Schaustellerbranche im Spiegel der Tagespresse A - Z

1969 Velbert Warnen Sie die Schausteller-Kollegen!

Es ist sehr erstaunlich, dass in der Fachzeitschrift „Der Komet“, in einem Bericht wichtige Fakten eines Ereignisses nicht korrekt dargestellt sind. Irgendwann sind keine Zeitzeugen mehr am Leben, um die falschen Informationen aufzuklären, die so den kommenden Generationen weitergeben werden und einen Unfall und die Sicherheit eines Schaustellergeschäftes in ein völlig falsches Licht stellen würde. 
Zum besseren Verständnis werden Ergänzungen und Korrekturen von der Verfasserin Margit Ramus, Tochter von Josef Schoeneseifen, als Beteiligte und Zeugin des Ereignis im Bericht eingesetzt. 

Hans Kirchhoff schrieb 1969 im Komet:

Warnen Sie die Schausteller-Kollegen! 
[Schon der Titel ist irreführend, denn diese Aussage, die im Text als Zitat erscheint, würde ein Schausteller nie machen ]
„Wir erinnern uns: Im Krankenhaus der Schloßstadt Velbert, in der Schoeneseifen um ein Haar das Opfer seiner aufs modernste eingerichteten Hully Gullys geworden wäre.
Nur der Knopfdruck eines seiner Angestellten im Moment höchster Gefahr brachte das Werk zum Stehen, das mit „zermalmender Gewalt“ nach Art der Maschine auf ihrem Geradeaus-Weg keine Hemmungen kennt.
Schon in Velbert hatte Schoeneseifen anlässlich jenes Besuchs Zeit und Muße, darüber nachzudenken, was man nicht tun sollte, und bei dieser Gelegenheit brachte er zum Ausdruck, was dann im KOMET veröffentlicht wurde: Möge der Fall allen Kollegen eine Warnung sein!

Tatsache ist, dass Josef Schoeneseifen am 1.Mai 1969 während dem Geschäftsbetrieb der Stromunterbrechung seines Karussells Hully Gully auf den Grund gehen wollte. Jeder Schausteller wird bei einer Störung versuchen die Ursache zu finden und zu beheben. So auch Josef Schoeneseifen. Er stand im Mittelbau der Anlage, als die Anlage plötzlich wieder Strom bekam und sich in Bewegung setzte. Durch das umsichtige Verhalten des Geschäftsführers, der sofort den Stopptaste drückte, konnte Schlimmeres verhindert werden. Josef Schoeneseifen wurde ins Krankenhaus eingeliefert und schnell wieder entlassen. Anhaltende Schmerzen führten ihn nach Köln-Porz ins Krankenhaus, wo ein Haarriss in der Hüfte diagnostiziert wurde. 

Kirchhoff: Am Sonntag, dem 15. 6.1969 erreichte den KOMET-Berichter wieder ein Anruf Schoeneseifens aus dem ungleich größeren Krankenhaus in Köln-Porz. Dort hatte er sich erneut in Behandlung begeben müssen, wurde operiert und kann zurzeit nicht sagen, wie die Sache weitergeht.

[Zu keiner Zeit hat Josef Schoeneseifen den Komet-Berichterstatter angerufen um über einen Unfall zu berichten, auch dies ist nicht im Sinne eines Schaustellers]   

Kirchhoff: „Inzwischen hat das Schicksal erneut zugeschlagen, diesmal beim Aufbau des zweiten Geschäftes, des „Jaguars“, dessen rasante Fahrt immer wieder das Entzücken besonders der Kirmes-frohen Jugend findet.
Es passierte, während der Josef wiederum im Krankenhaus lag.
Sein 28 jähriger Geschäftsleiter sprang entschlossen zu, als das Rundfahrgeschäft während des Aufbaus plötzlich das Gleichgewicht verlor und nach einer Seite fortkippte. Der junge Mann — Sohn eines unserer bekanntesten rheinischen Schausteller — wurde im Bestreben, dem Schicksal in die Arme zu greifen, schwer am linken Arm verletzt.“ 

Tatsächlicher Unfallhergang

Als sich herausgestellt hatte, dass Josef Schoeneseifen noch für ungewisse Zeit im Krankenhaus bleiben musste, fragte Maria Schoeneseifen den jungen Schaustellerkollegen, W. L., ob er neben seinem eigenen kleinen Geschäft (Radio-Verlosung), den Auf- und Abbau sowie Transport des Jaguars mit dem langjährigen Personal durchführen könne.
Am Donnerstagnachmittag vor Pfingsten waren die Aufbauarbeiten soweit fortgeschritten, dass der Dachstuhl des Karussells mit den Frontteilen mittels Winden, die in den vier Eckstrebepfeilern eingesetzt waren, nach oben in die endgültige Position gebracht werden konnte. Dazu musste gleichmäßig, manuell gedreht werden, ansonsten verkantete sich der Dachstuhl.
Ohne irgendwelche Schuldzuweisung vorzunehmen, muss gesagt werden, dass nicht an allen vier Winden gleichmäßig gedreht wurde und der Bolzen für die vorhandene Sicherung zur Verhinderung des Rücklauf der Winden nicht eingeschoben worden war.
So passierte es, dass eine Winde zurück spulte und die entsprechende Ecke des Dachstuhls ca. einen Meter runterrutschte, bis dass sie von einem Sicherungsbolzen im Strebepfeiler aufgefangen wurde. Außer einer Schrecksekunde war niemandem etwas passiert. 
Nun galt es die Winden an den drei anderen Eckstrebepfeilern wieder runterzudrehen um den Dachstuhl des Karussells wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Bei diesem Arbeitsgang wurde sehr behutsam vorgegangen, und alle paar Zentimeter neben den Bolzen zusätzliche Eisentraverse zur Sicherung in die Strebepfeiler eingeschoben.
Mittlerweile waren alle Schaustellerkollegen auf dem kleinen Volksfestplatz in Bergneustadt aufmerksam geworden und standen vor dem Karussell und schauten dem Geschehen zu. 
Als alle vier Ecken des Dachstuhls fast wieder die gleiche Höhe erreicht hatten, kletterten die vier Leute, die die Winden bedienten, die Strebepfeilern rauf um die unteren Sicherungen umzustecken. W. L. zog an seiner Ecke den oberen Bolzen aus den angeschweißten Ösen heraus und steckte seinen Arm durch den Strebepfeiler um den Bolzen von hinten, anstelle von vorne, in die Ösen zu schieben.
Plötzlich gab einen Ruck und der Dachstuhl fiel noch einmal wenige Zentimeter bis auf die zweite Sicherung, dem Eisentravers, zurück. Tief genug, um den durch den Pfeiler gestreckten Arm von W. L. einzuklemmen. 
Nach einer dramatischen Rettungsaktion wurde der stark gequetschte Arm zunächst im Krankenhaus erhalten. Aber nach einigen Tagen, musste der Unterarm leider doch amputiert werden.

Kirchhoff schreibt stattdessen: Die Gummersbacher Techniker vom Bauamt waren sofort zur Stelle, der Verletzte wurde abtransportiert und sofort operiert. Man glaubte, die ärztliche Kunst würde ihm den Arm erhalten, aber es kamen dann Komplikationen hinzu — der Arm musste abgenommen werden.
Während Schoeneseifen berichtete, was er nur vom Hörensagen wusste, blickte er verloren in die Weite vom sechsten Stock seines Krankenzimmers, um dann fortzufahren:
„Niemand kann sagen, was hier etwa versehen wurde und ob hier überhaupt jemanden ein Verschulden trifft. 
Wir haben die modernsten Maschinen und bedienen uns ihrer täglich. Wir verdienen mit ihnen unser tägliches Brot, und im Baubuch wird ihre Sicherheit, mit der sich jede abnehmende Baubehörde erneut befasst, bescheinigt. Im Laufe der Zeit verwachsen Mensch und Maschine aufs engste miteinander. Die Risiken sind 1000: 1 — hier hat wieder einmal das Schicksal zugeschlagen!“
[ Ramus: Das Zitat passt überhaupt nicht zu dem Geschehen und zu Josef Schoeneseifen]
Und dann wurde Schoeneseifen warm. Sein weiterer Bericht war ein einziger Dank an alle Kameraden, die hier in vorbildlicher Weise dazu beigetragen haben, dass alles weiterlaufen konnte.
Die Lieferfirma kam noch in selbiger Nacht aus dem Breisgau; sie nahm den Jaguar in ihre Werkshallen und lieferte ihn so zeitig auf dem nächsten Platz wieder ab, dass keine Arbeitspause entstand.“ 

Unverzügliche Freigabe des Karussells durch den TÜV

Es ist richtig, dass die Gummersbacher Techniker vom Bauamt sofort zur Stelle waren. Gemeinsam mit der Firma Mack und dem TÜV München, die am frühen Freitagmorgen das Karussell in Bergneustadt besichtigten, wurde festgestellt, dass KEIN technischer Fehler vorlag.
Der Aufbau des Karussells konnte an Ort und Stelle fortgesetzt werden.
Pünktlich zur Eröffnung der Pfingstkirmes am Samstag um 14 Uhr war auch der Jaguar wieder voll betriebsfähig und vier Tage voll im Einsatz. Der Anschlussplatz war die Köln-Mülheimer Gottestracht.
Es ist unwahr, dass das Karussell Jaguar zum Hersteller Mack im Breisgau gebracht worden ist.
Allerdings reagierte die Firma Mack auf den Unfall, indem die nächsten Karussells der Baureihe Viersäulen Musikexpress mit geschlossenen Rundpfeilern an den Ecken ausgestattet wurden.

Falsche Schlussfolgerung des Chronisten

Kirchhoff im Komet: „Der Chronist suchte die Firma Mack im Breisgau auf und hatte Gelegenheit, mit dem Chef zu sprechen. Ein Fehler wurde nicht gefunden. Man baute zwar eine weitere Sicherung „für alle Fälle“ ein, nach Auffassung der Hersteller jedoch war ein Höchstmaß an Sicherheit auch vorher vorhanden, wobei es im Umgang mit solchen und überhaupt allen Maschinen immer einmal wieder ein Versagen geben kann. 
Die Berufsgenossenschaften erleben — vom Flugzeug bis zur Nähmaschine — die seltsamsten Dinge, für die letzte Erklärungen nicht zu finden sind. 
Während seiner unfreiwilligen Muße gedachte Josef Schoeneseifen all derer, die hier weitgehendst dazu beigetragen haben, dass Ursache und Wirkung auf ein Mindestmaß beschränkt blieben. Alle Kollegen halfen seiner Frau, die verantwortungsbewusst die Fäden der Geschäfte in der Hand behielt. Zwar bewahrheitete sich hier das Sprichwort von einem Unglück, das selten allein kommt.
Die Folgen für seinen jungen Geschäftsführer bedrücken Schoeneseifen auf seinem Krankenlager sehr, immer wieder jedoch rührt ihn der Dank für die Hilfsbereitschaft aller, der er dann wieder und wieder die Mahnung ebenso für alle folgen lässt, mehr Vorsicht walten zu lassen als er es selbst tat, als er sich ins Innere seiner Maschine begab. © Hans Kirchhoff

Kollegiales Verhalten

Es ist richtig, dass viele Schaustellerkollegen ganz spontan ihre Hilfe angeboten haben. Dies ist allerdings bei Schaustellern völlig normal und bedarf gar keiner Frage.
Ganz besonders freute sich die Familie Schoeneseifen allerdings, dass August Schneider aus Herford, der ebenfalls einen Musikexpress betrieb, (heute Schneider-Krause) nach Köln-Mülheim kam und beim Aufbau selbst Hand anlegte.
Den Helfern wurde ein herzliches Dankeschön ausgesprochen.
Dem jungen Schausteller W.L. wurde zu keiner Zeit und von keiner Seite die geringste Schuld an diesem Unfall zugeschrieben. Bedauerlicherweise verlor der junge Mann seinen Unterarm. Glücklicherweise war er ordnungsgemäß bei der Familie Schoeneseifen angemeldet und bekam bis zu seinem Lebensende vor einigen Jahren, von der Berufsgenossenschaft eine Unfallrente, die den Richtlinien des Verlust eines Armes entsprach.

Abschrift vom originalen Zeitungsartikel, plus Ergänzungen und Korrekturen © Margit Ramus

Kirchhoff, Hans: Warnen Sie die Schausteller-Kollegen! In: Der Komet … 1969

 

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