Volksfeste Einführung

Die allgemein gebräuchliche Bezeichnung Volksfest wird als Oberbegriff einer Festart verwandt, die je nach Region Kirchweih, Kerbe, Messe, Dult, Jahrmarkt, Schützenfest oder Kirmes genannt wird. Das charakteristische ist dabei Belustigung und Unterhaltung. (Schirrmeister 2002. S. 160)

Die meisten, einmal im Jahr stattfindenden Märkte wurden im 11. oder 12. Jahrhundert in deutschen Einzelstaaten durch landesfürstlichen Erlass oder Gesetz geschaffen. Bisher wurde den Würzburger Bürgern die Nennung als ältester verbriefter deutsche Jahrmarkt zugeschrieben. König Konrad II. verlieh im Jahr 1030 dem Bischof von Würzburg das Recht, neben den gewöhnlichen Märkten einen Jahrmarkt abzuhalten. (Lehmann 1952. S. 16)

Der Jahrmarkt, die Kirmes, Kirchweih oder Kerbe waren „ursprünglich mit kirchlichen Festen zur Erinnerung an die Kirchweihe oder eine Reliquienüberführung verbunden“. (Irsigler/Lasotta 1998. S. 126f) Ein sakrales Fest wurde vom jeweiligen Bischof der Gemeinde genehmigt und beurkundet. Meistens fand das jährlich stattfindende Kirchweihfest gleichzeitig mit der Feier des heiligen Schutzpatrons statt. (Petzoldt 1983. S. 233) Dem Gottesdienst und einer Prozession, bei der Reliquien des Heiligen öffentlich zur Schau getragen wurden, schloss sich eine weltliche Feier in der Domimmunität (unmittelbar Umgebung des Kirchenbaus) an. Gaukler, Artisten und Spielleute rundeten das bunte Treiben ab und machten das hohe Kirchen- und Patronatsfest zur willkommenen Unterbrechung im Alltag der Bevölkerung. (Petzoldt 1983. S. 424)

Die Märkte förderten den wirtschaftlichen Aufschwung eines Orts. Dort tauschten die Besucher neue Nachrichtenaus, Bekanntschaften und Ehen wurden geknüpft. Die Entwicklung der Märkte hing jedoch auch von der Lage des Orts an Fern- und Handelsstraßen, von der ökonomischen Situation des Umlands und seinen Bewohnern ab. (Petzoldt 1983. S. 423)

Ein weiteres Genre des Volksfests ist das Schützenfest. Im ausgehenden Mittelalter hatten Mitglieder von Schützengemeinschaften militärische Verteidigungsaufgaben der wachsenden Städte zu bewältigen. Später wurden Schießwettbewerbe durchgeführt. Es folgten öffentliche Freischießveranstaltungen und ein „Schießen nach dem Vogel. (Lehmann 1952. S. 16) Es entstanden Schützengilden, die aus Mitgliedern der bestehenden Gilden und Zünfte rekrutiert wurden. Eine der ersten soll die Goslarer Schützengilde gewesen sein, deren Gründung durch eine Polizeiordnung von 1395 überliefert ist. Im Anschluss an den Schießwettbewerb traf sich die Bevölkerung zum festlichen Umzug mit fröhlichem Beisammensein.
Aufgrund neuer Erkenntnisse muss die Jahreszahl der ersten Schützengilde revidiert werden. In Dresden entstand die erste Schützengesellschaft bereits im Jahre 1120. 1226 folgte die Radeberger und 1235 die „Privilegierte Scheiben- und Bogenschützengesellschaft zu Meißen“. Eine Bestandsaufnahme in Sachsen von 1940 ergab 994 Schützenvereine, davon 490 im Regierungsbezirk Chemnitz. (Schubert, Karl: Schubert: Schützenvereine mit langer Tradition. In: Freie Presse, 03.09.1999) 

Später entwickelten sich auch die großen Industriemessen wie Frankfurt oder Leipzig aus den mittelalterlichen Märkten.

Die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert verband den Jahrmarkt als Ort des Handels mit dem Ort des Vergnügens und der Einführung technischer Errungenschaften. Es wurden zum Beispiel der Phonograph, der Kinematograph, die Röntgenstrahlung oder das Automobil auf Jahrmärkten dem Volk vorgestellt. Daneben waren Schausteller selbst innovativ. Ihre praktischen Erkenntnisse mit der Dampfmaschine und anderen Geräten wurden auch von der Industrie angewandt. (Gourarier 2000. S. 41)

Der Begriff „Volksfest“ als Bezeichnung für ein Höfisches Fest entstand erst im 19. Jahrhundert.
Der Historiker Petzoldt schreibt:

„Höfische Feste […] bilden eine weitere Klasse der mittelalterlichen Festkultur. Anlässe dieser Feierlichkeiten waren Krönungen, Hochzeiten, Schwertleiten (Ritterschlag), aber auch Kirchenfeste.“ (Petzoldt 1983. S. 28)

Das wohl bekannteste Beispiel ist das Münchner Oktoberfest, das sich aus den Hochzeitsfeierlichkeiten der Vermählung von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese Charlotte Louise von Sachsen-Hildburghausen entwickelte. Es begann am 12. Oktober 1810 auf der damals vor den Toren Münchens gelegenen Wiese, die den Namen „Theresienwiese“ erhielt. Heute ist das Münchner Oktoberfest das größte Volksfest der Welt, das jährlich von sechs Millionen Menschen besucht wird. (Dering 1985. S. 19f)
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Volkswirtschaftliche Bedeutung der Volksfeste

© Margit Ramus

Die angegebenen Quellen sind im Literaturverzeichnis aufgeführt.