Leben und arbeiten als Schausteller A - Z

Wasenschule in Stuttgart im Focus der Bildung von Schaustellerkindern

Blick in den Unterricht der Grundschüler © Margit Ramus

Im Juli 2026 fand ein Gespräch zwischen Michael Widmann und Martin Eckert (Komet) statt, darin wird deutlich, warum die Wasenschule mehr ist als ein Stuttgarter Sonderfall – und wie sie zur Referenz für andere Plätze werden kann.
Hier nachzulesen: 
Gespräch Michael Widmann und Martin Eckert Gespräch Michael Widmann und Martin Eckert

Kommentar der Verfasserin

in dem Gespräch mit Michael Widmann und im Kommentar von Martin Eckert wird ausführlich über die Konzepte und Strukturen für die Bildung reisender Kinder, sowie über deren Erfahrungen in öffentlichen Schulen berichtet.
Mein Dank und meine Hochachtung gilt ALLEN Beteiligten und insbesondere Michael Widmann, der die Wasenschule in Stuttgart vor zehn Jahren gegründet hat.

Das Erfolgskonzept der Wasenschule ist das Engagement der ehrenamtlichen MitarbeiterInnen in der persönlichen Betreuung jedes einzelnen Kindes als feste Bezugsperson.
Das konzentrierte Arbeiten hilft den Kindern und Jugendlichen während ihrer Zeit in Stuttgart, intensiv eventuelle Lerndefizite aufzuholen. Es ist eine großartige Einrichtung, die unbedingt auch auf anderen Volksfesten ihre Nachahmung finden sollte.
Im März dieses Jahres wurde die „Schaustellerkultur auf Volksfesten in Deutschland“ von der Deutschen UNESCO-Kommission als Immaterielles Kulturerbe anerkannt. Dieses Erbe verpflichtet, z.B. unseren Kindern die Bildung zuteilwerden zu lassen, die ihnen ermöglicht, dieses Erbe zu schützen und an die kommenden Generationen weiterzugeben.

Ich habe Michael Widmann 2024 in der Wasenschule kennengelernt.
Man hatte mir die Möglichkeit geboten, den Schaustellerkindern aus der Sicht einer Schaustellerin etwas über die Vergangenheit und die Entwicklung der Schausteller, der Volksfeste und der Geschäfte zu erzählen. Widmann zeigte damit Interesse, den Jugendlichen über den Lehrplan hinaus die eigene Vergangenheit näher zu bringen.
Wie erfreulich war es, als sich zur ersten Stunde im Fach „Schaustellergeschichte“  Zweiundzwanzig Mädchen und Jungen im Café Ade auf dem Wasen, in dem der Unterricht stattfinden sollte, einfanden.
Ich begann zu erzählen, dass es für sie als zukünftige Beschicker der Volksfeste wichtig sei zu wissen, wie sich das „Fahrende Volk“ von einst zum modernen Schausteller der Gegenwart entwickelt hat. Nur mit diesem Wissen um die eigene Herkunft können sie sich den Anforderungen der Zukunft stellen. Wie schon Winston Churchil gesagt hat: „Je weiter man zurückblicken kann, desto weiter wird man vorausschauen.“

Vor mehr als tausend Jahren, im Mittelalter, zogen unsere Vorfahren bereits als „Fahrende Leute“ von Stadt zu Stadt, anlässlich der dort stattfindenden Jahrmärkte.
Sie brachten den Menschen viele schöne und seltene Waren und Speisen, daneben trugen Gaukler, Musikanten, Artisten und kleine Menagerien zu einer bunten und lustigen Unterhaltung auf den Jahrmärkten bei. Dennoch war das Ansehen all dieser „Fahrenden“ nicht gut und ihnen wurden sogar die Sakramente der katholischen Kirche, z.B. die Taufe, verweigert. Bei Einbruch der Dunkelheit durften sie nur außerhalb der Stadtmauern übernachten. So zogen sie mit Pferd und Wagen viele Jahrhunderte als Nichtsesshafte durch die Lande. Erst 1871, mit der Gründung des Deutschen Reiches aus vielen Kleinstaaten und als Folge der beginnenden Industrialisierung, vollzog sich die Entwicklung der einstigen „Fahrenden“ zu den modernen Schaustellerinnen und Schaustellern der Gegenwart.

Interessiert hörten die jungen Leute zu.

Für sie war vieles neu, z. B., dass 1769 in England die Dampfmaschine von James Watt erfunden worden war und mit diesem Ereignis auch für die Schaustellerbranche eine neue Zeit begann. Denn bis dahin wurden die Karussells und einfache Bewegungsapparate mit der Hand oder von Pferden in Bewegung gesetzt.

Ich streifte den Beginn des professionellen Karussellbaus.
Erwähnte Hugo Haase, der die elektrische Energie für Antrieb und Beleuchtung durch abseits des Karussells aufgestellte Dampfmaschinen nutzte, was ihn dadurch zum Pionier im deutschen Schaustellergewerbe machte. Ihm sind die am Abend erleuchteten Volksfestplätze zu verdanken und zwar in einer Zeit, in der es teilweise noch drei Jahrzehnte dauerte, bis die Petroleumlampen in den deutschen Haushalten durch elektrischen Strom abgelöst wurden.
Kaum vorzustellen, wenn man die Technik und das Lichtspektakel auf den Volksfestplätzen des 21. Jahrhunderts betrachtet.

Ganz besonders gefiel den Jugendlichen, dass ich sie persönlich ansprach und ihr „Anderssein“ zu anderen „privaten“ Jugendlichen ansprach.
Für unsere Kinder ist es völlig normal, schon früh in den Familienbetrieb der Eltern eingebunden zu sein und Pflichten zu übernehmen. 
Ich konnte an diesen beiden Tagen in der Wasenschule nicht die ganze Entwicklung der Schaustellerkultur vortragen, aber mir war ein Streifzug durch die Entwicklungsgeschichte wichtig. Ich wollte den 22 jungen Menschen klar machen, dass sie als nächste Generation, genau wie ihre Eltern, die Trägerinnen und Träger der Schausteller- und Volksfestkultur sind, denn ohne Schausteller, ob Männer, Frauen oder Heranwachsende, sind die modernen Volksfeste nicht denkbar.
Ohne Zweifel war es nicht einfach, dies zu erreichen. Fleiß, Zuverlässigkeit, der Zusammenhalt innerhalb der Familie und vieles mehr gehören dazu. Vor allem gehört Bildung dazu. Ich formulierte es ein bisschen anders: „Es ist ganz wichtig, dass ihr alle da oben etwas in der Birne habt. Ihr müsst euch interessieren, auch für die Probleme in der Welt, für Politik usw.“ Das allgemeine Kopfnicken bestätigte den Inhalt meiner Argumentation.

Ich konnte die Kinder und Jugendlichen im Alter von 12 -16 Jahren begeistern und mitreißen. Herr Widmann erzählte mir später vom Glanz in den Gesichtern der jungen Leute. Es sei mir gelungen, „die jungen Seelen in einem “warmen Bad” zu wiegen.“ Sie wollten immer weiter zuhören, wie über ihre Lebenswelt gesprochen wurde. Das war ein wunderschönes Erleben, voller magischer Momente.“ Es war tatsächlich so, als schienen sie den berechtigten Stolz auf die Eltern, die Großeltern und auch schon auf sich selbst zu verinnerlichen.
Auch ich spüre immer wieder dieses seltsame Gefühl, wenn ich einen beleuchteten Volksfestplatz am Abend sehe. Wir Schausteller sollten viel selbstbewusster damit umgehen, dass wir alle gemeinsam etwas Einzigartiges geschaffen haben, ein Freizeitvergnügen, das das erfolgreichste auf der ganzen Welt ist.
Die beiden Tage in der Wasenschule waren auch für mich eine Bereicherung. Dafür möchte ich mich bei den jungen Leuten bedanken.

 Ich möchte mit einem Zitat von Michael Wiedmann meinen Beitrag beenden: „Schaustellerkinder sind nicht bildungsfern — sie sind anders gebildet. Wer als Kind schon Kassen abrechnet, Aufbauten koordiniert, mit Fremden verhandelt und den Wert der Arbeit kennt, hat Fähigkeiten, die kein Zeugnis erfasst.“

Wir können stolz auf unsere Kinder, Enkelkinder und Urenkel sein!

© Margit Ramus

Mehr dazu unter: https://kulturgut-volksfest.de/enzyklopaedie/wasenschule-in-stuttgart/

 

 

 

 

 

 

© Margit Ramus

 

 

 

 

Informationsunterlagen der Einrichtung „Schule auf Reisen“
Webseite: www.Schule-unterwegs.de/berid/

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