Kunsthistorische Betrachtung der Dekorationen A - Z

Dekorationen der 1880er Jahre bis zum Zweiten Weltkrieg

Begonnen wird mit dem Rundbau der Historischen Karussells. Neben der umlaufenden Schmuckdachkante boten die Verkleidungen der Dach- und Mittelkonstruktion Möglichkeiten zur Dekoration. Diese bestand fast ausnahmslos aus bemalten Bildfeldern. Die Schmuckdachkanten waren in unterschiedlichen Formen gearbeitet. Eine symmetrische Anordnung von überhöhten halbkreisförmigen oder rechteckigen Kartuschen mit geschweiften Leistenrahmungen oder auch von Voluten und Krabben eingefasst waren die Regel. Die Übergänge der Einzelelemente waren häufig mit reich ornamentierten, pilasterähnlichen Blenden, kleinen Büsten, Rocailles oder Skulpturen bedeckt.
Die Gestaltung der Schmuckdachkanten lässt einen Vergleich mit den rechteckigen Wand- und Türfeldern und den Supraporten mit geschweiften, fein verflochtenen Leistenrahmungen der Schlossarchitektur des 18. oder der Festarchitektur des 19. Jahrhunderts zu.
Die Bildtafeln waren mit romantischen Landschaften, idyllischen Garten- oder Theatermotiven, Chinoiserien, Amoretten oder mythologischen Szenen bemalt. Dabei waren der Stil der Romantischen Salonmalerei von Watteau, Boucher oder Fragonard richtungweisend.
Vorlage für die Schmuckdachkante eines Bodenkarussells war zum Beispiel das Gemälde von Pompeo Giralomo Battoni, die „Büßende Magdalena“ aus dem Jahr 1742. Der unbekannte Schaustellermaler malte sie spiegelverkehrt. Dabei ließ er Bibel und Totenkopf, die auf dem Original Glaube und Vergänglichkeit symbolisieren, weil für den Zweck unpassend, einfach weg.

Neben den Schmuckdachkanten waren Querbehänge aus Stoff das Besondere der Dekoration von Boden- und Etagenkarussells. Sie fielen auf Bestellung des Bauherrn bescheiden oder üppig aus. Die sternförmig angeordneten Ausleger der Dachkonstruktion wurden damit verkleidet. Zusätzlich wurden rundbogige Behänge diagonal dazwischen gehängt. Sie waren aus feiner Spitze mit stilisierten Mustern in zarten Materialien oder aus schweren Brokat- und Samtstoffen gearbeitet und oft mit Quasten und Fransen behängt.

Die Treppenaufgänge wurden bisweilen von einer Art Lambrequin, einem französischen Bogenbehang mit Spitzen und Quasten, gesäumt. Der Lambrequin findet sich auch in barocken Sakralbauten oder in barocken Theaterdekorationen, Kasinos und Salons des 19. Jahrhunderts. Einige Karussells haben noch heute die originalen Vorhangbögen. So zum Beispiel das Bothmann-Bodenkarussell der Firma Brinskma. (Ramus 2013. Kat. Nr. 03)

Vorbild für die Dekoration war auch die Lebensweise der Feudalgesellschaft. Dazu gehörte das Reiten auf geschmückten Pferden sowie das Fahren in vergoldeten Kutschen und Wagen.
Der bedeutendste Zulieferer für Besatzungen von Karussells war Friedrich Heyn. Er wurde in vielen Ländern Europas für seine aufwendig gearbeiteten „Dresden Pferde“ bekannt. Das „Dresdner Gala-Spiegelpferd“ war das kunstvollste. Die Schabracken waren mit geschliffenem Spiegelglas und bronzenen oder goldenen Quasten besetzt, alle Schweife waren aus echtem Haar. Der kurze Körper war kompakter als der eines echten Pferds, aber mit dem graziösen Schwung der Brust schaffte er eine kunstvolle Illusion von Realität. Der unverwechselbare Kopf war groß, der Ausdruck freundlich mit weit geöffneten Augen und nach vorne gerichteten Ohren. Bei der Gestaltung der Mähne des Pferds oblag es den Schnitzern, nach ihren eigenen Vorstellungen die vom Wind zerzausten Haare zu modellieren. Diese Momente erstarrter Bewegung verliehen den Figuren Leben und Grazie. Der „Halb-Ritter“ hatte bronzene oder goldene Rosetten und Quasten an seinem Zaumzeug. Der „Gala-Ritter“ hatte einen Vogelkopfsattelknauf und kunstvolle Malereien auf seiner Schabracke.
Weedon & Ward schreiben, dass Heyn auch sechs Arten von Vögeln, drei verschiedene Schwäne und 23 weitere Tiere fertigte. Außerdem wurden in den Werkstätten von Heyn vergoldete Gondeln und Wagen hergestellt. (Weedon&Ward 1981. S. 45)

Bei den Fliegerkarussells wurde der Dachstuhl anstelle eines Stofflhimmels mit bemalten Deckenplafonds verschlossen. Auch der im Zentrum des Karussells integrierte Antrieb und die Orgel wurden mit trichterförmigen Panneaux verkleidet.
Die formale Gestaltung der Sitzmöglichkeiten der Fliegerkarussells orientierte sich an technischen Entwicklungen. Zum Beispiel wählte Bothmann Flugzeug- oder Zeppelinnachbildungen. (Ramus 2013. Kat. Nr. 14)
Bothmann gelang eine Massenproduktion und ein internationaler Export im Karussellbau. Dies setzte eine zügige Herstellung und einen leichten Auf- und Abbau der Karussells voraus. Demzufolge wurden Bothmann-Karussells und andere Fahrgeschäfte mit einer weniger aufwendigen Dekoration ausgestattet. Dennoch waren sie mit neubarocken Stilelementen gearbeitet. Auf die Bildtafeln sind Rocailles aufgesetzt. In den umlaufenden Stützenkranz sind Carbonlampen gehängt. Die Holzstützen zeigen Basen und kannelierte Schäfte. Die Mittelkonstruktion ist mit Panneaux mit neubarocken Spiegeln verkleidet und der hölzerne Umgang von Ballustraden eingegrenzt. Erstaunlich sind die Fahrgastgondeln, deren Dekoration eine fantasiereiche Mischung aus Automobilen und venezianischen Gondeln darstellt. An den  überlieferten Abbildungen kann man bereits eine am Zeitgeschmack orientierte Entwicklung der Dekoration der Fahrgastgondeln erkennen.
Zum Beispiel sieht man einen rhythmischen Wechsel von Gondeln und Automobilen oder einen geschlossenen Kranz von Automobilen.

Bei einem anderen Karussell, das Bothmann in seinem Katalog von 1913 anbietet, sind die neubarocken Dekorationselemente etwas zurückgenommen, die Form der Schmuckdachkante wurde dagegen beibehalten. Neu sind das Maritim-Thema und die schiffsähnliche Form der Fahrgastgondeln.

Fritz Bothmanns erstes Karussell aus dem Jahr 1883 war ein Schiffskarussell. (Ramus 2013. Kat. Nr. 01) Auch Hugo Haase begann 1888 mit einem Schiffskarussell. Er hatte es als Mitarbeiter der Firma Hövelmann & Jürgens nach den englischen Vorlagen für die Firma Stuhr aus Hamburg nachgebaut. Haase hielt, ähnlich wie Fritz Bothmann, zunächst an einem gemäßigten Dekorationsstil fest, wie auch an seiner elektrischen Berg- und Talbahn aus dem Jahr 1892 zu belegen ist. (Ramus 2013. Kat. Nr. 04) Aber schon im Jahr 1899 soll Haase für die Firma Bruch aus Düsseldorf ein Prachtkarussell  nach englischen Vorbildern gebaut haben. (Ramus 2013. Kat. Nr. 05)

Beim Betrachten des Karussells von Haase zeigt sich eine große Ähnlichkeit zu den englischen Prachtkarussells. Möglicherweise hatte sich Haase von der opulenten Dekoration, die in England bereits seit den 1870er Jahren üblich war, inspirieren lassen und das Karussell mit einer repräsentativen, stark geschwungenen Fassadengestaltung mit Reliefs, Ornamenten und üppigen Verzierungen nachgebaut. Das auffallendste Architekturdetail der Fassade, eine zwölf Meter hohe Vorhalle, war dem Rundbau vorgesetzt. Sie wurde von Säulen auf Postamenten getragen. Eine im Zentrum stehende Säule wurde bekrönt von einem flammenartigen Ornament aus konkav geschwungenen, konsolenartigen geschnitzten Holzleisten. Besonders auffällig waren die prunkvollen, reich verzierten venezianischen Gondeln.

Hugo Haase bevorzugte den eindrucksvollen Prunk des Barocks, was sich auch in seinen nächsten Arbeiten widerspiegelt. Er war gleichsam offen für den kulturellen Geist der Zeit.
Die Uraufführung des „Rings des Nibelungen“ von Richard Wagner fand 1876 in Bayreuth statt. Ab 1882 ging Angelo Neumann mit seiner Wanderbühne auf Reisen und spielte den „Ring des Nibelungen“ in 135 Vorstellungen in vielen Städten Europas. Deshalb war die Oper Ende des 19. Jahrhunderts sehr populär und wurde auch in der Literatur und Malerei immer wieder zitiert. Dies muss auch Hugo Haase bekannt gewesen sein, als er im Jahr 1902 die dekorative Gestaltung seines Karussellpalasts mit Stufenbahn (Ramus 2013. Kat. Nr. 09) plante.
Er hauste das Karussell ein und setzte eine klassizistische Prachtfassade – vertikal gegliedert in fünf Achsen mit Mittel- und Eckrisaliten – davor. Den tragenden Pfeilern setzte er Postamente vor, auf denen zwei Frauengestalten mit Harfe und Lyra den Eingang säumten.
Die im Barock übliche symmetrisch gegliederte Fassade war durch einen der Mittelachse vorgelagerten Portikus mit reich geschmückten neubarocken Stuckelementen betont. Über dem Portikus erhob sich ein geschwungener, von Voluten und Krabben gerahmter Giebel. An dessen Spitze schwang ein Adler seine Flügel. Davor war eine Figurengruppe aufgestellt. Drei springende Löwen, begleitet von vier Drachenfiguren, zogen einen Wagen, der von einem Fackelträger gelenkten wurde. Der Portikus wurde von mit Stuck gerahmten Bildtafeln flankiert, die Szenen aus Wagners Oper „Der Ring des Nibelungen“ zeigten. Im linken Bildfeld wurde Donar im Wagen von zwei Ziegenböcken gezogen. Als Pendant ritten rechts Walküren zu Pferd. Über den Bildtafeln waren kleine ornamentale Dreipassgiebel aufgesetzt und darin Pfauen mit aufgestelltem Rad aufgerichtet. Darunter waren Hasen in Medaillons abgebildet, die in Anlehnung an den Namen des Erbauers Hugo Haase als Motiv gewählt wurden. Dies fällt auch auf anderen überlieferten Abbildungen auf.
Auf beiden Eckrisaliten kämpfte Siegfried gegen den Drachen. Darunter waren in von zwei Säulen getragene Nischen tanzende weibliche Skulpturen eingestellt.
Die Sockelzone wurde von einem durchlaufenden Ornamentband aus stilisierten Blütenkelchen mit eckigen und runden Formen gebildet.

Die von Haase öfter verwendete Art mit der Abbildung eines Hasen auf seine Urheberschaft hinzuweisen hat ihren Ursprung in der Spätgotik und Renaissance. Seit dieser Zeit tauchen auf Bildnissen und Skulpturen Portraits ihrer Meister auf.

Haase gestaltete den Innenraum seines Karussellpalasts mit Panneaux, Spiegeln, Kartuschen, Supraporten und Plafonds. Die Plafonds dienten teilweise als übergreifendes Element von Wand zur Decke, wie es auch in der Schlossarchitektur des Rokokos angewandt wurde. Als Rahmenmotive verwendete Haase Lambrequin und vor allem Muschelwerk. Als Sitzmöglichkeit für die Fahrgäste stellte Haase edle Pferde, reich verzierte venezianische Gondeln und Schlitten auf.

Haase übernahm seine Anregungen nicht nur von den englischen Karussellbauern, sondern auch aus der Festarchitektur des 19. Jahrhunderts, wie am Beispiel der Pariser Oper gezeigt wird.
Obwohl es nur freie und eher illusionistische Nachbildungen sind, ist der Bezug der Haase-Dekorationen zur Festarchitektur zu erkennen. Haase öffnete auf diese Weise der breiten Bevölkerung die Festsäle und Salons wohlhabender Bürger.
Die Malerei des Karussellpalasts und der Stufenbahn sind Robert Pape und dessen Sohn Alfred Pape aus Hannover-Linden zuzuschreiben. Sie waren bei Hugo Haase als Dekorationsmaler für die Fassadengestaltung angestellt.

Auch die Dekorationen der Schiffschaukeln – zu den Skelettbauten gehörend – waren im neubarocken Stil mit fantasiereichen Zitaten des Rokokos oder mit Jugendstilelementen gestaltet. (Ramus 2013. Kat. Nr. 12) Zwischen der Balkenkonstruktion und der Dachplane war ein Schmuckfries, die Achsen aufnehmend, eingepasst. Die einzelnen Bildtafeln waren oft mit den gleichen Motiven wie die Schmuckdachkanten der Etagenkarussells bemalt.
Einen ästhetischen Blickfang boten auch die großen Bildtafeln, die manche Schaukel nach hinten abschlossen.
An der Schiffschaukel des Schaustellers Greger waren in den gemalten Nischen mit Rundbögen mythologische Szenen dargestellt. Die oberen Ecken der Schmucktafeln wurden mit kleinen Kartuschen betont, denen flachreliefartige geschnitzte Putten aufgelegt waren. Diese waren von Voluten und Rankwerk eingefasst. Die illusionistische Malerei erinnert an Francois Bouchers mythologische Themen.
Die Arbeit, datiert auf 1906, ist Eduard Laetsch zuzuordnen und bis heute im Original erhalten. Anzumerken ist, dass die Gestaltung der Fahrgastgondeln in Form kleiner Schiffe, zur Namengebung dieser Form der Schaukel beigetragen hat. Die Schiffschaukel war bis 1981 auf dem Bremer Freimarkt präsent und ist inzwischen beim Enkel des ehemaligen Inhabers eingelagert.

Ein anderes Beispiel zeigt, dass der skelettartigen Konstruktion der Schiffschaukel nicht selten aufwendig gestaltete Arkaden vorgesetzt wurden. Auf einer Abbildung von 1919 erkennt man zusätzlich Postamente mit weiblichen Skulpturen.

Als letztes Modell wird eine noch aus den 1920er Jahren erhaltene Schiffschaukel vorgestellt. Auf den kleinen Schmuckfeldern des Schmuckfrieses mit Neubarockspiegeln sind Idyllen und röhrende Hirsche in Landschaften dargestellt. Im Zentrum sitzt eine Dame auf einer Schaukel und wird von einem Herrn in Bewegung gesetzt. Die Szene korrespondiert mit der Funktion der Bauaufgabe. Es ist unverkennbar, dass Jean-Honoré Fragonards Gemälde „Die Schaukel“ von 1766 dem Maler als Vorlage gedient hat.

Das Motiv einer schaukelnden jungen Dame wiederholt sich bei vielen Dekorationen jener Zeit. Zum Beispiel auf den Schmuckfeldern der vorgesetzten Portalarchitektur der Holzriesenräder (Ramus 2013. Kat. Nr. 17) in Skelettbauweise. Traditionelle Farben wie Rot, Gold und Silber betonen die an Barock und Rokoko orientierten dekorativen Zitate der Schaustellergeschäfte.

Als dritte Bauaufgabe – innerhalb der Skelettbauten – ist die Achterbahn zu nennen, die in Deutschland ab 1909 gebaut wurde. Möglichkeiten zum Anbringen dekorativer Bauelemente bot zunächst nur die Einstiegsebene. 1925 wurde von Mack und Siebold eine Szeneriebahn (Ramus 2013. Kat. Nr. 15) gebaut. Zum ersten Mal wurden Bildtafeln in einen Skelettbau gehängt, auf die eine realistische Berglandschaft gemalt war. Die Bildausschnitte zeigen die Darstellung einer Landschaft. Erst die Abbildung … macht deutlich, dass es sich um die Dekoration einer Schienenbahn handelt.

Die Vorhangfassaden der frühen Belustigungsgeschäfte, zu denen die Kinematografen, Lachpaläste und Reitsalons gehörten, waren zu Beginn ebenfalls mit barocken Zitaten dekoriert. Teilweise wurden auch Elemente des Jugendstils verwendet.

In den 1920er Jahren kann bei der Gestaltung der Vorhangfassaden, die den Hallenbauten der Belustigungsgeschäfte vorgesetzt wurden, ein Rückgriff auf die volksnahe Malerei der niederländischen Maler festgestellt werden. Die Darstellung eines Dorffests weist darauf hin, dass der Maler der Fassade des Lachkabinetts Brueghel und seine bildlichen Darstellungen von Dorffesten kannte. Außerdem wurde auf eine Malweise in Einzelbilddarstellungen verzichtet und die Szenerie auf eine große Fläche gemalt.

Auch die Pavillonbauten der Spielgeschäfte – beispielsweise Schießbuden (Ramus 2013. Kat. Nr. 34), Verlosungen oder Verkaufsgeschäfte von Backwaren (Ramus 2013. Kat. Nr. 07), wurden mit neubarocken Schmuckfassaden dekoriert. Manche sind bis zur Gegenwart diesem Stil treu geblieben.

Neben den vorgestellten Bauaufgaben ergaben technische Entwicklungen schon vor dem Zweiten Weltkrieg Anregungen für neue formale und funktionale Gestaltungen von Schaustellergeschäften.

1936 war das Karussell Raketenbahn (Ramus 2013. Kat. Nr. 28) entwickelt worden. Zum ersten Mal wurde bei einem Karussell auf eine Dekoration im neubarocken Stil verzichtet. Dafür wurde unter weit gehendem Verzicht auf Dekoration die Konstruktion der Anlage unterstrichen; hier wird der Einfluss einer vom Bauhaus propagierten Neuen Sachlichkeit spürbar.

Bereits 1924 hatte Bothmann den ersten Autoskooter als Hallenbau angeboten, leider sind keine Abbildungen, sondern nur Bauzeichnungen (Ramus 2013. Kat. Nr. 23) überliefert. Es ist anzunehmen, dass er im gleichen Stil wie der im Jahr 1938 von Heinrich Mack für den Bonner Schausteller Rudolf Barth gebaute Autoskooter gestaltet war. Die Abbildung … zeigt, dass die Dekoration dieser formal und konstruktiv völlig neuen Bauaufgabe noch immer in der typischen Manier des Neubarocks gestaltet war. Ein Stilbruch ist, dass in die barocken Bildtafeln der Schmuckdachkante zeitgenössische Automobile, in Anlehnung an die Funktion des Baukörpers, vor dem Hintergrund romantischer Landschaften gemalt sind.

Im Anschluss an die Fertigstellung des Autoskooters für Rudolf Barth gab auch Eugen Distel aus München Heinrich Mack den Auftrag zum Bau eines Autoskooters. Er entschied sich für eine sachliche Dachkante mit geradem Abschluss und starker Betonung der Eckelemente. Er setzte damit den ersten Stilwandel in der Dekoration von Autoskootern in Bewegung. Fritz Hilbert bekam den Auftrag und malte Landschaften mit Infrastruktur und zeitgenössischen Automobilen in Anlehnung an die Funktion des Baukörpers.

Zu bemerken ist, dass in den ersten Jahrzehnten des Untersuchungszeitraums die Nutzung der Elektrizität auf den Antrieb der Karussells beschränkt war. Erst Mitte der 1920er Jahre verzichtete man teilweise auf die Carbonlampen und beleuchtete die Schaustellergeschäfte mit elektrischen Glühbirnen. Die Beleuchtung als dekoratives Element verbreitete sich in den 1930er Jahren, wie das Beispiel der elektrischen Leuchtbuchstaben am Autoskooter von Distel belegt. Mit der Gestaltung des Autoskooters hatte die neue Zeit angefangen, die jedoch mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs für einige Jahre unterbrochen wurde.

Zusammenfassend kann der erste Untersuchungszeitraum mit folgenden Erkenntnissen abgeschlossen werden. Wie klar herausgestellt werden konnte, fanden die Dekoration und Gestaltung von Vergnügungsobjekten lange Zeit ihre Vorbilder in dem Lebensstil der Feudalgesellschaft.
Außerdem ist als Gemeinsamkeit zwischen der Barock- und der Volksfestarchitektur festzustellen: „[…] die Konstruktion wird zur Nebensache, die Dekoration dagegen zur Hauptsache.“ (Eyth/Meyer 1899. S. 134)
Im Gegensatz zur Architektur behielt die Dekoration von Schaustellergeschäften jedoch ihre herausragende Bedeutung bis zur Gegenwart.
Bis in die Mitte der 1930er Jahre waren die Objekte aller vier Bauaufgaben im Schaustellergewerbe im neubarocken Stil, mit Zitaten des Rokokos oder mit Jugendstilelementen gestaltet.
Nach der Wende zum 20. Jahrhundert wurden vereinzelt zeitnahe aktuelle Entwicklungen in Technik und Gestaltung aufgegriffen. Als Beispiele sind das Flieger– und das Autokarussell zu nennen.
1936 verzichtete Heyn erstmals mit seiner Raketenbahn auf diese Stilelemente und verfolgte eine sachlich-funktionale Gestaltung. Ein erster Schritt hin zu einer modernen Gestaltung lässt sich auch bei der neuen Bauaufgabe der Autoskooter erkennen.

Die Nutzung der Elektrizität zum Beleuchten der Schaustellergeschäfte begann ebenfalls recht zögerlich. In der Architektur dagegen wurde die Beleuchtung als gestalterische Konzeption der Nachtfassade bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts eingesetzt. In einer Publikation über die Ausstellung „Leuchtende Bauten: Architektur der Nacht“, die im Jahr 2006 im Kunstmuseum Stuttgart stattfand, heißt es:

„In den 1920er Jahren avancierte die Nachtfassade zum zentralen Anliegen der Architekten, die avantgardistische technische und ästhetische Lösungen für die Städte zu suchen.“ (Ackermann 2006. S. 10)

Ganze Straßenzüge der Städte wurden akzentuiert, der Lebensrhythmus verlagerte sich in die Abendstunden. Nichts anderes vollzog sich auf den Volksfestplätzen. Nur um einige Jahre später.

© Dr. Margit Ramus

Ackermann 2006.
Eyth/Meyer 1899.
Ramus 2013.
Weedon&Ward 1981.


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