
Firmendaten
Franz Siebold 1885-1916
Friedrich Wilhelm Siebold 1885-1944
Der Bremer Schausteller und Ingenieur Friedrich Wilhelm Siebold besuchte während seiner Studienreise auch die USA.
Auf Coney Island lernte er Stefan Bibrowski alias „Lionel“ kennen, der außergewöhnlich stark behaart war. Als Siebold nach Deutschland zurückkehrte, wurde er von Lionel begleitet. Er stellte ihn bereits 1913 in einer Schaubude auf dem Bremer Freimarkt vor.
Seit Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs fand die Zurschaustellung von Abnormitäten bei den Besuchern von Volksfesten enormen Zulauf.
Nach Ende des Ersten Weltkriegs baute Friedrich Wilhelm Siebold in seiner Bremer Karussellbaufirma zahlreiche Schaubuden, in der er seine „Liliputaner“, „Riesen“ und andere präsentierte.
Zunächst baute er ein noch größeres Schaugeschäft als vor dem Ausbruch des Krieges. Zahlreiche Fassadenentwürfe des Malers Meyer aus Dortmund-Mengede sind überliefert.
Bildgalerie
Bildgalerie Entwürfe des Kunstmalers Meyer aus Dortmund-Mengede
Franz Siebold wurde als Sohn der Eheleute Friedrich Wilhelm und Anna Helene Siebold, geborene Gessel, am 10.04.1852 in Essen geboren.
Am 05.10.1873 heiratete Franz Siebold Anna Josefa Riefers (1851-1934). Das Paar bekam drei Töchter und einen Sohn, Friedrich Wilhelm, der später das Lebenswerk seines Vaters fortsetzen wird.
Franz Siebold lebte mit seiner Frau Anna und den gemeinsamen Kindern in Essen. Er war Fischhändler und seine Geschäfte liefen gut. „Seine Eltern handelten in Essen mit Heringen en gros.“ (Siebold, Wilfried: 950 Jahre Bremer Freimarkt. Ausstellungskatalog1985. S. 86)

Abb. 2 Schaustellertransport 1920er Jahre © Sammlung Froitzheim
Die Rücksprache mit der (2020) noch lebenden Enkelin von Franz Siebold, Hildegard Pfennig, geborene Siebold, ergab, dass auch ihr kein Vertrieb von Karussells an andere Schausteller bekannt ist, auch sei der Großvater nie außerhalb Deutschlands gereist. Sie erinnerte sich an Erzählungen ihrer Mutter, dass auch der Großvater bereits damals für das Betreiben seiner Geschäfte Geschäftsführer eingestellt habe.
Frau Pfennig erzählte, dass Franz Siebold bei der Verwaltung von Essen ein großes Ansehen genoss.
Im gleichen Jahr hatten sich Siebold und Hotto getrennt und Franz Siebold führte die Karussellbaufirma von nun an allein.
Etwa zeitgleich hatte er von Frederick Savage ein spezielles Patent für den Bau von Berg- und Talbahnen erworben, die er nun selbst bauen ließ.
1896 importierte er noch weitere Dampfmaschinen aus England, deren Inbetriebnahme durch aufgefundene Anträge im Stadtarchiv von Essen dokumentiert ist.
Ein Blick zurück zur Familie Franz Siebold
Am 25. September 1880 war den Eheleuten Franz und Ana Josefa Siebold nach drei Töchtern der Sohn Friedrich Wilhelm Siebold in Essen II. Weberstraße 32 geboren.
Bis zur Gegenwart wird in der Familie erzählt, dass Friedrich Wilhelm, kurz Willy genannt, Pastor hätte werden sollen. Vor den Eltern soll er damals folgenden Einwand geäußert haben:
„Das mit dem Pastor können wir begraben, dafür hab’ ich die Mädchen viel zu lieb“. (Hildegard Pfennig)
Stattdessen studierte der einzige Sohn von Franz Siebold nach dem Abitur in Darmstadt, Bingen und Karlsruhe Maschinenbau und Ingenieurwissenschaften.
Frau Pfennig erzählte, dass der Großvater, Franz Siebold, seinem Sohn, ihrem Vater, während der Semesterferien in Deutschland die Führung eines Karussells übertragen hatte. Willy habe auch die Ein- und Ausgaben zu verwalten und auf pünktliche Zahlung der Unkosten zu achten gehabt. Friedrich Wilhelm sei jedoch eher dem feuchtfröhlichen Feiern mit Freunden als der ordentlichen Buchhaltung zugetan gewesen.
Als die Löhne am Ende der Woche ausgezahlt werden sollten, sei mal wieder nicht genug Geld da gewesen, obwohl die Einnahmen ausreichend gewesen waren. Daraufhin habe er seinen Vater telegrafisch um Geld gebeten.
Als das Geld ausblieb, schrieb er noch ein Telegramm: „Wo bleibt Geld stopp Willy“. Die Antwort kam vom Vater umgehend: „In meiner Tasche stopp Vater“. (Siebold, Wilfried: 950 Jahre Bremer Freimarkt. Ausstellungskatalog1985. S. 86)
Trotzdem hat Franz Siebold das Geld für die Löhne telegrafisch angewiesen.
Außerdem schrieb er einen Brief, der mit den Worten begonnen haben soll:
„Auch ein Brunnen ist einmal leer zu schöpfen!“ (Hildegard Pfennig)
Friedrich Wilhelm Siebold soll so verärgert und beschämt gewesen sein, dass er den Brief gar nicht weitergelesen, sondern zerrissen habe. Später habe er immer wieder erzählt, dass er sich nie vergessen könne, den Brief seines Vaters zerrissen zu haben. Aber die Geschichte sei ihm eine Lehre fürs ganze Leben gewesen. Von da an habe er immer erst die Kosten zur Seite gelegt und dann erst Geld für Vergnügen ausgegeben.
Nach dem erfolgreichen Abschluss des Studiums schickte der Vater den jungen Ingenieur für weitere Studien nach London, Paris und dann in die USA. Von Willys so erworbenen Sprachkenntnissen erhoffte sich Franz Siebold Geschäftsverbindungen zu internationalen Karussellbauern.
Franz Siebold, der Senior, war ehrgeizig und für viele Neuerungen im Volksfestbereich offen.
Das zeigt sich auch in seiner weiteren Schaffensperiode.
Sein Betrieb expandierte und Siebold stellte gute Leute für die Führung und Wartung seiner Geschäfte ein. Nach dem Freitod seines Schaustellerkollegen Wilhelm Friedrich Stuhr, wurde dessen Firma 1904 geschlossen. Daraufhin stellte Siebold den Sohn Otto Stuhr als Elektriker und Mechanist ein. Nach fünf Jahren, 1909, heiratete Stuhr die Schaustellertochter Lina Leithäuser und das Paar übernahm die Schießbude der Schwiegereltern.
Franz Siebold wird Kinobesitzer
Neben dem Karussellbau und dem Betreiben der Karussells hatte Siebold im Jahr 1903 für 75.000 Goldmark einen Kinematographen gekauft und reiste mit einem, später mit zwei Wanderkinos, „Palais Electrique“ genannt, von Ort zu Ort. Die Filme wurden jeweils von einem eigenen Orchester von 10 Musikern untermalt, die das große Kino auch haben auf- und bauen müssen. Den ersten Tonfilm gab es in Essen erst 1939.
1905 baute Franz Siebold das Wanderkino auf der Albertwiese in Essen auf. In dem riesigen Zelt fanden 2000 Personen Platz und der Erfolg war enorm.

Abb. 3 Zirkuskino der Familie Heitmann © Sammlung Siebold Pfennig
Wie ein solches Wanderkino aussah, wird durch eine Fotografie eines Circus-Kinematographen aus dem Jahre 1907 von der Firma Carl Heitmann aus Herford überliefert. (Abb. 3)
Mit den Wanderkinos haben die Betreiber, meist Schausteller, ziemlich viel Geld eingenommen. Deshalb richteten einige von ihnen mit der Zeit in vielen deutschen Städten auch stationäre Kinos ein. Auch Franz Siebold plante ein stationäres Kino in seiner Heimatstadt Essen. Inzwischen hatten die Gebrüder Pathé aus Frankreich in Berlin einen Filmverleih gegründet, sodass das Angebot an Filmstreifen bedeutend größer geworden und leichter zugänglich war.
1910 war es soweit. Franz Siebold hatte am Viehofer Platz 12 eine Immobilie erworben und ein Ladenlokal umgebaut. Dort eröffnete er ein Kinotheater mit 350 Plätzen. Das Kino hatte bereits einen elektrischen Vorhang und eine Belüftungsanlage.
„Franz Siebold war ein Genie. Die Geschäfte, die er anfasste, gelangen. Er hatte eine Nase für das, was in war. Der „olle Franz“, wie die Essener ihn nannten, war schon eine originelle Person. In seinem Fach war er unbesiegbar. Über seine Pionierdienste für den Film habe ich schon berichtet, es bleibt nachzutragen, dass er überall auch in der Vergnügungsbranche eine Rolle zu spielen wusste.“ (Anderheyen, Wilhelm: Von den Anfängen der Filmkunst in Essen. In: Essener Lokalpost, 26.03.1939. 13.Jhg. Nr. 15 Gelesen in: Stadler, Andrea: Vernetztes Vergnügen. Aufsatz 2007)
Die Vorlage zur Einrichtung hatte ihm sein Sohn Friedrich Wilhelm Siebold aus Paris besorgt. Die eleganten Pariser Kinos hatten im Zuschauerraum Balkonlogen und gepolsterte Sessel. Die Essener Presse bezeichnete das „Pariser Cinema“ als schönstes Lichtbildtheater der Stadt. (Hildegard Pfennig)
Franz Siebold erwarb in den kommenden Jahren neben Grundstücken in Altenessen und Wohn- und Geschäftshäusern an der Hindenburgstraße noch mehrere Grundstücke am Viehofer Platz.
1910, während der Umbauten für das Kino am Viehofer Platz, war der Antrag von Franz Siebold für eine Schankgenehmigung abgelehnt worden, da es in einem Umkreis von 300 m bereits 30 Schankgeschäfte gab.
1912 erhielt er die Bau- und Schankgenehmigung für einen Neubau in unmittelbarer Nähe.
1913 erschien in der Essener Volkszeitung ein Artikel über die Fertigstellung eines modernen Gebäudes von Franz Siebold am Viehofer Platz. Darin seien eine Gastwirtschaft mit Restaurant im Erdgeschoss und ein Café im ersten Stock eröffnet worden. In den darüber liegenden Geschossen hätten sich Wohnungen befunden. Überliefert ist auch, dass der Schwiegersohn Dr. Reymann, ebenfalls mit seiner Zahnarztpraxis in den Neubau einzog. (Infos der Familie)
Friedrich Wilhelm Siebold, der Sohn und Lionel
Wie bereits erwähnt, besuchte der Sohn, Friedrich Wilhelm Siebold, während seiner Studienreise auch die USA.
Auf Coney Island lernte er Stefan Bibrowski alias „Lionel“ kennen. Dieser war 1892 in Bielsk/ Warschau geboren. Mit dem deutschstämmigen Schausteller Carl Sedlmayer war er in die USA gelangt. Wegen seiner ungewöhnlich starken Körperbehaarung wurde er schon in jungen Jahren als „Lionel, der Löwenmensch“ zur Zugnummer im Zirkus Barnum & Bailey. (Abb. 4)

Abb. 4 Lionel der Löwenmensch © Sammlung Froitzheim
Willy Siebold wollte scheinbar die Erfolgsnummer kaufen, aber dafür hatte der Vater gar kein Verständnis.
Er reagierte folgendermaßen: „Darför hef ik mien Söhn nu studeeren laten, dat he mit’n Pudel dör de Welt reist.“ (Siebold 1985. S. 86)
Lionel hatte zuvor eine fünfjährige Tournee durch Nordamerika im Zirkus Barnum & Baily abgeschlossen. Er soll nicht angemessen bezahlt worden sein, deshalb bat er Friedrich Wilhelm Siebold ihn mit nach Deutschland zu nehmen.
1909 kehrte Friedrich Wilhelm/Willy Siebold nach Deutschland zurück und brachte den als Freund gewonnenen Bibrowski aus den USA mit.
In Deutschland eingetroffen, trat Lionel in einer Schaubude auf einem Volksfest in Oberhausen sowie auf der Münchner Oktoberwiese auf. Kurz darauf war er auch auf dem Bremer Freimarkt in einer Bude auf dem Domhof zu sehen. (Peters, Fritz: Freimarkt in Bremen Geschichte eines Jahrmarkts. Bremen 1962. S. 99)
Der junge Willy Siebold hatte jedoch nicht nur Lionel mitgebracht, sondern in seinem Gepäck auch einige Patente für neue Volksbelustigungen, Pläne von Achterbahnen und viele Ideen.
In Deutschland war der Patentschutz 1877 eingeführt worden. Um Patente auch auf internationaler Ebene zu schützen, bemühten sich einige Länder seit 1883 um eine internationale Regelung. Deutschland trat ihr aber als einer der letzten Industriestaaten erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei. (Dering 1986. S. 62) Das bedeutete, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Patent über die Landesgrenzen hinaus noch nicht geschützt war. Die im Ausland gekauften Patente durften in Deutschland genutzt werden, ohne dass dafür Tantiemen an die Erfinder gezahlt werden mussten.
Zeit nach dem Ersten Weltkrieg
Aus dem Krieg zurückgekehrt, führte Friedrich Wilhelm Siebold die Karussells des Vaters weiter. Außerdem übernahm er die Jahreszahl „1885“, in dem der Vater, Franz Siebold, seine Karussellbaufirma gegründet hatte, für seine eigene Firma als Gründungsjahr. Dies ist durch überliefertes Briefpapier der Firma F.W. Siebold bezeugt; Friedrich Wilhelm stellt sich als Fabrikant und Schausteller mit dem Gründungsjahr 1885 vor. Später fallen unterschiedliche Adressen auf, Bremen Langenstr. 5-6, eine Geschäftsstraße in Bremen, in der jedoch nur ein Büro eingerichtet war. In Bremen Am Hulsberg 70-72, befand sich das Betriebsgrundstück mit Hallen zum Überwintern und Renovieren der Achterbahnen und Karussells. Das Privathaus stand in Oberneuland, später in Schwachhausen in der Lüder von Bentheim Str. 45. (Hildegard Pfennig)
Nach Ende des Ersten Weltkrieges ging die Familie getrennte Wege.
Die Witwe Anna Josefa Siebold, geborene Riefers, blieb bis zu ihrem Tod am 20.03.1934 in Essen.
Die älteren Schwestern hatten bereits durch Heirat ihren Lebensmittelpunkt gewechselt.
Caroline Siebold hatte den Zahnarzt Theodor Heribert Reymann geheiratet. Sie und ihr Ehemann verwalteten nach dem Tod des Vaters und Schwiegervaters dessen Immobilien.
Johanna Siebold hatte den Privatmann Heinrich Rüschkamp geheiratet. Er kam bei einem Straßenbahnunfall um Leben. (Telefongespräch der Verfasserin mit Ingrid Franzgrote)
Für Franziska Siebold (1875-1928) gibt es unterschiedliche biographische Angaben. In einigen Quellen wird von drei verschiedenen Personen namens Franziska Siebold berichtet, die jeweils einen unterschiedlichen Lebensweg eingeschlagen haben.
Am besten schien die Franziska Siebold in das weitere Geschehen zu passen, die angeblich 1902/03 den Wilhelm Herhaus aus Frankfurt geheiratet haben sollte, (Stadler 2010. Kap. 1.5) weil damit die Verbindung zur Familie von Fritz Herhaus, dem späteren Kompagnon von Willy Siebold, nachvollziehbar wurde. Aber nach Rücksprache mit einer Cousine wurde Hildegard Pfennig bestätigt, dass Franziska einen Herrn Lemke geheiratet hatte. Deren Tochter Anneliese habe den Essener Amtsgerichtsrat Clemens Landgräber geheiratet und das Paar habe drei Söhne bekommen. (Telefongespräch der Verfasserin mit Ingrid Franzgrote)
Verbindung Siebold und Herhaus
Damit bleibt zunächst die Frage offen, wie die Verbindung zwischen Siebold und Herhaus zustande gekommen war. Sicher ist, dass Friedrich Wilhelm Siebold, nachdem er aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekommen war, die Schaustellergeschäfte seines Vaters übernommen hatte. Vermutlich kannte Siebold bereits den Wilhelm Herhaus aus Frankfurt und bot ihm die Führung eines der Geschäfte an. Dieser wird das Angebot angenommen und seine Frau sowie seinen 1904 geborenen Sohn Fritz mitgebracht haben.
Sicher ist, dass der junge Fritz Herhaus später ebenfalls im Betrieb von F.W. Siebold arbeitete. 1929 heiratete er Louise/Lulu Hirsch, die Tochter des Zirkusbesitzers Hirsch. Lulus Brüder, Otto und Heini Hirsch, waren ebenfalls schon mit Siebold beruflich verbunden. Otto führte als Geschäftsführer eines der Geschäfte von Siebold.
Nach der Heirat mit Lulu wurde Fritz Herhaus 1929 Kompagnon von Friedrich Wilhelm Siebold. Das umfangreiche Bildmaterial der Familie Siebold & Pfennig deutet darauf hin, dass der Firmenzusammenschluss Siebold & Herhaus sich im Wesentlichen auf die Achterbahnen bezog. Denn die später angeschafften oder selbst gebauten Geschäfte liefen fast alle nur unter dem Firmennamen „Siebold“. Dies ändert sich erst nach dem Tod von Friedrich Wilhelm Siebold 1944.
Noch einmal zurück in die Zeit sofort nach dem Ersten Weltkrieg
Willy Siebold hatte durch seine Freundschaft mit „Lionel, dem Löwenmensch“ nie das Interesse am Schaugeschäft verloren. Er hatte Lionel bereits 1913 in einer Schaubude auf dem Bremer Freimarkt vorgestellt.
Schon im 19. Jahrhundert bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs fand die Zurschaustellung von Abnormitäten bei den Besuchern von Volksfesten enormen Zulauf.
Nun nach Ende des Ersten Weltkriegs führte Siebold diese Geschäftsidee fort und baute dafür ein noch größeres Schaugeschäft als vor dem Ausbruch des Krieges. Zahlreiche Fassadenentwürfe des Malers Meyer aus Dortmund-Mengede sind überliefert. (Abb. 10)
Siebold präsentierte in diesem riesigen Schaugeschäft eine Völkerschau und „Lionel den Löwenmenschen“. Später kamen die Giraffenhals-Frauen auch „Lippenneger“ genannt dazu. Bis 1932 präsentierte Siebold auf dem Bremer Freimarkt die „Lippenneger“ und die „Kanaken der Südsee“ in seinen Schaubuden. (König 2011. S. 82) (Abb. 11)
Auch in anderen großen Städten Deutschlands waren Schausteller mit Völkerschauen unterwegs. Carl Hagenbeck hatte 1874 seine erste Völkerschau eröffnet. Es folgten ihm viele, z.B. Carl Gabriel aus München u.a. Sie präsentierten auch Abnormitäten in ihren überdimensionalen Schaubuden. Sie waren auf jedem großen Festplatz die absolute Sensation.
Auch „im Frankfurter Zoo fanden in der Zeit von 1878 bis 1931 mehr als zwei Dutzend sogenannte Völkerschauen sowie die Zurschaustellung von Krao, einem Mädchen mit physischen Besonderheiten, statt.“ (Quelle: Website von Frankfurter Zoo)
Es waren zumeist Unternehmer wie der Tierhändler Carl Hagenbeck, die als Veranstalter der Völkerschauen auftraten. Vom 6. Mai bis zum 15. November 1931 fand in Paris die internationale Kolonialausstellung statt. In der Ausstellung wurde auch eine Gruppe von Kanaken (Ureinwohner von Neukaledonien) gezeigt. Das Bildmaterial belegt das Friedrich Wilhelm Siebold ebenfalls diese Menschen auf dem Oktoberfest in München 1931 in seiner Schau als „Kanaken der Südsee“ präsentierte. (Abb. 12 u. 18-20)
Nach Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ergaben sich erste ordnungsbehördliche Schwierigkeiten zur Erlangung der Genehmigungen für diese Art von Völkerschauen, die auf jedem Festplatz für jedes Geschäft vor der Eröffnung kurzfristig eingeholt werden mussten.
„Die 1934 geplante offizielle Eröffnung des ersten Freimarktes auf der Bürgerweide durch den NS-Wirtschaftssenator unterblieb, weil der Senator die von einem Akademiker vorbereitete Rede ablehnte. Schaustellungen, die angeblich das ‚gesunde Volksempfinden‘ verletzten oder ‚den Bestrebungen des nationalsozialistischen Staates‘ widersprachen, erhielten nach 1933 keine Zulassung mehr. Riesen, Liliputaner und Zwerge wurden hingegen weiterhin geduldet, weil sie als Bestandteil ‚der deutschen Märchen- und Sagenwelt‘ galten.“ (König 2011. S. 85)
Siebold hatte auch ein freundschaftliches Verhältnis zu Prof. Bernhard Grzimek, dem Leiter des Frankfurter Zoos. Ihm schuldete er sein Faible für Jungtiere. (Abb. 13)

Abb. 13 Siebold im Tierkinderzoo © Sammlung Siebold & Pfennig
1936 richtete Friedrich Wilhelm Siebold in Bremen hinter dem Bahnhof zwischen Holler Allee und Bürgerpark einen Tierkindergarten ein.
Siebold liebte Tiere, weil er – wie er sagte – die Menschen kannte.
Es war ein Geschenk für seine Wahlheimatstadt Bremen.
Die Bremer Bürger waren begeistert.
Jungtiere von Leoparden, Löwen, Bären, Elefanten, Schimpansen (im Affendorf), Meerschweinchen und viele mehr liefen frei herum. Die Abgrenzung durch Hecken gab der Anlage einen Parkcharakter. Einladend waren auch das Tropenhaus sowie ein Pavillonrestaurant.
Die Tiere waren zahm und konnten von den Kindern gestreichelt werden. Wilfried Siebold schreibt: „Die Schimpansen waren Anziehungspunkte für Groß und Klein. Sie konnten außer vielen Kunststücken Schachspielen und Radfahren.“ (Siebold 1985. S.87)
Hildegard Pfennig erzählte, dass die Einrichtung des kleinen Tiergartens fast eine „kleine Million“ gekostet hätte.
Aber Siebold konnte die monatlichen Kosten in Höhe von 5000 Mark auf Dauer nicht ohne Unterstützung der Stadt aufbringen. Diese blieb allerdings aus.
So musste Siebold 1939, nach drei Jahren, den ersten Streichelzoo in Deutschland wieder schließen. Die Verwaltung setzte noch eins drauf und verlangte, dass Siebold das Gelände wieder in den ursprünglichen Zustand bringen musste. Die Tiere seien vom Frankfurter Zoo übernommen worden. (Rathausplauderei 1967. S. 142)
Die Affenkinder behielt Siebold und zeigte sie in seinen Tierschauen. 1938 wurden die Affen von dem Regisseur Harry Piel für seinen Zirkusfilm „Menschen, Tiere, Sensationen“ engagiert. (Siebold 1985. S.87)
„Liliputaner“ und „Riesen“
Eine weitere Leidenschaft von Friedrich Wilhelm Siebold waren Kleinwüchsige, damals „Liliputaner“ genannt. Es gab weltweit zahlreiche Zirkusunternehmen, die Kleinwüchsige in ihrem Programm zeigten. Siebold gelang es eine Gruppe zusammen zu bringen. Darunter war auch die leicht geistig behinderte Gisela Hertwig, die mit Lenchen Stresau und der Klavierspielerin Anita auftrat. (Abb. 14)
Wie durch umfangreiches Bildmaterial belegt, wurden „Liliputaner“, Riesen und Wesen aus der Märchenwelt von diesem Zeitpunkt an neben dem Bau von Schaustellergeschäften zu Friedrich Wilhelm Siebolds Lebensinhalt und einige standen unter seinem besonderen Schutz.
F. W. Siebold hatte nach dem ersten Weltkrieg die „Prinzessin“ Elisabeth, mit 62 Zentimetern „die kleinste Dame der Welt“, entdeckt und sie in seine Familie aufgenommen. Elisabeth wog bei ihrer Geburt nur 450 Gramm. Als sie das Gewicht von 20 Pfund erreicht hatte, stellte sie Siebold nach einem Gutachten von zwei Münchener Ärzten und mit deren Einverständnis in seiner Schau aus. Später adoptierte er die Kleine. Elisabeth starb 1936 im Alter von 21 Jahren. (Peters 1962. S. 98) (Abb. 15)
In Siebolds „Däumlings-Schau“ auf dem Freimarkt war auch Walter Böning „der kleinste lebende Mann“ aufgetreten. Er war nur 57 Zentimeter groß und wog 21 Pfund. Er war in Delmenhorst geboren und hatte im Laufe der Zeit auf seinen Reisen „in alle Welt“ eine große Popularität erlangt. Er starb 1955 im 49. Lebensjahr. (Peters 1962. S. 98)
1926 trat Anny Haase als Kaatje von Dyk, bei Siebold auf dem Oktoberfest auf. Das junge Mädchen war erst 16 Jahre alt und schon 2,50 Meter groß. Noch 1962 trat sie in Wien auf. (Peters 1962. S. 98f) (Abb. 16)
Bis 1938 präsentierte F. W. Siebold in seiner Schaubude auf der Bürgerweide den „Nordischen Riesen Olaf“ „als den gewaltigsten Menschen aller Zeiten“. Siebold hatte den 24-jährigen isländischen Fischer Johann Christian Peterson in Kopenhagen entdeckt. Er war 2,65 m groß und hatte eine Schuhgröße von 72 cm. (Peters 1962. S. 96) (Abb. 14-17 in der Galerie)
Das Publikum war begeistert, wenn die riesig großen Menschen Olaf und Kaatje mit den kleinsten Menschen der Welt zusammen auftraten. Es war eine besondere Attraktion in Siebolds Däumlings-Schau.
Es geht weiter in einem zweiten Teil.
Friedrich Wilhelm Siebold als Konstrukteur, Hersteller, Schausteller und Betreiber von Schaustellergeschäften wird im 2. Teil vorgestellt, nachdem er in Der Komet Ausgabe vom 10. November 2020 veröffentlicht worden ist.
Zahlreiches Bildmaterial zur Firmen- und Familiengeschichte finden Sie in diversen Dateien:
Siebolds „Liliputaner“
Siebolds Schaubuden
Siebolds Tierkindergarten
© Margit Ramus
| Quellen | Peters, Fritz: Freimarkt in Bremen Geschichte eines Jahrmarkts. Bremen 1962 Der Text wurde von der Familie Franzgrote gegengelesen und keine Einwände erhoben. |


















































