Schaustellerbranche im Spiegel der Tagespresse A - Z

1987 Das ist ihr Alltag

In der ehemaligen DDR wurde am 31. Januar 1987  in der Tageszeitung Neue Zeit,  ein Bericht über das Leben und Arbeiten der Schausteller jener Zeit veröffentlicht. Leider ist der Name des Autors nicht hinzugefügt. 

Das ist ihr Alltag

„Früher, als ich noch ein Kind war“, erzählt mir Dieter Schuster, Jahrgang 1955, „mussten wir zu bestimmten hinterlistigen Zwecken noch hinter Hecken verschwinden“, und Wasser holten wir in Eimern.“ Heute arbeite wohl kein Schausteller mehr unter ähnlich primitiven Umständen. Heute sei zwar die erste Frage nach der Ankunft auf einem neuen Platz die nach Wasser und elektrischem Strom, aber eine Toilette gehöre zu den Selbstverständlichkeiten. Und beinahe ebenso selbstverständlich sei es, den Platz in einem Zustand wieder zu verlassen, dass der jeweilige Platzmeister, meist von der Abteilung Kultur gestellt, keinen Ärger damit hat.

Volksfeste enden meist mit einem Sonntag. Da mag es so spät sein, wie es mag, die Nacht zum Montag wird für alle Schausteller und ihre Gehilfen schlaflos vorübergehen. Denn am nächsten Vormittag soll es wieder auf die Reise zum nächsten Ort, zum nächsten Glück gehen. Wer schon jahre- oder jahrzehntelang ein solches „Geschäft“ – von der Losbude oder der Schießhalle bis zur Achter- oder Geisterbahn – mit ab- und aufgebaut hat, kennt jede Schraube, greift an den richtigen Stellen zu, weiß, wie und wo der oder jener Teil verstaut werden muss. Denn etwa ab 10 Uhr rollen die bunten Wagen in langer Schlange wieder „zum Städtele hinaus“.

Auf diese Weise besucht ein Schausteller jedes Jahr durchschnittlich 14 bis 18 Plätze, viele hundert Kilometer auseinander. Es können nur dreißig, aber auch 300 Kilometer sei. An solchen Montagen wird das Essen und Trinken nicht allzu groß geschrieben, denn auf dem neuen Platz ist das in der vergangenen Nacht mit viel Mühsal Auseinandergenommene wieder zusammenzusetzen. Schausteller können mitreden, wenn von körperlichen Plagen gesprochen wird, die in dem einen oder anderen Beruf nicht ausbleiben.

Schausteller haben auch kein Wochenende, keinen Sonn- oder Feiertag, denn gerade dann blüht ja ihr Geschäft.  Barbara Börner  versichert mir, es gehe anderswo selten so sauber, so exakt nach Zeit und Plan, so „anständig“ zu wie auf Volksfesten oder Weihnachtsmärkten und unter dem „Fahrenden Volk“. Sie habe mal gehört, wie bei einer örtlichen Behörde hinter der Tür geflüstert wurde: „Sie sind zwar Schausteller, aber anständige Menschen.“ Und die Moral in den Wohnwagen sei gar ausgesprochen hoch.

Während sich das Riesenrad der Familie Berger dreht – übrigens muss des Gleichgewichtes wegen immer eine Gondel, die besetzt wurde, nach oben befördert werden, und in die entgegengesetzte steigen, weitere Gäste ein -, sortiert Inge Berger die Interessenten, um etwa drei dünnen leichtgewichtigen einen vollschlanken Riesen zuzuordnen, um Betrunkene herauszufischen, um kleine Kinder ohne Begleitung eventuell selbst unter ihre Fittiche zu nehmen. Übrigens hat Eberhard Berger schon mehr als einmal Schwerkörperbehinderte aus ihrem Rollstuhl in die Gondel seines „Russen“ getragen, auf dass auch sie einmal in den Genuss einer Luftfahrt kämen.

Das 16-Meter-Rad wird alle zwei Jahre von der staatlichen Bauaufsicht neu abgenommen. Es hat bald 57 Jahre auf dem Buckel, aber ich wollte, mein Fahrrad wäre so mustergültig in Ordnung …

Abschrift vom originalen Zeitungsartikel © Margit Ramus

Neue Zeit, 31. Januar 1987

 

Schreiben Sie uns einen Kommentar

Haben Sie ergänzende Informationen? Über sachdienliche Hinweise freuen wir uns.

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *