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Huss

Break Dance Grünberg. Foto 2003 © Heiko Schimanzik

Firmendaten HEINRICH WILHELM HUSS & Co KG Maschinenfabrik 1919-2006.

Die Maschinenfabrik Heinrich Wilhelm Huss & Co KG wurde 1919 in Bremen gegründet.(1)
Bis zum Ende der 1960er Jahre wurden feinmechanische Maschinen, Einzelteile für den Schiffsbau sowie Tabaksortieranlagen hergestellt. Die Firma Huss war ein
„[…] führender europäischer Unternehmer von umwelttechnischen Produkten wie Schalldämpfern, Abgasreinigungsanlagen, Katalysatoren für Schiffsmaschinen und Rußfiltern für Dieselmotoren.“(2)

Der Einstieg in den Bau von Schaustellergeschäften erfolgte eher zufällig aufgrund der Suche des Bremer Polizisten und Modellbauers Helmut Kastner nach einem geeigneten Maschinenbauer für die Realisierung seiner patentierten Konstruktionspläne eines Flugkarussells.(3)
Kastners Pläne wurden zunächst über den Schausteller Ernst Hartkopf von der italienischen Karussellbaufirma Spaggiari & Barbieri aus Reggio ausgeführt. Weil technische Schwierigkeiten nicht ganz behoben werden konnten, wandte sich Kastner 1969 an deutsche Hersteller. Er erhielt jedoch viele Absagen, so zum Beispiel von Kaspar Klaus, Anton Schwarzkopf, Alfred Weber. Nur die Firma Heinrich Mack war zum Bau des Karussells unter der Auflage bereit, dass Kastner während der Planungs- und Ausführungszeit im Werk anwesend war, was Kastner jedoch ablehnte.(4)
Schließlich wandte sich Kastner an die Maschinenfabrik Heinrich Wilhelm Huss in Bremen. Die Firma Huss war völlig unerfahren im Bau von Karussells. Nach anfänglichem Zögern und dem Zureden seines Prokuristen Hans Koch willigte Huss schließlich ein, nach den Plänen Kastners ein Karussell zu bauen.(5)

„Die zugehörigen Pläne hatte der Erfinder zuvor nach einem freundschaftlichen Tipp des alten Herrn Robrahn vorsorglich patentieren lassen.“(6)
Noch während des „Bremer Freimarkts“ 1969 war das Interesse namhafter Schausteller geweckt. Michael Bonhoff schreibt:
„Das Rennen machte schließlich der Schausteller Heinrich Feldl aus München, der das Investitionsrisiko durch einen Platz auf dem Münchner Oktoberfest und ein mit dem Hersteller ausgehandeltes 2-jähriges Exklusivrecht im Inland überschaubar halten konnte.“(7)

Mit dem Erfolg des Karussells in München begann ein neuer Zeitabschnitt im Karussellbau. Da zwei Jahre Gebietsschutz eingehalten werden mussten, wurde die zweite Anlage nach Schweden an Gunnar Manson geliefert. Erst 1972 erwarb Max Eberhard aus Hamburg die dritte Ausführung des Swing Arounds (8) (Ramus 2013. Kat. Nr. 60). Es sollen insgesamt elf Anlagen dieser Baureihe von Huss gebaut worden sein.(9)

1973 stellte Huss die erste Eigenentwicklung vor. Wiederum ein Flugkarussell mit den Namen Troika oder Turbo Star (10) (Ramus 2013. Kat. Nr. 64), von dem insgesamt 29 Anlagen ins In- und Ausland verkauft wurden.
In Fachkreisen wurde berichtet, dass sich der Dortmunder Zeltverleiher Franz-Josef Koch in den kommenden Jahren die alleinige Abnahme von Huss-Karussells für den deutschen Markt vertraglich gesichert haben soll. Der Maler Harry Knorrn bestätigte in einem persönlichen Gespräch:

„Koch erteilte nach der Entwicklung eines neuen Bautypus den Auftrag an Huss für zehn bis zwanzig oder mehr Anlagen. Er verkaufte an interessierte Schausteller und vermittelte bei Bedarf die Finanzierung.“(11)
Nach Informationen vieler Schaustellerkollegen arbeitete Koch mit einem sogenannten Rückkaufsrecht, indem er dem jeweiligen Schausteller die Gelegenheit zur Rückgabe eines erworbenen Bautypus gegen die Übernahme einer neuen Huss-Konstruktion einräumte. Die Großaufträge von Koch gestatteten Huss eine Expansion seiner Karussellfabrikation. (12)

1975 überraschte die Firma Huss mit einem technisch und optisch ausgereiften Nachbau des Looping-Karussells „Enterprise“ (Ramus 2013. Kat. Nr. 62), das Anton Schwarzkopf bereits 1972 konstruiert hatte.(13)
Der eigentliche Pionier von Looping-Karussells, Erich Winter mit seinem Passat (Kat. Nr. 45), sollte in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben.
Huss baute 81 Anlagen der Baureihe Enterprise und vertrieb sie gemeinsam mit Koch in der ganzen Welt.

Nach dem wenig erfolgreichen Tri Star (Ramus 2013. Kat. Nr. 67) begann Huss mit der Baureihe von großen Schaukeln. Ungefähr zeitgleich hatten die Firmen Zierer und Schwarzkopf diesen Bautyp vorgestellt. Huss soll etwa 90 Schaukeln, in der Branche Schiffe (Ramus 2013. Kat. Nr. 69) genannt, mit individuellen Namen und Dekorationsthemen, zum Beispiel das Piratenschiff (Ramus 2013. Kat. Nr. 69), ausgeliefert haben. Nach Angaben des Künstlers Harry Knorrn waren deren Dekorationen fast alle von ihm gemalt worden.(14)

Als Weiterentwicklung des Erfolgskarussells Calypso von Heinrich Mack gelang es Huss, mit dem Break Dance (Ramus 2013. Kat. Nr. 81) alle konkurrierenden deutschen Karussellbaufirmen in der Konstruktion neuer Karusselltypen zu überflügeln.

Huss konstruierte eine Schwemme von Karussells verschiedener Bauformen, darunter waren: Ranger, Rainbow, Condor/Ikarus, Top Spin, Frisbee, Mega Dance, Circus Circus, Booster und viele mehr, die im Katalog vorgestellt werden. (Ramus 2013. Kat. Nr. 72; 76; 79; 83; 84; 86; 89; 93)

In drei Jahrzehnten erlangte Huss unter der Firmenbezeichnung „Huss-Riders“ internationalen Ruf für technisch innovative Schaustellerfahrgeschäfte und sonstige Freizeitanlagen. Wobei sich Heinrich Huss aus heutiger Sicht oft bereits auf dem Markt erschienene Konstruktionen zu eigen machte.
Huss und seine Konstrukteure trieben die technische Weiterentwicklung voran.
Sie perfektionierten die Dekorationen und Lichtinstallationen auf brillante Weise und vermarkteten die Karussells meisterhaft. Irgendwann war der deutsche Markt gesättigt und die Nachfrage für transportable Objekte reduzierte sich. Daher fokussierte sich die Firma huss rides mit ihren Bauaufgaben auf stationäre Freizeitparks. 2003 verlagerte sie einen Teil ihrer Produktion nach Budapest/Ungarn.(15)

Obwohl die Firma sehr erfolgreich im Schaustellersektor agiert hatte, wurde am 1. August 2006 vor dem Amtsgericht in Bremen die vorläufige Insolvenz beschlossen. In der „taz Nord“ heißt es am 3. August 2006:
„Drei Jahrzehnte beherrschte die Firma Huss die Karussellszene wie kaum ein anderer. Jetzt musste sie Insolvenz anmelden […] Über 750 Anlagen hat die Firma in alle Welt verkauft, allein der ‚Break Dancer‘ wurde seit 1985 rund 100 Mal ausgeliefert – Stückpreis damals: rund drei Millionen Mark.“(16)

Im Rahmen der Abwicklung einigte man sich auf eine neue Unternehmenskonzeption. Nach dem 1. Oktober 2006 wurden drei rechtlich unabhängige Firmen gebildet.
Die Huss Park attractions GmbH, zuständig für zukünftige Fahrgeschäfte.
Die Huss parts & service GmbH, um die 750 Fahrgeschäfte mit Ersatzteilen und Service zu versorgen, sowie die 2004 gegründete ungarischen Tochterfirma huss gépgyár kft mit Sitz in Budapest.(17)

© Margit Ramus

Dazu Schaustellergeschäfte im Archiv Kulturgut Volksfest:

Break Dance 1
Break Dance 2
Break Dance 3
Frisbee
Jumping
Ranger
Swing Around

(1)     Allgemeine Informationen von Website der Firma Huss-Rides: www.hussrides.com.
(2)     KR 1 u. 2, 1999, S. 38.
(3-7)  Bonhoff, Swing Around. In: KR 3, 1997, S. 29-31.
(8)     Bonhoff, Swing Around. In: KR 3, 1997, S. 33.
(9)     Ruisinger, Huss Rides. In: KR 83, 2004, S. 55.
(10)   Ruisinger, Troika Sternstunde der Planetenränder. In: KR 8, 1996, S. 14f.
(11-12)  Gespräch der Verfasserin mit Harry Knorrn in Bestwig im Juni 2004.
(13)   Bonhoff, Looping-Karussells. In: KR 3, 1998, S. 10.
(14)   Gespräch der Verfasserin mit Harry Knorrn in Bestwig im Juni 2004.
(15)   Schmitt, Huss-Umzug. In: KR 79, 2004, S. 5.
(16)   taz Nord Nr. 8038 vom 3. August 2006, S. 24, 115 TAZ-Bericht Jan Zier.
(17)   KR 2006.112, S.4.
Gespräch der Verfasserin mit Harry Knorrn in Bestwig im Juni 2004.
Gespräch der Verfasserin mit Gustav Schneider in Köln im Juni 2010.
Gespräch der Verfasserin mit Hans-Josef Schoeneseifen, im August 2011.
Gespräche der Verfasserin mit vielen ehemaligen Huss-Kunden, die jedoch nicht öffentlich genannt werden möchten.
Ramus 2013.

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