Volksfeste in der Vergangenheit A - Z

Volksfeste zu Karneval in Köln

"Karneval“ Acten der Stadt Köln Marktverordnung und die Organisation der Marktverwaltung. Angefangen 1825. Geschlossen 1869.
Vorwort

Vor dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln wurden Akten über Karneval- und Osterveranstaltungen sowie Weihnachtsmärkte von der Verfasserin gescannt oder fotografiert.
Heute 2019, zehn Jahre nach dem Einsturz, sind diese Kopien die einzigen erhaltenen Dokumente über die Abwicklung der Volksfeste in Köln im 19. und frühen 20. Jahrhundert und somit von allerhöchstem Wert für diesen Teil der Schausteller-Kulturgeschichte.

In Publikationen über den Kölner Karneval finden Kirmesveranstaltungen in Köln keine Beachtung. Der Straßenkarneval mit Karussells, Achterbahn, Riesenrad, Autoskooter und vielen weiteren Volksbelustigungen, der bei der Bevölkerung über Jahrzehnte so viel Begeisterung fand, wird in der Kulturgeschichte der Stadt Köln völlig außen vorgelassen.

Durch die Sicherung des Aktendeckel der „Registratur der Marktverwaltung“ mit der Signatur 725/25 vor dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln ist fundiert belegt, dass bereits in dem Zeitraum von 1825 bis 1869 von dem Marktamt der Stadt Köln Kirmesveranstaltungen zu Karneval stattgefunden haben. „Karneval“ Acten der Stadt Köln Marktverordnung und die Organisation der Marktverwaltung. Angefangen 1825. Geschlossen 1869.

1823 etwa zeitgleich wurde das „Festordnendes Comité“, das heutige Festkomitee Kölner Karneval 1823 e.V., gegründet. 
Heute stellen sich die Fragen:
Warum hatten die damaligen Kölner Schausteller nicht die Stunde genutzt und auch die Kirmesveranstaltung zu Karneval in irgendeiner Form eintragen und damit schützen zulassen? Dies wird unbeantwortet bleiben…
Warum haben sich die Schausteller nicht dem „Festordnendes Comité“ angeschlossen? 

Letzteres wird vielleicht am sozialen Gefälle im Kölner Karneval gelegen haben.
Die Aufnahme ins Festkomitee kostete drei Taler, die etwa 60% eines Wocheneinkommens eines Handwerker-Meisters bedeuteten und somit nur von der Oberschicht der Kölner zahlbar war und für Schausteller vermutlich zur damaligen Zeit ebenfalls unerschwinglich war. (Brog, S 64 f)

Kölner Karneval

Um die Situation von damals besser verstehen zu können, folgt ein kurzer Abriss des Kölner Karnevals, der beim Lesen auch übersprungen werden kann. Es würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen, die Historie des Kölner Karnevals ausführlich zu beschreiben. Ein einführender Kontext ist jedoch angebracht.

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Karneval findet vor der am Aschermittwoch beginnenden Fastenzeit statt. Ohne die christliche Religion wäre der Karneval nicht denkbar. In Köln ist er seit dem Mittelalter durch einen Eintrag im Eidbuch der Stadt Köln aus dem Jahre 1341 dokumentiert. Vor Beginn der Fastenzeit feierten die Bürger*innen von Stadt und Land auf den Straßen oder in den Gasthöfen. Es wurde getanzt, gesungen und sich der Völlerei hingegeben. Dies wird auch in den Schriften der Klöster wiedergegeben, denn Ordensschwestern und Mönchen war die Tradition des Feierns vor der Fastenzeit ebenfalls nicht unbekannt. Wirtsleute, Bäcker, Metzger und Komödianten trugen an den tollen Tagen in Köln zum das leiblichen Wohl und zur Belustigung bei.
Irgendwann soll Karneval zu einem chaotischen Fest ausgeartet sein, sodass die Bürger der sogenannten Oberschicht 1823 beschlossen, ein „Festordnendes Comité“, das heutige Festkomitee Kölner Karneval 1823 e.V., zu gründen.

Die Gründung fand auch bei der preußischen Regierung Anklang und somit stand der Organisation des ersten Köln Rosenmontagszugs, damals noch Maskenzug genannt, nichts im Wege.
Heute ist das Festkomitee Kölner Karneval 1823 e.V. die Dachorganisation vieler Kölner Karnevalsvereine.
1922, etwa 100 Jahre nach der Gründung, war alles sehr unübersichtlich geworden. Rivalität und Streit um die Gestaltung des Rosenmontagszuges beeinflussten das Geschehen. Zeitweise gab es sogar zwei Rosenmontagszüge. Deshalb wurden von Festkomitee des Kölner Karnevals  Regeln aufgestellt, die noch heute relevant sind. Eine der wichtigsten Aufgaben ist „die Pflege und Wahrung der Tradition des Kölner Karnevals als Volksfest.“ (Oelsner, S. 44)  
Es ist verwunderlich, dass die Bezeichnung Volksfest verwendet wird.

Die französischen Besatzer (1794-1814) hatten zur Wende zum 19. Jahrhundert, trotz Abschaffung aller wesentlichen politischen und sozioökonomischen Strukturen, den Karneval als eine kölnische Tradition anerkannt. Die von Kaufleuten, Juristen und Besatzungsoffizieren, separiert vom Volk, durchgeführten Maskenbälle im Gürzenich galten als gesellschaftliche Ereignisse. Die Teilnahme konnte sich jedoch nur der bürgerliche Mittelstand aufgrund der von den Franzosen erhobenen „Maskierungsgebühren“ leisten.

Nach Abzug der Franzosen, unter der preußischen Regierung, zog auch das 1823 gegründete „Festordnendes Comité“, das heutige Festkomitee Kölner Karneval, von Beginn an eine klare Schranke zum einfachen Volk wie auch zu den Ständen der Handwerksgilden.
Die Aufnahme ins Festkomitee kostete drei Taler, die etwa 60% eines Wocheneinkommens eines Handwerker-Meisters bedeuteten und somit nur von der Oberschicht der Kölner zahlbar war. Dadurch blieben die wohlhabenden Kölner innerhalb der Vereinigung und der Organisation des Zuges unter sich. (Brog, S 64 f)

Allerdings erlaubte die Festordnung, dass das gemeine Volk, kontrolliert über einen festgelegten Zugang, nach Abgabe sogenannter „Lustbarkeitsabgaben“ dem Rosenmontag zuschauen durften.
Der Kölner Chronist Peter Fuchs gab dem ersten Zug viel Zustimmung, bemerkte aber auch die wenigen Maskierten unter den Zuschauern. “(Stoll, S. 20)
Aufgrund der Maskierungsgebühren und der Lustbarkeitsabgaben feierte das einfache Volk den Karneval in dieser Zeit unmaskiert und unter einfachsten Bedingungen auf den Straßen und in den Wirtshäusern. (Euler-Schmidt, S. 8–12)

Von den Lustbarkeitsabgaben wurde der Rosenmontagszug finanziert und nach Abrechnung floss der Gewinn der Armenverwaltung zu.
Die Historikerin Hildegard Brog berechnete anhand der erhaltenen Aufzeichnungen des „Festordnenden Comités“, dass der Gewinn aufgrund der Kosten für Kostüme, Pferde und Wagen sowie für die Vorbereitungen des anschließenden Maskenballs im Gürzenich deutlich unter den Erwartungen blieb; die Armen erhielten 1823 und auch in den folgenden Jahren nur unwesentliche Beiträge aus den Einnahmen der Züge. (Brog, S. 64f) 

„Auch die Gestaltung des Rosenmontagszuges wurde von NS-Stellen kontrolliert und bestimmt. Höhepunkt der „volksgemeinschaftlich“ gestalteten Züge war derjenige des Jahres 1939. Mit staatlichen und städtischen Zuschüssen wurden Zugweg, Zug und selbst unverkleidete Besucher wie nie zuvor in einheitlicher Symbolik geschmückt und ausstaffiert. Die Anreise von Touristen in Sonderzügen aus dem gesamten Deutschen Reich und den Nachbarländern sowie deren Unterbringung auf einer gegenüber 1936 verdreifachten Zahl an Tribünenplätzen oblag der Organisation „Kraft durch Freude“. KdF führte in Zusammenarbeit mit dem Verkehrsverein eine nie dagewesene landesweite Werbekampagne für den Zug durch, wonach Besucherzahlen von über einer Million Menschen erreicht wurden, was etwa der heutigen Dimension des Zuges entspricht.“ (Auszug aus Wikipedia Abruf am 2.2.2018) https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6lner_Rosenmontagszug

Erst 1949 wurde wieder ein Rosenmontagszug durchgeführt.

 

Kölner Schausteller Szene in den 1930er

Zum Anfang des 20. Jahrhunderts ist auch eine nicht unbedeutende Kölner Schausteller-Szene nachzuweisen.
Es gab acht Schausteller-Berufsorganisationen in Köln vor dem Zweiten Weltkrieg. Die Existenz dieser Vereine ist durch überlieferte Anschreiben der Vereine an die Stadt Köln belegt.
Dazu mehr: Alle Berufsorganisationen und Vereine in Köln ab 1897 auf einen Blick

Kirmesveranstaltungen im Kölner Karneval 1933 -1936

Auch für diese Zeit belegt ein Aktendeckel der Stadt Köln die Durchführung von Kirmesveranstaltungen zu Karneval.  Akten der Stadt Köln Marktverordnung und die Organisation 
der Marktverwaltung. Angefangen 1932. Geschlossen 1934.

Die Verträge wurden vom Marktamt der Stadt Köln an die einzeln Schausteller vergeben. 
Die im Historischen Archiv der Stadt Köln aufgefundenen Jahrgänge 1933 bis 1936 der Kirmesveranstaltungen an Karneval liefern wichtige Informationen.

Zum Beispiel vermitteln die Inhalte der Anfragen der Schausteller für Standplätze,  Erfahrung und Kontinuität der Antragsteller bei Veranstaltungen dieser Art.

Friedrich Delcour unterstreicht seine Anfrage mit dem Hinweis, dass die Genehmigung seines Gesuches ihn in die Lage versetzen würde, einer Anzahl von Arbeitern Brot zu verschaffen und außer bereits ausgeführter Arbeiten an seinem Hausbesitz Dürenerstr. 98 und Klosterstr. 43 wie Hausanstrich, Pflasterarbeiten etc. weitere Aufträge an Kölner Handwerksmeister vergeben zu können. (Anfrage vom 24.11.1934)

Friedrich Delcour schreibt am 23. Januar 1936, dass er bereits den überwiegenden Teil [das höchste Standgeld] der größeren Geschäfte getragen habe, damit die minderbemittelten Bewerber zu angemessenen Preisen aufbauen können. Er zahle bereits 700 RM als Platzgeld für seine Raupenbahn, 300 Rmk als Spende für das Winterhilfswerk sowie 3000 Freikarten zum unentgeltlichen Besuch seines Unternehmens für die Volksgenossen. (Anfrage vom 23.01.1936)

Alex Gormanns schreibt am 22.01.1934, dass er bereits seit fünf Jahren in Köln ansässig sei und sich immer mit seiner Schiffschaukel beworben habe und nun endlich auch berücksichtigt werden wolle.
Schon damals scheint die Voraussetzung einer Teilnahme an der Karnevalskirmes ein Kölner Wohnsitz gewesen zu sein. In den 1960/70er Jahren artet dies zu internen Konkurrenzkämpfen unter den Schaustellern aus. 

Die Anfragen für Karneval 1933 – 1936 sind über die Inhalte hinaus wichtige Zeugnisse.
Sie geben Aufschluss über den Bildungsstand der damaligen Kölner Schausteller und ihre Bedeutung für die Kölner Wirtschaft.
Die Texte sind höflich, fehlerfrei, in einer der Zeit entsprechenden Hochsprache, fast durchweg auf Firmen-Briefpapier und formal in der damaligen Sütterlinschrift mit Füllfederhalter verfasst.
Einige sind mit der Maschine geschrieben. Teilweise werden Bankverbindungen und Telefonanschlüsse angegeben.
In der folgenden Galerie sind die Anfragen eingestellt. Die Texte sind in die aktuelle Lesbarkeit übertragen und unter das Original gesetzt. Beim Vergrößern der Dokumente ist der Text darunter gestellt.

Galerie I Anfragen Karneval 1933

 

In einer PDF-Liste sind die Anfragen mit Firmenname und Schaustellergeschäft aufgelistet.
Anfragen Karneval 1934

Vergabe der Karnevalsplätze

Der Schriftverkehr zwischen Stadt- und Marktverwaltung belegt, dass die Nutzung von einer Vielzahl an Plätzen in der ganzen Innenstadt und in einigen angrenzenden Stadtvierteln zu Karneval beantragt worden war.  Am 18.1.1934 wurden die Plätze am Perlengraben und Waidmarkt genehmigt. Mit Schreiben vom 19.01.1934 folgte die Genehmigung folgender Plätze:

1. Am Bollwerk
2. Marktplatz an der Eiche
3. Wilhelmplatz in Nippes
4. Bachstraße in Mülheim
5. Marktplatz in Kalk
6. Platz an der Aemilianstraße/Ecke Luxemburger Straße

 

 

Vergabe- oder Zulassungskriterien

Die Vergabe der Standplätze unter der Regierung der NSDAP erfolgte durch Versteigerung oder Verlosung.
Am 21. Februar 1934 hatten Untervereine des Reichsverbandes ambulanter Gewerbetreibender  Deutschland, kurz „RAGD“ genannt, bei verschiedenen Stadtverwaltungen Gesuche eingereicht, in Zukunft die Standplätze nicht mehr zu versteigern, sondern auf dem Wege der freihändigen Vergabe zuzuteilen.
In einem Schreiben vom 26. Februar 1934 reagiert die Stadt Köln mit Für und Wider gegen die bisherigen Vergabe-Kriterien.
Es heißt:
„[…] so sind doch Zweifel entstanden, ob dieses Verfahren beibehalten werden soll, weil hierbei die Standgelder hochgetrieben werden und in der Regel die kapitalkräftigen Schausteller im Vorteil und die kleineren Bewerber benachteiligt sind.“ […]
„Auch der hier gemachte Versuch, die Plätze zu verlosen, hat seine Nachteile, weil hierbei die leistungsfähigsten Unternehmer u.U. mehrmals hintereinander ausfallen können und in ihrer Existenz bedroht sind.“ 

Man schlug Verhandlungen mit dem Reichsverband ambulanter Gewerbetreibender Deutschlands, RAGD, vor und wollte in Folge entscheiden.

Im Laufe dieser Verhandlungen machten jedoch auch andere Kölner Berufsverbände Eingaben, z.B. bat der Verein rheinischer Fahrgeschäfts-Inhaber und Schausteller Köln, Mitglied des RAGD, in einem Schreiben vom 21. Januar 1933, ihre Mitglieder bei der Vergabe von Standplätzen zu Karneval und Ostern wohlwollend zu berücksichtigen.  Am 27. März 1933 bat der gleiche Verein den Bürgermeister Dr. Brandes um Beibehaltung der Versteigerung der Fahrgeschäfte, da bei einer Verlosung die Existenzen gefährdet seien.
Auch die Wirtschaftliche Vereinigung Kölner Lustbarkeiten, kurz WVKL genannt, machte eine Eingabe. Das Schriftstück ist von Josef Milz, dem Großvater der Verfasserin, verfasst und unterschrieben.

Politische Auswirkungen unter der NSDAP

Obwohl Schausteller selten politisch engagiert waren, blieben sie von den Ereignissen in Deutschland nicht unberührt. Am 21. März 1934 teilte der Nachrichtendienst  des Organisationsamtes der Stadt Köln mit, dass die Reichsleitung der NSDAP entschieden habe,  dass auch nichtarische Bewerber zu den Kirmes-Veranstaltungen zugelassen würden, „sofern sie durch frühere politische Betätigung nicht übel beleumundet sind.“ (Vollständiger Text ist auf dem Original-Dokument in der folgenden Galerie zu lesen.)

Das Thema „Arische Abstammung“ wird in einem Schreiben von Ernst Hartkopf (Firma „Bau und Betrieb erstklassiger Schaustellungs-Unternehmungen Köln“), datiert auf den 23. Mai 1936, noch einmal behandelt. Hartkopf spricht seine früheren Erklärungen an, in denen er versicherte, dass er arischer Abstammung sei und die Klassifizierung seines Geschäftes als „Deutsches Geschäft“ von der Gauwirtschaftsberatung der NSDAP und der Industrie- und Handelskammer bescheinigt sei. Dies wird in einem Dokument der Reichsbetriebsgemeinschaft Handel wie folgt bestätigt:

„Berlin, 29.4.1935
Nach  Prüfung Ihrer arischen Abstammung wurde festgestellt, dass Ihr Betrieb, obwohl Ihre Frau nicht arisch ist, von wirtschaftlicher Seite aus als arisches Unternehmen anzusehen ist. Dieser Meinung schließt sich auch der Wirtschaftsbeauftragte im Stabe Hess  an.
Wir weisen darauf hin, dass bei Veranstaltungen, welche von der Partei aufgezogen werden, von dem zuständigen Gau der NSDAP und der Gaubetriebsgemeinschaft der Deutschen Arbeitsfront, besondere Erlaubnis eingeholt werden muss. HEIL HITLER“
(Originale Schriftstücke in der folgenden Galerie eingestellt.)

 Das Verhalten untereinander

Aus einem Schreiben vom 2. Mai 1934 der Stadtverwaltung Köln an den Regierungspräsidenten in Aachen geht hervor, dass die in Köln ansässigen Schausteller verlangen würden, die einheimischen Unternehmungen den auswärtigen vorzuziehen. 
In einem Schreiben der Wirtschaftsgruppe ambulantes Gewerbe an die Marktverwaltung Köln vom 13.2.1936 wird darauf hingewiesen, dass Heinrich Heindrichs nicht alleiniger Besitzer seiner Raupe sei, sondern gemeinschaftlich mit dem Kollegen Cronenberg aus Düsseldorf die neue Raupe angeschafft habe. Kollege Cronenberg habe öffentlich auf einer Platzverteilung in Düsseldorf erklärt, dass er mit seiner zweiten Raupe in Köln auf dem Neumarkt platziert würde. Auch bei den Düsseldorfer Kollegen stieß dies auf Unmut, weil Cronenberg auch in Düsseldorf mit seiner ersten/zweiten Raupe einen Hauptplatz beanspruchte. (Vollständiger Text ist auf dem Original-Dokument in der folgenden Galerie zu lesen.)

Für die Reinigung der Plätze mussten alle Schausteller eine Kaution hinterlegen. Ein Schriftstück belegt, dass die Beschicker  der Karnevalsveranstaltung 1934 die Kaution in Höhe von 127,00 Reichsmark dem Winterhilfswerk (ehemalige Arbeiterverwaltung) zur Verfügung stellten. 

Kirmesveranstaltungen an Karneval nach 1945

Aufgrund Erzählungen von Zeitzeugen wurden schon 1946,zwischen den weggeräumten Trümmern zur Freude der Menschen, keine Kirmesveranstaltungen in Köln an den Karnevalstagen durchgeführt.

Fundierte Dokumente sind keine überliefert. Beim Liegenschaftsamt werden die Verträge nur zehn Jahre aufbewahrt und dann dem Stadtarchiv übergeben. Dort sind nach dem Einsturz noch keine Markt-Unterlagen der Nachkriegszeit identifiziert.
Aus diesem Grunde gibt es nur die Erinnerungen der noch wenigen Zeitzeugen und einige Presseberichte, die jedoch jüngeren Datums sind.

„Von der Stadt die Schau gestohlen
Noch weniger Platz für Buden und Karussells

Sein Gesicht ist krebsrot. Seine Adern schwellen beängstigend an. Zornig ruft er in den Saal:
„Wir sind keine Wännläpper. Wir sind ehrliche Steuerzahler. Wir gehören zur Elite der Bürger.“
Noch ehe der kleine, stämmige Mann mit dem pechschwarzen Schnurrbart Luft geholt hat, um weiterzusprechen, prasselt der Beifall wie ein Platzregen durch die Ehrenfelder Gaststätte. Rund hundert Kölner Schausteller haben sich versammelt, um gegen eine Entscheidung der Stadtverwaltung zu protestieren:
Die fahrenden Unternehmer sollen Karneval 1963 auf die Plätze am Bollwerk und am Sassenhof verzichten.
Kommentar des Leiters der Kölner Schaustellervereinigung, Wilhelm von der Gathen: „Nicht auszudenken, welcher Schaden uns da trifft.“

Die Gesichter hinter den Tischen sind ernst. Die Absage, die man vor wenigen Tagen im Briefkasten fand, war deutlich genug:    „Trotz allem Verständnis, das die Stadt Köln für Ihre Wünsche aufbringt, ist es nicht möglich, Ihnen das Gelände am Sassenhof und am Bollwerk zur Verfügung zu stellen. Ich kann daher nur auf das Gelände an der Maximinenstraße verweisen …“
Die Schausteller schütteln verständnislos die Köpfe: „Es ging doch in den vergangenen Jahren. Warum will man uns wirklich die Existenz nehmen?“

Wilhelm von der Gathen: „Gerade durch das Karnevalsgeschäft haben viele Kollegen die Möglichkeit, ihre Schulden zu begleichen. Bedenken Sie doch, dass wir durch den Winter praktisch ein halbes Jahr lang ohne Verdienst dastehen.“

Die Schausteller haben keineswegs resigniert. In einem Schreiben an Oberbürgermeister Theo Burauen, Oberstadtdirektor Dr. Max Adenauer, Stadtdirektor Berge und die drei Fraktionen heißt es:

„. . wir weisen darauf hin, dass seit nahezu 100 Jahren im Stadtgebiet von Köln an Karnevalstagen Schaustellergeschäfte aufgebaut worden sind, und ganz besonders möchten wir an die Nachkriegsjahre erinnern, als die Karnevalsgesellschaften noch keine städtischen Zuschüsse erhielten und uns händeringend darum gebeten haben, die Geschäfte aufzubauen, um mit den von den Schaustellern gezahlten Platzgeldern den Karneval zu finanzieren.“

Als die Stadt nach diesem Schreiben die kalte Schulter zeigte, trommelten von der Gathen und der Leiter der Fachgemeinschaft des ambulanten Markt- und Schaustellergewerbes für die Regierungsbezirke Köln—Aachen, Theo Rosenzweig jr., die Zunftbrüder zu einer Protestkundgebung zusammen. 
Fast zwei Stunden lang machen sie ihrem Ärger Luft. „Ich musste 1560 Mark Steuer nachzahlen“, schreit einer der Männer in den Saal. „Hat die Stadt das Recht, uns das Brot zu nehmen? Da kann ich nur Pfui zu sagen.“ Der Karneval spielt sich in der Innenstadt ab. Wenn man uns nach Deutz spielen würde, dann ist das genauso, als würde ein Geschäftsmann seine Schaufenster in den Hof verlegen.‘

Sie können es einfach nicht begreifen, warum die Stadt das Gelände am Sassenhof und am Bollwerk als Parkplätze reservieren will. Das Zentrum ist doch während der Hauptfesttage für Autos gesperrt.
Als Rosenzweig jr. verkündet: „Die Stadt hat über unsere Köpfe hinweg beschlossen, dass wir vom nächsten Jahr an in der Innenstadt keinen Platz mehr bekommen sollen“, fällt das Wort Protestmarsch. „Wir schließen uns dem Rosenmontagszug an“, ruft einer der erregten Zuhörer. „Vor dem Rathaus sollten wir aufmarschieren.“

Der Plan scheint perfekt. Schon hat man beschlossen, im Polizeipräsidium einen Antrag zu stellen, als der Kölner SPD-Vorsitzende Hans-Jürgen Wischnewski (MdB) ins Lokal eilt und die Wogen wieder glättet.
Als er erfährt, dass seine Parteifreunde es bisher abgelehnt haben, eine Delegation der Schausteller zu empfangen, verspricht er: „Selbstverständlich bekommen Sie vor Weihnachten einen Termin, bei dem die Angelegenheit vernünftig besprochen wird. Wenn Sie jahrelang Platz gefunden haben, wieso dann 1963 nicht?“
Voller Hoffnung machen sich die Kölner Schausteller auf den Heimweg.“

Held, Björn: DZ Nr. 282 datiert auf den 5.12.1962

In der gleichen Ausgabe wird ein Leserbrief veröffentlicht.  Er wird hier eingesetzt um zu zeigen, dass die Schausteller neben dem Kampf um Plätze zur Ausübung ihres Berufes in der Heimatstadt, auch immer wieder um ihr Ansehen kämpfen müssen.

Nr. 282 – Mittwoch, 5. Dezember 1962
LESER AN DIE DZ:
„Jahrhundertealte Tradition

Zu ihrem Gerichtsbericht „Mit blauem Auge davongekommen“ (Ausgabe 1.12.1962) gestatte ich mir als Geschäftsführer des Vereins Reisender Schausteller c. V., Sie darauf hinzuweisen, dass in diesem Bericht eine Formulierung enthalten ist, die darauf schließen lassen kann, dass Schausteller „von Kirmes zu Kirmes auf die Walze gehen“. Diese Art der Berichterstattung ist dazu da, unseren Berufsstand im Ansehen bei unseren Mitbürgern zu diskriminieren.

Der Schaustellerberuf zählt zu den ältesten Berufen und blickt auf eine Jahrhundertealte Tradition zurück. Man muss bei der Verwendung des Begriffes „Schausteller“ zu unterscheiden wissen zwischen Schausteller und Schaustellergehilfen. —
Schausteller kann nur derjenige Bürger werden, der nicht vorbestraft ist. Ansonsten verweigert die zuständige Behörde die zur Ausübung des Berufes erforderliche Reisegewerbekarte (früher Wandergewerbeschein).

Schaustellergehilfen nennt man die Hilfskräfte, die aus allen Bevölkerungskreisen kommen und bei den Schaustellern in einem Arbeitnehmerverhältnis stehen. Unter diesen Hilfskräften gibt es gute und weniger gute Charaktere, genauso, wie es auch in anderen Gewerbezweigen solche Mitarbeiter gibt.
Infolge der akuten Mangellage am Arbeitsmarkt sind die Schausteller manchmal darauf, angewiesen, hier und da Hilfskräfte beschäftigen, die in normalen Zeiten keine Verwendung in unserem Fach finden würden. Das heißt allerdings nicht, dass ein Schausteller einen Mann beschäftigen würde, von dem im Voraus bekannt ist, dass er ein ausgesprochen kriminelles Element ist.

Ein Wort zu der Formulierung in ihrem Bericht. Ein Schausteller geht niemals „auf die Walze“.
Auf die Walze gehen Chausseegrabenkenner, Tippelbrüder und Klinkenputzer.
Ein Schausteller betreibt sein Gewerbe, indem er mit Wohn- und Gerätewagen die Kirmessen, Schützenfeste und Volksfeste des In- und Auslandes bereist. Diese Art des saisongemäßen Umherziehens kann man keinesfalls als „auf die Walze“ gehen“ bezeichnen.
Otto Mark Geschäftsführer im Verein Reisender Schausteller e. V.“

Die großen Karnevals-Kirmessen haben bis auf eine kleine Kirmes an drei Tagen auf dem Neumarkt, ganz still und leise ein Ende gefunden. Diese kleine Kirmes wird in Zusammenhang mit dem Funken-Biwak an Karnevalsamstag in einer Publikation von 2016 wie folgt erwähnt:
„Am späten Mittag endet das Biwak und flugs wird in wenigen Stunden auf dem Platz eine Karnevalskirmes hochgezogen.“ (Oelsner, S. 111)

© Margit Ramus

Alle Dokumente sind mit Genehmigung des Historischen Archivs der Stadt Köln eingestellt. Dort werden sie geführt unter der Signatur: Bestand 771 (Marktverwaltung) A66 Kirchweih und Schützenfeste, Karneval. Laufzeit 1931-1938.

 

 

 

Euler-Schmidt, Michael: Kölner Maskenzüge: 1823–1914. Hrsg.: Werner Schäfke. Köln 1991.
Euler-Schmidt, Michael; Leifeld, Marcus: Der Kölner Rosenmontagszug 1823–1948. Hrsg.: Festkomitee des Kölner Karnevals von 1823 e. V. 1. Auflage. Köln 2007.
Brog, Hildegard: Was auch passiert: D’r Zoch kütt! Die Geschichte des rheinischen Karnevals. Campus, Frankfurt / New York 2000, S. 64–65.
Stoll, Edmund: Kölns Karneval, wie er war, ist und sein wird. Köln 1840, S. 20.

 

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