Schaustellergeschäfte A - Z

Schaukel

Bounty der Firma Bruch ©Archiv Uwe Holzmann
Name(n) des Geschäftes Bounty; Hanseatic; Alte Liebe; Pirat; Traumschiff; Santa Maria u.v.a.
Typologische Bauaufgabe Schaukel
Baujahr ab 1978
Bauform Hochgeschäft
Hersteller Huss; Schwarzkopf; Zierer
Maler Knorrn, Harry; Peter Petz; Gebrüder Stritzel; Wolfgang Bühren u.a.
Bauherr / Inhaber Bruch; Robrahn; Schneider; Bausch&Menzel; Rasch; Löwenthal u.v.a.

Baugeschichte

Schon im 18. Jahrhundert gab es einfache Schaukeln auf deutschen Jahrmärkten. Bald gab es aufwendig dekorierte Schaukeln, dessen Hersteller oft nicht überliefert sind. Um 1890 baute Bothmann bereits eine sogenannte Amerikanische Schaukeln. Die Fahrgäste standen allein oder zu zweit in kleinen Schiffen und bewegten sich durch eigenen Körperantrieb.

Nach der Wende zum 20. Jahrhundert konstruierte man ein großes, sich auf Schienen hin und herbewegendes Schiff. Eine größere Anzahl an Fahrgästen fand darin Platz. Eine solche Anlage wurde als Hutschmaschine im Wiener Prater bekannt. 
In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre begannen etwa zeitgleich die Firmen Huss, Schwarzkopf und Zierer mit dem Bau von großen Schaukeln. Das neue Fahrgeschäft wurde in der Branche Schiff genannt und die Auftraggeber wählten individuelle Namen und Dekorationsthemen. Aber der Oberbegriff Schaukel hat sich gehalten.

Baubeschreibung der Huss Schaukel

Vier schräg gestellte Stahlpfeiler tragen eine Nabe, an die an Stahlträgern eine riesige Fahrgastgondel in Form eines Schiffs eingehängt ist. Auf zehn Sitzreihen können maximal 50 Personen Platz nehmen. Der Sockelbereich ist in drei Ebenen eingeteilt. Die Wartezone sowie die Ein- und Ausstiegszone sind mit Geländern abgegrenzt. Nach vorne ist auf den Laufgang der Eingangsebene ein Kassenhaus gesetzt. Die Anlage ist nach hinten von einer Rückwand begrenzt.

Dekorationen

Der Maler Harry Knorrn, dessen Schwerpunkt in der Bemalung von Großbildleinwänden lag, berichtete der Verfasserin, dass Huss etwa 90 Schiffe für den internationalen Vertrieb gebaut habe, für 70 habe er selbst die Dekorationselemente gemalt. Dagegen steht die Anzahl von 28 transportablen Schaukeln, die insgesamt von verschiedenen Herstellern gebaut worden sein sollen. (Schottenloher 1998 S. 41)
Unten denen, die Harry Knorrn gemalt hat, soll auch das gewesen sein, welches von Michael Jackson für den eigenen Vergnügungsgarten angekauft worden war.
Die Dekoration der Anlage thematisierte oft die geheimnisvolle Welt jenseits der Zivilisation, die man in einer Nussschale über das große Meer hinweg erobern wollte.

Eine kleine Auswahl zeigt die Vielfältigkeit der Dekorationen.
Die Vorlage zur Gestaltung der Riesen-Schaukel lieferte der Film „Die Bounty“. Er wurde auch namengebend für das erste Modell der neuen Baureihe der Firma Huss für die Firma Franz Bruch.
Aufgrund der Information von André Blunck soll nicht Harry Knorrn die Bounty gemalt haben, sonder Peter Petz. Im Zentrum der Rückwand war ein riesiger Zweimaster zu sehen. Dieser lag zwischen zwei Landzungen vor Anker. Die Mannschaft näherte sich in kleinen Booten einem unbekannten Fleck Erde. Hohe Berge im Hintergrund mit davor gesetzten Palmen säumten den rechten und linken Bildrand. Die untergehende Sonne verwandelte den Himmel in ein glühendes goldgelbes und oranges Farbenspiel.
Vor den großen Dreieckbock war der Name der Schaukel Bounty in Leuchtbuchstaben montiert. Die an den Geländern der Sockelzone angebrachten Rettungsringe und die Bemalung der Panneaux, die die Eckelemente verkleideten, ergänzten das maritime Motiv.

Die Schaukel des Bremer Schaustellers Rudolf Robrahn wurde ebenfalls von Harry Knorrn bemalt. Die maritime Bemalung der Rückwand erzählte die abenteuerlichen Geschichten der ersten Weltumsegler. Der heimatliche Hafen des Auftraggebers scheint bei diesem Modell zur Namengebung Hanseatic beigetragen zu haben. Als zusätzliche Beleuchtungseffekte und zur Abgrenzung der Eingangsebene wurden Laternen aufgestellt. Die Konturen der Rückwand, der Böcke und des Gondelschiffs waren mit Lichtleisten akzentuiert.
Unter der Leitung des Schaustellers Karl Weihs wurde die Hanseatic noch einmal von Harry Knorrn umgestaltet und man wechselte zu dem Namen Pirat. Knorrn malte wieder eine maritime Szenerie, in der aus den Fluten des stürmenden Meers ein personifiziertes Seeungeheuer aufstieg.

 

Provenienz und Verbleib

Die hier vorgestellten Schaukeln gehörten zu den ersten transportablen Modellen dieser Baureihe. Die Bounty wurde an den „Löwen­-Safari-­Park ­Tüddern“ verkauft, von dort gelangte sie nach Kent in den „Rotunda Amusement Park“ des Holländers Bemboom und schließlich nach London in dessen Park „New Dreamland“.
Zunächst erwarben die Gebrüder Bemboom auch die Hanseatic von Robrahn für einen weiteren Park in London. Von dort ging sie noch einmal zurück auf die Reise zu Karl Weihs. Dieser veräußerte die Schaukel später an den damaligen „ Shetland Ponypark Slagharen“ in Holland heute „Attractiepark Slagharen“, der ebenfalls den Bembooms gehört. (Blunck Ranger 1997)

Ein drittes Beispiel ist die Alte Liebe der Firma Gustav Schneider aus Soest.
Sie wurde 1978 geliefert. Nach dem Tod von Gustav Schneider sen. im Jahre 1980 übernahmen die beiden Söhne Gustav und Thomas das Geschäft. Die Alte Liebe war in den 1980/90er Jahre der Inbegriff eines beliebten Familien-Schiffs, weit über die Grenzen der Soester Allerheiligen Messe hinaus bekannt.
Der Name Alte Liebe war in großen Buchstaben am Schaukelbock vor der Nabe positioniert.  Die große Fahrgastgondel glich einer riesigen hölzernen Galione. Auf der rückwandigen Fassade kämpfte der Dreimaster in tosenden Wassermassen.
1990 erhielt das Atelier Wolfgang Bühren aus Mönchengladbach den Auftrag einer neuen Bemalung der Rückwand. Der Künstler ließ sich vom Seemannsgarn des Schauspielers Hans Albers inspirieren. Auf der geschlossenen Komposition wurde ein im Zentrum dargestelltes altes Segelschiff von einem Dampfer zur Linken begleitet. Im rechten Hintergrund war die Skyline von Hamburg skizziert. Davor war das Porträt von Hans Albers abgebildet.
Die große Schiffsgondel wurde mit einem eleganten weißen Farbauftrag versehen, der nur von einem schmalen azurblauen Streifen mit kleinen, aufgelegten goldenen Rosetten unterbrochen war. Die Kabine am Heck war nach vorne geöffnet. Hinter einem imaginären Fenster schaute ein roter Kater hervor. Die Konturen waren mit Lichtleisten akzentuiert. Im Schiff erhob sich ein Mast mit beleuchtetem Aussichtskorb, an dem zwei weibliche Plastiken befestigt waren.
Die Alte Liebe von Schneider fand 1999 ihren letzten Hafen im „Allgäu Skyline Park“ von Joachim Löwenthal.

 

Die Firmen Bausch & Menzel aus München erwarben ebenfalls jeweils eine Schaukel mit dem Namen Pirat aus dem Hause Huss.
Damit beide Schaukeln am Münchner Oktoberfest teilnehmen konnten, wurden sie dort als Doppelschiff-Anlage hintereinander aufgebaut.

Doppelschiff-Anlage von Bausch & Menzel Foto © Archiv Uwe Holzmann

1984 gab die Firma Bausch & Menzel ein riesiges Schiff mit einer weitaus höheren Anzahl an Fahrgastsitzen bei Huss in Auftrag. 120 Personen fanden in der Fahrgastgondel Platz. Sie nannten ihr Gemeinschaftsobjekt Traumschiff.
Die Rückwand der opulenten und gewaltigen Schaukel-Anlage wurde von dem Atelier Stritzel bemalt. Die Bildträger zeigten eine Reihung von Traumzielen dieser Erde. Dazu gehörten die Chinesische Mauer, die Ägyptischen Pyramiden, die Traumstrände von Hawaii, die Skyline von New York, die Golden Gate Bridge von San Francisco sowie die Akropolis von Athen.
Erst 1994/95 trennten sich die Eigentümer von dem Traumschiff und verkauften an den Gorki ­Park in Moskau. Dort wurde die Schaukel inzwischen abgebaut. Der weitere Verbleib ist nicht bekannt.

Sollten in der folgenden Galerie Abbildungen eingestellt sein, die nicht aus dem Archiv © Uwe Holzmann sind, bitte ich um Nachricht über die Kommentarfunktion.  Nach Möglichkeit mit der korrekten Quellenangabe. Entweder werden die Bilder raus genommen oder die Quelle korrigiert. Danke!

 

Santa Maria von Schwarzkopf

Schwarzkopf konstruierte 1977/78, zeitgleich zu der Herstellerfirma Huss ebenfalls eine Riesen-Schaukel. Anton Schwarzkopf verzichtete auf den Schaukelbock, entwickelte stattdessen eine Schienen-KonstruktionAuf einer Unterbaukonstruktion war eine halbkreisförmige Zwillingsschiene montiert. Darauf wurde die riesige Fahrgastgondel gesetzt, die nach rechts und links — auf und ab — bewegt wurde. Das Geschäft hatte ein Gesamtgewicht von 85t und eine Schienenlänge von 48 Meter, sodass die Fahrgastgondel ein Schwinghöhe von ca 20 Meter erreichte.
Der Prototyp, d
ie Santa Maria 1 von Schwarzkopf wurde im August 1978 an den Schausteller Julius Ahrend geliefert.
Auch bei den Anlagen von Schwarzkopf wurden in der Dekoration Abenteuer der ersten Weltumsegler thematisiert. Auf der Rückwand segelten riesige Dreimaster  am Horizont oder hatten vor einem Landstreifen Anker geworfen. Die Sockelzone der Anlage war mit einer Steinornamentik verkleidet. Die roten Kreuze auf den Segeln symbolisierten die Entdeckungsreisen des Seefahrers Christoph Kolumbus. Kolumbus hatte seine erste Seereise in einem Kloster des Tempelordens im andalusischen La Rhábida vorbereitet und zu Ehren des Ordens dessen Kreuze an seinen Segeln angebracht.
Manfred Gugel übernahm 1982 die Schaukel und tauschte die recht aufwendige und schwere Rückwand gegen eine leichtere Variante aus. Dadurch konnte ein Transport eingespart werden.

Bereits einen Monat vor der Auslieferung des Prototypes der neuen Anlage, hatte auch Joachim Löwenthal aus Bremen im Jahre 1978 seine Santa Maria in Betrieb genommen. Bereits im folgenden Jahr, 1979 gab Löwenthal gemeinsam mit Heiner Roie aus Frankfurt eine weitere Schaukel bei Schwarzkopf in Auftrag, die Santa Maria 2

Provenienz und Verbleib

Julius Ahrend trennte sich bereits nach zwei Jahren und verkaufte seine Santa Maria 1 an Manfred Gugel aus Fürth. Die Anlage wechselte zu Beginn der Saison 1986 in den Trans World Festival Garden Park in Liverpool/England. Die Familie hatte sich für einen Ranger entschieden. Noch im gleichen Jahr ging der Park in Konkurs und alle Geschäfte wurden an die ehemaligen Eigner zurückgegeben. Gugel gab seinen Ranger an die Firma Schmidt aus Stuttgart ab. Die Santa Maria 1 hatte in kurzer Zeit in England sehr gelitten, sodass eine Generalüberholung anstand. 1998 feierte die Santa Maria 1 ihr 20-jähriges Jubiläum. Zur Jahrtausendwende gab Gugel seine Schaukel an die Firma Kronauer aus Heidelberg. Nach zwei Saison 2002 wechselte die Santa Maria 1 in den Fantasy Kingdom Park in Bangladesh.

Joachim Löwenthal betrieb seine Schaukel nur zwei Jahre. Neuer Besitzer wurde Wilfried Grupe aus Darmstadt. Später fand die Santa Maria einen festen Platz im Park Bobbejaanland in Belgien.

Die gemeinsame Santa Maria 2 von Roie/Löwenthal wurde bis 1985 betrieben. 1986 wanderte sie in den Park Circus World Orlando, später Boardwalk Park & Baseballworld. 1990 kam sie nach Europa zurück. Marino Salvatore,  ein Schausteller aus Frankreich reiste einige Jahre damit. Die letzte Station der Santa Maria 2 wurde der französische Pirate Park.

 

Auch die Firma Josef Zierer baute ab 1977 die neue Schaukel-Anlage unter dem Namen Wikinger und Fliegender Holländer.
In Deutschland bekamen die Firmen Stey aus München; die Firma Ludewig aus Bremen; die Firma Wendler/Kleuser aus Dortmund; die Firma Winter/ Rosai ein Wikinger Schiff.
Der Beitrag Wikinger-Schaukeln von der Firma Josef Zierer wird in Kürze ergänzt werden.

 

Sollten Abbildungen unbewusst falschen Quellen zugeordnet sein, bitte um Nachricht über die Kommentarfunktion.

© Margit Ramus (2018)

Dering. Volksbelustigungen. 1986.  S.48f
Blunck, André: Piraten: In KR. 5/1997. S. 22ff
Schottenloher, Michael: Auf Kolumbus Spuren: In KR. 9/1998. S. 38ff
Ramus 2013. Kat. Nr. 68
Gespräche der Verfasserin mit Harry Knorrn in Bestwig im Juni 2005.
Gespräche der Verfasserin mit Gustav Schneider Juni 2010 und Februar 2018.

5 Beiträge zu “Schaukel

  1. Margit Ramus Artikelautor

    André Blunck gab die Information, dass die Bounty von Peter Petz gemalt worden sei und das Traumschiff von den Gebrüder Stritzel. Ich habe die Angaben geändert. Margit Ramus

    Antworten
  2. Carsten

    Eine schön zusammengestellte Übersicht, danke dafür!

    Eine Korrekturanmerkung: es heißt nicht „Pony Park Shiagharen“, sondern Slagharen. Ganz genau hieß der Park damals „Shetland Ponypark Slagharen“ (heute: Attractiepark Slagharen).

    Antworten

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