Schaustellergeschäfte A - Z

Break Dance 1

Break Dancer Dreher-Vespermann. Foto Anfrage 1998 © Heiko Schimanzik
Name des Projektes 19  Nr. 1 Break Dance 1
Typologische Bauaufgabe Rundfahrgeschäft
Bauform Rundbau
Baujahr und Bau Nr. 1985 / 49136
Hersteller Huss
Erstbemalung afaw
Dekorationsstil HIP HOP
Dekorationsthema  Amerikanischer Tanzfilm „Breakin´“
Bauherr / Inhaber Erika Dreher & Hans-Jürgen Zarnitz
ab 1993/94 Erika Dreher
aktuell Claudia und Andreas Vespermann

Der Auftraggeber des Prototypes des Projekt 19 „Break Dance 1“ war die Firma Erika Dreher & Hans-Jürgen Zarnitz aus Bremen im Jahre 1984.

Baugeschichte

1984 stellte der Chefkonstrukteur der Firma Huss, Karl Böhme, den Entwurf eines neuen Karusselltypus unter dem Namen „Projekt 17“ vor. Die ersten Skizzen sollen bereits 1980 angefertigt und 1981 als Patent angemeldet worden sein. (Schmitt KR 12 2000. S. 18)

Zunächst zeigten die Schausteller wenig Interesse für dieses Fahrgeschäft, da eine technische Weiterentwicklung des bereits 1958 gebauten Calypsos der Firma Heinrich Mack vermutet wurde. Obwohl die neue Konstruktion eher der des Hula Hoops, 1959 von Kaspar Klaus gebaut, ähnlich war. Beim Hula Hoop konnte die Drehscheibe des Karussells über einen zweifach ausfahrenden Hydraulikstempel um etwa zwei Meter zu einer Schrägstellung angehoben werden. Beim Calypso wurde dagegen die Drehscheibe über einen starren Schienenkranz angetrieben.
Trotz erstem Zögern entschied sich die Firma Erika Dreher & Hans-Jürgen Zarnitz aus Bremen nur wenige Tage nach der Präsentation zum Auftrag des Projektes 17.

Hans-Jürgen Zarnitz gab dem „Projekt 17“ den Namen Break Dancer, (mit r am Ende), der in Bezug zu dem gerade in den Kinos anlaufenden Film „Breakdance Sensation 84“ und dem dazugehörenden Soundtrack stand und eine neue akrobatische Tanz-Form thematisierte.
Zarnitz erarbeitete gemeinsam mit den TÜV München die technischen Feinheiten im Bewegungsablauf des Karussells. Die Firma Dreher-Zarnitz hatte auch bei der Dekoration viele eigene Ideen, die sie mit dem, in Bremen ansässigen „Atelier für angewandte Werbung“, kurz afaw genannt, umsetzte.

Plattencover Break Machine. © Archiv Ramus

 

Huss würde von dieser Anlage 69 Modelle bauen. Aber zunächst waren nur fünf Modelle vorgesehen. Eine Vorgehensweise, die sich bei Huss auch bei anderen Neuheiten als Regel etabliert hatte.

Baubeschreibung

Ein offener Rundbau, 20 Meter im Durchmesser, dessen Oberfläche nach hinten leicht ansteigt. Der hintere Bereich ist von einer halbrunden Rückwand mit aufgesetztem Schriftzug begrenzt. Darin ist ein Kassenhaus integriert. Das Zentrum bildet eine Mittelkonstruktion mit einer großen, schräg gestellten, zwölfeckigen Scheibe. Auf die Scheibe sind vier bewegliche Drehkreuzkonstruktionen mit Eisenkreuzen und je vier Fahrgastgondeln montiert. Ein breiter, mehrstufiger Treppenaufgang führt in die Umgangs- und Einstiegsebene, in der Sitzgitter für die wartenden Fahrgäste aufgestellt sind.
Erstaunlich viele Fahrvariationen sowie die Geschwindigkeit der drehbaren Scheibe und der Gondeldrehkreuze können manuell getrennt voneinander gesteuert werden. Daraus ergibt sich in Verbindung mit der schräggestellten Aufhängung das Hin- und Her- und das Auf- und Abschwingen, der sich um 360° drehenden Gondeln.

Dekoration

Wie bereits erwähnt übergab die Firma Dreher-Zarnitz die dekorative Gestaltung des neuen Karussells dem Atelier afaw. Bei vielen der folgenden Modell dieser Baureihe erkennt man eine individuell gestaltete Dekoration. An manchen Karussells lässt sich die Ergänzung der Dekoration in einem Zeitraum von mehr als drei Jahrzehnten verfolgen.

Das offene Rundfahrgeschäft wurde mit einer recht hohen Rückwand mit wellenförmigem oberem Abschluss nach hinten verschlossen. Der Film „Break Dance“ war nicht nur namengebend, sondern stand auch Pate für die Bildinhalte der Bildträger der Rückwand. Der in den USA gedrehter Film hieß im Original „Breakin´“ und erzählte das Leben einer jungen Jazztänzerin, die zwei junge Straßen-Breakdancer trifft, die ihr zum Durchbruch ihrer Karriere verhalfen.
Die Bemalung der Rückwand thematisierte das Leben auf den Straßen von New York. Dargestellt waren junge Leute vor den Kulissen New Yorks auf Skateboards. Schwarze oder Latinos tanzten in akrobatischen Tanzformen, wirbelten auf dem Kopf und trugen Hippe-Kleidung.
Ein besonderer Eye-Catcher der Rückwand bildete, der sich über dem Zentrum erhebende Schriftzug Break Dancer. Er war in zweiteiliger, schräger Anordnung  platziert, beleuchtet mit roten und gelben Kappenbirnen. Daneben nahm ein Breaker das Thema noch einmal auf.

Die Rückwand war – ausgenommen des Mittelfelds – durch eine Reihe kleiner strandkorbähnlicher Vordächer horizontal unterteilt. Die mit Unmengen von Leuchtkörper akzentuiert waren.
In den linken (?) Teil war die Kasse mit Fahrstand integriert.
Dem Zentrum der Mittelkonstruktion waren drei übereinander angeordnete, von innen beleuchtete Kugeln aufgesetzt. Sie drehten sich gegen die Fahrrichtung.
Vier Lichtständer mit sternförmig gestalteten Kartuschen mit aufgelegten Namenszügen grenzten das Karussell nach vorne ein.
Die Gondeln waren in den vier Grundfarben mit Silberstreifen gestaltet.
Wie bereits bei anderen von afaw dekorierten Geschäften, waren als individuellen Wiedererkennungs-Merkmal des Ateliers, alle Freiflächen der bemalten Fassade mit Sternen ausgefüllt.
Von Huss sollen für die Beleuchtung 30 kW vorgesehen worden sein. Nachdem der Realisierung aller Wünsche von Hans-Jürgen Zarnitz sollen allein 60 kW für die Beleuchtung benötigt werden. (Schmitt KR 12 2000. S. 20)

Nach einem Sturmschaden Ende der 1980er Jahre gab die Firma Dreher-Zarnitz eine neue Rückwand wieder bei afaw in Auftrag.
Auf den Abbildungen erkennt man die dekorativen Veränderungen. An der ehemaligen Thematik wurde festgehalten. Tanzende junge Leute dominieren vor der Kulisse von New York, auch die in Stein gemeißelten Köpfe von vier US-Präsidenten des Mount Rushmore in South Dakota sind zu erkennen. Die Farbgebung der Fassade wechselt von den bisherigen warmen gelben und rosa Tönen zu Mittelblau und Gelbtönen, die sich den einfarbigen blauen Dächern der Korbmarkisen anpassen.

Die Fahrgastgondeln wurden über einen längeren Zeitpunkt neu gestaltet. 2015 war die Restaurierung abgeschlossen.

1985, zur Osterwiese auf der Bürgerweide in Bremen wurde der erste Break Dance ausgeliefert und sofort Anziehungspunkt für das junge und auch etwas ältere Publikum.
Ralf Schmitt beschreibt in einem Artikel der Kirmes und Park Revue  ein Zusammenspiel von Bewegung, Beleuchtung und der Musik als Anziehungspunkt sowie dem gekonnten „Verzapfen eines Karussells“ als eine Sogwirkung auf die Fahrgäste. Er sieht in den fast rundum angebrachten Sitzgittern die längere „Verweildauer“ der jungen Leute auf dem Geschäft und betont die „Tuchfühlung“ in den engen Gondeln. (Schmitt KR 12 2000. S. 22)

Anmerkung der Verfasserin:
Als Schaustellerin, deren Eltern in den 1950er Jahren eine St Moritz-Bahn und ab 1962 die Jaguar-Bahn betrieben, und selbst in der Kasse groß geworden ist, erlaubt sie sich die Behauptung, dass das Zusammenspiel von Bewegung, Beleuchtung und der Musik als Anziehungspunkt wie eine Sogwirkung, bereits mit den ersten Kugelleuchten der St. Moritz-Bahn begonnen hat. Die minimale Beleuchtung wurden manuell, nach dem Rhythmus der deutschen Schlager und des Rock’n Rolls, aus und eingeschaltet.
Bereits Ende der 1950er Jahre wurde jedes Lied, für einen bestimmten Fahrgast mit Angabe der Fahrgastgondel-Nummer angesagt. Die kleinen schwarzen Platten wurden,  in zwei Sputniks (Plattenspieler) abwechselnd eingeschoben und meist nur angespielt. Es wurde auch Musikwünsche von Fahrgästen oder den umherstehenden Zuschauern erfüllt. Da hieß es z.B.:
Und nun spielen wir auf besonderen Wunsch eines jungen Mannes, für das blonde/braune oder rote Mädchen in Wagen Nr. 1: Pretty Woman.“

Dies wurde auch umgekehrt praktiziert. Dieser direkte Kontakt über das Mikrofon zu den Fahrgästen hatte sicherlich nichts gemein mit dem „Verzapfen eines Karussells“ der Gegenwart.
Der damaligen Art ein Karussell zu betreiben, kann man aber einen besonderen Reiz nicht absprechen. Sie trug ohne Zweifel zur Verweildauer der „jungen und alten KirmesbesucherInnen“ bei. Mehr noch, Karussells wie die Raupe, die Rakete und in Folge der Musikexpress entwickelten sich zu temporären Diskotheken und Treffpunkt aller jungen Leute der Region.
Dies belegen auch die Namen der Karussells wie z.B.  Musikexpress, Schlagerexpress, Hitparade oder Diskothek. Die Diskothek, die einzige ihrer Art von Mack gebaut war außerdem das erste Karussell, in dessen Rückwand zwei Kassen integriert waren. Links die Kasse mit Fahrstand und rechts eine Zweite, in der die Musik gemacht wurde.  Über der Kasse stand in großen Leuchtbuchstaben: „Sie wünschen — Wir spielen!“
Ohne Zweifel überstiegen damals in den 1950er, -60er und -70er Jahren die Anzahl der Menschen-Massen auf verschiedenen Karussells, sowie ihre Verweildauer auf dem Podium der genannten Geschäfte, die Anzahl und die Verweildauer der jungen Leute, die sich im Umgang der Fahrbahn eines Break Dancers aufhalten, bei weitem!
Nicht zu vergessen, die Tuchfühlung. Ein Pärchen kam sich bereits ab Mitte der 1920er Jahre auf der Raupe, nach der Schließung des Balgs, schon recht nah. Dies berichten auf jeden Fall noch lebenden Zeitzeugen. Später haben sich manche Verbindungen fürs Leben, während den stundenlangen Aufenthalten im Tunnel des Musikexpress oder Jaguar-Bahn angebahnt.
Diese Erinnerungen an die alte Zeit schmälern jedoch nicht, den absoluten und  verdienten Erfolg des Karussells Break Dance.

Provenienz und Verbleib

Im Jahre 1993/94 stieg Hans-Jürgen Zarnitz aus der Firma aus und der Break Dancer 1 wurde von Erika Dreher alleine weiter betrieben. Seit Mitte der 1990er Jahre wird das Geschäft von der Firma Claudia Vespermann geb. Dreher und ihrem Mann Andreas Dreher unter dem Firmenname Dreher-Vespermann GmbH & Co. KG Bremen geführt.

Hans-Jürgen Zarnitz bestellte 1993 einen neuen Breakdance. (Bau Nr. 59762). Im Winter 1993/94 baute Zarnitz einen Teil der Dekoration; Kugeln, Sterne und Schrift in Eigenarbeit.
Er verkaufte bereits nach der Saison 1997 an die Firma Camillo Franzelius aus Schkeuditz bei Leipzig, die noch gegenwärtig (2018) das Karussell betreibt.

© Margit Ramus

Hier geht es zur Liste der Baunummern des Projektes 17 Break Dance 1


Die Erst-Bemalung der einzelnen Anlagen erfolgte meist auf Wunsch der Auftraggeber/Inhaber und sind verschiedenen Ateliers und Künstlern zuzuschreiben.  Jeder Break Dance hatte von Beginn an seinen eigenen Charme. Beim Anklicken der bereits nach Maler sortierten Beiträge können Sie sich selbst überzeugen:

Schmitt, Ralf: Break Dance. In: Kirmes und Park Revue 12, 2000, S. 18-26.
Bonhoff, Hula Hoop. In: Kirmes und Park Revue 5, 1998, S. 19f.
Gespräche der Verfasserin mit Mark Schumburg in den Jahren 2009 – 2016.

 

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