Frühe Vergnügungsparks und ihre Entwicklung A - Z

Wiener Prater

Riesenrad im Wiener Prater Foto 2015 © Mark Schumburg

Wiener Prater

Vor 2000 Jahren war das Areal des heutigen Praters die Grenze zwischen zwei Reiche und Kulturen. Hier verlief die Trennung zwischen Rom und Germanien, zwischen Zivilisation und Barbarentum.
Seit dem 12. Jahrhundert war dieser Teil des Auwaldes, kaiserliches, privates Jagdrevier.

Wiener Prater im 18. Jahrhundert

Im Jahre 1766 gab der volksnahe Kaiser Josef II., den noch eingesäumten Prater für die allgemeine Benutzung frei. Bei Einbruch der Dämmerung wurde durch drei Böllerschüsse angezeigt, den Prater zu verlassen.
1775 wurde der Bretterzaun niedergerissen, nun konnte auch abends die Besucher kommen und gehen. Aus dieser neuen Situation heraus siedelten sich schnell die ersten Gasthäuser, Puppentheater, Haspeln und Ringelspiele an.
Aus dem Jahre 1782 ist der älteste Plan des Praters überliefert, darauf finden sich 48 Ausstellungsobjekte. 1854 sind es schon 82 und zur Weltausstellung 1873 schon 187.
Schausteller, Künstler, Erfinder und Techniker kamen aus den entferntesten Gegenden, unter ihnen war auch der Italiener Basilio Calafati. Ihm gehörte das 1844 erstmal eröffnete Eisenbahnkarussell.
Auch Fritz Bothmann aus Gotha, der Gründer der deutschen Karussellindustrie baute ab 1883 Karussells der verschiedenen Art.
1873 wurde der „Wurstelprater“ anlässlich der Weltausstellung vollkommen neu reguliert. Eine Rotunde wurde errichtet
Aus Russland kam die Anregung Rutschbahnen zu bauen. 1889 wurde eine k.k. Wiener Rutschbahn mit Gasmotor und Kettenaufzug aufgestellt.
1897 wurde das von dem englischen Ingenieur Walter B. Basset gebaute Riesenrad aufgestellt. Es hatte eine Höhe von 61 Meter, mit 30 Waggons für je 30 Fahrgäste. Es wurde von zwei 25 PS starken Elektromotoren angetrieben und kostete damals 1.300.000 Mark.
1899 wurde eine 70 m lange Rutschbahn im Kaisergarten aufgebaut, deren Wagen in ein mit Wasser gefülltes Bassin rutschten.

Hochblüte des Wiener Praters

Um die Jahrhundertwende entfaltete der Prater seine ganze Kraft.
Er war das Abbild der großen Österreichisch-Ungarischen Monarchie und spielte im gesellschaftlichen Leben der privilegierten oberen Gesellschaftsschicht eine große Rolle.
1908 wurde eine riesige Hochschaubahn der englischen „Luna Park Limited Company“ aufgebaut. Es wurden kolossale Felsen aus Eisen, Holz und Gips eingebaut und von Tunneln nach allen Richtungen durchbohrt. Rund 15 Min. dauerte die Fahrt.
1911 stand im Prater das erste Aeroplan-Karussell und 1926 das erste Autodrom. Es folgten Wachsfigurenkabinett und Planetarium.
Überliefert ist auch, dass es schon immer eine Beziehung zwischen Kirche und Rummelplatz gab. In Wien war es Tradition, dass die Kinder im Prater vom Schausteller-Seelsorger in einer Hl. Messe im Hypodrom das Sakrament der Firmung erhielten.

Der Wiener Prater zurzeit des Nationalsozialismus

Während der Nazizeit lief der Betrieb im Prater weiter, aber er bekam ein völlig neues Gesicht. Er eignete sich für Gepäckmärsche, Musterungs- und Stellungslokale, Schießstandübungen, Luftschutzkeller und vieles mehr.
Den nationalsozialistischen Machthabern lag daran den Prater wirtschaftlich und kulturhistorisch zu fördern und nutzte ihn den Besucher in spielerischer Form NS-Ideologie einzupauken. So standen zum Beispiel die Sprüche des Kasperletheaters unter Kontrolle des Regimes.
Am 10. Juni 1938 wurde ein Volksfest auf der Jesuitenwiese – kurzum in Kdf-Wiese (Kraft durch Freude) umbenannt – abgehalten. Es folgten Bier und andere Feste. Auf vielen Bildern sind Uniformen der deutschen Wehrmacht zu sehen.
1938 wurde das Riesenrad von vier hohen NS-Funktionären, Mitglieder der Arisierungs-OHG zum Preis von 48,83 Reichsmark unter der Bezeichnung Entjudungserlös erworben. Der ehemalige jüdische Besitzer Eduard Steiner erhielt jedoch die Summe nie, sondern wurde im Juni 1944 in Ausschwitzt vergast.
Am 20. April 1942 wurden zu Führers Geburtstag auf Parteikosten 20.000 Kinder von der NSDAP in den Prater eingeladen. Alle Karussells waren mit Hakenkreuzfahnen geschmückt.
Allerdings kannten die Behörden die Schausteller als eine Teilautonomie an und auch unter der Bevölkerung galten sie als eine selbst organisierte Gemeinschaft. So gelang es vielen nichtarischen Schausteller in der Gemein-schaft ihrer Berufskollegen zu überleben.
Es gab auch NSDAP Mitglieder. Rund 65 Unternehmen wurden nach Kriegs-ende aus dem Prater ausgeschlossen.
Am 17. März 1944 erfolgte der erste Luftangriff auf Wien und bei weiteren Luftangriffen wurde der Prater dem Erdboden gleichgemacht und brannte völlig nieder. Dennoch war es möglich viele Erinnerungstücke zu retten.
Am Riesenrad wurden alle 30 Gondeln zerstört, später wurden nur noch 15 wieder aufgehangen.

Die Bilder in der folgenden Galerie sind von unbekannter Herkunft. Sollte jemand Rechte auf diese Aufnahmen direkt nach Kriegsende haben, bitte um Mitteilung, dann wird das © nachgetragen, oder die Bilder entfernt. (Verfasserin)

Eine neue Zeit begann

Mit einem großen Festball wurde am 4.5.1946  der Prater  mit der Devise. „Wieder Wiener Wurstelprater“ wiedereröffnet.
Auch die Neue Wiener Hochschaubahn wurde wiederaufgebaut. Eine 400 m lange Strecke führt über den 18 m hohen, nachgebildeten Großglockner. 

Der Wiener Prater beeinflusste auch die Malerei von Verkaufsgeschäften. Beide Abbildungen stammen aus der Sammlung von afaw – Atelier für angewandte Werbung.

1966 anlässlich der 200-Jahr-Feier des Praters wurde der Prater General überholt und festlich herausgeputzt. Das Riesenrad wurde sandgestrahlt und dabei 10 t. Farbe entfernt, anschließend erhielt es einen neuen Anstrich von 5 t. Farbe.

Galerie Riesenrad im Wiener Prater Foto 2015 © Mark Schumburg

Verschiedene Geschäfte wurden ausgetauscht.
In den 1970er Jahren ging es mit dem Prater bergab, nicht nur wegen der überhand nehmenden Technisierung, sondern auch die Wünsche der Besucher hatten sich verändert.
Der damalige Stadtrat Jörg Mauthe hatte große Pläne und der Prater sollte eine Einheit bilden und in seiner Architektur Überraschungen aufweisen.
Die zentralen Plätze wurden neugestaltet. Am zweiten Rondeau wurde das Gesicht eines Clowns eingebettet und außerdem wurden skurrile Figuren der Bildhauerin Christa Müller aufgestellt.
Natürlich änderte sich auch organisatorisch einiges, was letztendlich zum Aufschwung führte.
Wer heute die Nostalgie im Prater sucht, wird kein Glück haben, oder aber das 1993 wieder eröffnete Prater-Museum besuchen.
1978 besuchten etwas 4-5 Millionen Besucher den Prater, seit der Öffnung der Ostgrenzen kommen nun jährlich 8 Millionen Menschen.

Inzwischen werden saisonal auch Hochgeschäfte aus Deutschland aufgebaut. Zum Beispiel 2015 der Star Flyer von Goetzke, 2018 der Olympia Looping von Barth und 2019 die Achterbahn Teststrecke von Meyer/Steiger. Auch im Corona-Krisenjahr 2020 wurde der Olympia Looping von Barth wieder im Prater aufgebaut.

Galerie Star Flyer im Wiener Prater Foto 2015 © Mark Schumburg

 

Galerie III

 

„Für das seelische Wohlergehen der Einwohner einer Großstadt sind die Vergnügungseinrichtungen ebenso notwendig wie kulturelle Einrichtungen. Auch heute kann kein Stadtplaner darauf verzichten, diese Ventile in die Infrastruktur Miteinbeziehen.“  La Sperenza. 1997. S.15

© Margit Ramus

La Sperenza, Marcello: Prater-Kaleidoskop, Wien 1997

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