Leben und arbeiten als Schausteller A - Z

Wohnsituation der Schausteller

Wohnwagen des Herstellers Heinrich Mack © Foto 2010 Mark Schumburg Ausstellung München

Wie hat sich die Wohnsituation der Schausteller mit der Industrialisierung in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart entwickelt?

Mit der Einführung des Wandergewerbescheins in den 1860er Jahren änderten sich die Möglichkeit zur Ausweitung des Reisegebietes. Daraus ergaben sich neue Ansprüche an die Mobilität, Technik und auch an das Wohnen. So ist es nicht verwunderlich, dass etwa zeitgleich mit der Gründung von Karussellbaufirmen in Thüringen und Sachsen auch der professionelle Wohnwagenbau begann.

Schon um 1900 wohnte Hugo Haase in einem Luxuswohnwagen.

 

 

Wohnwagen von Hugo Haase um 1900. © Archiv Sieboldt

 

Schon ab 1883 waren in der Fachzeitschrift Der Komet Inserate von Wohnwagenherstellern erschienen. Darunter auch die Firmen Schuhmann aus Werdau/Sachsen, von der, im Markt- und Schaustellermuseum Essen ein Wohnwagen ausgestellt ist.

Auch die Firma Heinrich Mack, die im Jahre 1780 in Waldkirch/Breisgau als Stellmacherei gegründet worden war, spezialisierte sich ab den 1920er Jahren auf den Bau von Wohnwagen.
Später folgten die Firmen Eberhard Stork & Söhne aus Soest, die Firma Müller Ründeroth, nach dem Zweiten Weltkrieg Willi Dietz aus Schwalmstadt, im Osten die Firma Pfaff und viele andere.

Die mit Pitchpine Holz verschalten (von außen verkleideten) Wagen waren anfangs klein, aber dennoch mit Kochnische, Wohn- und Schlafzimmer eingerichtet. Der Sanitärbereich beschränkte sich auf Waschschüssel und Toiletteneimer, ähnlich dem des einfachen Volkes im traditionellen Wohnungsbau dieser Zeit.
Die äußere Form des Wohnwagens war angelehnt an einen Eisenbahnpersonenwagen. Dem Tonnendach war eine Oberlichtleiste aufgesetzt. An den Längsseiten des Wagens waren beidseitig die Achsen der einzelnen Räume aufgreifend, Fenster eingesetzt, die mit ausstellbaren Fensterläden geschmückt waren. Die Tür des Wohnwagens befand sich an der Kopfseite über der Deichsel. Zwischen den Achsen waren sogenannte Kellerkästen, für Vorräte oder andere Utensilien unterzubringen, untergebaut. Mit der Zeit wurde ein kleiner Verandavorbau an die Kopfseite, eine Kopfveranda, angebracht.

Bereits nach dem Ersten Weltkrieg ließen sich die etwas wohlhabenden Schausteller einen gesamten Wohnwagenzug bauen. Auch dieser Begriff erinnert an die Eisenbahn, deren Entwicklung der Personenwagenausstattung parallel ablief.
Der Wohnwagenzug bestand aus einem Wohnwagen mit Wohn- und Schlafzimmer und einem Küchenwagen, der mit Küche und einem dahinterliegenden Kinderzimmer ausgestattet war. Verbunden waren beide Wagen durch eine geschlossene Veranda.
Diese Wohnform wurde noch bis in die 1960er Jahre beibehalten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, hat sich nicht nur bei den deutschen Schaustellergeschäften eine revolutionäre Entwicklung vollzogen, sondern auch in der mobilen Wohnsituation der Schausteller. Bei den neueren Wagen wurde die Holzverkleidung gegen eine Außenverkleidung aus Leichtmetall ausgetauscht.
Die Fahrgestelle entsprachen dem jeweils aktuellen, technischen Ansprüchen des Fahrzeug- bzw. Anhängerbaus. 

Verbesserungen im traditionellen Wohnungsbau z.B. im sanitären Bereich fanden auch bei Schaustellerwohnwagen ihren Einzug. Eine weitere Innovation konnte seit den 1960er Jahren beobachtet werden, ein oder mehrere Erker wurden aus den Seitenwänden des Wohnwagens ausgefahren.

Inzwischen werden beide Längs- und Kopfseiten fast komplett ausgezogen, sodass die heutigen Wohnwagen einem Einfamilienhaus im Komfort, Technik und Kaufpreis nahe kommen.

Wohnwagen Grundriss © Archiv Mack

Die moderne Einbauküche, das elegante Bad, Zentralheizung, Klimaanlage und sonstigen technischen Errungenschaften sind keine Seltenheit mehr. In den 1980er Jahren wechselte man von der Runddachform zur Container-Bauform.

 

 

 

Erst in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre interessierten sich die Schausteller für den inzwischen als mobile Ferienwohnung bekannt gewordenen Campingwagen, von Schaustellern kurz Camping genannt und nicht Wohnwagen. (Jeder Camping-Verkäufer erkennt sofort den Schausteller, der sich für einen „Camping“ interessiert und nicht nach einem „Wohnwagen“ fragt) Zunächst wurden Camping-Wagen als externe Zimmer für die heranwachsenden Kinder angeschafft. Bald nutzten einige Schausteller den Campingwagen als Ersatz für ihren Wohnwagen herkömmlicher Bauart. Auch hier entwickelte sich eine Branche, die sich auf die Bedürfnisse von Schaustellern spezialisierte. Dazu gehörten anfangs die Firmen: Tabbert, Corsar, Kip, Weippert u.a.
In den 1970er Jahren wurden die Holzwohnwagen fast völlig ersetzt.

Viele Schausteller besitzen eigenen Grund und Boden, eine Halle zur Unterbringung des Geschäftes sowie ein Wohnhaus. Daher verkauften einige auch ihre großen, arbeitsaufwändigen Wohnwagen und wechselten zum Campingwagen oder fahren inzwischen abends sogar nach Hause. Dies ist jedoch abhängig von der Reisegewohnheit des Schaustellers. Schausteller, die Großveranstaltungen der gesamten Bundesrepublik bereisen und es sich wirtschaftlich leisten können, halten meist auch heute noch an ihren geräumigen und komfortablen Wohnwagen fest, da sie im Frühjahr ihr Haus verlassen und erst im Herbst dahin zurückkehren.

 

 

Wohnwagen des Herstellers Eberhard Stork Baujahr 1973. Edle Ausstattung. © Archiv Brotte/Stork

 

 

 

 

In der folgenden Bildgalerie sind Abbildungen von Wohnwagen der Firma Eberhard Stork eingestellt. © Archiv Stork/Grotte

Inzwischen bieten amerikanische Firmen auch eine Kombination von Wohn- und Campingwagen als amerikanischen Aufliegerwagen, kurz „Ami“ genannt, an.

 

In der folgenden Bildgalerie sind Abbildungen von Wohnwagen des Herstellers Heinrich Mack eingestellt. © Archiv Mack-Even.

©  Dr. Margit Ramus

Thomas, Robert: Unter Kunden, Komödianten und wilden Tieren. Lebenserinnerungen von Robert Thomas. 1905
Faber, Michael: Schausteller Volkskundliche Untersuchung einer reisenden Berufsgruppe im Köln-Bonner Raum. 1981

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