Schaustellergeschäfte A - Z

Düsenspirale

Düsenspirale Foto 1960er Jahre
Düsenspirale
Hochgeschäft
Hallenbau
1957
Größe 30 m Frontlänge; 14 m Tiefe; Schienenhöhe 8,50; Schienenlänge 320 m
Schwarzkopf, Anton
Fritz Hilbert
Zeitreise durch die Weltgeschichte
Gottlieb Löffelhardt > Anton Karl Kleiner > Walter Steindl
Baugeschichte 

In den 1950er Jahren führte Anton Schwarzkopf Reparaturen und Umbauten an Schaustellergeschäften aus. Zwei Schaustellerfirmen, Löffelhardt und Willenborg nahmen Kontakt zu Schwarzkopf auf, um den Umbau ihrer Geschäfte in Auftrag zu geben. Aufgrund der erfolgreichen Zusammenarbeit ermutigte Gottlieb Löffelhardt den jungen Anton Schwarzkopf, sich neben den Renovierungen und Umbauten auch neuen Bauaufgaben und eigenen Konstruktionen zuzuwenden.

1954 begann die Planung der Düsenspirale für Löffelhardt.
Es sollte eine Kombination von Achterbahn und Geisterbahn werden. Die Bauphase umfasste drei Jahre. Es stellte sich heraus, dass die schwere  stählerne Anlage für den mobilen Auf- und Abbau zu aufwendig konstruiert war. Um einen reibungslosen Auf- und Abbau und Betrieb gewährleistet wurde, reiste Antons Bruder Franz Schwarzkopf die ersten zwei Jahre mit dem Geschäft. Nach einigen Jahren auf den deutschen Volksfestplätzen fand sie von 1962 bis 1968 einen stationären Standplatz im Wiener Prater. Der Verbleib ist nicht bekannt.

Baubeschreibung

Freitragende Halle mit rechteckigem Grundriss von 30 x 14 Metern. Sie war mit einem Dach aus bläulich gefärbten Wellpolyesterplatten gedeckt, durch die das Tageslicht in den Innenraum drang. Darunter verbarg sich eine Stahlachterbahn mit einem spiralförmigen acht Meter hohen Turm.
Sechs viersitzige Rennwagen mit Eigenantrieb durch Elektromotoren fuhren die Spirale eigenständig hoch und brausten mit 40 km etwa vom obersten Punkt in drei parallel im Inneren der Halle verlaufende Berg­- und Talfahrten. Je vier Personen fanden jeweils 2 hintereinander sitzend Platz in den Wagen.
Dem Mittelfeld war eine bahnhofsähnliche Einstiegsebene vorgesetzt, die mit Gitterbalustraden abgegrenzt war. Ein Treppenaufgang führte zur Kasse.

Dekoration

Die formale Gestaltung der Fassade hatte für sich genommen bereits eine starke dekorative Wirkung. Dem mit Panneaux verkleideten Spiralturm schloss sich ein offenes Mittelfeld an. Es gewährte Einblick in die Schienenführung im Inneren der Halle.
Rechts führte der Schienenstrang aus einem eingestellten Turm über einen freitragenden Balkon heraus und verschwand wieder ins Innere. Der Balkon war nach unten mit einem konvex geschwungen Plafond verkleidet. Die Verkleidung des Spiralturms, der schmale Dachfries sowie der rechte Turm mit Balkon waren dem Dekor der 1950er Jahre gemäß mit gegenstandslosen, grafischen Elementen in Pastellfarben bemalt.

Mit der Gestaltung des Mittelfelds wurde Fritz Hilbert beauftragt. Hilbert hatte sich gemeinsam mit Hertha Löffelhardt für das Thema Zeitreise durch die Weltgeschichte entschieden.
Die Zeitreise begann mit der Illustration der Saurier der Urzeit. Hilbert malte Symbole der Antike, ägyptische Pyramiden, zeigte mit der Darstellung eines Atomreaktors das Interesse der Menschen an technischen Errungenschaften des Jahrs 1957 und wagte mit einem Ufo den Zeitsprung in die Science­ Ficton­ Welt des damaligen Übermorgen.
Die Rennwagen waren in leuchtend bunten Farben den zeitgenössischen Formelrennwagen nachempfunden.
Am Abend erhellte eine Fülle von gebogenen Lichtleisten die Spirale, die auch namengebend für die Stahlbahn gewesen ist.
Die Turmspitze wurde mit senkrecht stehenden Lichtbögen betont.
Als Pendant zur linken Seite der Fassade suggerierten gebogene Lichtleisten an der geschwungenen Verkleidung des Balkons der rechten Seite einen rauschenden Wasserfall. Das Mittelfeld wurde nur von Scheinwerfern an gestrahlt, sodass der Besucher suggestiv in die Tiefe der Zeitgeschichte eintauchen konnte. Der obersten Spirale des Turms war der Name des Auftragsgebers vorgesetzt. Abgeschlossen wurde die Fassade mit dem Namenszug Düsenspirale.

Provenienz und Verbleib

Der Stahlgigant, wie die Düsenspirale in der Branche in den 1950er Jahre genannt wurde, war für den permanenten Auf- und Abbau logistisch und technisch zu schwerfällig.
Löffelhardt verkaufte bereits 1960 an Anton Karl Kleiner in Westberlin. Kleiner stellte sie eine Saison in Italien auf dem Vergnügungsgelände der Landesschau „Italia 61“ anlässlich der 100-Jahr­ Feier der Unabhängigkeit und Einheit Italiens auf. Danach blieb die Düsenspirale in Westberlin und wurde 1962 an den Österreicher Walter Steindl für den Wiener Prater verkauft. 1968 wechselte sie erneut ihren Besitzer und soll einige Jahre in einem Vergnügungspark in Warschau betrieben worden sein. Über den weiteren Verbleib ist nichts bekannt. 

© Margit Ramus

Leider ist bei den Abbildungen keine genaue Quellenangabe möglich. Sollte jemand die Bildrechte besitzen oder vielleicht sogar weitere Bilder haben, bitte ich um Nachricht. Werde die Bilder entweder rausnehmen oder aber mit der entsprechenden Quelle versehen. Danke für Ihr Verständnis.

Ramus 2013. Kat. Nr. 39.

2 Beiträge zu “Düsenspirale

  1. Heinrich Moser

    Ich hätte noch ein paar Fotos von der Zeit im Wiener Prater. Kann ich gerne auch zur Verfügung stellen.

    Antworten
    1. Margit Ramus Beitragsautor

      Hallo Herr Moser,
      leider antworte ich Ihnen erst heute, Ich freue mich über alle Fotos, die dem Archiv zur Verfügung gestellt werden. Bitte melden Sie sich bei mir. 0049 163 363 3232 Viele Grüße Margit Ramus

      Antworten

Schreiben Sie uns einen Kommentar

Haben Sie ergänzende Informationen? Über sachdienliche Hinweise freuen wir uns.

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *