Siebolds „Liliputaner“

Helga, Sofia und Walter
© Sammlung Siebold & Pfennig

„Liliputaner und Riesen“

Ein stark unterdurchschnittliches Längenwachstum eines Menschen wird in der Medizin als Kleinwuchs bezeichnet. Etwa 100.000 kleinwüchsige Menschen leben laut Wikipedia in Deutschland.
Noch bis weit ins 20. Jahrhundert wurden umgangssprachlich die Bezeichnungen „Liliputaner“ , „Zwerge“ oder auch „Däumlinge“ für Menschen mit einer Körpergröße von unter 130 cm verwendet.

Es gibt aber auch sehr große Menschen, sie werden ‚besonders lang‘ oder ‚besonders groß‘ genannt. Früher wurden sie dem Publikum als „Riesen“ in Schaubuden präsentiert, die Besonderheiten als Anomalie, Abnormität, Normabweichung, Unregelmäßigkeiten darstellten.

Die heute als diskriminierend abgeschafften Bezeichnungen waren damals vollkommen üblich. Über Jahrzehnte zeigten weltweit zahlreiche Schaubuden und Zirkusunternehmen kleinwüchsige und hochwüchsige Menschen in ihrem Programm und deren artistische und komödiantische Darbietungen begeisterten das Publikum. Dadurch lebten diese Menschen oft ein Leben im Glanz der Öffentlichkeit und genossen anstelle einer Diskriminierung eher das Gefühl etwas Besonderes zu sein. 

In den 1930er Jahren, nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, ergaben sich erste ordnungsbehördliche Schwierigkeiten zur Erlangung der Genehmigungen für diese Art von „Völkerschauen“, die auf jedem Festplatz für jedes Geschäft vor der Eröffnung kurzfristig eingeholt werden mussten. Aber das zirzensische Arbeiten mit „Liliputanern“ durfte weiterhin gezeigt werden. Damals hieß es:

„Die 1934 geplante offizielle Eröffnung des ersten Freimarktes auf der Bürgerweide durch den NS-Wirtschaftssenator unterblieb, weil der Senator die von einem Akademiker vorbereitete Rede ablehnte. Schaustellungen, die angeblich das „gesunde Volksempfinden“ verletzten oder „den Bestrebungen des nationalsozialistischen Staates“ widersprachen, erhielten nach 1933 keine Zulassung mehr. Riesen, Liliputaner und Zwerge wurden hingegen weiterhin geduldet, weil sie als Bestandteil ‚der deutschen Märchen- und Sagenwelt‘ galten.“ König, S. 85

Friedrich Wilhelm Siebold und seine „Liliputaner“

Am Beispiel des Schausteller-Unternehmers Friedrich Wilhelm Siebold wird durch das zahlreiche Bildmaterial aus der privaten Sammlung der Familie ein Eindruck über diese Form der „Volksbelustigung“ überliefert.
Eine der vielen Interessen von Friedrich Wilhelm Siebold galt den Kleinwüchsigen, damals noch „Liliputaner“ genannt. Siebold gelang es eine Gruppe zusammen zu bringen. Neben dem Bau von Schaustellergeschäften gehörte zu Friedrich Wilhelm Siebolds Lebensinhalt die Welt der „Liliputaner“ und „Riesen“. Einige standen unter seinem besonderen Schutz.
Darunter war auch die leicht geistig behinderte Gisela Hertwig, die mit Lenchen Stresau und der Klavierspielerin Anita in Siebolds Schaubuden auftrat.
Nach dem Ersten Weltkrieg hatte F. W. Siebold die „Prinzessin“ Elisabeth, mit 62 Zentimetern „die kleinste Dame der Welt“, entdeckt und sie in seine Familie aufgenommen. Elisabeth wog bei ihrer Geburt nur 450 Gramm. Als sie das Gewicht von 20 Pfund erreicht hatte, stellte sie Siebold nach einem Gutachten von zwei Münchener Ärzten und mit deren Einverständnis in seiner Schau aus. Später adoptierte er sie. Elisabeth starb 1936 im Alter von 21 Jahren. 

In Siebolds „Däumlings-Schau“ auf dem Freimarkt trat auch Walter Böning „der kleinste lebende Mann“ auf. Er war nur 57 Zentimeter groß und wog 21 Pfund. Er war in Delmenhorst geboren und hatte im Laufe der Zeit auf seinen Reisen „in alle Welt“ eine große Popularität erlangt. Er starb 1955 mit 49 Jahren. 
1926 trat Anny Haa­se als Kaatje von Dyk bei Siebold auf dem Oktoberfest auf. Das junge Mädchen war erst 16 Jahre alt und schon 2,50 Meter groß. Noch 1962 war sie in Wien zu sehen. 
Bis 1938 präsentierte F. W. Siebold in seiner Schaubude auf der Bürgerweide den „Nordischen Riesen Olaf“ „als den gewaltigsten Menschen aller Zeiten“. Siebold hatte den 24-jährigen isländischen Fischer Johann Christian Peterson in Kopenhagen entdeckt. Er war 2,65 m groß und hatte eine Schuhgröße von 72 cm. 
Das Publikum war begeistert, wenn die riesig großen Menschen Olaf und Kaatje mit den kleinsten Menschen der Welt zusammen auftraten. Es war eine besondere Attraktion in Siebolds Däumlings-Schau, die nach dem Zweiten Weltkrieg auch in vielen europäischen Ländern und sogar in China gastierte.

Bildgalerie

 

Nach dem Ersten Weltkrieg baute Friedrich Wilhelm Siebold in seiner Bremer Karussellbaufirma „Siebolds Schaubuden“, in der er seine „Liliputaner“, „Riesen“ und Menschen aus fremden Ländern präsentierte.

© Margit Ramus

Hier geht es zurück zur Firmen- und Familiengeschichte Siebold.

König, Johann-Günther: Der Bremer Freimarkt. Bremen 2011 
Peters, Fritz: Freimarkt in Bremen. Geschichte eines Jahrmarkts. Bremen 1962. S. 98

1 Beiträge zu “Siebolds „Liliputaner“

  1. Dr. Gabriele Mittag

    Vielen Dank für diese Recherche. Sehr spanend für uns als Familie. Wir haben hier unseren Onkel Walter Böning entdeckt. Unsere Mutter hat oft von ihm erzählt.

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