
| Name(n) des Geschäftes | Bodenkarussell |
| Typologische Bauaufgabe | Karussell |
| Bauform | Rundbau |
| Baujahr | 1895 |
| Hersteller | Friedrich Heyn |
| Maler | Werner Sommer |
| Dekorationsstil | Romantische Salonmalerei |
| Dekorationsthema | Maritime Landschaften |
| Bauherr / Inhaber | Ricke > Rosenzweig > Lehmann |
Baugeschichte
Die Firma Ricke aus Bremen ließ das Karussell 1895 bei der Firma Heyn bauen. Über den Verbleib bis zum Jahre 1977 ist so gut wie nichts bekannt. Nachweisbar hat die Firma Ricke viele Jahre lang den Weihnachtsmarkt in Essen beschickt.
Ab 1950 wurde für „Fliegende Bauten“ die Statik Pflicht eingeführt. Die Berechnungen des Statikers Botho Stielow machten die Umrüstung vom Holzmast in einen Stahlmast erforderlich.
1970 zerstörte ein Brand den aus Holz geschnitzten Schmuckfries. Ein neuer Fries, in Fachkreisen Dachkante genannt, wurde bei der Firma Heinrich Mack aus Polyester neu gefertigt und von dem Schaustellerdekorationsmaler Sommer bemalt. Die oberen hölzernen Trichtertafeln verbrannten ebenfalls und wurden durch holzgerahmte Bleche ersetzt.
1977 erwarb Theo Rosenzweig aus Köln das Karussell. Außer dem Weihnachtsmarkt in Essen ist keine feste Reiseroute überliefert. Bekannt ist die Teilnahme an einigen Stadtfesten und Sonderveranstaltungen. Theo Rosenzweig baute das Karussell unter anderem im Garten des Bundeskanzleramtes in Bonn.
1989 übernahm der Schwiegersohn Fredi Lehmann aus Bergheim das Geschäft. Er beschickte ebenfalls Stadtfeste oder Jubiläen, so zum Beispiel ein Fest zum 100jährigen Bestehen des Kaufhofs in Essen oder einen Empfang in der Nordrheinwestfälischen Landesvertretung Bonn. Dann wurde das Karussell in Bergheim eingelagert und wird nur für den Essener Weihnachtsmarkt in Betrieb genommen
Baubeschreibung
Eingeschossiger Rundbau mit Zeltdach, von umlaufender Schmuckdachkante und Arkaden abgeschlossen. Die Blendbögen der inneren Arkatur umschlingen den feststehenden Innenraum. Der Mittelbau ist mit einem trichterförmigen Umbau verkleidet. In der unteren Zone sind klassische Pferde, Trillergondeln, venezianische Gondeln und ein Elefant mit Sitzbank eingestellt.
Konstruktion
Die Konstruktion und der Aufbau sind hier bis ins Detail beschrieben. Die Beschreibung ist für alle Bodenkarussells relevant.
Auf einer kreuzförmigen in Waage gelegten Sohle wird ein Mast aufgestellt und von vier Holzbalken abgestützt. In zweidrittel Höhe ist ein drehbarer Zahnkranz fest am Mast montiert, über dem inzwischen Elektromotor und das Getriebe für den Antrieb befestigt sind.
An der Mastspitze werden 16 Zugstangen eingehängt und mit den in den Zahnkranz horizontal eingeschobenen Auslegern verbunden. Die einzelnen Ausleger werden am äußeren Ende durch Kranzlatten zu einem Kreis von zehn Meter Durchmesser verbunden. Zwischen die Ausleger werden horizontal Befestigungsbalken für die späteren Besatzungsteile und Transmissionsstangen für die Auf- und Abbewegung der Schiffe und Gondeln angeschraubt. Zwischen dem Sohlenkranz werden konisch zulaufende Bodenbretter eingelegt, die den feststehenden Fußboden bilden.
32 quadratische Holzpfeiler ohne Basen werden je 16 innen und 16 außen vertikal in die Ausleger eingehängt. Sie tragen die Balkenkonstruktion des Zeltdaches, welches mit einem Tuch bespannt und einer Krone abgeschlossen ist. Unten wird der innere Holzpfeiler mit dem äußeren durch einen Holzbalken verbunden. Auf diesen Holzbalken wird der konisch zugeschnittene Fußboden eingelegt, auf dem die Besatzungsteile festmontiert werden. Am Außenkranz des Fußbodens werden eine durchlaufende Treppenstufe und eine Stoßleiste eingehängt.
Besatzung
Als Sitzplätze für 58 Fahrgäste sind im Säulengang 12 geschnitzte Pferde, zwei Gondeln, zwei Schiffe und zwei kleine begehbare Rundgondeln montiert. Alle Besatzungsteile sind von der Firma Heyn aus Holz geschnitzt und im Originalzustand.
Dekoration
Die Kartuschen auf den konvex gewölbten Blechtafeln der Schmuckdachkante zeigen – eingefasst von floralem Dekor – romantische Landschaftsdarstellungen mit Frauengestalten im Vordergrund. Lichtblenden verdecken die Übergänge. Die Vorhangbögen der Arkaden sind im oberen Teil schabrackenartig gearbeitet. Die Archivolten sind bedeckt mit floraler Gestaltung und Glühbirnen. Auf die feststehende, kelchförmig verkleidete Orgelstube sind die vier Jahreszeiten gemalt. Auf den trapezförmig zu laufenden Bildtafeln der Decke sind antikisierende Blumen-Stillleben dar gestellt. Eine warme Beleuchtung wird von den Licht bögen verbreitet, die vom Kapitell des hinteren Arkadenkranzes zum vor deren eingepasst sind. Dies wird unterstützt von dem Farbauftrag in den warmen Farben Gelb, Gold und zartes Grün. Als Sitzplätze sind im Säulengang zwölf geschnitzte Pferde, zwei venezianische Gondeln, zwei Schiffe und zwei Rund gondeln montiert. Die Dekoration und die Besatzung weisen neubarocke Stilelemente auf.
Die Rundfassade wird von einer offenen Arkadenreihe mit einer differenziert gestalteten Bogenform gesäumt. Die Bogen der einzelnen Arkaden sind im oberen Teil schabrackenartig gearbeitet und die Archivolten mit einer floralen Gestaltung geziert. Über dem Gesims schließt ein breiter Schmuckfries die Fassade ab. Der Schmuckfries besteht aus 16 in Holz gerahmten und nach oben stark gewölbten Blechtafeln, die die vertikale Achse der Arkadenbögen aufnehmen. Die Übergänge werden mit Lichtblenden bedeckt.
Der Trichter ist unterteilt in einen feststehenden und einen sich mit der Karussellkonstruktion drehenden Teil. Der feststehende kelchförmige Innenraum wird Orgelstube genannt, und ist mit vier bemalten Wandtafeln verkleidet, auf denen die vier Jahreszeiten von Ornamenten flankiert abgebildet sind. Der hölzerne Dachstuhl ist mit einer Flachdecke über dem kreisrunden Säulengang verkleidet. Die Motive der Malerei im Schmuckfries wiederholen sich in der Deckenmalerei. Die Verbindung zwischen Flachdecke und dem feststehenden Innenraum wird durch 16 kelchförmig gebogene Plafonds geschaffen. Auf den 16 konisch zulaufenden Bildtafeln der Decke sind antikisierende Blumenstilleben auf Kartuschen zu sehen. Die Bögen der inneren Arkatur sind im Palladiomotiv. Ein weiterer Lichtbogen wird jeweils vom Kapitell des hinteren Lichtbogens zum vorderen Lichtgitter eingepasst.
Provenienz und Verbleib
Erstbesitzer war die Firma Ricke aus Bremen. 1977 erwarb Theo Rosenzweig aus Köln das Bodenkarussell. 1989 erfolgte die Übergabe an Fredi Lehmann, später an dessen Sohn Robert.
Inzwischen ist das Karussell in Bergheim eingelagert.
Es wurde nur zum alljährlichen Weihnachtsmarkt in Essen aufgebaut.
© Margit Ramus
| Quellen | Ramus 2013. Kat. Nr. 03.
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