Schaustellergeschäfte A - Z

Achterbahn 1921 Szenerie-Bergbahn

Name(n) des Geschäftes Szenerie-Bergbahn
Typologische Bauaufgabe Hochgeschäft
Bauform Skelettbau
Baujahr 1921
Hersteller
Konstruktion
Heinrich Mack
Friedrich-Wilhelm Siebold
Bauherr / Inhaber Friedrich Wilhelm Siebold 
Baugeschichte

Aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt stand Friedrich Wilhelm Siebold bereits ab 1919 mit seiner Figur-8 Bahn auf dem Bremer Freimarkt und auch auf dem Oldenburger Kramermarkt. (Müller 1982 S. 168)

In seiner Bremer Karussellbaufirma, baute Siebold neue Schaubuden mit gewaltigen Fassaden, außerdem das gesamte Wagenmaterial wie Pack-, Wohnwagen, Kassenhäuser und die Spezialwohnwagen für die Kleinwüchsigen und seine übergroßen Menschen. Als Konstrukteur und Schausteller hatte Friedrich Wilhelm Siebold jedoch auch noch andere Pläne. Er wollte eine ganz besondere Achterbahn bauen, ohne zu wissen, dass er bereits den Vorläufer einen Indoor-Schienenbahn konstruieren würde. Mehr als fünf Jahrzehnte später baute die Firma Renoldi aus Bremen ihren Höllenblitz, auf dessen Fassade der Zauberberg von Thomas Mann thematisiert wurde. 

Aber nun im Jahre 1920 nahm Siebold Verbindung zu Heinrich Mack auf. Siebold hatte inzwischen die Pläne und Konstruktionszeichnungen für eine Szenerie-Bergbahn fertiggestellt. In Waldkirch und Umgebung gab es ein hohes Holzvorkommen und Mack hatte langjährige Erfahrung mit der Holzverarbeitung.

Gemeinsam mit der Firma Mack wurde auf deren Firmengelände in Waldkirch die erste transportable „Szenerie-Bergbahn“ gebaut und 1921 fertiggestellt. Belegt sind das Bildmaterial des Entwurfs von Siebold sowie eine Vielzahl an Fotos der Dekoration und der fertigen Achterbahn in Betrieb. 

Baubeschreibung

Offene Holzkonstruktion in Skelettbauweise mit einer in sich geschlossenen Schienenführung.
Der Schienenweg mündet nach einer geraden Auffahrtstrecke in eine Acht. Deren Schleifen werden auf der einen Seite dreimal und auf der anderen Seite zweimal in verschiedenen Höhen durchfahren. Die Streckenführung wurde namensgebend für die Achterbahn, die zur Bauaufgabe der Hochfahrgeschäfte gehört.
Von der ebenerdigen Einstiegsebene werden kleine schienengebundene Fahrgastgondeln von einem Kettenaufzug über ein schräges Auffahrtgleis zum höchsten Punkt des Skelettbaus gezogen.
Der Zugang zum Einstieg führt an einem Kassenhaus vorbei. Die Sockelzone der gesamten Konstruktion ist mit einem Lattenzaun umschlossen.

Szenerie-Bergbahn der Firma Siebold aus Bremen © Siebold & Pfennig

Dekoration

Die Dekoration der ersten Achterbahn, die bei Heinrich Mack gebaut wurde, wurde namengebend für die erste Szenerie-Bergbahn. Thematisiert wurde der „Klausenpass im Schweizer Kanton Uri“. 

Die kulissenartige Fassadenverkleidung luden den Volkfestbesucher in eine wunderschöne Schweizer Berglandschaft ein. Die Schienenführung leitete die kleinen Fahrgastgondeln über Wiesen und Höhe, inmitten grasender Kühe, führten mitten durch ein Bergdorf. Die Bildtafeln waren so realistisch dargestellt, dass der passive Betrachter glaubte tatsächlich eine Bergbahn-Szenerie beizuwohnen.

Galerie Dekoration
Die kulissenartige Fassadenverkleidung ist einzigartig für eine Achterbahn zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Alle Bilder wurden mit Genehmigung der Familie Siebold & Pfennig in das Archiv eingestellt, bitte achten Sie das © der Familie.

 

 

Provenienz

Friedrich Wilhelm Siebold starb 1944, deshalb versuchte seine Witwe Medy Siebold nach dem Zweiten Weltkrieg den Betrieb wieder ans Laufen zu bringen.
Das überlieferte Bildmaterial aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt, dass nach dem Tod von Friedrich Wilhelm Siebold im Jahre 1944, die Geschäftsführer einen Teil der Geschäfte in Eigenregie übernommen haben. 
Nach einem Umbau, Anfang der 1950er Jahre bei der Firma Mack verschwand die Dekoration der Berglandschaft und auch der Name des Firmengründers, Konstrukteurs und Erbauer, Friedrich Wilhelm Siebold war abgenommen und zu Gebirgsbahn umbenannt. 

Zunächst war anzunehmen, dass Heiner Froitzheim die Gebirgsbahn übernommen hat, aber aufgrund des Bildmaterials lässt sich belegen, dass diese Achterbahn ebenfalls wie die Super-8-Bahn von der Firma Herhaus übernommen worden war und von der Familie Froitzheim betrieben wurde. 

Die Bildunterschrift eines Fotos ist geschrieben, dass 1954  Hermann Froitzheim die Achterbahn an Erwin Purwin aus Berlin verkauft hat.
In diesem etwas unklaren Fall, kann man nur dem überlieferten Bildmaterial vertrauen.

Galerie Gebirgs-Achterbahn unter Herhaus

 

© Margit Ramus

Müller, Günter: Der schöne alte Oldenburger Kramermarkt. 1982 S. 168
Dering, Volksbelustigungen, 1986, S. 119f.
Thoma, Willi: Faszination Karussell- und Wagenbau Mack. Waldkirch 1988. S. 243
Gespräch mit Wilfried Siebold 110/2009 und 18.01.2010 im Markt- und Schaustellermuseum Essen.
Gespräch mit Hildegard Pfennig geb. Siebold 10/2009  und 18.01.2010 im Markt-  und Schaustellermuseum Essen.
Gespräch mit Hildegard Pfennig im März 2010 und 2017.
Alle Bilder sind aus der Privatsammlung der Familie Siebold und durften mit deren Genehmigung ins Archiv gestellt werden. 
Das Bildmaterial von Froitzheim wurde von Peter Roie mit der Genehmigung von der Familie Froitzheim zur Verfügung gestellt.

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