Schaustellergeschäfte A - Z

Autoskooter

Autoskooter aus dem Osten Deutschlands. Vermutlich war Bothmann Hersteller. Foto 1980er Jahre ©Archiv Patzerder
Autoskooter aus dem Osten Deutschlands. Vermutlich war Bothmann der Hersteller. Foto 1980er Jahre © Archiv Patzer

Autoskooter werden als Selbstfahrergeschäfte eingestuft und sind eine Untergruppe der Fahrgeschäfte.
Zu den Selbstfahrergeschäften zählt man alle Schaustellergeschäfte, bei denen der Fahrgast selbst in einem Fahrzeug mit eigenen Antrieb auf einer Fahrbahn die eigene Fahrtrichtung und Geschwindigkeit bestimmt.

Bereits 1914 stellte Hugo Haase in Hannover-Stellingen ein Selbstfahrergeschäft den Eiserner See vor. Auf einer ovalen Fahrbahn aus Eisenblech, welche von unten wellenförmig bewegt wurde, konnte entgegen der Wellenbewegung in kleinen Autos rundum gefahren werden. (Dering 1986. S. 127)
Nach Florian Dering lässt sich bereits ab 1921 der Autoskooter als Dodgem nachweisen der in den USA von der „Dodgem Corporation of Lawrence/Massachusetts“ gebaut worden war. In Deutschland wurde das Geschäft unter den Namen: Dodgem, Motodrom, Elektrodom, Selbstfahrer, Elektrische Vergnügungsbahn, Autoskooter, Skooter und Avus-Bahn bekannt. Bis heute hat sich der Name Autoskooter auch kurz Skooter genannt durchgesetzt.

Florian Dering vermutet, dass Haases erster Skooter von dem Amerikaner Nebele nach Deutschland eingeführt worden war. (Dering 1986. S. 128f)

1926 stellte Haase auf der „Gesolei“ der Ausstellung für Gesundheit in Düsseldorf gleich zwei Neuheiten vor, einen Autoskooter und den Wilden Esel. Beim Wilden Esel wurde ein vierrädriger Wagen mit Eselsköpfen dekoriert. Die Wagen hatten eine Kippvorrichtung und die bewegliche Vorderachse eine Exzentereinrichtung. In besetztem Zustand kippte der Wagen nach hinten und nach kurzer Zeit in Schräglage auf einem kleinen Stützrad, gelangte er wieder in seine Ausgangsstellung.
Der Wilde Esel konnte sich als Innovation nicht lange halten, im Gegensatz zum Autoskooter, der bis zur Gegenwart zur Standartausstattung eines Volksfestplatzes zählt.

Dering schreibt, dass ab 1926/27 auch deutsche Firmen die Produktion aufnahmen.
Bis 2010 war nicht bekannt, dass auch Fritz Bothmann Autoskooter unter den Namen Elektro-Selbstfahrer und Avus-Bahn gebaut hatte. Zum ersten Mal konnten Originalbaupläne im Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar ausfindig gemacht und publiziert werden. Dering hatte 1986, aufgrund der politischen Teilung Deutschlands, noch keinen Zugang.
Aufgrund des firmeninternen Schriftverkehrs vom 29. Mai 1924 kann bekundet werden, dass Fritz Bothmann bereits 1923 Elektro-Selbstfahrer baute und ins Ausland exportierte.

„Geehrter Herr Bothmann.
Teile ihnen mit, dass in einigen Tagen sie Herr Julius Fisch aus Bukarest besuchen wird in der Angelegenheit einen Elektro-Selbstfahrer. Ich habe ihm die zu mich gesannten Prospekte übergeben sowie die Briefe aus Wien von ihrem Vertreter. […] Bukarest 29.5.1924“
  (LATh – HStA Weimar)

Jahrzehnte später, nach der Wiedervereinigung wurden ältere Autoskooter, die im Osten erhalten geblieben waren, für die Recherche zugänglich. Bei dem Vergleich mit den Bauplänen ist Bothmann als Hersteller dieser Anlagen nicht auszuschließen.

Im Westen begann Heinrich Mack Mitte der 1930er Jahre mit dem Bau von Autoskootern. Einer der ersten soll für den Schausteller Louis Sartorio aus Ingolstadt gewesen sein. Eine Abbildung aus dem Jahre 1936 ist überliefert. Ende der 1930er Jahre begann der Einzug der elektrischen Beleuchtung als Dekorationselement.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich der Bau von Autoskootern bei Mack explosionsartig.
Zunächst hatten die Skooter-Hallen, je nach Größe der Fahrbahn, noch 24–36 kannelierte Holzpfosten.

Um 1954 wurden die Holzpfosten durch sechs große Stahlsäulen ersetzt. Nun wurden diese Säulen zuerst in die Bodenkonstruktion eingebaut und im Sockelbereich der aus Metallteilen bestehende Dachstuhl zusammengebaut. Dekorative Fassaden-Elemente wurden gleich mitmontiert. Die gesamte Dachkonstruktion wurde an den Säulen mit Seilwinden in die endgültige Position gehoben.

Bis in die späten 1950er Jahre war die Kasse (Kassenhaus) nur Funktion, von der aus die Fahrzeiten manuell ein und aus geschaltet und Fahrkarten verkauft wurden. Erst 1961 wurde der Kopfseite des Autoskooters ein Wagen als Kasse vorgesetzt und deren Fassade als Bildträger zur Dekoration genutzt.

1961 erhöhte Mack die Anzahl der Säulen auf acht. Die einzelnen Teile der Fassade wurde zur Erleichterung der Montage verkleinert.

Zehn Jahre später, 1971 entwickelte Heinrich Mack den ersten Autoskooter auf zwei Säulen. Dadurch konnte die Dachkonstruktion einschließlich der Dekoration der Frontfassaden vollständig auf einem großen Mittelbauwagen zusammengefaltet werden. Beim Aufbau wurde und wird noch immer die Konstruktion auseinandergeklappt. Zwei große Säulen an den Enden des Wagens tragen das gesamte Gewicht. Sie bieten außerdem Möglichkeiten zur individuellen Dekoration. Hydraulisch wird der Oberbau hochgefahren, und zusätzlich mit vier Stützen stabilisiert. Die Fahrbahnplatte und der Umlauf werden aus dem Unterwagen des Mittelbaus herausgezogen und auseinandergeklappt. Die Autos werden in einem zusätzlichen Transport-Wagen auch Chaisenrolle genannt, verladen.

Für die Stromversorgung der elektrisch angetriebenen Skooter-Chaisen wird bis in Gegenwart ein unterhalb der Dachkonstruktion als Pluspol genutztes Metallnetz gespannt. Der Hallenboden aus Metallplatten dient als Minuspol. Die am Heck der Autos befindlichen senkrechten Stangen mit den Stromabnehmerbügeln berühren das Netz und schließen den Stromkreis, sodass die Autos sich auf der Fahrbahn in Bewegung setzen können.

Ab 1958 wurden nach einem französischem Patent automatische Chipeinwurf-Kästen auch in Deutschland verwendet. Sie ermöglichten nach Einschalten des Stromes im Kassenhaus durch Einwurf eines runden Plastikstückes, dem sogenannten Chip, in den im Auto installierten Behälter den Fahrbeginn. Zunächst noch auf Knopfdruck, entwickelte sich auch diese Technik. Schon bald regelte eine Zeitschaltuhr den automatischen Beginn und Ende einer Fahrt der kleinen Autoskooter-Chaisen.

Bis zum Zweiten Weltkrieg lieferte die Eisengießerei Mosebach aus Nordhausen die Autoskooter-Autos.
Ab 1945 wurden der neue Zulieferer der Firma Mack die Gebrüder Ihle aus Bruchsal. Zunächst waren die Autos mit Vollgummipuffern oder Stahlbändern rundum geschützt, seit Anfang der 1960er Jahre geschieht dies mit luftgefüllten Gummiwülsten.
Die Form der Autos orientierte sich oft an aktuellen PKW-Modellen.

Neben dem Musikexpress ist der Autoskooter das meist gebaute Schaustellergeschäft der Firma Heinrich Mack aus Waldkirch, heute Mack-Rides GmbH & Co KG.
Erst in den späten 1970er Jahren kamen auch italienische und französische Modelle auf die deutschen Volksfestplätze.

© Margit Ramus

Dazu Schaustellergeschäfte im Archiv Kulturgut Volksfest:

Ramus 2013. S. 84f.
Dering 1986. S. 128.

4 Beiträge zu “Autoskooter

  1. Winhart Peters

    Sehr geehrte Frau Ramus,
    durch Zufall stieß ich auf dieses hervorragende Digitale Historische Archiv und ich bin begeistert, was dort schon alles zusammengetragen wurde. Ich selber kenne noch viele Unternehmen nach 1945 und wir Kinder wollten von „ihrem“ Bremer Freimarkt unserem Vater stets als erste über die neuesten Fahrgeschäfte berichten. So konnte auch ein Teil davon in sein Buch „Freimarkt in Bremen, Geschichte eines Jahrmarkts“ (Fritz Peters) einfließen. Es erschien 1962 und wurde zur 950 Jahrfeier 1985 als Jubiläumsausgabe noch einmal nachgedruckt. Vielleicht liegt Ihnen es ja auch vor.
    Zur Historie des ersten Autoskooters erwähnt er, daß in Bremen 1926, allerdings von F.W. Siebold, der erste Skooter eintraf. Zeitlich also deckungsgleich mit den Angaben von Herrn Dering. Was ich in dem Archiv bisher noch nicht fand, ist die erste Rückfahrmöglichkeit der Autos. Oder habe ich es überlesen? Es war 1956, daran erinnere ich mich so genau, weil ich mir 1955 Gedanken und Zeichnungen machte, wie einfach es zu realisieren sei. Leider zu spät „getüftelt“.
    Manchmal fehlen zu den tollen Archivfotos noch Namen oder Jahresdaten. Wenn diese mir bekannt sind, würde ich sie gerne ergänzen. Ich werde das Archiv noch genau „durchforsten“.
    Freundliche Grüße und weiterhin viel Erfolg mit dieser wertvollen Arbeit wünscht Ihnen
    Winhart Peters

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    1. Margit Ramus Artikelautor

      Sehr geehrter Herr Peters,
      ich freue mich sehr über Ihre Anerkennung. Das Buch (Erstausgabe 1962) Ihres Vaters liegt mir natürlich vor! Beim Lesen Ihres Kommentars und beim Blättern durch das Buch wurde mir bewusst, wie viel Arbeit noch vor mir liegt!!! Beim zufälligen „Durchforsten“ des Archivs fallen auch mir noch viele Ergänzungen ein und notwendige Berichtigungen auf. Die Technik wurde z.B. in den letzten Monaten immer wieder verfeinert, sodass inzwischen auch andere Möglichkeit der Präsentation des Bildmaterials möglich sind. Dazu kommen viele Anregungen durch aufmerksame Besucher, dafür danke ich sehr.
      Daten und Namen nehme ich gerne entgegen. Die Anfänge der deutschen Entwicklungsgeschichte der Autoskootern konnte ich inzwischen belegen und sie widersprechen, denen von Herrn Dering, dazu in der Firmengeschichte von Fritz Bothmann mehr.
      Erst einmal freundliche Grüße aus Köln nach Bremen
      Margit Ramus

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  2. Karl Winter

    Sehr geehrte Frau Ramus,
    ich ringe grade etwas mit mir, bin aber so sicher über meine Erinnnerung, daß ich Ihnen schreibe. Es geht um den Kassenwagen mit Fassade beim Autoskooter. Ich stamme aus Hattingen/Ruhr. Seit den frühen 1950iger Jahren gingen meine Eltern dort mit mir auf jede Kirmes. Unser Scooter war Hans Biermann aus Gelsenkirchen. Wir haben unsere Chips dort vom ersten Besuch an immer an einem Kassenwagen gekauft. Ein weißer 6 Meter Wagen mit hellgrünem Streifen. Die Seite mit dem Kassenfenster hatte eine Fassade mit einem farbigen Muster, die auch an beiden Seiten ausgeklappt wurde. Zwischen Kassenfenster und oberen Rand war über die gesamte Breite der mit Glühbirnen beleuchtete Schriftzug Hans Biermann angebracht. Erinnere mich auch noch gut, weil in Blankenstein immer Isken war. Die hatten einen vier Meter Kassenwagen in Naturholzoptik wo lediglich an der Dachante eine farbige Holztafel mit dem Schriftzug Isken mit Glühbirnen am oberen gebogenen Rand ausgeklappt wurde. Dieser Unterschied war das erste was mir auffiel. Die Chaisen waren gleich. Ich mochte dieses naturfarbene Holz im Gegensatz zur Fassade lieber. Ab der Saison 1962 hatte Biermann den beschriebenen sechs Säulen Scooter mit Neon beleuchteten Säulen. Ich war enttäuscht, daß die Fassade des Kassenwagens die gleiche blieb. Fand sie passte nicht mehr zu diesem vielen Neon, zu altmodisch. Aber sie blieb noch bis in die Siebziger.
    Soviel zu meiner Erinnerung. Ich hoffe ich stifte nicht allzu viel Verwirrung.
    Freundliche Grüße
    Karl Winter

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    1. Margit Ramus Artikelautor

      Hallo Herr Winter
      Danke für Ihren Kommentar. Ich glaubte, eine Abbildung des Skooters mit Kassenwagen von Biermann zu haben. Bisher konnte ich sie jedoch nicht finden. Werde mich gegebenenfalls wieder an dieser Stelle melden.

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