Deutsche Volksfest-Kultur

Die Deutsche Volksfest-Kultur ist Spiegel unserer Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Seit Jahrhunderten kommen die Menschen zum alljährlichen wiederkehrenden Volksfest zusammen. Je nach  Region werden diese Volksfeste: KirchweihKerbe, Messe, DultJahrmarktSchützenfeste oder Kirmes genannt. Charakteristisch sind dabei die Belustigung und Unterhaltung der Bevölkerung sowie die Möglichkeit zum multikulturellen Austausch.
Die unterschiedlichen Bräuche und Rituale weisen auf den sakralen oder weltlichen Ursprung der Feste hin, deren Gründungen nicht selten seit dem Mittelalter beurkundet sind.

Als Sakrales Fest bezeichnet man die Kirmes, Kirchweih oder Kerbe, die mit kirchlichen Festen zur Erinnerung an die Kirchweihe oder eine Reliquienüberführung verbunden waren.
Dem Gottesdienst und einer Prozession schloss sich eine weltliche Feier an. Gaukler, Artisten und Spielleute rundeten mit akrobatischen oder künstlerischen Darbietungen – Musik, Tanz und Theater – und Schaustellungen von ungewöhnlichen Menschen, Tieren und Objekten das bunte Treiben ab und machten das hohe Kirchen- und Patronatsfest zur willkommenen Unterbrechung im Alltag der Bevölkerung. Auch wurden neue Nachrichten verbreitet, Bekanntschaften und Ehen geknüpft.
In Verbindung zum Kirchenfest wurden ab dem 10. Jahrhundert Märkte durch landesfürstlichen Erlass oder Gesetz geschaffen. Die Märkte förderten den wirtschaftlichen Aufschwung eines Orts, dieser hing jedoch von der Lage des Orts an Fern- und Handelsstraßen (Standorte der Volksfeste) ab. Später entwickelten sich die großen Industriemessen wie Frankfurt oder Leipzig aus den mittelalterlichen Märkten.

Ein weiteres Genre des Volksfests ist das Schützenfest. Im ausgehenden Mittelalter hatten Mitglieder von Schützengemeinschaften militärische Verteidigungsaufgaben der wachsenden Städte zu bewältigen. Später wurden Schießwettbewerbe durchgeführt. Es folgten öffentliche Freischieß-Veranstaltungen und ein „Schießen nach dem Vogel. Es entstanden Schützengilden, die aus Mitgliedern der bestehenden Gilden und Zünfte rekrutiert wurden. Im Anschluss an den Schießwettbewerb traf sich die Bevölkerung zum festlichen Umzug mit fröhlichem Beisammensein.

Der Begriff „Volksfest“ als Bezeichnung für ein Höfisches Fest entstand erst im 19. Jahrhundert. Anlässe für die Höfischen Feste waren Krönungen, Hochzeiten u.a. Das wohl bekannteste Beispiel ist das Münchner Oktoberfest, das sich aus den Hochzeitsfeierlichkeiten der Vermählung von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese Charlotte Louise von Sachsen-Hildburghausen entwickelte. Dazu kamen die Landwirtschaftsmessen, die oft den Höfischen Festen angeschlossen wurden.
Heute ist das Münchner Oktoberfest das größte Volksfest der Welt, das jährlich von sechs Millionen Menschen besucht wird.

Mit der Industrialisierung veränderte sich das Angebot der Volksfestaktivitäten. Die Städte wuchsen, die Einwohnerzahl stieg an und mit den gesellschaftlichen Veränderungen wandelten sich auch die Ansprüche der Menschen. Sie strömten zu den Volksfesten, die ihnen Abwechslung vom Alltag brachten und in Wandertheatern, Wanderkinos und Panoramen naturwissenschaftliche Entdeckungen, technischen Erfindungen, Musik, Kunst und die neusten Nachrichten präsentierten. Es wurden zum Beispiel der Phonograph, der Kinematograf, die Röntgenstrahlung oder das Automobil auf Jahrmärkten erstmals vorgestellt.
Aus Spielgeräten höfischer Gärten wurden zunächst von Dampfmaschinen angetriebene, später hochtechnisierte und modern dekorierte Schaustellergeschäfte.
Frühe Karussells waren zunächst rein funktionale Baukörper. Für die horizontale Bewegung wurden Sitzmöglichkeiten an hölzernen Drehkreuzen befestigt. Für die vertikale Drehvorrichtung hatte man eine offene Radkonstruktion aufgestellt. Nach rechts und links führende Schaukelbewegungen erfolgten mittels einfacher Konstruktion, bei der eine Sitzgelegenheit zwischen zwei Stützen eingehängt war.
Auch die ersten Belustigungsgeschäfte waren meist einfache, hölzerne Baukörper, die mit Planen geschlossen waren. Dort wurden Abnormitäten und Länderschauen vorgeführt.
Schießvorrichtungen und Wurfspiele wurden nicht selten unter freiem Himmel oder in einfachen, marktstandähnlichen Holzgestellen, die ebenfalls mit Planen überzogen waren, angeboten. Diese wurden auch zum Verkauf von Back- und Wurstwaren genutzt.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebten die Volksfeste einen enormen Wandel und der professionelle Bau von Karussells begann.
Die Herstellung von Karussells war zunächst kein zu erlernender Berufszweig, sondern entwickelte sich meist aus dem Handwerk des Zimmermanns oder Stellmachers. Später kamen Konstrukteure und Ingenieure dazu. Inzwischen werden unter dem Oberbegriff Herstellerfirmen von Karussells und anderen Bauaufgaben im Schaustellergewerbe ein ganzes Team von Fachkräften zusammengefasst, die für Planung, Gestaltung, Ausführung und Sicherheit zuständig sind.

Die Grundbauformen der Schaustellergeschäfte, wie der Rundbau, der Hallenbau, der Skelettbau sowie der Pavillonbau, orientieren sich an Bauformen, die aus der Architektur bekannt sind.
Auch die dekorative Gestaltung der Karussells und aller anderen Volksbelustigungen lassen einen Vergleich zu allen Stilepochen der bildenden Kunst zu. Die Dekoration fanden mit Zitaten des Barocks, des Rokokos oder mit Jugendstilelementen ihre Vorbilder im Lebensstil der Feudalgesellschaft des 18. und 19. Jahrhundert. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Moderne auch in die Dekorationen der Schaustellergeschäfte auf den Volksfesten ein.

Im 21. Jahrhundert kann der Volksfestbesucher sowohl lebendige Tradition erleben als auch modernste Innovationen ausprobieren. Daneben bieten die wieder in Mode gekommenen Historischen Jahrmärkte traditionelle Volksfestattraktionen wie Flohzirkus und Pferdekarussell, während moderne Volksfeste sensationelle Erfahrungen wie Weltraumfahrt oder Reisen in virtuelle Welten ermöglichen.

Zum Abschluss noch ein Blick auf die unmittelbaren Akteure der Deutschen Volksfest-Kultur — die Schausteller. Überwiegend als Familienbetriebe agierend, ist ihnen die erfolgreiche Entwicklung der Volksfest-Kultur zu verdanken. Sie kooperieren kreativ mit den Festveranstaltern und den Herstellern ihrer Geschäfte zusammen und beobachten neueste Entwicklungen, um den Volksfestbesuchern immer wieder den aktuellsten Nervenkitzel zu bieten.
In der Tradition der Schausteller werden seit vielen Generationen das Wissen und die Erfahrungen innerhalb der Familie weitergegeben. Für sie bedeutet das Familiengeschäft Tradition, Familienbewusstsein, Zusammengehörigkeit und Identifikation mit dem Beruf. Ihre Mobilität, ihre traditionellen Handwerkstechniken zur Herstellung von Waren oder zur Entwicklung und Überarbeitung von Geschäften und Wohnwagen, Werbetechniken vom Handzettel bis zur Ansage vor Publikum haben sie jahrhundertelang entwickelt, perfektioniert und tradiert.

In der Volksfest-Kultur sind alle Arten des immateriellen Kulturguts, wie den mündlich überlieferten Traditionen und Ausdrucksweisen, den darstellenden Künsten, den gesellschaftlichen Bräuchen, (jahreszeitliche) Feste und Rituale sowie den traditionellen Handwerkstechniken zu finden.“ (Andrea Stadler) 

Die Vielschichtigkeit der Deutsche Volksfest-Kultur als lebendige Tradition im Bewusstsein der Gesellschaft zu verankern und kommenden Generationen zu vermitteln, ihr Gedächtnis zu bewahren und zu aktualisieren, ist Aufgabe dieses Ersten digitalen Deutschen Kulturgut-Volksfest-Archivs.

© Margit Ramus