Kunsthistorische Betrachtung der Dekorationen A - Z

Dekorationen der 1980er Jahre

Eine Veränderung der Dekorationen der 1970er Jahre erfolgte in den 1980er Jahren nicht schlagartig.
Zunächst malte Harry Knorrn noch alle neuen Konstruktionen von Wilhelm Huss, zum Beispiel die Rückwand der Überkopfschaukel Ranger. (Ramus 2013. Kat. Nr. 72)
Form und Funktion dieses Fahrgeschäfts gaben die Vorgabe, dass bereits oft angewandte Thema Weltraum umzusetzen. Bei einigen Modellen von Schäfer malte Harry Knorrn ein heftiges Treiben im All, verschiedene Raumschiffe und schwebende Astronauten, die sich dem Mars nähern. Auf den Ausleger der ersten Modelle der Baureihe sind ellipsenartige Lichtfelder mit unzähligen Birnen aufgelegt. Sie verjüngen sich nach oben und münden in eine riesige Sonne. Das Zentrum der Drehkonstruktion wird mit einem Emblem, auf dem der Name Ranger steht, betont.

1982 konstruierte Huss einen Nachfolgebau des Rangers, den Rainbow. (Ramus 2013. Kat. Nr. 76)

1983 malte Harry Knorrn die Rückwand des Fliegenden TeppichsTausend und eine Nacht. (Ramus 2013. Kat. Nr. 77) Er malte die Bildträger in seiner für ihn charakteristischen Manier und thematisierte die orientalische Märchenwelt aus „Tausend und eine Nacht“. Knorrn verzichtete auf die getreue Wiedergabe des Gegenständlichen in Form und Farbe. Er steigerte die Ausdruckskraft der ungebrochenen, klaren, kräftigen Farben auf den großen Flächen der Rückwand. Die Fahrgastgondel ist der Form des legendären Fliegenden Teppichs nachempfunden. Die Kasse war mit einem Zwiebeldach gedeckt.

Noch im gleichen Jahr malte Harry Knorrn die Vorhangfassade der Fantastischen Reise ( Ramus 2013. Kat. Nr. 78) für Friedel Finnendahl aus Bremen. Dem Bau war eine gigantische Vorhangfassade vorgesetzt, die die zwei Stockwerke und das Stahlgerippe einer Schienenbahn im Inneren nur bedingt verbarg. Im Zentrum der Fassade führten die Hängegondeln in einem geschlossenen Schienensystem durch zwei Öffnungen aus dem Bau heraus und sofort wieder hinein.

Harry Knorrn berichtete der Verfasserin, dass seine Zeit Mitte der 1980er zu Ende gewesen sei, als Klaus Hriesek mit seinem Team begann, die Fassaden von Schaustellergeschäften zu gestalten. Dem Atelier für angewandte Werbung – kurz afaw genannt – gelang es, kulissenartige Fassaden in die geschlossene Szenendarstellung einzubauen.

1984 stellte die Firma Huss mit dem Break Dancer (Ramus 2013. Kat. Nr. 81) eine technische Weiterentwicklung des bereits 1958 gebauten Calypso der Firma Heinrich Mack vor.
Der erste Bauherr wählte den Namen Break Dancer, der in Bezug zu dem gerade in Kinos anlaufenden Film „Breakdance Sensation 84“ stand und eine neue akrobatische Tanzform thematisierte. Bei diesem Karussell kann die Ergänzung der Dekoration – die im Katalog ausführlich bearbeitet wird – in einem Zeitraum von drei Jahrzehnten verfolgt werden.

Das erste Modell dieser Baureihe wurde bereits mit einer hohen Rückwand mit wellenförmigem oberem Abschluss nach hinten geschlossen. Der Film Break Dance war nicht nur namengebend, sondern stand auch Pate für die Bildinhalte der Bildträger der Rückwand. Klaus Hriesek erhielt den Auftrag zur Gestaltung.

Vor den Kulissen New Yorks tummeln sich junge Leute auf Skateboards. Schwarze oder Latinos tanzen in akrobatischen Tanzformen und wirbeln auf dem Kopf. Die Bildinhalte standen in engem Bezug zur „Rock Steady Crew“, eine der ersten Hip-Hop-Crews, die sich 1977 als Break Dancer in der New Yorker Bronx gegründet hat. Über dem Zentrum erhebt sich in zweiteiliger, schräger Anordnung der Name Break Dancer, beleuchtet mit roten und gelben Kappenbirnen. Daneben ist die Plastik eines jungen Breakers platziert.

Heinrich Huss konstruierte als Folgebauten des Break Dances technisch differenzierte Anlagen der gleichen Bauform. Für die vorliegende Arbeit sind die unterschiedlichen Fahrweisen und Fahrgastgondelmodelle irrelevant. Kunsthistorisch interessant ist dagegen, dass gleich mehrere bildende Künstler an diesen Baureihen arbeiteten.

Die Firma Clauß erhielt 1987 eines der neuen Offenen Rundfahrgeschäfte der Firma Huss und entschied sich für den Namen Playball. Das Atelier Göhlert wurde mit der Gestaltung der Rückwand beauftragt. Als Bezug zum Namen Playball wurde das Ballspiel thematisiert. Einzelne Szenen aus Sport und Spiel sowie populäre Ballsportler waren zufällig angeordnet dargestellt. Im Zentrum agierten Tennisspieler.

Ein weiteres Modell erhielt die Firma Kinzler, die den Namen Flipper (Ramus 2013. Kat. Nr. 82) übernahm, unter dem das Karussell in der Planungsphase geführt worden war. Das gewählte Dekorationsthema stand in Verbindung zu den in den 1950er Jahren aufkommenden Flipper- Spielautomaten. Im Zentrum der Rückwand stand ein Flipperautomat, an den eine leicht bekleidete Dame und ein junger Mann in Lederjacke gelehnt sind. Für die Bemalung der Rückwand konnte der Franzose Jacques Courtois gewonnen werden.

Vergleicht man die beiden Arbeiten von Göhlert und Courtois, ist beim Playball der Augenblick der Bewegung eingefangen worden. Warme Farben unterstreichen verschiedene Arten von Sport und Spiel und ziehen den Betrachter in die Wettkämpfe. Die Bemalung der Rückwand desselben Modells, Flipper genannt, ist dagegen statisch. Sie stellt zwei Personen ins Zentrum. Obwohl die vielen Pfeile Bewegung suggerieren sollen, springt davon nichts auf den Betrachter über.

1989 entwickelte die Firma Huss wieder ein Karussell in Skelettbauweise. Die Bauherren wählten unterschiedliche Namen, jedoch dasselbe Dekorationsthema. Aus kunsthistorischer Sicht ist ein Vergleich der Herausforderungen, die an zwei Maler gestellt worden sind, zu untersuchen. afaw gestaltete die Dekoration des Magics, Jacques Courtois die Anlage Circus Circus.

Die kulissenartige Gestaltung der Rückwand beider Anlagen führt den Betrachter in eine Zirkusmanege. Zirzensische Darbietungen wurden in Bildträgergruppen dargestellt. Die einzelnen Szenen wurden mit gemalten Schabracken und konkav geschwungenen Lichtleisten gerahmt. (Ramus 2013. Kat. Nr. 83)
Bei afaw wurde ein buntes Treiben im Zirkuszelt mit einer Vielzahl von Akrobaten in leuchtend bunten Farben dargestellt. Auf eine perspektivische Anordnung wurde weitgehend verzichtet.

Courtois dagegen strukturierte nach den klassischen Grundlagen der Bildgestaltung. Im Vordergrund füllen die Artisten mit einer Trapeznummer das Mittelfeld der szenischen Darstellung aus. Am unteren Bildrand ist die Bande der Manege zu sehen. Auf ihr sitzt in der linken Bildhälfte ein Narr, der den spektakulären Auftritt der Trapezkünstler amüsiert beobachtet. Hinter der Bande sind zurückgesetzt die Zuschauer angeordnet. Scheinwerfer beleuchten die ersten Reihen des Zuschauerraums. Im Hintergrund verschwinden die übrigen Besucher in diffusem Licht. Courtois’ Motivwahl erinnert an Edgar Degas, der Haltung und Bewegung seiner Protagonisten von Ballettszenen scharf beobachtet wiedergab und die Randfiguren oft wie mit einem Schleier verhüllte. Im Unterschied zu Degas Bildern verwendet Courtois die – für ihn charakteristische – sehr tiefenräumliche Darstellung mit einer leuchtenden, beinahe schillernden Farbigkeit. Gezeigt wird der Moment der höchsten Anspannung, wenn beide Artisten ihr Trapez verlassen und quer durch die Zirkuskuppel fliegen. Da die schwingenden Trapeze optisch mit den strahlenden Scheinwerfern verschmelzen, scheinen die beiden Protagonisten zu schweben.

In den nächsten Jahren setzt sich die Malweise von Courtois durch und wird von ihm wie auch von den afaw-Künstlern und anderen Kollegen weiterentwickelt, wie am Beispiel von zwei Rückwänden des gleichen Bautyps veranschaulicht werden soll.

Die Rückwände der beiden Break Dancer zeigen riesige Malereien, in denen unterschiedliche Szenen der Popkultur und amerikanische Skylines der 1990er Jahre nebeneinandergestellt und zu einem großen Bild zusammengefügt sind. Während bei afaw die Einzelszenen teilweise durch Rahmen getrennt und die Hintergrundflächen durch Farbkontraste gegeneinander abgesetzt sind, verschmelzen bei Courtois die Szenen durch fließende Farbverläufe im Hintergrund zu einer Einheit – wie es in der Kunst auch bei James Rosenquist zu sehen ist.

Diese vielfigurigen Bilder erinnern nicht zuletzt durch ihre Form an Panoramen. Stilistisch sind die Bildinhalte eine Zusammenstellung aus Elementen von Surrealismus, Pop Art, Comic und Street Art, wie es auch in der Malerei der Neuen Leipziger Schule zu beobachten ist. Beispielhaft sei hier auf den magischen Realismus von Neo Rauch hingewiesen. In dessen Bildern in leuchtend bunten Farben sind oft die Figuren in sich überlappenden Räumen dargestellt.

Mit den neuen Lauf- und Belustigungsgeschäften hatte bereits in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre ein Rückgriff auf ein Volksfestvergnügen begonnen, das seinen Anfang schon in den frühen 1920er Jahren verzeichnen kann. Nach den zuvor vorgestellten Dekorationsthemen Bayrisches Gaudi und Welt der Maya und Pharaonen folgten die Themen den Klischees von Orient, amerikanischen Südstaaten, den Horror- und Geistergeschichten sowie aktuellen Romanen und Filmen.

Die Fassade des Lachenden Orients schmückt eine kulissenartig angelegte orientalische Stadtansicht. Im Vordergrund sind einige in landestypischer Tracht gekleidete Personen platziert. Palmen und Sträucher runden das Bild ab. Die Konturen der Zwiebeldächer sind mit kleinen Glühbirnen akzentuiert.

Die Vorlage für die Dekoration der Anlage der Schaustellerfirma Schütze lieferte der Horrorfilm „Nosferatu“. Thematisiert wurde der Einbruch des Unheimlichen in den Alltag der Erdbewohner. 1991 wurde die Fassade umgestaltet. Wieder wurde der Horror dargestellt.

1983 erwarb die Firma Müller die erste dreistöckige Anlage. Der legendäre Mississippi-Dampfer galt als Vorlage für das Showboat. (Ramus 2013. Kat. Nr. 74) 1984 folgte die Anlage Psycho. (Ramus 2013. Kat. Nr. 74)
Es ist zu bemerken, dass bei Lauf- und Belustigungsgeschäften in erster Linie die Priorität auf die Gestaltung der Fassade gelegt wurde. Aber nichtsdestoweniger entschieden die Qualität und die Vielzahl der Effekte im Inneren über den Erfolg einer ausreichenden Besucherzahl. Dies ist jedoch nicht Gegenstand dieser Arbeit.
Mit dem einfachen rechteckigen Baukörper des Psychos mit flacher Vorhangfassade gelang den Konstrukteuren eine illusionistische Darstellung eines dreistöckigen „Südstaatenhauses“ mit Mezzanin, Giebelgauben und einer Portalarchitektur mit kannelierten Kolossalsäulen, die mit einem Dreiecksgiebel überspannt war.

1987 konzipierte die Firma Dietz ein transportables Inferno nach den Wünschen ihres Auftraggebers, der Firma Müller aus Hanau. Der Film „Erdbeben“ brachte die Idee auf den Weg. Ein simulierter Fahrstuhlabsturz und andere Effekte waren hinter der Vorhangfassade des Belustigungsgeschäfts Inferno (Ramus 2013. Kat. Nr. 74) verborgen. Die verschiedenen Ebenen wurden durch die Wolkenkratzerkulisse verdeckt. Rechts war über der Kasse die Freiheitsstatue und links war „King Kong“ aufgestellt.

Auch der klassische Rundbau der Kinderkarussells erlebte in diesem Jahrzehnt eine formale und konstruktive Veränderung. 1983 baute Willi Dietz die erste Kinderschleife. Märchen werden durch Fantasiefiguren abgelöst. In den nächsten Jahren wird eine ganze Baureihe dieser neuen formalen Kinderkarussells gebaut.

Nachfolgend sind drei Autoskooter mit einer für die 1980er Jahre typischen Dekoration abgebildet. Im Vergleich zu den 1970er Jahren tritt die Beleuchtung wieder in den Hintergrund, die Farbigkeit wird stärker, die Fächerformen werden variiert. Wie bereits erwähnt, sind die Farbfächer auch bei dem amerikanischen Künstler Frank Stella zu finden. Interessant ist, dass diese Kompositionen bei den Autoskooter bis zur Gegenwart geläufig sind. Gleichzeitig haben sich die grafischen Farbfelder aber auch in der Kunst über viele Jahrzehnte einen Platz geschaffen, wie Arbeiten von Michel Majerus oder Franz Ackermann zeigen.

Gleichzeitig gibt es Formen wie bei Abbildung 372, bei denen die Dachkante mit halbrunden und dreipassartigen Verbindungsfeldern gestaltet ist. Sie orientieren sich wieder an den neubarocken Kartuschen der Schaustellergeschäfte der Vorkriegszeit.

Ab den 1970er Jahren gab es eine Expansion an außergewöhnlichen und individuellen Dekorationen von Verkaufs- und Spielgeschäften. Neben den bereits bekannten Dekorationsthemen wurden in den 1980er Jahren einige Sonderformen entwickelt. Nicht selten galt, dass die Ausstattung des Geschäfts das Produkt darstellte sollte. Heinrich Mack baute 1986 einen Riesen Hamburger. Form und Funktion waren produktorientiert.

Für den Verkauf von Fisch entwarf die Firma Dietz einen Verkaufspavillon in Form eines Leuchtturms. Bei einem anderen Modell (s. Abb 374) sollte der Verkauf von Pizza bereits in der Dekoration angekündigt werden.

Zwei Beispiele (s. Abb. 376 und 377) zeigen, dass manche Sonderbauten auch anders genutzt wurden, als die Dekoration erwarten lässt. In der Nachbildung einer alten Cable Car wurden vor der Kulisse San Franciscos Hamburger und Steaks verkauft. Erstaunlicherweise wurden die Bildtafeln von dem Kirchen- und Tiermaler Fritz Laube gemalt. Dies ist sicherlich der Freundschaft zwischen dem Künstler und der Familie Steiger aus Bad Oeynhausen zuzuschreiben.
Das zweite Beispiel zeigt die 1983 von Heinrich Mack nach den Wünschen der Eheleute Ramus konstruierte Süße Lokomotive. Sie wird bis zur Gegenwart zum Verkauf von Mandeln und sonstigen süßen Leckereien genutzt. Der Hinweis auf etwas Süßes wurde nur im Namen angekündigt.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich in den 1980er Jahre beginnend mit den großflächigen Malereien von Harry Knorrn ein neuer Malstil etabliert. In seiner Malerei stellt er collageartig Elemente aus Surrealismus, Pop Art, Fotorealismus und Street Art nebeneinander. Damit ist Harry Knorrn aber auch vergleichbar mit Malern der Neuen Leipziger Schule, wie beispielsweise Neo Rauch oder anderen Vertretern der gegenständlichen Malerei nach 1945. Zu nennen sind hier besonders der magische Realismus und die narrative Figuration.

Die kulissenbauartigen Fassaden in der geschlossenen Szenendarstellung von afaw fanden bereits 1984 beim Break Dancer des Herstellers Huss Anwendung. Der Name Break Dancer stand in Bezug zu dem gerade in Kinos anlaufenden Film „Breakdance Sensation 84“, der eine neue akrobatische Tanzform thematisierte. Schon bald übernahmen mehrere bildende Künstler die Bemalung dieser Baureihe. Darunter war auch Jacques Courtois, der bis 1993 unzählige Rückwände von Offenen Fahrgeschäften aus dem Hause Huss in seinem Atelier in Paris malte.

Die afaw-Maler verzichten in ihren figürlichen Szenen weitgehend auf eine perspektivische Anordnung. Die Malerei ist flächig und in kräftigen bunten Farben ausgeführt. Der Vergleich mit Pop-Art-Künstlern wie James Rosenquist, Tom Wesselmann oder Malern wie Alex Katz drängt sich auf. Der Franzose Jacques Courtois malt ähnliche Motive, aber mit einer erstaunlichen räumlichen Tiefe, wie der Vergleich der beiden Zirkusdarstellungen zeigt.

In den 1980er Jahren werden auf den Fassaden der neuen Lauf- und Belustigungsgeschäfte der Orient, der Horror, die Geister, die Psyche und das amerikanische Südstaaten-Klischee thematisiert. Die einfachen, flachen Vorhangfassaden waren längst zu drei- und vierstöckigen Kulissenbauten mutiert. Viele der Dekorationsmalereien griffen populäre Kino- und Fernsehfilme auf.

© Dr. Margit Ramus

Ramus 2013.
Gespräche der Verfasserin mit Klaus Hriesek afaw.
Gespräche der Verfasserin mit der Familie Laube.

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