
Im Jahre 1858 wurde in Pirmasens die erste Schausteller Berufsorganisation als Geselligkeitsverein unter dem Namen „Freundschaft“ gegründet.
In „ Komet“, der in Pirmasens zu Hause war, wurde in der Ausgabe Nr. 9 vom 20. Januar 1884 über die erste Berufsorganisation der Schausteller berichtet:
„ Die hiesigen Reisenden sind seit 25 Jahren in einem Verein, unter dem Namen „ Freundschaft“ vereinigt, welcher den Zweck hat, das gesellige Leben zu fördern. Den Glanzpunkt bildet jedes Jahr der Ball, zu welchem die Freunde der Reisenden eingeladen werden, und zählt dieser Ball zu den am bestbesuchten und amüsantesten in Pirmasens. Der Überschuss, den der Verein jedes Jahr auswirft, wird zum Theil der hiesigen Armenkasse überwiesen, zum Theil zum Vermögen des Vereins, das jetzt eine ziemliche Höhe erreicht hat, geschlagen. Voriges Jahr hat der Verein den Überschwemmten am Rhein mehr denn 100 Mk. Überwiesen. Dieses Jahr findet nun, da der Verein bereits 25 Jahre besteht, ein Jubiläumsball statt, zu dem ganz besondere Vorbereitungen getroffen werden. Wir verweisen auch auf den Inseratenteil unseres heutigen Blattes.“
In der nächsten Ausgabe Nr. 10 des Jahres 1884 gab es einen ausführlichen Bericht über die Berufsorganisation als „einheimische Schaustellerschaft“.
“ Wie schon erwähnt, findet man schon Anfangs dieses Jahrhunderts reisende, die klein angefangen, mit Wachsfiguren, die sich gewöhnlich an die biblische Geschichte anlehnten, mit Carousells und dergleichen in die Welt hinauszogen, bald Nachahmung fanden und sich nach und nach zu einer gewissen Bedeutung auch theils zu ansehnlichem Wohlstande erhoben, so dass die jetzt sehr zahlreichen Reisenden mit den besten Bürgern in verwandtschaftlichen Beziehungen stehen und sich einer allgemeinen Achtung erfreuen. Die Geschäftswagen der Reisenden werden in der Regel auf dem sehr großen, in der Mitte der Stadt gelegenen, sog. Exerzierplatz für die Dauer des Winters aufgestellt und bilden hier eine große Wagenburg.“
Es folgte in der gleichen Ausgabe ein Beitrag über den Jubiläumsball:
„ Der alljährliche und zwar seit über 25 Jahre stattfindende Ball der Reisenden war in diesem Jahre ein Jubiläumsfest. Es bildete sich aus dem Verein „ Freundschaft“ ein Comite, bestehend aus den Herren: Ph. Leilich, als Vorstand, M. Dünniger, W. Frohn und Söhne, W. Crombach, Fritz Crombach, H. Leilich, Dietz, Bork u. Söhne, Joders, Pirmann, Franz, Meyer, Lautemann, Naumann, Joh. Schichtl, B. Hartkopf, welches sich zur Aufgabe stellte, den Ball zur Erinnerung an sein 25jähriges Bestehen besonders festlich zu arrangiere.
In kurzer Zeit war der Saal in eine wahre Prachthalle umgewandelt, in deren Mitte sich eine Grotte mit Springbrunnen, aus welchem sich wohlriechendes Wasser erhob, umgeben von lebenden Pflanzen, sehr vorteilhaft ausnahm.
Als am 2. Februar abends der Ball eröffnet wurde, ernteten die Mitglieder des Comites durch ihren Wetteifer das Urtheil des Publikums, dass nichts zu wünschen übrig sei.
Die eingeladenen, nur dem besseren Bürgerstande angehörenden Gäste erstaunten nicht wenig, den Saal in ein kleines Paradies verwandelt zu sehen. Der ganze Verlauf des Festes war ein glänzender. Trotz der weit über 500 zählenden Anwesenden trat nicht die geringste Störung ein und noch am frühen Morgen war der Saal fast zu klein für die sich drehenden Paare.
Als Nachtrag des Festes fand am Sonntag, den 3. Febr. Nachmittags ein Kinderball statt, zu welchem sich ca. 400 kleine Tänzer einfanden, welche vom Comite mit Confect etc. traktiert wurden.“
Anmerkung der Verfasserin
Durch Zufall stieß ich auf diese Texte und war sehr erstaunt zu lesen, dass die Schausteller, die zu Anfang des Jahrhunderts als „Reisende“ klein angefangen hatten, sich nun als Schaustellerschaft teilweise „zu ansehnlichem Wohlstande erhoben“ hatten und „mit den besten Bürgern in verwandtschaftlichen Beziehungen standen und sich einer allgemeinen Achtung erfreuen“.
Dies ist als eine besondere Wertschätzung zu verstehen und zeugt von der gelungenen Entwicklung der Schausteller vom Fahrenden Volk des Mittelalters zu mittelständigen Unternehmer und Unternehmerinnen des 21. Jahrhunderts. Interessant sind auch die Namen Joh. Schichtl und B. Hartkopf, die heute noch bekannt sind. Margit Ramus
| Quellen | Der Komet Nr. 9 20. Januar 1884 |
