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Markt- und Schaustellermuseum Essen

Erich Knocke im Schaustellermuseum. Foto Brigitte Aust

Das Markt- und Schaustellermuseum in Essen feierte im Jahre 2016 sein 20jähriges Jubiläum in der Hachestraße 68.
Die umfangreiche Sammlung des Schaustellers Erich Knocke ist dort in einem ehemaligen Industriekomplex untergebracht. Von 1982 bis 1996 befand sich die Sammlung in einem Gebäude des längst abgerissenen Großmarktes am Berliner Platz.

Das Museumsgebäude – ein Ort mit Geschichte
Das Gelände an der Hachestraße gehörte ehemals zur Zeche Hoffnung, deren Geschichte bis ins 17. Jahrhundert zurückgeht und die als Zeche Vereinigte Hoffnung & Secretarius Aak erst 1897 geschlossen wurde. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Geschichte des Museumsgebäudes eng verknüpft mit dem Kruppschen Lazarett, das 1870 seinen Betrieb aufnahm und nach dem 2. Weltkrieg zwischen die Hindenburgstraße und die Hauptpost verlegt wurde, bevor die neuen Krankenanstalten im Essener Süden gebaut wurden.
Als das Markt- und Schaustellermuseum 1996 in die Hachestraße 68 zog, waren das alte Bürogebäude und die Werkshallen einer ehemaligen Maschinenfabrik, die die Stadt Essen zur Verfügung stellte, ausreichend.
Inzwischen, ist die Sammlung derart angewachsen, dass ein Umzug nach Zollverein angedacht wurde.
Noch zu Lebzeiten des Gründers, der 2011 mit 84 Jahren verstarb und seit 2015 zu den „Essener Köpfen“ (Essener Köpfe, S. 195) zählt, wurden in Zusammenarbeit mit dem LVR und dem Ruhrmuseum die ersten konkreten Planungsschritte eingeleitet. Die Machbarkeitsstudie, die die Stadt in Auftrag gab und die seit 2012 vorliegt, ist inzwischen verworfen worden, weil das infrage kommende Areal auf Zollverein anders vermarktet werden konnte.

Die Sammlung – ein Zeugnis für die Anfänge unserer Freizeitindustrie in Großstädten und für internationale Vernetzung vor mehr als 100 Jahren
Die Sammlung, die Erich Knocke in über 50 Jahren zusammengetragen hat und die weiterhin vom Arbeitskreis Kultur und Brauchtum e.V. betreut wird, versucht einen Überblick zu geben über die Geschichte der Schausteller, der Marktkaufleute, der Straßenhändler und der Straßenkünstler.

Als Erich Knocke, der in Hannover geboren wurde und einer alten Schaustellerfamilie entstammt, sich in den 1950er Jahren in Essen niederließ, erkannte er schnell, dass der Jahrmarkt sich veränderte. Alte Fahrgeschäfte und Orgeln wurden aus Platzgründen zerstört und durch modernste Technik ersetzt. Die Konkurrenz von Vergnügungsparks, die flächendeckend gegründet wurden, machte sich bemerkbar.
Um die Geschichte des „Fahrenden Volkes“, des reisenden Gewerbes, vor dem Vergessen zu bewahren, begann Erich Knocke zu sammeln – zunächst in seiner nächsten Umgebung im Ruhrgebiet. Er fand Objekte, die seinen Schaustellerkollegen nicht mehr von Nutzen waren, dann systematisch alles, was zum Thema Markt und Jahrmarkt gehört, Altes und Neues. „Was jetzt neu ist, ist demnächst alt“.

„Auf dem Jahrmarkt fing alles an.“ Erich Knocke erklärte den Besuchern seiner Sammlung immer wieder, dass ein Großteil der Vorfahren unserer Berufe auf den frühen Jahrmärkten beheimatet war, vom Schreiber über den Geldwechsler bis hin zum Bader oder Wanderarzt und Wanderapotheker.
Davon zeugen in der Sammlung Grafiken, Plakate, Karussellbesatzungsteile, Glücks- und Geschicklichkeitsspiele, Projektionsgeräte, Puppen, Jahrmarktorgeln, Wohnwagen, Zugmaschinen, aber auch Miniaturen, Souvenirs und viele andere Dinge aus Erich Knockes direkter Umgebung. Raritäten aus fernen Ländern, erzählen von der Vielfalt der Unterhaltungsmöglichkeiten, die der Jahrmarkt bot und immer noch bietet.
Traumreisen in andere Zeiten und Welten, aber auch Wissen, das oft nur bestimmten Gesellschaftsgruppen zugänglich war – wie z.B. Opernmusik, Literatur und modernste Technik – wurden der breiten Masse zugänglich gemacht.  Der Jahrmarkt, der im späten 19. Jahrhundert seine Handelsfunktion an die neu gegründeten Kaufhäuser abgegeben hatte, wurde zum lang ersehnten Highlight des Jahres.

In Großstädten und vor allem auch in dicht besiedelten Industriegebieten waren die Schausteller unterwegs, die wesentlich an der Entwicklung neuer Attraktionen beteiligt waren. Einer von ihnen war der in Essen geborene Ingenieur F.W. Siebold, mit dessen Nachfahren das Museumsteam in engem Kontakt steht. Sein Vater, Franz Siebold, ein bedeutender Essener Geschäftsmann, betrieb eine Karussellfabrik, war selbst als Schausteller tätig und Bauherr zahlreicher Gebäude in der aufstrebenden Großstadt Essen.

Lange bevor Historiker feststellten, dass der Jahrmarkt des 19. und frühen 20. Jahrhunderts eine der Wiegen unserer aktuellen Freizeitindustrie ist und ein frühes Beispiel für die Globalisierung einer Branche darstellt, die auf Vernetzung und den Austausch von Ideen und Material angewiesen ist, leistete Erich Knocke einen wichtigen Beitrag zur „Kulturgeschichte des Vergnügens“.
Als er 1982 die Sammlung der Öffentlichkeit im Verwaltungsgebäude des Großmarktes am Berliner Platz zugänglich machte, tat er dies ohne jegliche kommerzielle Absichten.

Als Antiquitätenhändler während der Nostalgiewelle der 1980er Jahre die alten Karussells wiederentdeckten, begannen auch Wissenschaftler sich mit dem Thema Jahrmarkt zu beschäftigen. Die ersten Arbeiten im Bereich von Volkskunde und Sozialwissenschaften wurden bald ergänzt durch Arbeiten von Technikhistorikern, Kulturhistorikern, Musikhistorikern und schließlich Kunsthistorikern. Die Schausteller selbst rekonstruieren und vermarkten inzwischen „Historische Jahrmärkte“, teilweise in Zusammenarbeit mit Museen.

Erich Knocke hat seit 1996 nicht nur systematisch eine der umfangreichsten Fachbibliotheken zum Thema „Markt und Schausteller“ zusammengetragen, sondern im Jahre 2000 zu seiner Sammlung auch eine Publikation mit Aufsätzen namhafter Wissenschaftler herausgegeben und diese 2011 durch Texte seines Museumsteams zu konkreten Sammlungsobjekten ergänzt .

Das Markt- und Schaustellermuseum – für Besucher ein Ort lokaler Geschichte und vieles mehr.

Besucher, die die Sammlung betreten, tauchen in die bunte Welt von Markt- und Jahrmarkt ein. Sie bekommen einen umfangreichen Einblick in deren Geschichte – immer angebunden an die Geschichte der Handels- und Industriestadt Essen – , aber auch einen Eindruck von der einzigartigen Atmosphäre des besonderen Ereignisses „Jahrmarkt“, das die Menschen aus dem Alltag in Wunschwelten entführt, wenn sie den Klängen der Orgeln lauschen, ihre Kraft mit „Hau den Lukas“ unter Beweis stellen, das „Orient-Café“ besuchen und plötzlich vor der alten Weihnachtskrippe stehen, die viele Essener noch kennen.

Seit 2010, als Essen Kulturhauptstadt war, führt das Museumsteam, das zur Zeit aus drei ehrenamtlichen Mitarbeitern besteht, nicht nur angemeldete Gruppen durch die Sammlung, sondern an einem Samstag im Monat auch Besucher, die sich über die Homepage eingetragen haben.
Hinzu kommen Aktionen wie „Zu Gast in Deiner Stadt“ oder die „Kulturiade“, die Interessierten die Türen des Markt- und Schaustellermuseums öffnen.
Auch Zeitungen, Radio und Fernsehen – Lokalzeit,  Aspekte-Museumslotto -,  Fotoklassen der Volkshochschule mit anschließender Ausstellung,  Modefotografen, Studenten aus den Abteilungen Medien und Design, und sogar die Duisburger Philharmoniker im Rahmen von Filmaufnahmen zu einem Film über die Entstehung von „Peter und der Wolf“ waren in den letzten Jahren hier zu Gast.

Zu Beginn des Jahres 2015 tagte der Bundesverband der Schausteller und Marktkaufleute in der Messe Essen. Die Schausteller aus der gesamten Bundesrepublik wurden dort von Orgelklängen und einem Museumsstand empfangen.
2018 überraschten die Nachfolger von Erich Knocke, sein Sohn und seine Enkel die Museumsbesucher mit neuen Sammlungsstücken.

© Andrea Stadler, Januar 2019
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Ergänzung von Margit Ramus

Als ich das Museum in der Hachestraße 68 das erste Mal besuchte, fühlte ich mich in meine Kindheit versetzt. Unzählige große und kleine hölzerne Tiere standen geordnet und ungeordnet in den Gängen.
Meine Augen konnten zunächst das
Sammelsurium der ungewöhnlichen Exponate gar nicht in Gänze aufnehmen. Ich streifte durch die einzelnen, völlig überladenden Räume und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ganze Karussells, unzählige Karusselltiere, Venezianische Gondeln, Triller und Kutschen und vieles mehr entlockten mir ein „Oh“ und ein „Ach ja“! 

Ich entdeckte kleine Autos, Motorräder, Straßenbahnen, Trillermühlen und sonstige Besatzungsteile der Kinderkarussells der 1950er Jahre.


Auch große und kleine Drehorgeln, Rückenklaviere, Harmonien, Orchestrien und Walzenorgeln, versetzten mich in Begeisterung. Glücks- und Geschicklichkeitsspiele, Spielautomaten, Glücksräder und Verkaufsstände von anno dazumal ergänzten auch für mich als Schaustellerin die Fantasiewelt der Jahrmärkte.

Bei wiederholten Besuchen im Museum gewöhnten sich meine Augen an die scheinbar planlos zusammengetragen, manchmal vielleicht auch kitschigen Sammlungsstücke.
Ich entdeckte die Vielfalt der hochwertigen Exponate, die wahre Zeugnisse der Deutschen Volksfest-Kultur darstellen.
Wertvolle Projektionsgeräte von Wanderkino-Ausstellungen standen neben Moritatentafeln. Unzählige Plakate und Druckgrafiken schmückten die Wände.
Ein alter Pitschpin-Wohnwagen von 1905 erzählte ohne Worte von der gediegenen Wohnkultur der wohlhabenden Schausteller um die Wende zum 20. Jahrhundert. Alte Zugmaschinen, Marktkarren und ein Scherenschleifer-Wagen von 1900 vervollständigten dieses Bild.

 

Ich erinnere mich gerne an Erich Knocke, ein Urgestein mit Charakterkopf und einem gewissen Charisma, dessen Vertrauen man sich erst erarbeiten musste.  Erst als er von meinem kunsthistorischen Interesse und meiner ehrlichen Bewunderung für die Sammlung überzeugt war, öffnete er seine wahren Schätze und zeigte mir seine Grafik-Sammlung, die etwa 5000 Einzelstücke umfasste, sowie die Sammlung zahlreicher alte Urkunden, Plakate, Flugschriften und Zeitungen.

Erich Knocke ließ mich in seine Fachbibliothek eintreten und ich bewegte mich ganz andächtig in dem kleinen Raum, nahm nach dem zustimmenden Kopfnicken von ihm das eine oder andere Buch aus dem Regal. Es war mir unfassbar, welche umfangreiche Fach-Literatursammlung hier im Verborgenen verweilte.
Neben den 
Publikationen von Geoff Weedon und Richard Ward von 1981 (Weedon&Ward 1981), veranschaulichte David Braithwaite  in seiner Arbeit „Fairground architecture“ die Konstruktion und Dekoration einer Achterbahn, eines Autoskooters und eines Karussells. (Braithwaite 1968.). Ganz in der Nähe entdeckte ich die volkskundliche Forschungsarbeit des englischen Historikers Brian Steptoe.
In meterlangen Reihen standen Bücher und Festschriften, die die 
regionalen Geschichten der deutschen Jahrmärkte und ihrer Beschicker thematisierten, außerdem Publikationen in denen die Entwicklung der unterschiedlichsten Volksbelustigungen behandelt worden waren.

Die umfangreiche Sammlung des Schaustellers Erich Knocke ist Zeugnis für die Geschichte der deutschen Volksfest-Kultur. Sie verdiente eine großzügige Präsentation in einer musealen Atmosphäre, die der Einzigartigkeit und Wertigkeit der Exponate entspricht und der Öffentlichkeit ein vertieftes Verständnis der deutschen Volksfest-Kultur ermöglicht.

Auch nach dem Tod von Erich Knocke wird das Museum von drei ehrenamtlichen Mitarbeitern: Brigitte Aust, Andrea und Jörg Stadler am Leben gehalten. Sie führen nicht nur angemeldete Gruppen durch die Sammlung, sondern an einem Samstag im Monat auch Besucher, die sich über die Homepage eingetragen haben. Ihnen an dieser Stelle auch ein herzliches Dankeschön!

Im ersten digitalen deutschen House of Fame wird  Erich Knocke ein besonderer Dank für seine Verdienste für das Kulturgut Volksfest erwiesen.

© Margit Ramus

Historischer Verein für Stadt und Stift Essen e.V., Essener Köpfe, Essen 2015, S.195 u. S.320.

Medien
Romina Suliani, Sesam öffne dich! „Magische Orte“, WAZ Verlagsbeilage 18.Oktober 2013.
Maren Schürmann, Die Erfindung der Entschleunigung auf den Jahrmärkten, WAZ 29.03.2018. „Rummel-Vergangenheit im Essener Markt- und Schaustellermuseum“, WAZ Video 06.04.2018:
https://www.waz.de/video/clips/rummel-vergangenheit-im-essener-markt-und-schaustellermuseum-id213943111.html.
Radio Essen Reportersuche-Spezial 2015,
http://www.radioessen.de/essen/serien/reportersuche-spezial/reportersuche-spezial-2015.html.
http://www.zdf.de/aspekte/aspekte-museumslotto-aufruf-zur-teilnahme-vorschlaege-fuer-die-lostrommel-32049792.html.
Peter und der Wolf – Geschichte eines Welterfolgs, Regie: Axel Brüggemann und Axel Fuhrmann, 2014. Link: https://programm.ard.de/TV/Programm/Sendung=2820513436018443

Andrea Stadler, Le manège traverse la frontière. Etudes de transferts industriels et culturels franco-allemands dans le domaine de l’art forain entre 1870 et 1914, Diplomarbeit (DEA) in Kulturgeschichte, Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, Paris 2000/2001.
Andrea Stadler, Karussellfabriken um 1900, in: Stefan Poser/Joseph Hoppe/Bernd Lüke (Hrsg.), Spiel mit Technik, Katalog zur Ausstellung im Deutschen Technikmuseum Berlin, Berlin 2006, S. 200 – 206.
Andrea Stadler, Vernetztes Vergnügen, in: Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur (Hrsg.), Heft 1/2007, Voll vernetzt, Essen 2007, S.51 – 55.
Florian Dering, Volksbelustigungen. Eine Bildreiche Kulturgeschichte von den Fahr-,Belustigungs- und Geschicklichkeitsgeschäften der Schausteller vom achtzehnten Jahrhundert bis zur Gegenwart, Nördlingen 1986.
Kaspar Maase, Grenzenloses Vergnügen, Frankfurt 1997.
Poser/Hoppe/Lüke (Hrsg.), Spiel mit Technik, Berlin 2006.
Sacha-Roger Szabo, Rausch und Rummel. Attraktionen auf Jahrmärkten und in Vergnügungsparks. Eine soziologische Kulturgeschichte, Bielefeld 2006.
Margit Ramus, Kulturgut Volksfest. Architektur und Dekoration im Schaustellergewerbe, Köln 2013.
Erich Knocke (Hrsg.), Gesammeltes Vergnügen, Essen 2000.
Erich Knocke/Brigitte Aust/Andrea Stadler, Neuigkeiten aus dem Markt- und Schaustellermuseum Essen, Norderstedt 2011.