Kunsthistorische Betrachtung der Dekorationen A - Z

Dekorationen der 1990er Jahre bis zur Gegenwart

Im folgenden Jahrzehnt ergeben sich noch einige technische Modifizierungen der Offenen Rundfahrgeschäfte durch die Firma Heinrich Huss. Die Dekorationen wurden teilweise von afaw, von Göhlert, aber überwiegend von Courtois festi decor ausgeführt.

Im Jahr 1992 stellte die Firma Dreher-Zanitz auf dem Hamburger Dom ihr neues Karussell Mega Dancer (Ramus 2013. Kat. Nr. 87) aus dem Hause Huss vor. Die Bemalung einer bunt angelegten Szenenfolge junger tanzender Leute erfolgte im Atelier von Courtois. Ein weiteres Modell dieser Baureihe erhielt die Firma Oscar Bruch. Sie wählten den Namen Rock’n’Roller und eine dementsprechende amerikanisierte Thematik der 1950er Jahre.

1993 entstand bei Courtois – inzwischen von Courtois festi decor übernommen – die Rückwandgestaltung der Baureihe Take Off. (Ramus 2013. Kat. Nr. 89) Das Zentrum dominiert eine Gruppe junger Skater. Rechts und links schlossen sich einzelne Personen oder Gruppen in unterschiedlichen Bewegungsabläufen an.
Mit dem Einzug des Motivs der Skater wird auch der Einfluss der Street Art auf die Schaustellermalerei intensiver. Sie hat sich spätestens in den 1990er Jahren als Kunstform etabliert, die die Jugend anspricht.
Die Bewegung wurde auch namengebend für das Karussell Take Off. Der Name ist der Rückwand aufgesetzt und in Form einer Ellipse gestaltet. Er korrespondiert mit den ebenfalls ellipsenförmigen Lichtständern, die die Eckpunkte des Karussells betonen. Die Gestaltung der Namenszugs und der Lichtständer erinnert immer noch an die Kartuschen der frühen Karussells. Ein Vergleich mit den Initialen von Herrschern an Schlössern ist möglich. Bei genauer Betrachtung ist die Gestaltung auch mit den Vorhangmotiven und Draperien früherer Schaustellergeschäfte zu verbinden.

Mit dem Booster des Jahrs 1998 wurde die Reihe der Offenen Rundfahrgeschäfte deutscher Hersteller abgeschlossen. Wieder führte Courtois festi decor die Bemalung der Rückwand aus. Das Motiv der Raute, das schon in den 1960er Jahren häufig die Autoskooter schmückte, wird wieder aufgegriffen. Damals war sie Teil geometrisch angelegter Fassaden, nun wurde sie als Beleuchtungsmodul in eine Science-Fiction-Szenerie auf der Rückwand eingebaut.

Vor einem stahlblauen Hintergrund vollführen leicht bekleidete weibliche Führerinnen futuristischer Himmelskörper eine Zeitreise durch das All.
Courtois festi decor malte auf die Bildträger der Rückwand comicartige Figuren und setzte idealisierende, erotische Frauengestalten dazu. Ein leuchtend buntes Farbenspektrum – was den Eindruck eines explodierenden Feuerwerks am Himmel erweckte. Die Farben liefen teilweise ineinander und boten einen idealen Hintergrund für die zahlreichen kleinen dargestellten Szenen im All. Auch hier ist ein Vergleich mit James Rosenquist möglich.

Heinrich Huss hatte neben diesen Karussells noch einige andere Bauformen der Gruppe Fahrgeschäfte entwickelte, so 1990 eine technisch abgewandelte Form der Riesenschaukel in Skelettbauweise. Beim ersten Modell der Firma Bausch malte Courtois bizarre Formen und Linien in kräftigen Farben und setzte in die tosenden Wirbel zwei einzelne Surfer. Leuchtendes Violett, Blau, Gelb und Weiß dominieren im Farbauftrag die gesamte Dekoration. Über einem wellenförmigen Abschluss, ausgefüllt mit Kappenbirnen, wurde der Name der Schaukel Top Spin N° 1 (Ramus 2013. Kat. Nr. 84) aufgestellt. 1994 folgte eine Anlage, deren kreisrunde Riesengondel den Namen Frisbee (Ramus 2013. Kat. Nr. 89) erhielt. Die Dekoration wurde von afaw ausgeführt.

1996 folgte noch einmal ein skelettbauartiges Flugkarussell, Jumping genannt. (Ramus 2013. Kat. Nr. 90) Die Rückwand wurde im Atelier Göhlert gearbeitet.
Farblich überwiegen die Grundtöne Rot, Gelb, Blau und Grün. Thematisiert wurden Bewegungsabläufe des Springens, Hüpfens und Fliegens. Rautenförmige Lichtkästen schlossen die Fassade nach oben ab. Die Raute zeigte sich in allen Dekorationselementen, zum Beispiel in der Form der Lichtständer, als Kassenbekrönung und auch in der Gestaltung der Schrift. Gleich zwei Schriftzüge – mit sehr eckig strukturierten Buchstaben – waren der Rückwand rechts und links aufgesetzt.

Abschließend kann zu den Rundbauten gesagt werden, dass die neuen Offenen Rundfahrgeschäfte von Heinrich Huss, die sich in ihren Fahrweisen und Gondelmodellen unterschieden, interessante Namen wie zum Beispiel Mega Dancer, Rock’n’Roller oder Take Off erhielten. Mit dem Booster wurde 1998 die Reihe der Offenen Rundfahrgeschäfte deutscher Hersteller abgeschlossen. Die Dekorationen wurden von afaw, Göhlert oder Courtois, ab 1993 von Courtois festi decor durchgeführt. Aufgegriffen wurden alle bereits bekannten Themen. Neu sind die Themen der Skater und Surfer.

Der Skelettbau des Power Towers II (Ramus 2013. Kat. Nr. 92), der Ende der 1990er Jahre von der Firma Maurer & Söhne gebaut worden war, benötigte aufgrund seiner Funktionalität eigentlich keine zusätzliche Dekoration. Aber der Bauherr wünschte die Betonung eines repräsentativen Eingangs. Dafür wurde das Thema einer Hotelrezeption gewählt. Beauftragt wurde afaw. Der im dortigen Atelier arbeitende Künstler Maciej Bernhardt führte die Arbeiten aus.
Dem flachen Kassenhaus wurde ein kleiner Rundgiebel aufgesetzt. Darin ist das große Ziffernblatt einer Uhr angebracht. Der Weg zur Einstiegsebene führte die Fahrgäste an imaginären Räumen und Hotelfenstern vorbei. Prominente Personen des öffentlichen Lebens sind in humorvollen Szenen fotorealistisch auf den Bildträgern der Sockelzone dargestellt.

1996 wurde bei afaw die erste Schmuckdachkante eines Autoskooters gemalt. Die Auftraggeber, die Familie Hans-Josef Schoeneseifen, wählten ein Retrodesign für die Gestaltung ihres Autoskooters. Zur Erinnerung wird noch einmal das Zitat von Dering eingefügt, in dem er die direkte Nachkriegsdekoration 1947 beschreibt:

„Hier spürt man geradezu die Begeisterung über die plötzlich zugängliche amerikanische (Film-)Kultur. Wolkenkratzer, Straßenkreuzer […]“428

50 Jahre später sind auf einer Schmuckdachkante wieder amerikanische Straßenkreuzer, Filmklassiker wie „Casablanca“ mit Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart, Hollywood-Schönheiten wie Marilyn Monroe oder der legendäre Alfred Hitchcock zu sehen.
Neben den Sternen am Filmhimmel der 1950er/60er Jahre füllen viele kleine gemalte Sterne als Markenzeichen von afaw den Hintergrund. Amerikanische Begriffe wie Super Sound oder Cadillac rundeten das Bild ab.
An dieser Malerei wird die in den 1990er Jahren aufgegriffene Begeisterung für die „Happy Fifties“ deutlich. Daneben verloren die älteren Mack-Anlagen nichts an Attraktivität, wie einige Aufnahmen auf großen Volksfesten der letzten Jahre beweisen.

Mit einigen Abbildungen der jüngsten Vergangenheit möchte die Verfasserin noch einmal den Musikexpress der 1960er Jahre in Erinnerung bringen. Über vier Jahrzehnte gehörte er zu den beliebten Karussells der Volksfestplätze.

Ein seit vielen Jahren erfolgreiches Dekorationsthema begeisterte auch nach der Wende zum 21. Jahrhundert die Konstrukteure, Maler und Besucher. Andreas Dietz verwandelte im Auftrage von Geno Distel dessen Laufgeschäft in ein Lach+Freu-Haus. (Ramus 2013. Kat. Nr. 95) Die Fassade des Hauses erweckt den Eindruck eines kunterbunten, stark renovierungsbedürftigen alten Bauernhauses. Der Giebel ist mit grün gestrichenen Holzdielen verkleidet. Das recht wackelig anmutende Balkongeländer ist mit Blumen, Girlanden und plastischen Lebkuchenherzen geschmückt. Dazu passen die in leuchtenden Farben kolorierten Fensterläden der kleinen viersprossigen Fenster, die scheinbar nur noch an seidenen Fäden recht schief an der Wand hängen.

Neben vielen anderen thematischen und formalen Gestaltungen der Lauf- und Belustigungsgeschäfte präsentierte Karl Häsler 1992 ein für ein Volksfest außergewöhnliches „Theater der Sinne“. Häsler nannte seine Anlage, in der mit der Wahrnehmung der Sinne gespielt wurde, Sensorium. (Ramus 2013. Kat. Nr. 88) Es handelte sich um eine computergesteuerte Licht- und Lasershow, die in Zusammenarbeit mit dem Lichtdesigner Ralf Spitra entwickelt worden war. Es war eine Kombination von Video, Laser, Wasser, Ton und zusätzlichen Spezialeffekten. Einem Zelt von 600 Quadratmetern Grundfläche wurde eine kulissenartige Fassade vorgestellt. Die Gestaltung erfolgte durch das Atelier Göhlert.
Auf der futuristischen, surrealen, monochromen Fassade in leuchtendem Mittelblau waren die fünf Sinne dargestellt. Das Zentrum bildete der Kopf mit Augen zum Sehen, der Nase zum Riechen und dem Mund zum Schmecken. Die an dem kurzen Torso angebrachten Greifarme dienten zum Fühlen. Ein einzelnes Auge stand wiederum für das Sehen, ein Buch für die Wahrnehmung. Die Sensoren, mit denen die Eckpunkte der Fassade abschließen, standen für das Hören. Daneben verrann mit der fließenden Uhr von Dali die Zeit.

Eine ebenfalls ungewöhnliche Thematik erfüllt die Anlage der Firma Kinzler, die von Andreas Dietz gestaltet wurde. Omni (Ramus 2013. Kat. Nr. 88) zeigt optische Täuschungen und technische Raffinessen auf allerhöchstem Niveau. Über eine zweiläufige Freitreppe gelangt man ins Innere der Anlage. Die Treppe ist mit einem herauskragenden Vordach überspannt, das von drei Säulen getragen wird und an einen Laubengang erinnert. Die Fassade wird mit dem Namen abgeschlossen, dessen einzelne Buchstaben auf quadratische Unterlagen montiert sind. Nicht nur im Inneren der Anlage wird der Besucher mit seltsamen Bildern und Eindrücken überrascht, sondern bereits an der Fassade zeigt sich, dass der Mensch die Dinge oft anders sieht, als sie sind. Das menschliche Gehirn verändert das physikalische Bild in ein für den Menschen brauchbares Bild. Die Idee zur neuen Anlage entstand durch die Darstellungen seltsamer Figuren von Maurits Cornelis Escher, ein niederländischer Künstler und Grafiker. Seine bekanntesten Werke sind optische Täuschungen und perspektivische Unmöglichkeiten.

Die 1990er Jahre waren auch die Zeit der großen Indoor-Schienenbahnen. Harry Knorrn erhielt Anfang des Jahrzehnts den Auftrag zur Gestaltung der Anlage Magic Mountain.
Bereits der Name regte zu der Darstellung eines geheimnisvollen Zauberbergs an. In einen Krater, der von Felsbrocken umgeben war, wurden die Menschen gelockt – niemand kehrte zurück. Knorrn konnte seine surrealistische Neigung hier voll ausleben. (Ramus 2013. Kat. Nr. 85)
1997 bekam Harry Knorrn noch einmal die Gelegenheit, die Fassade des Magic Mountains in eine intergalaktische Fantasiewelt als Star World umzuarbeiten.
Im Winter 2006/07 wurde für die gegenwärtige dekorative Gestaltung der Anlage zum Höllenblitz das Künstlerehepaar Maciej und Maria Bernhardt gewonnen. (Ramus 2013. Kat. Nr. 96)

Zusammenfassend lässt sich für die 1990er Jahre feststellen, dass die großen Rückwände der Offenen Rundfahrgeschäfte weiterhin mit vielfigurigen Szenen bemalt werden. Die wichtigen Künstler bleiben das afaw-Team und Courtois.
Als neue Sujets der Bildinhalte etablieren sich die Surfer- und Skaterszenen sowie die neue Science-Fiction-Thematik mit zunehmend erotischen Darstellungen leicht bekleideter weiblicher Führerinnen der futuristischen Himmelskörper.
Wie das Beispiel des Autoskooters zeigt, findet sich auch die neue Begeisterung für die 1950er Jahre in den Bildprogrammen wieder.

Mit den 1990er Jahren neigte sich die zweite Blütezeit im deutschen Karussellbau dem Ende entgegen. Nur die Lauf- und Belustigungsgeschäfte wurden immer wieder umgestaltet und fanden ein großes Interesse bei den Besuchern der Volksfestplätze.

© Margit Ramus

Ramus 2013.
Gespräche der Verfasserin mit Klaus Hriesek afaw (Ateleier für angewandte Werbung)

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