Aufsätze zum Kulturgut Volksfest A - Z

Der Jahrmarkt in der Literatur oder Piazza Universale

© Brigitte Aust 2009

Ein lesenswertes und amüsantes Sammelsurium – eben eine kleine Schaubude

Der Jahrmarkt ist weitgehend aus unseren Biographien verschwunden. Es sind fast nur noch die Großväter, die davon erzählen können, in Notzeiten der Aufforderung „Junger Mann zum Mitreisen“ gefolgt zu sein oder sich ihr Studium mit dem riskanten Aufbau von Fahrgeschäften oder hinter dem Tresen einer Bratwurstbude finanziert zu haben.

Wer kann schon, wie der 1873 als Karl Pick in Loiwein, Österreich, geborene Filmpionier, Regisseur und Schriftsteller Josph Delmont, von sich behaupten: „Ich war Artist, Metall-dreherlehrling, wieder Artist, Dompteur, hernach Tropenreisender und Bestienfänger“? (Hinrichs 2004)

Warum sollte man sich eine Biographie erträumen wie Alvy, gespielt von Woody Allen in
„Der Stadtneurotiker“ -„… großer Schwur: ich bin aufgewachsen unter einer Achterbahn in  Coney Island, in Brooklyn….Mein Vater, der hatte ne Konzession für n Autoskooter…“ (Allen 1981)

Dem Auf und Ab des Schicksals nicht mehr hilflos ausgeliefert zu sein, dass Tempo der Anderen zu bestimmen und mit starker Hand Einhalt gebieten zu können – in dieser Phantasie hat die Figur des großen Schaustellers heute ausgedient. Deshalb lassen Sie uns einen Blick auf eine Welt werfen, die in den Spiegelungen der Literatur weiterlebt.

Piazza Universale –
Leben auf den alten Märkten und Jahrmärkten – Fahrendes Volk

Viele unserer Jahrmärkte und Kirmessen haben eine über 1000-jährige Geschichte. Versetzen wir uns einfach ein paar Jahrhunderte zurück. Neben Bauern, Markthändlern und Kaufleuten begegnen wir Musikanten, Gauklern und Vaganten  und vielen anderen Gestalten, die Tommaso Garzoni in seinem Kompendium Piazza Universale: Das ist: Allgemeiner Schauplatz, Marckt und Zusammenkunfft aller Professionen, Künsten, Geschäfften, Händeln und Handwercken,  1585 in Venedig erschienen und 1659 ins Deutsche übertragen, treulich auflistet: Schreiber, Redner, Wahrsager, „Schertzer mit Worten und Gebärden“, Federschneider, Wetterzeiger, Spieler, Springer, Tänzer, „Mackeler“ und Kuppler, und natürlich: Müßiggänger und „Pflastertreter“, Diebe, Beutelschneider und Zechbrüder. (Garzoni 2006)

Hier agiert ein Komödiant, dort ein rechtschaffener Medicus, auf der anderen Seite findet  die lautstarke Sozietät von Heilkunst und Komödie ihr dankbares Publikum.
Einige der bunten Gestalten kommen uns seltsam bekannt vor:
Doktor Johann Faust betritt die Bühne, seines Zeichens Arzt, Doktor der Philosophie, Wunderheiler, Wahrsager und Alchemist, man munkelt auch: Teufelsbündler und Schwarzkünstler.
Till Eulenspiegel erfreut das Publikum mit deftigem Spott. Der von Krieg und Not getriebene Abenteurer Simplicissimus preist ebenfalls seine Künste als fahrender Heilkünstler an.  Mit donnernder Stimme beschwört der Prediger Abraham a Sancta Clara das Höllenfeuer auf die lasterhaften Sünder und Sünderinnen herab.
Der absolute Publikumsliebling ist allerdings der reisende Arzt Doktor Johann Andreas Eisenbarth, der seine Auftritte mit prunkvollem Aufwand bewirbt und einem großen Tross von Musikanten, Gauklern und Artisten reist. (Hampe 1902)
Kolporteure (Händler und Hausierer mit Druckschriften), Quacksalber, Bänkel- und Moritatensänger verkaufen dem faszinierten Publikum die Texte direkt vor Ort zum Nach- oder Vorlesen daheim, sorgen durch ihre Reisen aber auch für eine weite Streuung.
Der Buchhandel hat seit dem 15. Jahrhundert auf den großen Jahrmärkten und Messen seinen festen Platz.
Die drastischen Späße Eulenspiegels, das Epos „Reineke Fuchs“, die Fastnachtspiele von Hans Sachs sind bereits Markt-Bestseller des 16. Jahrhunderts. Aber selbst wertvolle Bibeln und Schriften der großen Philosophen finden auf Jahrmärkten ihre Käufer.

Und eine eigene Literaturform entsteht: die Jahrmarktsdrucke. Flugschriften und Kleindrucke mit Liedern, Gedichten, Predigten, Rezepturen, Sprüchen, drastisch illustrierte Räuberromanzen, Beschreibungen von Naturkatastrophen, Bergwerksunglücken, Auswandererschicksalen, Geschichten von Liebe und Treue, Mord und Totschlag.  (Koolman 1990, Galle 1992)

Aus den geschäftigen Buchgassen der liberalen Messestädte Frankfurt und Leipzig entwickeln sich selbstständige Buchmärkte, die Händler und Gelehrte aus ganz Europa anziehen, und die bis heute als Jahrmärkte der Literatur – Buchmessen – lebendig sind. (Roth 1965, Myers et al. 2007)

Der Jahrmarkt ist damals wie heute eine temporäre Veranstaltung, die Welt der Schausteller dreht sich nicht nur um die eigene Achse. Das fahrende Volk, die Schauspieler, Artisten, Scharlatane, Tierbändiger, Puppenspieler, Musikanten und Schausteller, zerstreuen sich in alle Winde und machen sich alleine oder in Gruppen hoffnungsvoll auf den Weg zu  neuen Wirkungsstätten. Doch ohne den Schutz des Jahrmarkts sind die Wege für vogelfreie Leute, bunte Hunde und Außenseiter der Gesellschaft gefährlich. Die Begegnungen mit den sesshaften Bürgern sind oft genug von Misstrauen oder Gewalt geprägt.
Bürgerlicher Großherzigkeit und Güte begegnet der reisende Künstler auch im aufgeklärten 19. Jahrhundert nur selten.  Pole Poppenspäler, der sich bei der Vorführung von „Fausts Höllenfahrt“ in die kleine dunkle Puppenspielertochter Lisei Tendler verliebt und standhaft zu ihr hält, ist eine rühmliche Ausnahme. (Storm 2002)

Arbeit – Vergnügen – Inspiration für einen Dichterfürsten – Goethe auf dem Volksfest

Das gleiche, uralte Puppenspiel beeindruckt auch Johann Wolfgang von Goethe. Zeit seines Lebens interessiert er sich für den Alltag der kleinen Leute,  lernt – vor allem beruflich
als Minister in Weimar – ihre Sorgen und Nöte kennen, aber auch ihren Optimismus und Frohsinn auf Jahrmärkten, Kirchweih- und Schützenfesten, beim Vogelschießen und Johannisfeuer, bei der Weinlese und Erntefesten.
Ganz praktisch beschäftigt er sich als Politiker mit der Organisation von Volksfesten. Die Medienwirksamkeit und wirtschaftliche Bedeutung einer gelungenen Großveranstaltung sind ihm offensichtlich sehr bewusst.
„Ich habe so manchen guten Einfall, wodurch nach und nach dieses Vogelschießen bunt, bedeutend und anziehend werden könnte. Man muss aber sachte gehen, weil sich die Philisterei gleich vor allem echauffiert“ .(Freitag 1999)

Die Zeilen aus dem Monolog des „Faust“ in der Szene „Vor dem Tor“, in der sich Faust mit seinem Famulus Wagner auf ihrem Osterspaziergang ins Volksfestgetümmel begeben:
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet Groß und Klein;
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.
(Goethe 1986)
werden von Kirmesfreunden also nicht ganz zu Unrecht gerne als wohlwollender, genialer Werbe-Dreizeiler für Jahrmärkte interpretiert.
„Wie oft musste ich mir das verwünschte Puppenspiel vorwerfen lassen, das ich euch vor zwölf Jahren zum heiligen Christ gab, und das euch zuerst Geschmack am Schauspiele beibrachte“
(Goethe 2008), klagt Wilhelm Meisters Mutter.
Ihr Sohn hat sich einer reisenden Komödianten Truppe angeschlossen und führt ein unstetes, abenteuerliches Wanderleben – ein Thema, das Goethes eigene Sehnsucht und Leidenschaft offenbart.

Der alte Jahrmarkt, seine schillernde Vielfalt und sein exzentrisches Personal sind bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die ideale Bühne für Satire, Karikatur, deftige Komik und verschlüsselte politische und soziale Kritik.
Goethe nutzt das Sujet in diesem Sinne in Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern. Ein Schönbartspiel. Genau zweihundert Jahre später wird der Stoff unter gleichem Titel von Peter Hacks weitergesponnen – und wieder schlägt auf dem Jahrmarktsfest die hohe Kunst der Dramatik zwangsläufig in Komik und Komödie um. (Hacks 1982)

Nachtseiten – Geheimnis und Romantik

In den Sog der geheimnisvollen Seiten des Jahrmarkts, des Spiels mit okkulten, optischen und physikalischen Phänomenen zwischen Naturwissenschaft, Aufklärung und Illusion, präsentiert von Scharlatanen, Magiern, Hypnotiseuren und anderen illustren Gestalten, gerät der schillerndste Dichter der Romantik, E.T.A. Hoffmann (1776–1822) der „pflichtvergessene, höchst unzuverlässige und selbst gefährliche Staatsbeamte“ (so der preußische Polizeiminister Friedrich von Schuckmann in einem Brief an den Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg). (Hoffmann 1984, S. 459)
Die vermuteten machtvollen Beeinflussungen durch Blicke, Strahlen, Gehirnwellen und andere Phänomene verarbeitet er künstlerisch in Werken wie „Der Magnetiseur“, „Die Elixiere des Teufels“, „Der Sandmann“ und „Das öde Haus“.

Die phantastisch-naturalistische Atmosphäre der Erzählung „Das Wachsfigurenkabinett“ von Oskar Panizza ist ein vorweggenommener Ausflug ins Cabinet des Doktor Caligari. Die Vorführung der Passionsgeschichte mit mechanischen Wachsfiguren in einer schäbigen Schaubude auf der Nürnberger Dult versetzt die Zuschauer in schwerste, kaum zu kontrollierende Beunruhigung.

Verzerrte Perspektiven, Visualisierung von Wahnvorstellungen, expressionistische, stark übertriebene Mimik und Gestik der Darstellenden – der Weg aus den alten Schaubuden führt auf direktem Wege in die Horror- und Fantasy-Welt unserer Tage.
Das Kino tastet… nach den eigenen Ursprüngen im Zwielicht der Schaubude, wo man nebenan in der Geisterbahn mit ihren plötzlich aus dem Dunkel hervorschnellenden Schreckmasken den Ur-Reiz des Horrorfilms einüben konnte. (Kalka 2008)

Drehbühne frei                                        

Eine ebenfalls gespenstische, groteske Szene ist es, die Walter Brecht und sein Bruder Eugen Berthold auf dem Plärrer, dem Augsburger Jahrmarkt, während des 1. Weltkriegs miterleben müssen. Eine Gruppe invalider, traumatisierter Soldaten erleidet durch die flackernden Lichter und kakophonische Musik der großen Jahrmarktorgeln einen gemeinsamen epileptischen Anfall. (Brecht 1987, 23)
Bertolt Brecht, 1898 in Augsburg geboren, kann auf dem Jahrmarkt seiner Heimatstadt den letzten reisenden klassischen Bänkelsängern zuhören. Schaubudenparaden, Moritatensänger, die durchdringende, etwas schräge Musik der Jahrmarktorgeln und die Ausrufer: All das prägt
neben dem Brettl, dem Cabaret, seinem bewunderten Freund Karl Valentin und vielen anderen Einflüssen Brechts spätere Vorstellungen von Theater. Die Menschen des Jahrmarkts und der Halbwelt faszinieren ihn zeitlebens – er sieht in ihnen vor allem sachliche, intelligente, selbstbewusste und ab und zu gefährliche Individualisten.
Wahres Leben ist für den Bürgersohn Brecht nicht in den Vierteln der Reichen zu finden. Er schaut dem Volk aufs Maul, er prägt sich die Sprüche der Proleten auf der Straße und in den Kneipen ein und hält sie in Notizen fest – und ist stets dort, wo sich die Leute am liebsten treffen: auf dem Jahrmarkt – „Das Schönste, was es gibt.“ (Brecht über den Augsburger Plärrer, Brief an Neher, 13.April 1918. In: Hecht 1997. S. 53)
Die trivialen alten Bänkellieder und Moritaten, schon oft zu Hochliteratur und aktuellem politischen Protest gewandelt, klingen z.B. mit Apfelböck oder die Lilie auf dem Feld in seiner Hauspostille (Erstdruck 1926) nach.
Brechts erfolgreichstes Stück kehrt ganz auf den alten Jahrmarkt zurück: Der Schauplatz der Dreigroschenoper (Uraufführung Berlin 1928) ist der von Bettlern, Gangstern und leichten Mädchen bevölkerte „Jahrmarkt in Soho“. Die Moritat von Mackie Messer komponiert von Kurt Weill, wird ein Welthit.

Existenzangst – Notzeiten – Krieg – Der große Treffpunkt 

Mehr noch als Seefahrt und Militär bietet der Jahrmarkt und sein Umfeld in wirtschaftlich harten Zeiten Zuflucht für Glückssucher und Verwegene, Angeschlagene und Ausgeknockte. So versuchen zwei Artisten auf eigene Faust ihr Glück. Beide arbeiten eigenverantwortlich als Schausteller und Attraktion zugleich, als Grenzgänger zwischen Mensch und Tier. Der brillant sprechende, nach großen Anstrengungen fast völlig vermenschlichte Affe Rot Peter in Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ macht Karriere im Varieté „Ein Hungerkünstler“ in seinem Käfig dagegen verliert seine Anziehungskraft –die Attraktion des Hungerns wird für das Publikum zur bedrohlichen Alltäglichkeit.

Für Kriegsheimkehrer und Invaliden bietet der Jahrmarkt Verdienstmöglichkeit und temporäre Heimat, allerdings auf die Gefahr hin, als seelisch und körperlich Deformierte selbst zu Schaustellungen, zu „Abnormitäten“ zu werden. Ernst Toller lässt seinen „Hinkemann“ Mäusen und Ratten die Köpfe abbeißen, und, wie Woyzeck, wird ihm auf dem Rummelplatz der letzte Halt, seine Gefährtin, ausgespannt.
Aber es besteht durchaus die Chance zu einer neuen, exotischen Identität als Schausteller zu gelangen, wie Wolfdietrich Schnurres schlauer Schaubudenbesitzer „Pagoden-Ede“ (Schnurre 1996: 91-121)

Kriegsangst und Weltwirtschaftskrise steigern die Sehnsucht nach Vergnügen, Rausch und etwas Glanz ins Fieberhafte.
Um 1930 lässt Ödon von Horvath „Kasimir und Karoline“, einen arbeitsloser Chauffeur und seine Braut, jede Attraktion und Enttäuschung des Oktoberfestes – einschließlich der Sanitätsstation – auskosten. Kasimir erfährt schmerzlich, dass mit der Arbeitslosigkeit seine soziale und erotische Anziehungskraft auf den Nullpunkt gesunken ist, während die lebenshungrige Karoline die dürftigen Präsente der Wiesen-Kavaliere mit dem Verlust ihrer Liebe bezahlt.  „Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich- aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen. (Horvath 2002, S. 75)

Hart im Nehmen! – Volksvergnügen – manchmal explosiv

1874 lässt Wilhelm Busch in der Bildergeschichte „Kirmes“ seine junge Hermine nächstens aus dem Fenster steigen, denn der schlafende Vater hat wohlweislich den Hausschlüssel versteckt.
„Kaum hat man was, was einen freut, so macht der Alte Schwierigkeit“ ist Hermines ewig aktuelles Fazit der Jugend. Die Kirmes lockt – und mit ihr erste erotische Abenteuer in Gestalt eines schmucken „Forstgehülfen“. Alkohol und Übermut lassen das Fest in Chaos und Desaster enden, aus dem die Protagonisten schwer zerzaust, aber recht fröhlich und in aufgeräumter Stimmung hervorgehen- ein uraltes Volksfestphänomen. (Busch 1981)

Wesentlich brisanter ist die Stimmung in dem 1909 entstandenen Stück „Die Wupper“.  Else Lasker-Schüler zwingt das Personal einer von sozialen und wirtschaftlichen Krisen bedrohten Industriestadt in dem Kulminationspunkt Jahrmarkt, zusammen: Fabrikarbeiter, Fabrikarbeiterinnen, Kommis, Ladenmädchen, Dienstmädchen, Herren der Gesellschaft mit ihren Schätzen, Schuljungen, Gassenkinder, Herumtreiber, Jahrmarktleute. (Lasker-Schüler 1986, 34-46) Der Konflikt entlädt sich nicht. Die Spannungen zwischen Villa und Arbeiterviertel, Besitzenden und Proletariern bleiben bestehen – aber für ein paar Stunden sind die gegensätzlichen Welten in ihren Sehnsüchten, alkoholisierten Verbrüderung, Illusionen und Vergnügungen vereint. Der Jahrmarkt als Schmelztiegel der Generationen und Schichten – noch ist er funktionstüchtig.

Aggressionen und latente Gewalt, die in den Massenquartieren einer Zwangsgemeinschaft von Kriegsheimkehrern, Zwangsverpflichteten und Glückssuchern im Uranbergbau entstehen – Schauplatz ist die Wismut AG der 1950er Jahre in Werner Bräunigs Roman Rummelplatz – bringen das Pulverfass in einer packenden Szene ebenfalls nur fast zur Explosion:
Uralte Verlockung der Jahrmärkte. Locker sitzen die Fäuste in den Taschen, die Messer, die zerknüllten Hundertmarkscheine, der Rubel rollt. Also johlte die Horde über den Platz, über gewalzte Schlacke und evakuierte Gräber hin, der Luftschaukelbesitzer sah sie anrücken. Er schob den Jungen beiseite, der die Kähne bremste, denn der Mann kannte seine Leute. Jetzt musste er selber ran.“ (Bräunig 2008, 87)
Eine Flasche Wodka auf „ex“, dann dreißig lebensgefährliche Überschläge mit der Schiffschaukel – pervertiert und unerreichbar fern ist die friedliche Kinder-Zauberwelt des Jahrmarkts, der bunten Kinder- und Bilderbücher.

Distanz – erstaunlich bürgerlich

Künstler können sich mit dem Pathos der fahrenden Künstler identifizieren, erforschen die Schattenseiten des Volksvergnügens, die entfesselten, rauschhaften Disziplinlosigkeiten.

Heinrich Mann, der das Milieu genau kennt, lässt seinen Professor Unrat durch den Tingeltangel und die „Barfußtänzerin“ Rosa Fröhlich auf tragische Weise die bürgerliche Existenz verlieren.

Der Verfall des komödiantischen Christian Buddenbrook, Gestalten wie der bösartige Zauberkünstler Cipolla und der teuflische venezianische Bänkelsänger lassen bei seinem Bruder Thomas eher tiefes bürgerliches Unbehagen vermuten.

Von besonderer, bedrohliche Faszination sind die uralten Fahrenden, die Zigeuner:
Wie war es nur möglich, dass ich in alle diese exzentrischen Abenteuer geriet?
Ich bin doch kein Zigeuner im grünen Wagen, von Hause aus
… (Mann 2005, 284)

Geradezu im Umkehrschluss- und sogar etwas enttäuscht – stellt der abenteuerlustige Rostocker Reeder Sohn Walter Kempowski alias Sigmund Korbach um 1930 eine erstaunliche Bürgerlichkeit der Schausteller fest – eine Beobachtung, die spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts überwiegend der Lebenswirklichkeit oder zumindest dem angestrebten Status der Schausteller entspricht.
Schräg zum Karussell war der braune Wohnwagen der Rummelleute abgestellt: Geranien vor den Fenstern und ein blauer Trecker. Ein Briefträger kam und brachte die Post. Aus Wuppertal kamen die Leute, das stand auf dem Wagen.“  (Kempowski 1995)

Seien es Berührungsangst oder Arroganz, seien es Langeweile oder Überdruss: Der Jahrmarkt hat sich, wie aus unseren Biographien, weitgehend auch aus unserer Literatur verabschiedet.
Die Kirmes und die Schausteller mit ihren Insignien Karussell, Achterbahn und Riesenrad taugen gerade noch als Metaphern für Biographien und Romane, vorzugsweise als Stoff für Kriminalromane und -filme. Die in den Organismus eines Jahrmarkts gehörenden Objekte und Personen werden entweder isoliert und distanziert betrachtet oder aber dienen als Requisiten in einer merkwürdig unauthentischen, aus Versatzstücken vergangener Jahrzehnte collagierten Jahrmarktwelt.
Als originär multimediales Ereignis taucht die Bilder- und Klangwelt des Jahrmarkts mittlerweile weitaus lebendiger in Videoclips, Werbung und Spielekonsolen-Games auf.
Laute Musik, krasse Sprüche, exzentrische Personen, falscher Glanz, schnelle Fahrten, Spiel mit Technik, „Fun Food“ und mobiles Leben: Der Tross des alten Jahrmarkts hat sich – so scheint es – heimlich ganz neue Plätze abseits der alten Wege erobert.

Genius Loci oder Literarischer Mikrokosmus und Biotope

Auf den alten Plätzen verharren, trotz aller Widrigkeiten, die meisten traditionellen Volksfeste des deutschsprachigen Raumes. Sie faszinieren bis heute ihr Publikum, finden ihr literarisches Echo aber hauptsächlich in oft liebloser Lokalpresse und höchstens regional interessanter Heimat- oder Mundartliteratur.
Es gibt Ausnahmen: Plätze, die eine so spannende und starke Atmosphäre besitzen, dass sie für die sensible Spezies der Künstlerpersönlichkeiten zum Anziehungspunkt und Impulsgeber taugen:

Der Prater

Der Vergnügungspark im Wiener Prater, genannt der „Wurstel Prater“, behauptet sich hartnäckig gegen den „Mainstream“ der amerikanischen Themenparks und bietet immer noch den uneinheitlichen Charakter der alten Kirmes. Hierher verlegt Alfred Polgar die für die Bühne bearbeitete Budapester „Vorstadtlegende“ von Franz Molnar um den Ausrufer Liliom.
Liliom, das Urbild aller draufgängerischen, standfesten „Schiffschaukelbremser“ mit einer Vorliebe für grelle Kleidungsstücke, der zum unverbindlichen Abenteuer in jeder Beziehung einlädt und der sich zwar in der Welt außerhalb der Karussells nicht besonders gut auskennt, aber dessen Kraft und Dreistigkeit auch durch himmlische Mächte nicht zu bändigen ist. (Molnar 1986)
Von dieser widerspenstigen Kraft zehrt noch Elfriede Jelinek: „Der Prater allerdings ist mir, als ich Kind war, von meiner Mutter weggenommen worden, weil mein Wille, diese Vergnügungs-Maschinen mit meinem kleinen Körper zu bändigen, ein Wille war, der auf etwas Anderes gerichtet war und letztlich der Zähmung, der Dressur durch die Mutter mit einem Atom Willenskraft Widerstand geleistet hätte“.  (Jelinek 2008, 24-29)

Literarische Individualisten und weltbekannte Schriftsteller von Peter Altenberg bis Stefan Zweig fühlten und fühlen sich von dieser traditionsreichen, abgeschlossenen, etwas sinisteren Welt inspiriert und angezogen.

Das Oktoberfest

Das Oktoberfest, der jährliche exzessive bayerische „National-Rausch“ findet ungebrochenen journalistischen, filmischen und literarischen Niederschlag, angefangen mit Friedrich Hebbel über Oskar Maria Graf und Ludwig Thoma bis Gerhard Polt und Herbert Achternbusch. (Maigler 2008).

Das größte deutsche Volksfest ist ein Besuchermagnet mit mittlerweile weltweiter, zwischen Begeisterung und Ekel oszillierender Medienberichterstattung. Von kommerziellen Interessen zwar zunehmend bedrängt, bietet das Oktoberfest dennoch eigentlich schon ausgestorbenen Jahrmarktsensationen eine Nische.
Wo sonst gibt es noch einen Flohzirkus, wie schon 1928 von Egon Erwin Kisch beobachtet?
Und wo wird noch im Illusionstheater die „Enthauptung einer lebenden Person auf offener Bühne mittels Guillotine“ grauenvoll, aber unblutig zelebriert?

Berliner Plätze

Berlin besitzt bis heute kein Volksfest von zentraler Bedeutung. Das vielfältige, weit gestreute Vergnügungsangebot für alle Bevölkerungsschichten wurde bis 1933 vom Lunapark, dem größten und modernsten Vergnügungspark Europas beherrscht.

Else Lasker-Schüler, 1894 von Wuppertal nach Berlin gezogen, schöpft für ihren literarischen Orient aus dem Reservoir der Berliner Populärkultur, den allgegenwärtigen Schaustellungen des Exotischen auf Jahrmärkten, in Panoptiken, Panoramen, Varietés und – dem Lunapark (Kirschnick 2007)
Berlin brachte eine einzigartige Spezies hervor: großstädtische, neugierige, gebildete Literaten und witzige Journalisten, analytische Beobachter mit scharfer Feder. Ohne jede Borniertheit und mit einer geradezu filmischen Kraft des Erzählens übermitteln uns die großen Flaneure eine wichtige Facette des Großstadtlebens: Straßenleben und Volksvergnügen von der Kaschemme bis zum Rummelplatz.
Walter Benjamin, der karussellfahrende Kinder, Schießscheiben und das Kaiserpanorama beschreibt (Benjamin 1987, 96-100 u. 1991).
Siegfried Kracauer, der in den frühen 30er Jahren das spezielle Lebensgefühl der Großstadtangestellten bei der Fahrt in der Berg- und Talbahn des Lunaparks beobachtet (Kracauer 2003, 39-41),
Ernst Bloch, der in „Traumschein, Jahrmarkt, Kolportage“ die proletarische Folklore preist (“Je mehr Arbeiter gerade eine Stadt hat, desto weniger ist dieser Volkszauber verschwunden, desto greller sehen seine Messplätze aus..“) (Bloch 2007, 341-346).
Joseph Roth, der das Teufelsrad besteigt (Bienert 1999), Kurt Tucholsky, der für Wilhelm Bendow die Kabarett-Paradenummer „Die tätowierte Dame“ schreibt.
Friedrich Holländer, der die Tingeltangel-„Zersägte Dame“ bitten lässt „Säge mir ein liebes Wort“- das sind nur einige der großen Namen, die dem Jahrmarkt und seiner Literatur zur Ehre gereichen. (Kühn 1988)

Übrig geblieben ist leider nur ein kleines anarchistisches Echo in der Lesebühnen- und Poetry-Slam-Szene des heutigen Berlin: meist Nachrichten von der „Talsohle des Lebens“ (Hannemann 2008), traurigen Weihnachtsmärkten und alkoholisierten Rummelerlebnissen.

Spagat und Fliegender Wechsel

Nicht nur einseitige Inspiration, der fliegende Wechsel zwischen Bürgern, Künstlern, Schrift- und Schaustellern kann – aus Not, Ehrgeiz oder Leidenschaft – heraus gelingen.
Zurück von großer Fahrt, arbeitslos und hungrig, verdingt sich Ringelnatz 1901 als Aushilfe in „Malferteiners Schlangenbude“ auf dem Hamburger Dom.
Diese Episode seines Lebens hält er höchst authentisch in seinen Erinnerungen „Mein Leben bis zum Kriege“ fest. (Ringelnatz 1994)

1921 ist Karl Valentin auf der Wiesn als Schausteller mit einem selbst entworfenen Jux-Geschäft, der Froschbahn, vertreten. Mit kleinen Holzwagen auf unebenen, abschüssigen Bahnen riskiert das Publikum Kopf und Kragen. Seine „Wolkenkratzer-Absturz-Bahn“ wird –  glücklicherweise – damals nicht verwirklicht. (Dimpfl 2007, Gigl o.A.)
1934 beantragt er die Konzession für sein mit Liebe zum makabren Detail und höllischer Vertracktheit ausgebautes Keller-Panoptikum. Das Publikum empfindet Unbehagen und Entsetzen – und bleibt aus. (Schweiggert 1985)

Der Schausteller Otto Witte, ein schillernder Charakter und Abenteurer, nutzt als Soldat die Wirren des Balkankrieges und lässt sich 1913 zum König von Albanien ausrufen. Nach fünf Tagen ist seine Herrschaft zu Ende, Otto sucht sein Heil in der Flucht, behält aber fürderhin den Titel, schreibt seine Autobiographie und bereist als „König“ die Jahrmärkte. Die merkwürdige, widersprüchliche Geschichte geistert unvergessen durch die Jahrzehnte und wird 2007 schließlich zum Roman. Natürlich mit dem Titel: „Der König von Albanien“ (Izquierdo 2007)

Leider fast vergessen ist die Autobiographie „Als Liliputaner um die Welt“ (1937) des kleinwüchsige Artisten Willy Rolle. Die nüchterne Bestandsaufnahme eines schweren, aber abwechslungsreichen Lebens. Er entgeht auf seinen Tourneen der tödlichen Gefahr, die im Deutschland  des Nazi-Regimes allen körperlich „Abnormen“ droht.

Der Schausteller-Sprössling André Eisermann schließlich tritt in die Fußstapfen einer großen Kollegin, Friederike Caroline Neuber.  Die „Neuberin“, eine fahrende Komödiantin, wird in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts zur wichtigsten Reformerin des Theaters und zur ersten großen deutschen Schauspielerin. André Eisermanns Autobiographie „1. Reihe Mitte: ein Schaustellerleben“ beschreibt einen Weg aus der durchaus nicht von Zwängen freien Arbeitswelt des Jahrmarkts zum leidenschaftlichen, erfolgreichen Schauspieler, wobei er die Mythen längst vergangener  Schaubudenwelten geschickt als interessante Facette seiner Persönlichkeit einfügt. (Eisermann 2002)

Es gibt aus naheliegenden Gründen leider insgesamt sehr wenige von Schaustellern selbst verfasste Texte. Mit einer Ausnahme: die schreib- und lesekundigen Puppenspieler – denn Textbücher und Notizen bieten im harten Konkurrenzkampf eindeutige Marktvorteile.

In der Puppentheatersammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden werden mehr als 3000 handgeschriebene Textbücher von Marionettentheatern aufbewahrt. Darüber hinaus gewähren zahlreiche Autobiographien einen Einblick in den Alltag und die Überlebens-Strategien der populären Unterhaltungskünstler. (Rebehn 2006)
Schon Herder hatte den bewahrenden Charakter der Puppenspieler erkannt, doch die kreativen Prinzipale und Bühnenautoren passen die alten Stücke deutscher Volkskultur durchaus radikal den eigenen Bedürfnissen und dem Geschmack des Publikums an. Der überaus menschliche, direkte und schlitzohrige Tonfall dieser meist anonymen oder vergessenen Autoren lebt in einigen wenigen reisenden Puppenbühnen, aber indirekt auch im Erfolg der „Sesamstrasse“ weiter.
„…und zweitens hat uns dasselbe Vorbild geprägt, ein Gedicht, das, in Schönschrift auf ein großes Schild gemalt, Anfang der sechziger Jahre Rummelplatzbesucher zum Schiffsschaukeln verleiten sollte:
„Wie ein Pfeil fliegt man daher,
als ob man selber einer wär.““

Große Geste, schnell gekippt durch eine schräge Metapher: die Schausteller-Lyrik der Göttinger Kirmes entzückt die  „Neue Frankfurter Schule“, das Team um Robert Gernhardt, F.W. Bernstein und F.K. Waechter, die fortan auch als fahrende Vortragskünstler ihr Publikum erfreuen. (Gernhardt, Bernstein 1997)

Das Große Karussell – Mythos und Symbol

„Ein großer Anblick und ein genussreiches Schauspiel war ein großes Rad, das sich um  das ganze Erdenrund vom Aufgang bis zum Niedergang drehte… nach der Art eines Tretrades, auf das die Zeit trat; und von des einen Tages Sprosse auf die des nächsten springend, brachte sie es zum Kreisen und mit ihm alle Dinge; einige kamen von neuem zum Vorschein und andere verbargen sich als veraltet und kamen wieder zum Vorschein, wenn die Zeit abgelaufen war.“ (Gracian, El Criticón 1651-57)

Um bei den großartigen Metaphern zu bleiben: das Rad als Sinnbild des unabwendbaren Schicksals und der ständigen Wiederkehr ist durch die Kunst, Literatur und Philosophie der Jahrhunderte zu verfolgen. Das Karussell, als Turnierspiel und Ringstechen (Ringelspiel) schon seit dem Mittelalter bekannt, wird, mit wenigen Ausnahmen, erst mit seiner Popularisierung und Perfektion im 19. Jahrhundert zum Motiv. (Arendt 1986)

Mit der gleichzeitigen technischen Entwicklung der großen Jahrmarktorgeln erzeugen die Karussells ein Schwindel erregende Verbindung von Musik und Bewegung. Eine geradezu ideale Begleitung der großen Räder sind Klang und Rhythmus des Walzers.
Noch Stanley Kubricks Raumstation in „2001: Odyssee im Weltraum“ rotiert majestätisch wie ein großes altes Karussell zum Walzer „An der blauen Donau“ durchs All. (Magdanz 2006)

Schnitzlers Bühnenwerk „Reigen“ formt von seiner Erzählstruktur her einen Kreis und fast zwangsläufig montiert Max Ophüls 1950 die Verfilmung quasi auf ein Karussell. Es verbindet die Begegnungen der Dirne mit dem Soldaten- mit dem Stubenmädchen -mit dem jungen Herren- mit der jungen Frau- mit dem Ehemann- mit dem süßen Mädel- mit dem Dichter – mit der Schauspielerin-mit dem Grafen- und wieder mit der Dirne… zu den Klängen des „Reigen-Walzers“ (Dreht Euch im Reigen nach alter Weise) von Oscar Straus.

Rainer Maria Rilkes 1906 entstandenes Gedicht „Das Karussell – Jardin du Luxembourg“ lässt das Bild des Kreisens, des Auftauchens und Verschwindens geradezu hörbar und sichtbar erstehen:

…Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil –
und manches Mal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel
….

Glückliche, verzauberte Kinderwelt, noch blind für den riskanten Jahrmarkt der Erwachsenen.
Denn mächtige Dampfmaschinen und starke Motoren treiben seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Vergnügungsmaschinen an, das „Aussteigen während der Fahrt“ wird zunehmend lebensgefährlich. Das Symbol gewinnt an Kraft in dem Maße, wie der Welt-Jahrmarkt sich zum globalen Panoptikum und Hexensabbat wandelt.

Erich Kästner sieht auf einer Münchhausenfahrt eben dies Karussell, das die Erdrotation bald in Unwucht bringen wird:
 „Die Globusachse ragte aus dem Eise,- Wir zierten Sie mit einem Sitzgestell,
Das drehte sich und war ein Karussell. Nun galt’s zu handeln, rücksichtslos und weise…“

(„Münchhausen schreibt ein Reisefeuilleton“, 1925) (Kästner 2004)

1925 befeuern hohe US-Kredite kurzfristig die deutsche Konjunktur, das „Schulden-Karussell“ der Wirtschaft nimmt Fahrt auf, bis es 1929 in der Weltwirtschaftskrise auf schreckliche Weise zum Halten kommt.

1926 steht auch Robert Walser in der Schweiz vor einem Karussell – zwar mit kindlicher, klarer Bewunderung, aber merkwürdig ahnungsvoll:
„Wie sich das um seine Achse dreht! Tut nicht etwas Ähnliches die Erde? Da sollte man nicht staunen, nicht für ein paar Minuten perplex sein?“ (Walser 2003)

Schon aus greifbarer Kriegsangst heraus entsteht 1936 in Wien Josef Weinhebers Gedicht: „Auf das Unabwendbare“:
„Zwings, versuchs doch! Heb den tappigen Fuß aus dem Bügel deines hölzernen Pferds: Spring und verlass dich auf Gott! Nicht einen Takt unterbricht ihr Spiel die mechanische Orgel nach dem tödlichen Sturz… (Weinheber 1972)

Auch Oskar der Blechtrommler sieht im Fiebertraum das große Karussell, die verrückte Mühle (niederländisch: Mallemolen) des Krieges. Der „himmlische Vater“ bezahlt beim gleichgültigen Schausteller des Schicksals Runde um Runde. „Mit vielen Kleinkindern saß ich in Feuerwehrautos, ausgehöhlten Schwänen, auf Hunden, Katzen, Hirschen und Säuen, wollten nicht mehr Karussell fahren, durften aber nicht…“ „Ach Vaterunser, sag Stopp!“ (Grass 1966, 393-396)

„…Mehr und mehr wird alles zum Karussell,
Doch es gibt kein Aussteigen,
und auf das Klingelzeichen für die Kinderschar
Hält weder die Sau noch der goldene Schwan“

(Friedrich Georg Jünger: Chimären) (Jünger 1987)

Keine Chance:
… man kann, man kann – nur eins kann man nicht: von dem KARUSSELL abspringen, das von Montag bis Montag die Menschen umtreibt! (Ingeborg Drewitz: Das Karussell)

Der Philosoph Paul Virilio illustriert seine These vom Verlust der verlässlichen Bezugssysteme von Zeit und Raum, des „rasenden Stillstands“ mit dem starken Bild des Karussells. Der Künstler Carsten Höller dagegen bremst auf seine Weise die Schwindel erregende Fahrt des Schicksals aus: Er überhöht und verfremdet ein handelsübliches Karussell durch extreme Verlangsamung zum Kunstwerk. (Virilio 2002, Höller 2008)
„Drehen“ sich nicht unsere Geschichten unablässig um den Karussell-Mittelbau der existenziellen Themen? Heißt „Revolution“ in der Übersetzung nicht auch Umdrehung? Wer sich auf die rasende Fahrt einlässt, der ist, zumindest für Augenblicke, jung und lebendig.
„Und ist das Rad endgültig stehen geblieben, dann hat der erlöste Mensch vergessen, dass er für eine Freude bezahlt, aber eine Todesfurcht gekostet hat. Ihm ist, als wäre er noch billig genug mit dem Leben davongekommen“ schreibt Joseph Roth 1924.  (Roth 1999)

Wenn das Karussell steht, schweigt und „wegen mangelnder Nachfrage, mit Zeltbahnen verhangen ist“ (Kästner 2006, S. 176), dann ist der Jahrmarkt des Lebens, so banal oder bedrohlich er gewesen sein mag,

– AUS UND VORBEI –

Aufsatz bereits erschienen in: Szabo 2009. S. 313-331.

Allen, Woody: Der Stadtneurotiker. Zürich 1981.
Arendt, Dieter: Das Karussell in der Kunst und Literatur oder: Der archimedische Punkt der Geschichte. 1986. In: Studi Germanici, Jhg. 24, S. 347-375.
Benjamin, Walter: Häfen und Jahrmärkte. In: Briefe an Siegfried Kracauer. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach 1987. S. 96-100.
Benjamin, Walter:  Gesammelte Schriften. Bd. 4, Kleine Prosa, Baudelaire-Übertragungen, T. 1. Frankfurt a. M. 1991.
Bienert, Michael, Hrsg.: Joseph Roth in Berlin. Ein Lesebuch für Spaziergänger. Köln 1999.
Bloch, Ernst: Folklore des Jahrmarkts. In: Der unbemerkte Augenblick. Frankfurt a.M. 2007.
Bräunig, Werner:  Rummelplatz. Berlin 2008.
Brecht, Walter: Unser Leben in Augsburg, damals. Frankfurt a.M. 1987.
Busch, Wilhelm: Die Kirmes. Bildergeschichten und Gedichte. Stuttgart 1981.
Dimpfl, Monika: Karl Valentin. München 2007.
Eisermann, André: 1. Reihe Mitte. Ein Schaustellerleben. Köln 2002.
Freitag, Egon: Ich streiche was ehrlichs in Thüringen herum. In: Goethe trifft den gemeinen Mann. Köln 1999.
Galle, Heinz: Volksliteratur und wie es begann. Volksbücher und Moritatenhefte auf dem Jahrmarkt. In: Magazin für Abenteuer-, Reise- und Unterhaltungsliteratur. 1992. Jg. 19, H. 74, S. 19-24.
Garzoni, Tomaso: Piazza universale, das ist, Allegemeiner Schawplatz,Marckt, und Zusammenkunfft aller Professionen, Künsten,Geschäfften, Händeln, und Handtwercken… Lizenzierte Online-Ressource Thomson Gale 2006 http://infotrac.galegroup.com/
Gernhardt, Robert / Bernstein, F.W.: Besternte Ernte: Gedichte. Frankfurt a.M.1997.
Gigl, Fritz:  Die weitgehend unbekannte Seite von Karl Valentin. o.J. http://www.giglfritz.de (Stand der Abfrage: 10.03.2009)
Goethe, Johann Wolfgang von: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Frankfurt a.M. 2008.
Goethe, Johann Wolfgang von (2006):  Vom Eise befreit…Monolog des Faust, Osterspaziergang, Faust I, Vers 903-940. In: Werke. Bd. 3 Frankfurt a.M.
Grass, Günter: Die Blechtrommel. Neuwied 1966. S. 393-396.
Hacks, Peter: Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern. Berlin 1982.
Hampe, Theodor: Die fahrenden Leute in der deutschen Vergangenheit. Leipzig 1902.
Hannemann, Uli: Neulich in Neukölln. Notizen von der Talsohle des Lebens. Berlin 2008.
Hecht, Werner: Brecht-Chronik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1997.
Hinrichs, Ronald: Joseph Delmont, Meister der Sensationen. In: Pioniere in Celluloid. Berlin 2004.
Höller, Carsten: Carrousel. Köln 2008.
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Izquierdo, Andreas: Otto Witte 1872-1958. Berlin 2007.
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1 Beiträge zu “Der Jahrmarkt in der Literatur oder Piazza Universale

  1. Franz Miller

    Ich habe schon als Kind die mit Hydraulik betriebenen Karussels und Fahrgeschäfte auf Jahrmärkten bewundert. Besonders faszinierend war es, wenn diese das erste Mal am Tag anfuhren. Interessant, dass die Karussells mit der gleichzeitigen technischen Entwicklung der großen Jahrmarktorgeln ein Schwindel erregende Verbindung von Musik und Bewegung erzeugen.

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