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Heyn

Firmendaten FRIEDRICH HEYN, Caroussell-Pferde und Kunstfiguren-Fabrik >> Caroussel Fabrik Friedrich Heyn. 1870-1959.

In den bisher erschienenen Publikationen – zum Beispiel auch von Florian Dering – wird Friedrich Heyn immer als Begründer der deutschen Karussellindustrie gesehen. (Dering 1986. S. 58) Treffender ist es, ihn als ersten und ältesten Vermarkter von geschnitzten Karussellpferden und Zulieferer von Karusselldekorationen zu nennen.

Nach dem Konkurs des letzten Firmeninhabers Arno Ebert im Jahr 1959 sollen alle Geschäftsunterlagen und Zeichnungen verbrannt worden sein. Jedoch sind einige wichtige Fakten überliefert.
Im Jahr 1870 gründete der Zimmermann Friedrich Heyn in Molbitz bei Neustadt eine „Caroussell-Pferde und Kunstfiguren-Fabrik“. Bereits in der frühen Periode wurde Heyn aufgrund seiner Kutschen, Gondeln und kunstvoll gearbeiteten Dresdner Pferde über die Grenzen Deutschlands bekannt. (Köpp 1992. S. 27)

Friedrich Heyn wird auch in fast allen englischen, amerikanischen und französischen Publikationen für seine in die ganze Welt exportierten, „Dresdner Pferde“ und sonstigen „Les animaux de manège“ als Virtuose dargestellt. Fabienne und François Marchal bezeichnen seine Skulpturen als „L’êcole Alemande“. In ihrer Publikation heißt es:

„Cette initative constitue le point de départ d’une florissante industrie qui propulsera Heyn á la téte d’une entreprise dont la reputation ne tardera pas á dépasser les frontiéres, entainant une exportation des productions dans toute l’Europe.“ (Marchal 2002. S. 172)

Von der Anzahl der gegenwärtig auf alten Karussells der Jahrhundertwende noch vertretenen sogenannten Besatzung ausgehend, muss sich der Betrieb damals schnell entwickelt haben. 1884 wurde ein Zeitungsartikel über Friedrich Heyn in der Fachzeitschrift „Komet“ veröffentlicht:

„Die vorzügliche Ausführung der Arbeit schaffte ihm immer mehr Kundschaft, und unter Mithilfe seines für das Bildhauerfach besonders befähigten Sohnes hat sich das Geschäft derart entwickelt, dass jetzt mehr als 30 Arbeiter nöthig sind, die aus allen Teilen Deutschlands, aus Frankreich, der Türkei, Amerika etc. eingehenden Bestellungen auszuführen. Im Juni 1884 ging das 1000. Stück an Schausteller Fritz Bruch in Düsseldorf und wurde deshalb in festlichem Zug nach dem hiesigen Bahnhof befördert.“ (Komet 1884/33)

Erik Stephan, der die Geschichte des Karussellbaus in Neustadt an der Orla recherchierte, schreibt, dass Friedrich Heyn 1884 seinen Firmensitz von Molbitz nach Neustadt verlegte. (Stephan 1992. S. 15-26) Dieser Zeitangabe widerspricht eine Anzeige im „Komet“ aus dem Jahr 1887, in der Heyn Molbitz als Standort seiner Firma offeriert. Die Anzeige belegt aber auch, dass Heyn sich bis zu dieser Zeit ausschließlich als Hersteller von Karussellpferden und Kunstfiguren präsentierte. Heyn verlegte demnach seinen Betrieb frühestens nach 1887 nach Neustadt in die Triptiser Straße und überließ seine Werkstätte in Molbitz seinem ehemaligen Mitarbeiter Karl Müller.  Dieser hatte sich 1884 als Holzschnitzer von Karussell-Besatzungsteilen selbstständig gemacht. (Stephan 1992. S. 18)

Bereits 1887 wirbt Friedrich Heyn über einen Agenten in dem Pariser Firmenverzeichnis Bottin (Stadler 2009. S. 7) für seine Arbeiten. Die Frage, wann Heyn mit dem Bau ganzer Karussells begonnen hat, kann nicht genau beantwortet werden. Ohne Zweifel wurde dafür erhebliches Betriebskapital benötigt. Dass Heyn einen Investor in seine expandierende Firma aufnahm, belegt eine Anzeige des „Großherzogl. Amtsgericht“ von 1893.

Darin wird bekannt gegeben, dass Osmar Traugott Heyn als gleichberechtigter Mitinhaber der Holzfigurenfabrik Friedrich Heyn in das Handelsregister eingetragen wird. Die These wird bestärkt durch den Auftrag für ein Bodenkarussell von Louis Vespermann aus Jübek, Kreis Schleswig, aus dem Jahr 1893. Das Karussell wurde mit höchst aufwendiger Dekoration ausgestattet und wird zweifelsfrei Heyn zugeschrieben. In der Folge baute Heyn eine Vielzahl von Boden- und Hängekarussells (Ramus 2013. Kat. Nr. 03), Schiffschaukeln, Krinolinen (Ramus 2013. Kat. Nr. 06) sowie Berg- und Talbahnen (Ramus 2013. Kat. Nr. 26; 27).

Nach dem Ersten Weltkrieg konstruierte Heyn, möglicherweise als Pendant zu den Schiffskarussells von Haase und Bothmann (Ramus 2013. Kat. Nr. 01), ein Karussell, dessen zweisitzige Gondeln als Segelboote gestaltet über Wellenberge in schneller Fahrt ihre Runden drehten. Die Boote trugen zur Namengebung des Karussells als Seesturmbahn (Ramus 2013. Kat. Nr. 26) bei.

Schlickerbahn oder Zugspitzbahn (Ramus 2013. Kat. Nr. 27) wurde eine weitere Variante der Berg- und Talbahn genannt, bei der die Gondeln nicht aufgesetzt, sondern am Schienenkranz eingehängt wurden und bei schneller Fahrt nach außen pendelten. Beide Bautypen wurden in den 1980er Jahren auch von Heinrich Mack gebaut und sind bis heute auf deutschen Volksfestplätzen präsent.

Im Jahr 1937 entwickelte Heyn eine Raketenbahn (Ramus 2013. Kat. Nr. 28), die auch von Gundelwein und später in Köln von der Firma Achtendung angeboten wurde. Der Durchbruch dieser neuen Form und Funktion eines Karussells ohne Überdachung mit Verzicht auf diverse Bildträger und sonstige Dekorationselemente erfolgte jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

1884 war in einem Artikel im „Komet“ über die Firma Friedrich Heyn, „ein besonders im Bildhauerfach talentierten[r] Sohn“ (Komet 1884/ 33) erwähnt worden. Ob dieser Sohn irgendwann die Firma übernommen hat, ist nicht bekannt. Aufgrund der Teilung Deutschlands und den daraus resultierenden Problemen in der Materialbeschaffung schloss Arno Ebert 1959 die Firma. Sie behielt bis zum Ende den Namen: „Caroussel Fabrik Friedrich Heyn“.

Noch gegenwärtig sind viele der Karussells von Heyn auf deutschen Volksfestplätzen präsent. Zu den bekanntesten gehören das Bodenkarussell von Vespermann (Ramus 2013. Kat. Nr. 03) sowie die Zugspitzbahn der Firma Menzel (Ramus 2013. Kat. Nr. 27), die noch immer auf dem Münchner Oktoberfest in Betrieb ist.

© Dr. Margit Ramus

Ramus 2013. S. 79.
Dering 1986.
Stephan 1992.
Köpp 1992. S. 27.
Stadler 2009.
Marchal 2002. L’art forain,
Komet 1884/33. In: Dering 1986. S. 58.
Gespräche der Verfasserin mit dem Heimatmuseum Neustadt 2002

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