bodenkonstruktion des Calypsos bildet ein 12 Meter langer Wagen an dem eine waagerecht, sternförmig ausgelegte Bodenkonstruktion eingehängt wird und mit Querverbindungen an den äußeren Enden zu einem Kreis von etwa 20 Metern Durchmesser verbunden wird.

Im Außenrand werden in die Einstiegsebene niedrige und nach hinten immer höher werdende Eisenböcke eingestellt und mit Traversen verbunden. In den schräggeneigten Kreis der umlaufenden Böcke wird ein hölzerner Fußboden aufgelegt.

Im inneren Bereich des Umgangs wird an den Böcken ein rundlaufendes eingleisiges Schienenband angeschraubt. Darüber rollen Ausleger aus starken Rohren, an deren äußeren Ende Räder angebracht sind, welche im Zentrum an einer drehbaren Scheibe befestigt sind.

Der Rundbau ist nach hinten von einer hohen Rückwand mit aufgesetztem Schriftzug in Leuchtbuchstaben abgeschlossen. Die Rückwand mündet beidseitig in den partiell überdachten Umgang, der bis zum Aufgang der Einstiegsebene von Balustraden gefasst ist.
Seitlich ist die Kasse positioniert. Ein mehrstufiger breiter Treppenaufgang führt in den Umgang und von dort zur Einstiegsebene auf die Scheibe.

Die Mittelkonstruktion ist von einer großen schräggestellten, drehenden Scheibe geschlossen. Darauf sind vier elektrisch angetriebene, bewegliche Drehkreuzkonstruktionen befestigt, an denen je vier Gondeln mit kleinen Runddächern befestigt sind.
Die Gondeln beim Prototyp waren von der Firma Wilhelm Peter in einer kugeligen, bauchigen Form mit hochgezogenem Rückenteil gearbeitet worden.
Beim nächsten Modell lieferte die Firma Ihle aus Bruchsal die Fahrgastgondeln. Sie waren etwas flacher in der Form, aber auch wieder mit kleinen Runddächern bekrönt. Die Dächer wurden 1962 mit einem Lichterkranz eingefasst.

Calypso der Firma Bausch & Distel. Foto 1950er Jahre ©Achiv Opitz

Dekoration

Die innovative offene Bauweise dieses Karusselltypus ermöglichte die Gestaltung und Bemalung einer Rückwand, die das Karussell nach hinten verschloss. Deren leicht schräg gestellten und getreppten Panneaux waren mit darüber hinausragenden Lichtsäulen vertikal gegliedert. Auf die dazwischen verbleibenden Flächen waren leuchtend rote Herzen gemalt.

Bei dem Nachfolgemodell ersetzten bereits plastische Leuchtherzen die gemalten Herzen. Die Rückwand schloss nach oben mit dem aufgesetzten Namen des Karussells Calypso ab.

Das Zentrum der Platte war mit einer in Tulpenform gestalteten Lichtfontäne geschmückt. Mit kleineren solcher Fontänen waren auch beim zweiten Calypso die Stützen der Eingrenzung des Umgangs bekrönt. Beim Prototyp waren es noch gerade Lichtständer.

Provenienz und Verbleib:

Bausch & Distel hatten gleich drei Ausführungen des neuen Calypsos in Auftrag gegeben hatten. Der erste wurde 1958 ausgeliefert und bereits Mitte 1959 an den Schweizer Schausteller Weidauer verkauft. Inzwischen war Calypso Nr. 2 geliefert und Nr. 3 folgte im gleichen Jahr.
Calypso Nr. 2 wurde in die USA verkauft. Der Prototyp kehrte jedoch 1963 aus der Schweiz nach Deutschland zurück.

Mit dem dritten Calypso beschickte die Firma Bausch & Menzel bis 1980 das Münchner Oktoberfest. In den 1970er Jahren waren die Gondeln gegen neue Modelle ausgetauscht worden.
Nach 1980 wurde das Geschäft von der norddeutschen Schaustellerfamilie Haberstroh betrieben. 1990 erreichte es seinen letzten Bestimmungsort im holländischen Freizeitpark De Warbeek.

Ab 1960 baute Heinrich Mack auch für andere Schausteller dieses Karussell. Die Baureihe erhielt aufgrund der Dekorationsthematik unterschiedliche Namen: Calypso, La Bostella, Orient Zauber u.a.

Anmerkung
Da sich die Firma Mack vertraglich für zwei Jahre an Bausch & Distel als einzigen Bauträger des neuen Karussells gebunden hatte, nahm der Schausteller Gottlieb Löffelhardt bereits im Jahre 1959 Verhandlungen mit der Firma Kaspar Klaus KG in Memmingen auf. Es galt ein Karussell ähnlicher Bauweise zu konstruieren, ohne die Patentrechte zu verletzten.
Siehe dazu: Hula Hoop

© Margit Ramus

Koppei Calypso 1999. S. 20ff.
Ramus 2013. Kat. 41.
Gespräche der Verfasserin mit Heinz Opitz in den Jahren 2009-2016.
Bilder in der Galerie:
© Archiv Mack
© Archiv Opitz
© Mark Schumburg
© Tobias Selbach

 

Koppei, Ton: Calypso 1999. In: KR 12,1999. S. 20-29.
Koppei, Ton: Calypso 1999. In: KR 1 u.2, 2000. S. 46-50.

3 Beiträge zu “Calypso

  1. Hubert Winheim

    Guten Tag,
    vielen Dank für diesen sehr interessanten Bericht. Soviel ich weiß, ist das Calypso der Firma Weidauer an die Firma Dom verkauft worden, die ich momentan besitze. Somit wäre mein Calypso wohl das erste der Firma Distel bzw. Mack.
    Mit freundlichen Grüßen Hubert Winheim

    Antworten
    1. Margit Ramus Artikelautor

      Hallo Herr Winheim, ich bin sehr an einer genauen Herkunft Ihres Calypsos interessiert. Nach meinen Angaben gab es nur einen Vorbesitzer, die Firma Dom, die 1966 das Geschäft erwarb.
      In Ihrem Baubuch, muss doch der Erstbesitzer dokumentiert sein. Vielleicht können ein Foto von dieser Seite machen und mir per Email zusenden.
      Vielleicht schauen Sie auch mal auf diese Seite:
      https://kulturgut-volksfest.de/calypso-dom-winheim/
      wäre schön wieder von Ihnen zu hören, werde dann auch umgehend antworten.
      Mit freundlichen Grüßen Margit Ramus

      Antworten
  2. Kellers, Jürgen

    Hallo Frau Ramus

    Leider kann ich nicht mit realen Daten dienen aber in den 60er, 70iger Jahren reiste im westfälischen Raum noch ein Calypso mit dem Namen >Jambalaya<
    In Gesprächen wurden in diesem Zusammenhang die Namen Altrogge, Heitmann und auch B.Tovar aus Glandorf genannt.

    Antworten

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