Das Leben als Schausteller A - Z

Schule und Ausbildung

Hausaufgabenstunde in der Familie Milz aus Köln. Foto um 1935. © Archiv Ramus

Schon im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts war vielen Schaustellern ein regelmäßiger Schulbesuch ihrer Kinder wichtig.
Damals gingen die meisten Kinder auf der Reise zur Schule. Dies ist eine Bezeichnung für den Schulbesuch am jeweiligen Veranstaltungsort der Eltern während der Saison.
Von Zeitzeugen wurde berichtet, dass die Schaustellerkinder in der neuen Schule bewundernd begrüßt wurden, etwas über die Kirmes erzählten und somit zur Auflockerung des Unterrichts beitrugen.
Montags war in vielen Orten schulfrei, und am Ende der Veranstaltung, meist dienstags, meldeten sich die Schaustellerkinder vom Unterricht wieder ab.
Erfreulicherweise belegen überlieferte Zeugnisse, dass dennoch oft gute Leistungen von Schaustellerkindern erreicht wurden. Allerdings war vor dem Zweiten Weltkrieg ein Wechsel in weiterführende Schulen eher selten. Die Mutter der Verfasserin erzählte recht wehmütig, dass ihre Lehrerin 1934 ihrer Mutter eine Empfehlung zum Wechsel ins Lyzeum/Gymnasium ans Herz legte, aber mit dem Ausspruch: „Wir sind doch Schausteller, bei uns geht das nicht,“ (1) als Absurdum abgelehnt wurde. 

Hier zeigt sich bereits die klassische Problemsituation der Schaustellerkinder. Viele Kinder verließen oft ohne Schulabschluss die Schule. Nicht selten waren sie bereits im elterlichen Betrieb als Arbeitskraft eingeplant. Das heißt jedoch nicht, dass Kinder zu schweren Arbeiten gezwungen wurden, sondern sie wurden und werden noch heute in die alltäglichen Pflichten der Eltern eingebunden. In vielen Familien glaubte man damals und teilweise leider noch heute, dass Lesen, Rechnen und Schreiben für den Beruf des Schaustellers ausreichen.
Es gab und gibt allerdings auch viele Ausnahmen, dass nämlich die Ernsthaftigkeit und die Koordination vom Schulbesuch auf Reisen zum Schulabschluss oder zum Wechsel in weiterführende Schulen führten und angestrebt werden.

Ab den 1960er Jahren entschieden sich einige Eltern für eine Internatsunterbringung ihrer Kinder. Im Reisegebiet der Autorin, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, waren die ersten christlichen Internate, in denen Schaustellerkinder zur Schule gingen, die Ursulinen in Köln und Bonn/Hersel. Dazu kamen Jungeninternate in Siegburg, Mayen oder Rengsdorf. Daneben wurden in den 1980er zwei spezielle Schaustellerinternate in Feuchtwangen und in Herford gegründet. Das Internat in Herford besteht nach wie vor.
Für die monatlich recht hohen Internatskosten gab es in einigen Bundesländern, für die dort beheimateten Eltern, staatliche Zuschüsse. Zum einen war auch bei Schaustellern Bildung und Ausbildung eine Frage des Geldes. Wer nicht die finanziellen Möglichkeiten hatte, konnte seine Kinder nicht ins Internat schicken. Zum anderen war es nicht unbedeutend, dass ein Internatsaufenthalt eine Trennung des Kindes von der Familie mit sich brachte. Diesen Trennungsschmerz wollten die Eltern vielfach nicht auf sich nehmen.

Eine durchaus gängige Praxis konnte im Übrigen auch beobachtet werden, dass Schaustellerkinder schlechte Noten anstrebten, um einen weiteren Schulbesuch unmöglich oder überflüssig zu machen, sodass letztendlich die Schule verlassen wurde.
Anzumerken wäre, dass von den Kindern, die ein Internat besucht haben, die Mehrzahl die Schule vorzeitig abbrachen, andere den Schulabschluss mit der Mittleren Reife oder dem Abitur erreichten, dennoch später fast alle wieder zu Hause im Schaustellerbetrieb arbeiteten.

Obwohl die schulische Ausbildung inzwischen einen hohen Stellenwert im Schaustellergewerbe erreicht hat, ist es noch gängig auf der Reise zur Schule zu gehen.
Von der Kultusminister Konferenz (KMK) wurde vor einigen Jahren ein sogenanntes Schultagebuch erarbeitet, in das die Anwesenheit und Teilnahme am Unterricht der Kinder in der jeweiligen Stützpunktschule bescheinigt wird. Die Einträge werden in der Stammschule der Wintermonate auf die Schulpflicht angerechnet und tragen zur Beurteilung und Versetzung bei. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts reichte noch ein einfaches Heft, in dem die Teilnahme am Schulbesuch bestätigt wurde. Siehe ein Beispiel in der Bildgalerie.
Manchmal bleiben die Kinder bei den schon zu Hause lebenden Großeltern oder alternativ fahren einige Schausteller ihre Kinder täglich zu ihrer Stammschule. Dies ist jedoch meist nur möglich, wenn es sich um Schausteller handelt, die nur rund 50 km plus/minus von ihrem Heimatort Kirmesveranstaltungen beschicken.

Seit 1998 stellt die Regierung kostenlos sogenannte Bereichslehrer für Schaustellerkinder zur Verfügung. Sie besuchen die Familien auf den Volksfestplätzen, erteilen den Kindern Förderunterricht, helfen bei Hausaufgaben und sonstigen schulinternen Formalitäten. Die Einrichtung nennt sich Schule unterwegs und die pädagogischen Verantwortlichen haben die Problematik der Schaustellerkinder klar erkannt.
In den Informationsunterlagen wird die Situation der Kinder in ständig wechselnden Schulen, wie folgt beschrieben:

„Ihre Mobilität ist die Ursache dafür, dass sie aus dem Schulsystem herausfallen, und sie verhindert gleichzeitig, dass ihre Lernsituation erkannt wird: Bevor die Lehrerinnen und Lehrer an den unterwegs besuchten Schulen den Lernstand der Kinder erkannt haben, müssen diese die Schule bereits wieder verlassen.
Reisende Kinder erfahren somit Schule häufig als Ort der Ausgrenzung, des Misslingens und Versagens. Dies kann dazu führen, dass diese Kinder die Schule nicht mehr besuchen wollen. Auf der anderen Seite besitzen reisende Kinder hohe Kompetenzen. Seit frühester Kindheit übernehmen sie in den Familienunternehmen zuverlässig und verantwortlich „ihre“ Bereiche. Auftritte, Tierversorgung, Kartenverkauf, Reklame, Süßwarenverkauf, Auf- und Abbauarbeiten, Kinderbetreuung, Ton- und Lichttechnik, Wagenreparaturen und vieles mehr erledigen sie mit Liebe und Hingabe für „ihr“ Familienunternehmen.
Was im Bereich der Schlüsselqualifikationen in der Regelschule manchmal mühsam eingeübt werden muss, beherrschen diese Kinder ganz selbstverständlich. Ihr „alltags- und -anwendungsbezogenes“ Wissen ist wesentlich größer als das gleichaltriger Mitschülerinnen und Mitschüler in der Regelschule“  (www.Schule-unterwegs.de)

Obwohl inzwischen auch der Schaustellernachwuchs die Schule, nicht selten mit Mittlerer Reife oder Abitur abschließt, ist das wirklich Wesentliche für einen Schaustellerjungen, -Mädchen nach wie vor: Zugmaschine zu fahren, an der Kasse zu sitzen, eben Mann/Frau zu stehen und auch manchmal schon Chef zu sein. Sorgen um Ausbildungsplätze kennen junge SchaustellerInnen nicht, weil sie überwiegend im elterlichen Betrieb ihre berufliche Zukunft beginnen.

Trotzdem ist Bildung auch für Schausteller ein wichtiger Baustein in der Lebensplanung. Deshalb ist es ungemein wichtig, die im Jahre 1991 gegründete Institution „BERID“, ein Verband zur Förderung der schulischen Bildung und Erziehung von Kindern der Angehörigen reisender Berufsgruppen in Deutschland e.V. zu unterstützen.

Auszug aus der Webseite: www.Schule-unterwegs.de/berid/

„Am 28.8.1991 wurde in Frankfurt/M (D) der „Verband zur Förderung der schulischen Bildung und Erziehung von Kindern der Angehörigen reisender Berufsgruppen in Deutschland e.V.‘ gegründet. Zum Präsidenten wurde der ehemalige Bundesverkehrsminister Dr. Werner DOLLINGER gewählt.
Der Gründungsprozess begann  im Januar 1989 auf einer Tagung des Arbeitskreises der evangelischen Binnenschifferheime. Nachdem dort Circus- und Schaustellerseelsorger Wolfgang Leuschner von der Gründung der EFECOT berichtete, entstand der Plan, als Pendant dazu in Deutschland einen nationalen Verbund der Vereine zu schaffen, der sich mit der Förderung der Erziehung und Bildung von Circus-, Schausteller- und Schifferkindern beschäftigen sollte. Nach intensiver Vorarbeit gelang es, die Fachverbände der betroffenen Berufsgruppen, drei Kinderheime für Schiffer-, Schausteller- und Circuskinder, eine Circusschule, den Verein zur Betreuung von Schaustellerkindern auf Festplätzen sowie die katholischen und evangelischen Seelsorgestellen zur Mitgliedschaft zu gewinnen.
So war es in Deutschland endlich gelungen, eine Interessenvertretung für alle Kinder zu schaffen, die auf Grund des reisenden Berufes ihrer Eltern bisher erhebliche Nachteile bei Schul- und Berufsausbildung in Kauf nehmen müssen.
Der Verband verfolgte den Zweck, die Rahmenbedingungen für die schulische Bildung und Erziehung von Schiffer- und Schaustellerkindern, aber auch der Kinder von Circusangehörigen und Artisten in Deutschland spürbar zu verbessern. Chancengleichheit dieser Kinder unter Berücksichtigung der gruppenspezifischen Lage des hier betroffenen Personenkreises – dieses Ziel wollte der Verband erreichen. […]

Das Thema „Kita“ ist für Schausteller kaum von Relevanz. Obwohl in fast allen Schaustellerbetrieben Mann und Frau gleichsam in Vollzeit ihr Geschäft betreiben, werden Babys oder Kleinkinder nicht aus der elterlichen Pflege gegeben. Die Kinder wachsen in der Familie auf.

In der Bildgalerie werden einige Zeugnisse vorgestellt, als Beispiel, dass trotz mehrfachem Schulwechsel, den Schaustellerkinder unweigerlich erleben, gute Noten erzielt werden können.

 © Dr. Margit Ramus

www.Schule-unterwegs.de

Alle Dokumente wurden mit Genehmigung der Familien eingestellt.

2 Beiträge zu “Schule und Ausbildung

  1. Marx Karl Heinz

    Sehr geehrte Frau Dr. Ramus, gerne erinnere ich mich an die Zeit als Schaustellerkinder für ein paar Tage anlässlich des Limburger Oktoberfestes zum Unterricht in die Schule kamen. Noch heute habe ich dadurch Kontakt zu Willy Meyer aus Neuwied und das über eine Zeit von fast 55 Jahren. Es ist so wie von ihnen beschrieben, man hatte eine große Bewunderung für die Mädchen und Jungs von der „Reise“. Meine ich zu erinnern das ihre Familie zu der Zeit auch in Limburg gastierte. Auch habe ich mit der Familie Zimmer eine lange freundschaftliche Verbindung. Bedingt durch diese Bekanntschaften interessiere ich mich schon seit vielen Jahren für den gesamten Bereich der Schaustellerei und deren soziales Umfeld. Ihre Berichte lese ich mit großem Vergnügen. Bitte weiter so und herzliche Grüße aus Limburg /Lahn

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    1. Margit Ramus Artikelautor

      Hallo Herr Marx, freue mich über Ihren Kommentar. Ich hatte das Glück, als Schaustellerkind von Beginn an in feste Schulen zu gehen, obwohl ich das am jeweiligen Ort zur Schule zu gehen, gerne auch mal ausprobiert hätte. Übrigens war der Vater von Willy Meyer, Herbert Meyer der Cousin meiner Mutter und auch meine Eltern (Schoeneseifen) waren mit der St. Moritz Bahn auf vielen Volksfesten in Rheinlandpfalz unterwegs. Ebenfalls herzliche Grüße aus Köln.

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