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Etagenkarussell Hartmann

Etagenkaurssells der Familie Hartmann. Foto 1955 © Hartmann
Name(n) des Geschäftes Etagenkarussell
Typologische Bauaufgabe Kindergeschäft
Bauform Rundbau
Baujahr 1983 f
Hersteller Bothmann
Maler Ludwig Specht, vermutlich 1. Malerei
Dekorationsstil Neubarock
Dekorationsthema Märchen und Liedgut
Bauherr / Inhaber Franz Walter Hartmann, Landau
Baugeschichte

Die erste Erwähnung eines Doppelkarussells, auch Etagenkarussell genannt, geht in die 1860er Jahre zurück.
Vermutlich führte der hohe Besucheransturm zur formalen Aufstockung der einfachen Bodenkarussells zum Etagenkarussell. Die ersten professionell gebauten doppelstöckigen Karussells sind Fritz Bothmann zuzuschreiben, der jedoch erst im Mai 1883 seinen Betrieb gegründet hat.

Baubeschreibung

Zweigeschossiger Rundbau mit Zeltdach. Die kleinen Bildtafeln der umlaufende Schmuckdachkante alternieren nach oben mit leicht und stark gerunderten Abschlüssen.
Die obere Plattform ist durch ein umlaufendes Ziergitter gesäumt. Eine Treppe führt in die obere Einstiegsebene.
Als Sitzmöglichkeit für den Fahrgast, die sogenannte Besatzung sind die Karussells mit klassischen Pferden und floralem Dekor reich verzierten Pferdekutschen, Trillergondeln und beweglichen venezianische Gondeln ausgestattet.
1926 erfolgte die Umrüstung von Pferden auf elektrischen Antrieb. 1927 wurde die Petroleumbeleuchtung auf elektrisches Licht umgestellt. 1971 fand ein Wechsel aller tragenden Bauteile von Holz auf Stahl statt. Sämtliche Besatzungsteile sind im Original erhalten.

Konstruktion

Das Fundament eines Ein- oder zweigeschossiger Rundbaus mit Zeltdach bildet eine kreuzförmig, waagerecht ausgelegte Konstruktion, auf die ein von vier Holzbalken abgestützter Mast aufgestellt wird.
In zweidrittel Höhe wird ein drehbarer Zahnkranz/Narbe am Mast montiert. In der Mastspitze werden 16 Zugstangen eingehängt und mit den in Zahnkranz horizontal eingeschobenen Holzbalken, den sogenannten Auslegern verbunden.
Die einzelnen Ausleger werden am äußeren Ende durch Kranzlatten zu einem Kreis von etwa 10-11 Metern Durchmesser verbunden. Zwischen den Auslegern werden horizontale Befestigungsbalken für Besatzungsteile und Transmissionsstangen für Auf- und Abbewegung der Schiffe und Gondeln geschraubt.
32 bzw. 48 Messing- oder Holzpfeiler werden je 16 innen und 16 außen vertikal in die Ausleger eingehängt. Sie tragen die gesamte Zeltdachkonstruktion, welche mit einem Tuch bespannt und mit einer Krone abschließt.
Bei zweigeschossigen Rundbauten werden weitere kürzere 16 Pfeiler/Rohre im innersten Kranz eingehängt. Beide Säulengänge werden durch Holzbalken miteinander verbunden und darauf konisch zugeschnittene Fußbodenbretter eingelegt.
Bei zwei Etagen, wird obere Plattform durch ein umlaufendes Ziergitter gesäumt und durch zwei um 180° versetzt angeordnete Treppen vom unteren Boden erreicht.
Am Außenkranz des unteren Fußbodens wird eine umlaufende Treppenstufe eingehängt.
Der hölzerne Dachstuhl über dem kreisrunden Säulengang wird mit einer Flachdecke und der Mittelbau mit einem trichterförmigen Umbau verkleidet.
Der Trichter ist unterteilt in einen feststehenden und einen mit der Karussellkonstruktion drehenden Teil. Der feststehende kelchförmigere Teil, Orgelstube genannt wird mit Panneaux umschlossen. Die Verbindung zwischen der Flachdecke und dem feststehenden Innenraum durch 16 kelchförmig gebogene Plafonds geschaffen. Die Bögen der inneren Arkatur teilweise im Palladiomotiv ausgerichtet. Weitere Lichtbögen werden jeweils vom Kapitell des hinteren Arkadenbogens zum vorderen eingepasst.
Über dem Gesims schließt ein, die vertikale Achse der Arkadenbögen aufnehmender Schmuckfries die Fassade ab. 
Der Antrieb erfolgte ursprünglich mittels Pferden, die im Innenbereich des Karussells ihre Runden drehten. Später nutzte man die Dampfmaschine. Heute werden diese Karussells elektrisch angetrieben.

Dekoration

Aufgrund der Konstruktion des Karussells bieten Schmuckfries, Flachdecke und Trichter Möglichkeiten zur Bemalung und Dekoration. Form und Bemalung unterscheiden sich bei allen Karussells dieser Bauweise.
Die älteste überlieferte Abbildung ist aus dem Jahre 1955.
Auf den Bildtafeln der Schmuckdachkante waren von Voluten eingefasste Kartuschen aufgelegt und mit Szenen aus Grimms Märchen – zum Beispiel „Sterntaler“ – ausgemalt. Sie wurden flankiert von kleinen Putten, die an den Übergängen zweier Bildtafeln miteinander korrespondieren. Der Maler ist nicht bekannt.
Darunter verdeckte ein schmaler schabrackenartiger Rundbehang den Blick in den Dachstuhl. Zwillingswappenförmige Querbehänge schmückten die Ausleger der Dachkonstruktion. Da zwischen hingen ovale Spiegel mit goldenen Zierrahmen und Lichteinfassungen.
Ein umlaufendes Ziergitter der oberen Plattform war mit aufgelegten Medaillons geschmückt. Dem geraden oberen Abschluss der inneren Arkatur war ein kleiner Spitzgiebel aufgesetzt, der eine Kartusche mit eingelegten Posaunenengeln bekrönte. Die Übergänge waren mit Blenden bedeckt, die die Achsen des umlaufenden Stützenkranzes aufnahmen.
Die obere Ebene war durch Treppen vom unteren Boden zu erreichen. Dort waren vier Schiffe und zwei Sitzbänke platziert.
In die untere Ebene waren 15 Pferde, ein Löwe, ein Schwein, ein Elefant, zwei Kutschen und zwei Prunkschlitten eingestellt.

Dekoration 1979

Ende der 1970er Jahre wurde der schmale schabrackenartige Rundbehang entfernt, dadurch wurde der Blick auf die Flachdecke frei.
Die Schmuckdachkante wurde erneuert und mit Landschaftsbildern bemalt. Erhalten blieben die neubarocken Schmuckelemente der inneren Arkade. Die Besatzung kann aufgrund der großen begehbaren Tiere wie Löwen und Elefanten Friedrich Heyn zugeordnet werden. Auch die kleine Kutsche stammt aus der Werkstatt Heyns. Die Wangen sind mit geschnitzten Voluten, floralem Beiwerk und mit einer aufgesetzten kleinen Putte geschmückt.

Dekoration 1990er Jahre

Die Schmuckdachkante wurde erneuert und die ursprüngliche Form wieder hergestellt. Aufgelegte Kartuschen wurden mit Voluten und Krabben gesäumt. Sie zeigen frei gestaltete Motive der Region. Die Übergänge wurden mit Lichtblenden verdeckt.
Die Decke wurde mit Plafonds verschlossen und bemalt. Die kleinen zwillingswappenförmige Querbehänge mit floralem Ziermuster blieben erhalten und schmückten die Ausleger der Dachkonstruktion. Ebenfalls die kleine Schürze aus ovalen Spiegeln mit Leuchtstoffrahmung, die den oberen feststehenden Mittelbau zieren.
Einen besonderen Stellenwert in der Dekoration von Boden-­ und Etagenkarussells nehmen die kunstvoll geschnitzten Pferde, Gondeln und Kutschen ein. Unter den Pferden unterschied man grundsätzlich drei verschiedene Ausführungen: Einfach verzierte mit Glasaugen, Schweif, Steigbügeln und Zügeln, Ritterpferde mit Rosetten und aufwendig verziertem Zaumzeug und Galaspringpferde mit eingelegten Spiegeln.
Später folgten Trillergondeln und weitere Tiere wie Elefant, Giraffe, Känguru u.a.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde die Fassade des Karussells mehrfach verändert. Dennoch wurde bei der Dekoration und der Besatzung an neubarocken Stilelementen festgehalten.

Provenienz und Verbleib

Das Etagenkarussell ist in der vierten Generation im Besitz der Familie Hartmann.

© Margit Ramus

© Ramus 2013. Kat. 02.
Gespräch der Verfasserin mit der Familie Hartmann 2002.

2 Beiträge zu “Etagenkarussell Hartmann

  1. Georg

    Hallo,
    ich erinnere mich noch gut an das Karussell Anfang 50er, von der „Kärwe“ (Laurentiusmarkt)in Edenkoben. Hartmann firmierte da noch in Rhodt (unter Rietburg).
    Damals war die Konzertorgel (A. Ruth) noch im Innenraum des Karussells platziert, spielte während der ganzen Betriebszeit des Karussells und war damals akustisch durchaus bestimmend. Lautsprechergedröhne war noch nicht so üblich.
    „Probleme“ gab es mit dem Schwein (zwischen den Pferden), da wollte natürlich keiner drauf.
    Setzten verständnislose Eltern ihren Sprösslinge trotzdem drauf, gab es lange Gesichter und manchmal Tränen.
    In der Rückschau frage ich mich, ob es auf der extrem steilen Treppe Stürze gab?
    Georg

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