Kulturgut Volksfest

Volksfeste sind der Spiegel einer Gesellschaft. Sie bringen seit Jahrhunderten in den christlich geprägten Ländern die Menschen zusammen, fördern deren gesellschaftliche Identität und sind inzwischen zunehmend Orte multikulturellen Austauschs geworden.

Die allgemein gebräuchliche Bezeichnung Volksfest wird als Oberbegriff einer Festart verwandt, die je nach Region: Kirchweih, Kerbe, Messe, Dult, Jahrmarkt, Schützenfest oder Kirmes genannt wird. Das charakteristische ist dabei Belustigung und Unterhaltung. (Vgl. Schirrmeister 2002. S. 160)
Die unterschiedlichen Ursprünge weisen auch auf Bräuche und Rituale traditioneller sakraler und weltlicher Feste, deren Gründungen seit dem Mittelalter beurkundet sind.

Als Sakrales Fest bezeichnet man die Kirmes, Kirchweih oder Kerbe, die „ursprünglich mit kirchlichen Festen zur Erinnerung an die Kirchweihe oder eine Reliquienüberführung verbunden“ waren. (Vgl. Irsigler/Lasotta 1998. S. 126f) Ein sakrales Fest wurde vom jeweiligen Bischof der Gemeinde genehmigt und beurkundet. Es fand meist mit der Feier des heiligen Schutzpatrons statt. (Vgl. Petzoldt 1983. S. 233) Dem Gottesdienst und einer Prozession, bei der Reliquien des Heiligen öffentlich zur Schau getragen wurden, schloss sich eine weltliche Feier in der Domimmunität an. Gaukler, Artisten und Spielleute rundeten das bunte Treiben ab und machten das hohe Kirchen- und Patronatsfest zur willkommenen Unterbrechung im Alltag der Bevölkerung. (Vgl. Petzoldt 1983. S. 424)

In Verbindung zum Kirchenfest wurden im 11. oder 12. Jahrhundert in deutschen Einzelstaaten, die meist einmal im Jahr stattfindenden Märkte durch landesfürstlichen Erlass oder Gesetz geschaffen. Die Märkte förderten den wirtschaftlichen Aufschwung eines Orts. Dort tauschten die Besucher neue Nachrichten aus, Bekanntschaften und Ehen wurden geknüpft.
Die kommerzielle Entwicklung der Märkte hing jedoch von der Lage des Orts an Fern- und Handelsstraßen, von der ökonomischen Situation des Umlands und seinen Bewohnern ab. (Vgl. Petzoldt 1983. S. 423) Später entwickelten sich die großen Industriemessen wie Frankfurt oder Leipzig aus den mittelalterlichen Märkten.

Ein weiteres Genre des Volksfests ist das Schützenfest. Im ausgehenden Mittelalter hatten Mitglieder von Schützengemeinschaften militärische Verteidigungsaufgaben der wachsenden Städte zu bewältigen. Später wurden Schießwettbewerbe durchgeführt. Es folgten öffentliche Freischieß-Veranstaltungen und ein „Schießen nach dem Vogel. (Lehmann 1952. S. 16) Es entstanden Schützengilden, die aus Mitgliedern der bestehenden Gilden und Zünfte rekrutiert wurden. Im Anschluss an den Schießwettbewerb traf sich die Bevölkerung zum festlichen Umzug mit fröhlichem Beisammensein.

Der Begriff „Volksfest“ als Bezeichnung für ein Höfisches Fest entstand erst im 19. Jahrhundert. Das wohl bekannteste Beispiel ist das Münchner Oktoberfest, das sich aus den Hochzeitsfeierlichkeiten der Vermählung von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese Charlotte Louise von Sachsen-Hildburghausen entwickelte. Heute ist das Münchner Oktoberfest das größte Volksfest der Welt, das jährlich von sechs Millionen Menschen besucht wird. (Dering 1985. S. 19f)

Die Städte wuchsen, die Einwohnerzahl stieg an und mit ihnen die gesellschaftlichen Veränderungen der Menschen. Sie strömten zu den Volksfesten, die ihnen Abwechslung vom Alltag brachten und in Wandertheatern, Wanderkinos und Panoramen naturwissenschaftliche, technischen Erfindungen, Musik, Kunst und die neusten Nachrichten präsentierten. Außerdem akrobatische oder künstlerische Darbietungen  und Schaustellungen von ungewöhnlichen Menschen, Tieren und Objekten.
Mit der Industrialisierung veränderte sich das Angebot der Volksfestaktivitäten. Aus Spielgeräten höfischer Gärten wurden zunächst von Dampfmaschinen angetriebene, später hochtechnisierte, modern dekorierte Fahrgeschäfte. (Schaustellergeschäfte Einführung)
Zusammenfassend ist belegbar, dass das Volksfest in einem direkten Bezug zur historischen Kultur- und Kunstgeschichte steht.
Die Bauformen, wie der Rundbau, der Hallenbau, der Skelettbau sowie der Pavillonbau als Grundbauformen der Schaustellergeschäfte, orientieren sich an Bauformen, die aus der Architektur bekannt sind.
Auch die dekorative Gestaltung der Karussells und alle anderen Volksbelustigungen lassen einen Vergleich zu allen Stilepochen der bildenden Kunst zu. Die Dekoration fanden mit Zitaten des Barocks, des Rokokos oder mit Jugendstilelementen ihre Vorbilder im Lebensstil der Feudalgesellschaft des 18. und 19. Jahrhundert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zog auch in die Dekorationen der Schaustellergeschäfte auf den  Volksfesten die Moderne ein.
Im 21. Jahrhundert kann der Volksfestbesucher sowohl lebendige Tradition erleben, als auch modernste Innovationen ausprobieren. Daneben bieten die wieder in Mode gekommenen historischen Jahrmärkte, traditionelle Volksfestattraktionen wie Pferdekarussell, Russische Schaukeln (Holzriesenrad), Hau den Lukas und vieles mehr.

Auch in der Gegenwart orientiert sich der Standort der, für einen begrenzten Zeitraum regelmäßig wiederkehrenden Volksfeste, durch den Ursprung des jeweiligen Festes. Obwohl die Bebauung eines Volksfestplatzes oftmals als temporäre Binnenarchitektur außerhalb einer innerstädtischen Stadtstruktur angesiedelt ist, kann also eine Korrespondenz mit der sakralen Architektur (Kirchenbauten) oder mit dem modernen Städtebau beobachtet werden. Oft fügen sich einzelne temporäre Bauobjekte wie Fahr-, Belustigungs- und Geschicklichkeitsgeschäften, harmonisch in das Stadtbild ein. Auch für das leibliche Wohl wird in Pavillon-Bauten gesorgt.

Zum Abschluss noch ein Blick auf die unmittelbaren Akteure der Volksfeste — die Schausteller. Den überwiegenden Familienbetrieben ist die erfolgreiche Entwicklung der Volksfest-Kultur zu verdanken. Sie kooperieren kreativ mit den Festveranstaltern und den Herstellern ihrer Geschäfte zusammen und beobachten neueste Entwicklungen, um den Volksfestbesuchern immer wieder den aktuellsten Nervenkitzel zu bieten.
In der Tradition der Schausteller wird seit vielen Generationen das Wissen und die Erfahrungen innerhalb der Familie weitergegeben. Denn für Schausteller bedeutet das Familiengeschäft Tradition, Familienbewusstsein, Zusammengehörigkeit und Identifikation mit dem Beruf.

In der Volksfest-Kultur sind alle Arten des immateriellen Kulturguts, wie den mündlich überlieferten Traditionen und Ausdrucksweisen, den darstellenden Künsten, den gesellschaftlichen Bräuchen, (jahreszeitliche) Feste und Rituale sowie den traditionellen Handwerkstechniken zu finden.“ (Andrea Stadler) 

Die lebendige Tradition des Berufsstandes im Bewusstsein der Gesellschaft zu verankern und kommenden Generationen zu vermitteln, ihr Gedächtnis zu bewahren und zu aktualisieren, ist Aufgabe dieses Ersten digitalen Deutschen Kulturgut-Volksfest-Archivs.

© Margit Ramus

Die angegebenen Quellen sind im Literaturverzeichnis aufgeführt.