Historische Schaustellergeschäfte A - Z

Raupe Achtendung

Raupe Karl (Kalli) Mark aus Düren © Archiv Marion Hölzgen
Name(n) des Geschäftes Raupe
Typologische Bauaufgabe Fahrgeschäft
Bauform Rundfahrgeschäft
Baujahr 1931 ff
Hersteller Achtendung
Maler unbekannt
Dekorationsthema Rock & Pop
Bauherr / Inhaber Willems; Mark; Cronenberg; Fellerhoff, Mark, Schüle u.a.

Firma Achtendung Köln

In welchem Jahr die Firma Franz Achtendung aus Köln die ersten Raupen baute ist bisher noch nicht fundiert erschlossen.
Möglicherweise ergab sich für Achtendung im Westen Deutschlands durch die Schließung der Firma Fritz Bothmann Gotha Anfang der 1930er Jahre ein neuer Aufgabenbereich im Karussellbau. Bothmann hatte 1925 die erste Raupe ohne Bedachung und ab 1926 mit Ringdach gebaut. Am 18. November 1930 wurde das Unternehmen durch eine Zwangsversteigerung geschlossen.

Baugeschichte

Es ist überliefert, dass  die Raupe von Hubert Willems aus Bonn von der Firma Franz Achtendung gebaut bzw. umgebaut wurde. Johann und Hanni Willems hatten von den Eltern ein Bodenkarussell  übernommen. In der Wintersaison 1931/32 ließen die jungen Leute bei  Achtendung das Bodenkarussell zu einer Raupe umbauen.
Der Unterbau des feststehenden Rundbaus mit Sohle, Böcke Fußboden, die umlaufenden Stützen und der Mittelbau mit Antrieb wurden neu gebaut. Der Dachstuhl des Zeltdaches und die Frontteile wurden von dem Bodenkarussell verwendet. Dadurch wurde die Dachkonstruktion nicht von einem umlaufenden Stützenkranz mit geradem Gebälk getragen, sondern wie bei einem Bodenkarussell von der Mittelkonstruktion. Diese Raupe hatte daher kein Ringdach und keine Laube im Zentrum, sondern einen Trichter.
In der Sockelzone war ebenfalls ein über Täler und Höhen geführter hölzerner Umgang von Panneaux umschlossen. Darüber war ein Geländer angebracht. Kutschen ähnliche Fahrgastsitze luden zu einer über Berg und Tal führenden Kreisfahrt ein. Ein breiter Aufgang führte in die Einstiegsebene.

Unter der neuen Leitung von Hubert Willems wurde Anfang der 1950er Jahre die neubarocke Dekoration abgenommen. Neue Bildtafeln mit geradem Abschluss nach oben wurden mit geometrischen, abstrakten Formen gemalt.
Im Jahre 1977 wurde im Mitteilungsblatt der Gemeinde Beuel angezeigt, dass die Raupe von Willems seit 45 Jahren auf dem Pützchens Markt anzutreffen ist. Dadurch ist das Jahr des Umbaus belegt.
Nach dem Tod der Eheleute Willems wurde die Raupe an die Familie Markmann & Söhne verkauft. Sie betrieben sie bis 1990 und verkauften dann nach Djerba.

Michael Petersen schrieb in einem Beitrag in der Kirmes Revue 3/4 2000, dass die Firma Achtendung nur zwei Raupen gebaut habe, eine sei während des Krieges in Osteuropa geblieben,  die zweite sei die von der Firma Cronenberg gewesen.
In einer Sonderausgabe Spurensuche 2014 heißt es, dass Oskar Cronenberg nach dem Zweiten Weltkrieg aus liegengebliebenen Panzerteilen und Fahrradrohrstangen eine Raupenbahn als Eigenbau zusammengebaut habe. Dies ist  nicht nachvollziehbar, und kann als unwahrscheinlich unter Betrachtung der überlieferten Abbildungen widerlegt werden.
Nachdem Gerda Cronenberg 1949 den Schausteller Heinz Fellerhoff geheiratet hatte, betrieb das Paar gemeinsam die Raupe. Belegt durch ein Schreiben der Wirtschaftsgruppe Ambulantes Gewerbe in der Reichsgruppe Handel an die Stadt Köln vom 13.02.1936 hatte die Firma Cronenberg aus Düsseldorf 1936 bereits eine weitere Raupe zusammen mit der Firma Heinrich Heindrichs aus Köln angeschafft. Bothmann war geschlossen, also wird diese Raupe auch von Achtendung gebaut worden sein. 

 

Raupe der Firma Cronenberg des Herstellers Achtendung Köln. © Mark Schumburg

 

 

 

Sicher ist, dass sich in Köln 1933 für die Karnevals-Veranstaltung 1934 gleich sechs Firmen mit einer Raupe beworben haben. Dies beweisen die überlieferten Anfragen an die Stadt Köln. Es waren die Firmen: Adolf Delcour, Julius Meyer (damals noch Kölner, später Umzug nach Neuwied), Johann Rosenzweig, Josef Schiffer, Heinrich Heindrichs mit 2 Raupen, eine gemeinsam mit dem dem Düsseldorfer Schausteller Cronenberg.

Die Firma Wilhelm von der Gathen aus Köln betrieb ebenfalls eine Raupe des Herstellers Achtendung. Die Zeitzeugin Henriette Schüle berichtete, dass diese Raupe nach dem Zweiten Weltkrieg von ihren Schwiegereltern Familie Josef Schüle erworben worden sei. In den 1970er Jahre wurde sie an die Firma Friedel Koch verkauft.

Auch die Familie Fritz und Katharina Mark aus Düren ließ ihre Schmetterlingsbahn bei der Firma Achtendung in Köln zu einer Raupe umstrukturieren. Es bedurfte nur der Nachrüstung einer Korbmarkise — Balg.
Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffneten die Eheleute Mark ein Lokal und übergaben ihrem Sohn Karl nach dessen Eheschließung mit Margarete Mark 1951 die Raupe. Nach dem frühen Tod  von Karl (Kalli) Mark im Jahre 1974 fuhr Margarete Mark, die von allen nur Mucki genannt wurde, bis 1985 mit der Raupe, die zu einem Kultstatus in Düren und Umgebung geworden war. Dann verkaufte sie die Raupe an die Firma Peter Roos aus Saarbrücken.

Eine ausführliche Recherche wird angestrebt. Denn Achtendung hat eine Vielzahl von Raupen gebaut.
1934 für den Schausteller Giulbert Marquis aus Dortmund von 18 Meter Ø.
1945 für die Firma Robert Nickel eine Kinder-Raupenbahn von 11 Meter Ø. 2006 erwarb Pascal Raviol das kleine Karussell und restaurierte es.
1952 Umbau einer Schmetterlingsbahn für die Firma Michels aus Mönchengladbach. Seit 1976 betreibt die  Groczki aus Düren die Raupe

Provenienz

Der Verbleib der einzelnen Raupen ist nur bedingt überliefert. Sicher ist, dass nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen Deutschlands bis in die frühen 1960er Jahre, neben der Rakete (St. Moritzbahn) die Raupe zum Kultkarussell geworden war. Dann wurde sie von den Holzpfosten-Musikexpress (Jaguar) abgelöst. Noch heute erinnern sich Zeitzeugen an eine Fahrt auf der Raupe und mit einem Lächeln an ihren ersten Kuss beim Schließen der Korbmarkise.

© Margit Ramus

Ramus 2013. Kat. Nr. 22.

4 Beiträge zu “Raupe Achtendung

  1. Thomas Hoffmann

    Auch die Firma Thommessen aus Krefeld/Nettetal betrieb über viele Jahre eine Raupenbahn, die von Achterdung gebaut worden sein soll. Nach der Saison 2002 wurde die Bahn an Schäfer/Wigger verkauft, welche die Raupe bis 2008 betrieben. In dieser Zeit wurden die einzelnen Chaisenteile miteinander verschweißt und seither gekrant. Auch die einst so opulente Kasse wurde abgeflext und somit um 2 Drittel gekürzt. Seit 2009 befindet sich die Bahn im Besitz der Fam. Steiger/Buchholz und wird neben der bekannten Bothmann-Raupenbahn auf wenigen Veranstaltungen präsentiert.

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  2. Schaffrath Fridolin

    Hallo mein Name ist Schaffrath
    wir sind auch noch im Besitz einer Kinderraupenbahn der Firma Achtendung seit 13 Jahren. Unsere Raupe ist von 1946 und wurde gebaut in Köln. Unsere Raupenbahn hat einen Durchmesser von 8 Meter 90 und hat 18 Chaisen. Sie immer in deutschen Besitz gewesen es gab 3 Kinderraupenbahnen dieser Art. Ich besitze die 1 die gebaut wurde, die anderen 2 Bahnen davon reist noch eine in Luxemburg und die Andere wurde vernichtet.

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  3. möhre

    Sehr gut recherchiert! Die Raupenbahn der Fa. Cronenberg fuhr später sehr erfolgreich als Fellerhoff-Raupe im Bereich Düsseldorf und Gelsenkirchen. Diese Raupe ist durch die
    an den Außenpfosten montierten „Schlangen“ als Lichterkettenträger unverwechselbar.
    Diese Raupe war baugleich mit der von Steiger Buchholz, jedoch ohne Dachkante. Sehr gerne würde ich etwas über den Verbleib der Raupe erfahren.

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