Schaustellerbranche im Spiegel der Tagespresse A - Z

1973 Remscheid Kirmes-Kassen klingeln laut

Kirmes-Kassen klingeln laut
Auch die Stadt hat ihr Vergnügen am Vergnügen

Denn sie kassiert kräftig mit – Dennoch: Die Schausteller sind zufrieden
Ja, die Schaustellerei bleibt ein lukratives Geschäft. Die Mini-Unternehmer auf dem Schützenplatz sind jedenfalls zufrieden. Mit dem Wetter, das diesmal keinen Strich durch die Endabrechnung machte und vor allem mit dem Remscheider Publikum. Denn hier saßen Groschen und Mark in diesem Jahr besonders locker. So locker, dass das Klingeln in den eigenen Kassen den Schausteller-Ärger über einen lästigen Mitkassierer spielend wettmachte. Mitkassiert hat das Ordnungsamt der Stadt. Und das ganz schön diesmal.
Die Standerlaubnisgelder für den Schützenplatz wurden erhöht. Durch die Bank um 100 und mehr Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Günter Mocken, Chef der La Bostella-Bahn, erzählt uns: „Voriges Jahr gab sich die Stadtverwaltung hier in Remscheid noch mit 20 Mark zufrieden, heute müssen wir 50 Mark Erlaubnisgebühr berappen.“ 
Und die Fahrpreise für die La Bostella-Bahn? „Nein, die haben wir nicht erhöht, so schnell geben wir Preissteigerungen nicht an unser Publikum weiter. Unsere Preise bleiben stabil. Nach wie vor eine Mark pro Fahrt und Nase.“

Boxbuden-Besitzer Johann Lemoine findet die Gebühren in Remscheid nicht so schlimm.

„Solche Dinge sind allgemein teurer geworden, und da hat Remscheid noch einen guten Mittelplatz. In Lüdenscheid sind die Stadtväter richtig unverschämt. Von 20 Mark ging man dort auf 125 Mark von einem Jahr zum anderen. In Köln dagegen zahle ich nur 12 Mark.“

Johann Lemoine beschäftigt zurzeit zehn Boxer.

„Alles frühere Amateure, zum Teil sehr gute Leute. Die sind zur Hälfte an den Einnahmen beteiligt, zusätzlich verdienen sie sich die für jeden Kampf ausgesetzte Prämie.“

Oder auch nicht, denn die Boxer bezahlen die Prämie für einen verlorenen Kampf aus eigener Tasche. Zwischen 20 und 150 Mark kann der mutige Boxbudenbesucher nach Hause tragen. Vorausgesetzt, er schlägt einen der Profis aus Lemoines Truppe. Und das passiert nicht sehr oft.

„Nun, ein gewisses Risiko steckt drin für unsere Leute, man weiß ja nicht, wer sich so meldet, kann wohl ab und zu ein guter Mann dabei sein. Doch die meisten, die sich das Geld verdienen wollen, sind die sogenannten Halbstarken, die nehmen wir am liebsten. Die fühlen sich besonders stark und holen sich dann am schnellsten blutige Nasen“.

Eine schöne Attraktion für Kinder ist Franz Grünes Oldtimer-Bahn. Doch das ist für den 39jährigen Schausteller nicht das wichtigste. Für vergnügungshungrige Kirmesbesucher vielleicht eine lustige Nebensache, ist sie in seinen Augen eine Kostbarkeit. Und in der Tat, die Große-Barock-Konzertnoten-Orgel ist ein Meisterwerk.
„Liebhaber würden 100 000 Mark und mehr dafür bezahlen“, verrät Franz Grüne. „Die Orgel stammt aus dem Jahr 1894 und ist ein Werk des berühmten Pariser Orgelbauers Gavioli.“ Von Verdis Aida bis zur modernen Operette reicht das Repertoire der 360 Orgelpfeifen. „Vielleicht wäre ich gar nicht auf Reise, wenn die Orgel nicht wäre“, meint Franz Grüne. Sie ist Hobby und Geschäft zugleich. Noch sechs kleinere Orgeln besitzt er. Und was macht er im Winter? „Orgeln restaurieren natürlich!“

Von Ostern bis Allerheiligen ist Paul Bruch mit seiner Losbude unterwegs. Geschäft auf dem Schützenplatz? „Hervorragend, wie immer in Remscheid. Gastarbeiter sind unsere besten Kunden. Die sammeln ihre Gewinne, bis der Hauptgewinn mit 5 000 Punkten zusammen ist.“
Auch bei Paul Bruch kassiert das Ordnungsamt die doppelte Gebühr. Doch die 150-Lose-Serien, halb Nieten halb Gewinne, ein Hauptgewinn, werden schnell umgesetzt. Da vergisst man die Gebühren schnell.

Fast schon ein Mittelbetrieb ist die Achterbahn, drittgrößte der Bundesrepublik übrigens. Juniorchef Hans-Josef Schoeneseifen ist stolz:

„15 bis 20 Mann Personal brauchen wir ständig für Auf-, Abbau und Wartung. Rund 1,2 Millionen kostet die Bahn mit allem Drum und Dran.“

Für zwei Mark, auch hier keine Erhöhung der Fahrpreise, wird dem Besucher der Nervenkitzel einer 60-Stundenkilometer-Fahrt geboten. Unfälle? „Bei uns unmöglich, die Bahn ist hundertprozentig sicher. Jede Woche kommt die Baupolizei zur Inspektion. Da kann nichts passieren.“

Eitel Sonnenschein also auf dem Schützenplatz. Auch wenn die Stadt den Schaustellern tiefer in die Tasche greift.
Und was kassiert der Schützenverein an Standgeld? „Er ist human mit den Gebühren“, so verlautet es aus Schaustellerkreisen. Die Höhe der Standgelder war nicht zu erfahren. Betriebsgeheimnis: „Auf machen Plätzen zahlen wir 2 000 Mark, auf anderen viel mehr.“
Wie dem auch sei, ein gutes Geschäft machen alle Beteiligten, Schützenverein und Schausteller.

 Kripo, Polizei und Feuerwehr passen auf die große Kirmes auf
„Och, die Remscheider sind ruhig. Das ist ihre Kirmes und Schwierigkeiten machen die meist nie“, meinte Bezirkskommissar Adolf Prochiner vom Schutzbereich V.
Seine Beamten brauchen wegen der Kirmes, die gleich nebenan auf dem Schützenplatz trubelt, keine Sonderschichten zu schieben. „Wir haben das so geschickt geregelt, dass wir das mit sechs Mann gut schaffen.“
Nur beim Parken gibt es hin und wieder Ärger: „Es gibt eben Leute, die kennen keine Schilder“, weiß Adolf Prochiner. Und denen hat er auch schon angedroht, wenn sie völlig verkehrsbehindernd ihren Wagen geparkt hatten, die Blech-Gefährte abschleppen zu lassen. Aber bei der Drohung blieb es bisher noch. Eingeladen war er selbst auch als Vertreter der Polizei zum Prominenten-Schießen: „Aber ich bin Pistolenschütze. Ich trage eine Lesebrille. Und da sind mir Kimme und Korn beim Gewehr zu nah. Ich habe nicht besonders gut geschossen“, gab er zu.

Diebe lockt Kirmes-Rummel immer an. Ein Auto-Knacker wurde sofort geschnappt, als er einen Wagen aufbrechen wollte. Ein anderes Fahrzeug wurde ausgeplündert. Doch die Kripo passt auf. Beamtinnen und Beamte aus Remscheid und Wuppertal schauen sich die Kirmesbesucher genau an – besonders die „schrägen Typen“. Wie viele Beamte aufpassen, wollte uns Kriminal-Hauptkommissar Heinz Lackmann allerdings nicht sagen: „Unser Geheimnis. Aber wir sehen viel …“

Auch für acht Feuerwehrleute herrscht an den Kirmestagen striktes Alkoholverbot. Mit zwei Tanklöschfahrzeugen müssen sie in zwei Schichten auf dem Schützenplatz Feuerwache schieben. Brandinspektor Klaus Kalbitz: „Die Stände sind meist aus Leinwand und dünnem Holz. Da kann schon mal etwas passieren.“ Aber in den 17 Jahren, die er bei der Remscheider Berufsfeuerwehr ist, passierte erst zweimal etwas.

Abschrift vom originalen Zeitungsartikel © Margit Ramus

Remscheider Zeitung 10.07.1973

 

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