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Euskirchen Simon-Juda-Kirmes

1970.10. Euskirchen Herbst-Kirmes

Jedes Jahr im Oktober findet in Euskirchen die Simon-Juda-Kirmes statt. Damit auch diese Berichte aus dem Kölner Stadt Anzeiger nicht verloren gehen, sind sie hier eingestellt.

Erstmals auf der Kirmes ist die Super-Achterbahn

„Bayerkurve“ und Diskothek — Vorbereitungen auf Hochtouren

„Euskirchen rüstet zur Simon-Juda-Kirmes, die von Samstag, 24. Oktober, bis einschließlich Dienstag, 27. Oktober [1970] gefeiert wird. Erstmalig hat die Stadt nach einem Entwurf von Hans Gerd Ophoves, der in der Kämmerei der Stadtverwaltung beschäftigt ist, 250 große Plakate drucken lassen, die für Euskirchen und die Herbstkirmes werben sollen. Wie uns ein Sprecher im Rathaus versicherte, wird es in diesem Jahr einige interessante Neuheiten auf der Simon-Juda-Kirmes zu sehen geben. 
Schönheitstänzerinnen, harte Typen, die zum Boxen auffordern, und zweifelhafte Variete-Darbietungen werden auf der Euskirchener Kirmes nicht zu sehen sein. Dazu hieß es am Donnerstagnachmittag im Rathaus:

‚Wir wollen die Euskirchener Kirmes von Nepp jeder Art freihalten. Wer zu unserer Kirmes kommt, der soll sich amüsieren für sein Geld. Wir halten nichts davon, wenn Jugendlichen und Erwachsenen das Geld von Leuten aus den Taschen gezogen wird, die so gut wie nichts dafür bieten.‘

Sehr beliebt 
Euskirchen ist für die Schausteller ein „gutes Pflaster“ und darum sehr beliebt. Nur ein Drittel der Bewerber konnte berücksichtigt werden. Das sind insgesamt etwa 200 Schausteller, die ihre Karussells, Buden und Verkaufsstände auf dem Alter Markt, dem Annaturm-Platz und dem Charleviller Platz aufbauen werden. Zu beiden Seiten der Verbindungsstraßen werden Buden, Imbisshallen und Verkaufsstände stehen.

Neuigkeiten 
Zum ersten Mal wird eine Super-Achterbahn, „Jet-Star“ genannt, nach Euskirchen kommen und auf dem Charleviller Platz ihren Standort haben. Mit rund 700 Metern Fahrtstrecke wird sie in diesem Jahr das größte Geschäft auf der Euskirchener Herbstkirmes darstellen.
Neu sind auch die „Bayern-Kurve“, ein Rundfahrgeschäft; der „Polyp“, ein Karussell ganz moderner Art, sowie eine fahrende „Diskothek“, für die sich vor allem die jüngeren Kirmesbesucher interessieren dürften. 
Wie immer werden Auto-Scooter, Karussells für die ganz Kleinen, Raupenbahnen, Glückshallen, Verlosungsgeschäfte, Würstchen- und Frittenbuden nicht fehlen.
Auch „Hau den Lukas“ wird wieder vertreten sein. Wie es im Rathaus hieß, ist es heutzutage gar nicht so einfach, noch einen „Hau den Lukas“ aufzutreiben. Er soll ständig ausgebucht sein und zwischen München, Hamburg, Aachen und Berlin pendeln.

Noch keine Idee

‚Wir würden die Herbstkirmes sehr gerne mit einem besonderen Ereignis eröffnen. Aber bisher hatten wir noch keine rechte Idee dafür‘, 

sagt Verwaltungsangestellter Jordans im Rathaus. Er hofft, dass bis zum nächsten Jahr eine Idee gefunden ist. 
Einen prominenten Bürger, etwa den Oberkreisdirektor, den Stadtdirektor oder den Bürgermeister ein Fass Bier zum Kirmesauftakt anschlagen lassen, das will man nicht. Begründung:

‚Das wäre nachgemacht und zieht auch vielleicht nicht. Wir möchten uns da lieber etwas anderes einfallen lassen.‘

Ein Höhenfeuerwerk wird es an einem der Kirmesabende nicht geben. Begründung:

‚Das machen wir nur zur Maikirmes. Zweimal Feuerwerk im Jahr, das ist zu teuer. Was auf der Anna-Kirmes in Düren an einem der Kirmestage gemacht wird, lässt sich vielleicht auch in Euskirchen machen‘,

sagt Jordans. Gemeint von ihm ist der „Familiennachmittag‘ am letzten Kirmestag. Die Schausteller locken dann mit stark herabgesetzten Preisen noch einmal ganze Heerscharen von Besuchern an. So jedenfalls ist es in Düren. 
In diesem Jahr will man in Euskirchen mit den Schaustellern sprechen, ob sich ein solcher „Familiennachmittag“ am letzten Kirmestag auch in Euskirchen machen lässt. Jordans ist zuversichtlich. 
Zur Herbstkirmes wird wieder an die Kinder aus dem Euskirchener Kinderheim, aus Haus Lebenshilfe und der Rheinischen Landesschule für Gehörlose (Sonderschule) gedacht. In Begleitung von Bürgermeister Jacob Kleinertz und Stadtdirektor Dr. Blaß werden die Kinder (etwa 200) am Montagmorgen, von 10 Uhr bis etwa 12 Uhr, über den Kirmesplatz bummeln und nach Herzenslust Karussellfahren können. Die Schausteller gewähren ihnen Freifahrten.

Gebühren nicht erhöht 
Dass die Standmieten für die Schausteller generell erhöht worden seien, wird im Rathaus als „unrichtig“ zurückgewiesen. Dazu Jordans:

‚Es trifft nicht zu, dass die Stadt die Standgelder kräftig erhöht hat und Schausteller darüber verärgert sind. Lediglich für die Inhaber von Imbissständen, Schießhallen und Getränkeständen sind die Gebühren geringfügig angehoben worden. Alle übrigen Schausteller zahlen den Preis, den sie auch bereits in den Vorjahren bezahlt haben. Das jeweilige Standgeld wird nach der Frontlänge eines Geschäftes berechnet. Dabei wählen wir immer die längste Front. So ist es in unserem Gebührensatz festgelegt.‘

Kölner Stadt-Anzeiger —Nr. 242     17./18. Oktober 1970 Euskirchen


Millionengeschäft mit Kirmesgroschen aufgebaut.

„Im Wohnheim auf Rädern ist es schick und gemütlich.
J-S. steht in großen, bronzenen Lettern auf der Eingangstür. Wir klopfen. Josef Schoeneseifen bittet uns ins gemütlich holzverkleidetes Wohnzimmer. Wir gehen über dicke Teppiche, werden Frau Schoeneseifen vorgestellt. Rechts der Fernseher, links die bequeme Sitzgruppe. Wir setzen uns, Frau Schoeneseifen holt Kaffee und Kognak. Gleich fühlt man sich wohl in der auf gut bürgerliche Art schick ausstaffierten Wohnung.

Nichts Außergewöhnliches? Doch! Denn die Grundmauern des Schoeneseifen-Heims sind Räder. Wir sind im Wohnwagen bei Schaustellern zu Gast. Momentane Adresse: Euskirchen, Charleviller Platz. 
Schoeneseifens haben sich ihr Haus auf Rädern 100 000 DM kosten lassen. Ihr Haus wurde geplant und gebaut wie jedes andere. Denn Wohnwagen sind nicht von der Stange käuflich, sie werden zugeschnitten auf die speziellen Ansprüche und Vorstellungen des Bauherrn. 
Der Wagen ist im fahrbaren Zustand zwölf Meter lang, steht er, kann er vorn um drei Meter, hinten um einen Meter ausgezogen werden wie eine Harmonika. Dazu kommen drei Erker an den Längsseiten. 
Platz genug für die zweiköpfige Familie: 16 Quadratmeter Schlafzimmer, knapp fünf Quadratmeter Badezimmer und eine kleine Schlafkoje für die Kinder, wenn sie in den Ferien aus dem Internat zu den Eltern kommen.
Der Wohnraum ist zwar klein, aber er reicht, denn er wird optimal genutzt. Den Schoeneseifens, zu deren rollenden Anwesen natürlich auch der Mannschaftswagen mit Schlafraum, Aufenthaltsraum, Fernsehecke, Essraum, Dusche und Toilette gehört, fehlt es an nichts.

Das passt zu ihrem sozialen Status. Denn Josef Schoeneseifen ist immerhin Chef eines florierenden Zehn-Mann-Unternehmens (oft beschäftigt er auch kurzfristig mehr Arbeitnehmer; Frau Schoeneseifen musste am Dienstag für 17 Mann kochen). 
So nennt er als Berufsangabe nicht Schausteller, sondern Geschäftsmann.
Sein Geschäft — unter anderem eine funkelnagelneue Achterbahn hat Jahresumsätze, angesichts derer man getrost von einem Großkaufmann sprechen er muss Investitionen wagen, die sich gewaschen haben. Die Achterbahn kostete immerhin 1,2 Millionen DM.

Das Geschäftsrisiko ist angesichts dieser Investitionszahlen und der völligen Abhängigkeit des Geschäftserfolgs von Wind und Wetter nicht gerade gering anzusetzen. Josef Schoeneseifen:

‚Man kann in dieser Sparte schneller reich als sonst, aber auch schneller arm werden“. Und Frau Schoeneseifen fügt lächelnd hinzu: „Allerdings schneller arm als reich‘.

Den Schoeneseifens gefällt es dennoch, oder gerade deswegen — sie haben’s im Blut. Er und auch sie stammen aus alten traditionsreichen Schaustellerfamilien.

‚Man kommt nicht mehr ‚raus“, sagt sie, „auch vielen Kindern geht es schon so‘.

Neulinge gibt es in dieser Branche kaum. Josef Schoeneseifen:

‚Nach dem Krieg haben sich viele im Kirmesgeschäft versucht. Die meisten sind bald wieder abgesprungen. Man muss ‚reingeboren sein, um Erfolg haben zu können‘.

Und man muss trotz aller Tradition das Ohr am Pulsschlag der Zeit haben, man muss den Markt erforschen, die dauernd wechselnde Nachfrage erkunden. Josef Schoeneseifen: „Man muss am Ball bleiben, Investitionen wagen, um nicht zum alten Eisen zu gehören“.

Wie bei jeder Regel gibt es auch bei dieser Ausnahme.

Eine dieser Ausnahmen ist Hermann Schmitz, 75 Jahre alt. Seit Jahrzehnten kutschiert er mit seinem Pferdespringkarussell durch die Lande. Seine Apparatur ist so alt, dass sie beinahe schon wieder modern ist. Er füllt eine Marktlücke. Matthias Jordans vom städtischen Ordnungsamt bestätigt das: „Die tollsten Sachen an Kirmesvergnügungen werden uns angeboten. Immer schwieriger aber wird es, die alten, typischen Kirmesgeschäfte wie den »Hau den Lukas« zu bekommen“.

Alte, traditionsreiche wie moderne, dynamische Kirmesunternehmer sind aber in einer Sorge vereint: Wo bekommen wir das notwendige Personal her. Josef Schoeneseifen sagt:
Das ist wirklich heute das große Problem‘.

Oft müssen sich die Geschäftsleute auf Reisen mit weniger verantwortungsbewusstem Personal behelfen. Das geht häufig schief. So wurde kürzlich ein Kirmesunternehmer am Tag vor einer Kirmes von der kompletten Mannschaft ohne Angabe von Gründen im Stich gelassen.“

 

Bildunterschrift:
An nichts fehlt es im Wohnwagen. Selbstverständlich Zentralheizung, Kalt- und Warmwasser. Die Einrichtung lässt nichts zu wünschen übrig.

 

 

 

 

23.10.1970 Euskirchen  © Franz Peter Ewert

Abschrift Margit Ramus

Kölner Stadt-Anzeiger —Nr. 242  17./18. Oktober 1970 Euskirchen

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