
Ein Bonner Schausteller mit klarer Haltung
Karl-Heinz Kipp aus der Bonner Schaustellerfamilie Graesler Kipp & Sohn ist 28 Jahre alt – und gehört bereits zu den prägenden Gesichtern der Kirmesszene in der Rheinmetropole.
Wer ihm begegnet, merkt schnell: Hier spricht keiner, der nur verwaltet, sondern jemand, der aktiv gestalten will. Einer, der anpackt, beherzt Verantwortung übernimmt – für sein Geschäft, für seine Kollegen und für die Zukunft der Branche. „Mir ist grundsätzlich wichtig, dass sich alle Menschen Volksfeste leisten können“, sagt der junge Schausteller.
Ein Satz, der bei ihm keine Floskel ist. Seit sieben Jahren hat er die Preise seines Autoscooters nicht mehr erhöht. In einer Zeit steigender Kosten ist das nicht selbstverständlich, sondern eine ganz bewusste Entscheidung. „Am Familientag können bei unseren Veranstaltungen alle Besucher zum halben Preis fahren. Das gehört für mich einfach dazu.“ Dass die Fahrchips auch an anderen Tagen genutzt werden können, schafft zusätzliche Flexibilität – ein kleines Detail mit großer Wirkung für viele Familien.
Für Karl-Heinz Kipp ist die Kirmes ein Ort der Begegnung, ein Stück Lebensfreude, eine Insel im Alltag – ein „Mini-Urlaub“, wie er selbst sagt.
Gerade in den Sommermonaten in Bonn entfaltet sich dieses Gefühl besonders stark: Menschen lassen ihre Sorgen hinter sich, genießen die Atmosphäre, gönnen sich etwas: „In einem schönen Urlaubsland gibt man ja auch immer ein wenig mehr Geld aus, als man vorher geplant hat.“
Gerade nach den Erfahrungen der Corona-Zeit habe sich das Bedürfnis vieler Menschen verändert: „Die Leute wollen mehr im Hier und Jetzt leben. Es werden weniger Rücklagen gebildet. Vielleicht hat das Publikum Angst, etwas zu verpassen – möchte in der Gegenwart das Leben genießen. Das kommt dem Prinzip Kirmes natürlich entgegen.“ Und genau darin liegt für ihn die Stärke der Volksfeste: Sie sind für alle da. Jeder entscheidet selbst, wie viel er konsumiert – aber ausgeschlossen werden darf niemand.
Verwurzelt im Schaustellerleben
Dass Karl-Heinz Kipp diesen Beruf lebt, ist kein Zufall. Er stammt aus einer Schaustellerfamilie – und die nächste Generation steht schon bereit. Sein viereinhalbjähriger Sohn hilft beim Aufbau bereits fleißig mit Akkuschrauber und Schraubenschlüssel. Noch geht dabei nicht alles nach Plan, aber die Begeisterung ist unverkennbar.
Diese familiäre Verwurzelung prägt Karl-Heinz Kipps Selbstverständnis.
Schaustellerei ist für ihn kein Job, sondern Identität.
Umso größer ist sein Stolz darauf, dass das Schaustellerwesen nun endlich als immaterielles Kulturerbe anerkannt wurde. „Ich bin sehr glücklich. Das ist ja auch eine echte Familienangelegenheit, denn Dr. Margit Ramus, die treibende Kraft hinter dem UNESCO-Antrag, ist die Schwester meiner Mutter.“
Besonders bewegend sei für ihn gewesen, wie die frohe Nachricht plötzlich wie ein Lauffeuer durch die WhatsApp-Gruppen der Schausteller ging: „Tante Margit hat ja immer davon erzählt, dass sie an diesem Thema dran ist – aber als es dann Wirklichkeit geworden ist, war ich total überrascht und gerührt!“
Neben seinem eigenen Geschäft engagiert sich Karl-Heinz Kipp stark für die Gemeinschaft in seiner Heimat. Seit dem vergangenen Jahr ist er erster Vorsitzender der Interessengemeinschaft Bonner Schausteller.
Zusammen mit dem ersten Vorsitzenden des Deutschen Schaustellerbundes Bonn, Peter Barth (Senior), bildet er den Vorstand der Bonner Veranstaltungs-Arge. Es ist ein Zusammenschluss aus der Interessengemeinschaft Bonner Schausteller und dem Deutschen Schaustellerbund Bonn. „Es ist Teamarbeit“, betont er.
Die Arge organisiert mehrere Volksfeste in Bonn – die Osterkirmes in Beuel, zwei Veranstaltungen in Duisdorf sowie das Frühlingsfest in Bad Godesberg. „Das sind mittelgroße Feste mit klassischen Fahrgeschäften – echte Familienveranstaltungen“, erklärt Karl-Heinz Kipp.
Sein Ziel ist klar formuliert: „Alle Schaustellerkollegen auf dem Platz sollen am letzten Spieltag zufrieden sein und einfach gut zurechtkommen.
Die Geschäfte müssen passen; für einen großen Freefall zum Beispiel haben wir nicht das Publikum.“ Dabei setzt er konsequent auf Zusammenarbeit – sowohl innerhalb der Branche als auch weit darüber hinaus. „Es ist mein Ziel, in Zukunft noch enger mit Akteuren wie der Stadt, dem Einzelhandel oder der Freiwilligen Feuerwehr zusammenzuarbeiten. Wir sind sehr offen für alle möglichen Kooperationen.
Volksfeste sind auch wichtig, weil sie Innenstädte beleben und den Einzelhandel ankurbeln.“
Auch neue Formate probiert er aus, etwa einen Flohmarkt in Bad Godesberg, organisiert gemeinsam mit dem Stadtmarketing.
Kommunikation als Schlüssel
Ein besonderes Anliegen ist Karl-Heinz Kipp die transparente Kommunikation. „Ich arbeite eng mit der Lokalpresse hier in Bonn zusammen, informiere gerne über unseren Berufszweig – auch, um der breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, warum unsere Preise so sind, wie sie sind.“
Gerade in Zeiten steigender Kosten sei es wichtig, Verständnis zu schaffen. Denn viele Besucher sehen nur das Preisschild am Kassenhäuschen – nicht aber die Herausforderungen dahinter.
Karl-Heinz Kipp setzt deshalb bewusst auf Offenheit, Dialog und Einblicke hinter die Kulissen.
Dazu gehören auch konkrete Aktionen: „In der Lokalpresse machen wir Couponaktionen, um einen zusätzlichen Anreiz zu geben.“ Ergänzt wird das durch einen Facebook-Auftritt und einen eigenen WhatsApp-Kanal mit Gutscheinen, Ankündigungen, Aufbaufotos oder sogar Fundmeldungen für Besucherinnen und Besucher.
Für Karl-Heinz Kipp ist das kein Selbstzweck, sondern Teil einer Strategie: Nähe schaffen, Vertrauen aufbauen und die Kirmes als lebendigen Ort konkret fühlbar machen. Zwischen Kostendruck und politischen Erwartungen
Trotz aller Leidenschaft sieht Karl-Heinz Kipp die Herausforderungen klar. „Die steigenden Kosten sind das größte Problem im Schaustellerberuf.“
Energiepreise, Sicherheitsanforderungen und bürokratische Hürden setzen die Branche unter Druck. Besonders kritisch sieht er ungleiche Rahmenbedingungen: „Ich finde es unfair, dass wir Schausteller mit reisenden Geschäften andere Auflagen haben als stationäre Imbisse oder der Snackverkauf in Freizeitparks, etwa in Bezug auf Mehrwegverpackungen.“
Sein Appell an die Politik ist deutlich: „Ich würde mir wünschen, dass die Politik hilft, die Kosten für Energie und auch für die Sicherheit auf Volksfesten zu reduzieren. Der Schaustellerberuf ist ohnehin herausfordernd genug – man sollte uns nicht noch mehr Steine in den Weg legen.“
Gleichzeitig sucht er aktiv den Dialog: „Politik muss lebensnah sein. Ich freue mich immer, wenn ich direkt mit Politikern ins Gespräch komme, um ihnen meinen Standpunkt darzulegen.“
Auch das Thema Sicherheit auf dem Festplatz beschäftigt ihn. „Das Publikum ist sehr dünnhäutig geworden, fühlt sich schnell angegriffen, man muss immer freundlich und diplomatisch bleiben.“ Umso wichtiger sei es, Vertrauen zu schaffen – durch Präsenz, Transparenz und Verantwortungsbewusstsein.
Karl-Heinz Kipp ist traditionsbewusst, aber offen für Veränderung. Einer, der nicht nur das Erbe bewahrt, sondern es aktiv weiterentwickelt – und dabei stets den Menschen im Blick behält. Sein Weg ist ein Spagat: wirtschaftlich bestehen, steigende Kosten auffangen – und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Kirmes ein Ort für alle bleibt. Ein Ort, an dem sich niemand ausgeschlossen fühlt, an dem jeder willkommen ist.
Text © Nicolas von Lettow-Vorbeck





