Deutsche Volksfest-Kultur

Beschreibung der Kulturform

Die Deutsche Volksfest-Kultur ist Spiegel unserer Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Seit Jahrhunderten kommen die Menschen zum alljährlichen wiederkehrenden Volksfest zusammen. Je nach  Region werden diese Volksfeste: Kirmes, KirchweihKerbe, Kerwe, Rummel, Wiesen, Wasen, Dom, Freimarkt, Kramermarkt, Stoppelmarkt, Mess, DultJahrmarkt, oder Schützenfest genannt. Charakteristisch sind dabei der freie Eintritt zur Belustigung und Unterhaltung der Bevölkerung sowie die Möglichkeit zum multikulturellen Austausch. 

Inzwischen finden über die ganze Bundesrepublik, in allen 16 Bundesländern geografisch verteilt, etwa 9.750 große und kleine Volksfeste statt. Dazu kommen ca. 3.000 Weihnachtsmärkte. 
Die Marktstudie 2012 erbrachte etwa 189 Millionen Volksfestbesucher. Fast jedes Bundesland hat mindestens ein großes Volksfest, das länger als eine Woche bis zu einem Monat dauert. mit etwa 
Dazu mehr: Volksfeste in Deutschland und ihre Besucherzahlen

Schausteller*Innen und auch die Besucher überschreiten bereitwillig die Grenzen, insbesondere zwischen Frankreich, Belgien und Deutschland. Die Europäische Schaustellervereinigung kurz ESU deren Mitglieder aus 54 verschiedenen Ländern stammen, zeugt von diesem Austausch und dem starken Gefühl, dass Volksfest zu einer gemeinsamen Kultur innerhalb Europas gehören.

Ursprünge

Die unterschiedlichen Bräuche und Rituale weisen auf den sakralen oder weltlichen Ursprung der Feste hin, deren Gründungen nicht selten seit dem Mittelalter beurkundet sind.

Als Sakrales Fest bezeichnet man die Kirmes, Kirchweih oder Kerbe, die mit kirchlichen Festen zur Erinnerung an die Kirchweihe oder eine Reliquienüberführung verbunden waren und bis zur Gegenwart sind.
Der Gottesdienst endete mit einer Prozession, die durch die Straßen führte und sich oft in einer weltlichen Feier rund um das Gotteshaus auflöste.
Gaukler, Artisten und Spielleute rundeten mit akrobatischen oder künstlerischen Darbietungen – Musik, Tanz und Theater – und Schaustellungen von ungewöhnlichen Menschen, Tieren und Objekten das bunte Treiben ab und dadurch wurde das hohe Kirchen- und Patronatsfest zur willkommenen Unterbrechung im Alltag der Bevölkerung. Auch neue Nachrichten wurden verbreitet, Bekanntschaften und Ehen geknüpft.

Jahrmärkte wurden in Verbindung zum Kirchenfest ab dem 10. Jahrhundert abgehalten. Sie wurden durch landesfürstlichen Erlass oder Gesetze genehmigt. Die Märkte förderten den wirtschaftlichen Aufschwung eines Orts, dieser hing jedoch von der Lage des Orts an Fern- und Handelsstraßen (Standort und Bebauung der Volksfeste) ab. Später entwickelten sich auch viele Volksfeste sowie die großen Industriemessen wie Frankfurt oder Leipzig aus den mittelalterlichen einmal im Jahr stattfindenden Märkten.

Das Schützenfest ist ein weiteres Genre des Volksfests. Im ausgehenden Mittelalter verteidigten Mitglieder von Schützengemeinschaften als militärische Verteidigungsaufgaben die wachsenden Städte. Später wurden Schießwettbewerbe durchgeführt. Es folgten öffentliche Freischieß-Veranstaltungen und ein „Schießen nach dem Vogel“. Im 14. Jahrhundert entstanden Schützengilden, die aus Mitgliedern der bestehenden Gilden und Zünfte rekrutiert wurden. Im Anschluss an den Schießwettbewerb traf sich die Bevölkerung zum festlichen Umzug mit fröhlichem Beisammensein.

Der Begriff „Volksfest“ als Bezeichnung für ein Höfisches Fest entstand erst im 19. Jahrhundert. Anlässe für die Höfischen Feste waren Krönungen, Hochzeiten u.a.
Das wohl bekannteste Beispiel ist das Münchner Oktoberfest, dass sich aus den Hochzeitsfeierlichkeiten der Vermählung von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese Charlotte Louise von Sachsen-Hildburghausen entwickelte. Dazu kamen die Landwirtschaftsmessen, die oft den Höfischen Festen angeschlossen wurden.
Heute ist das Münchner Oktoberfest das größte Volksfest der Welt, das jährlich von sechs Millionen Menschen besucht wird.

Entwicklung

Das regelmäßig wiederkehrende, moderne Volksfest der Gegenwart entwickelte sich mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, die das Angebot der Volksfestaktivitäten stark veränderte. Die Städte wuchsen, die Einwohnerzahl stieg an und mit den gesellschaftlichen Veränderungen wandelten sich auch die Ansprüche der Menschen. Sie strömten zu den Volksfesten, die ihnen für einen begrenzten Zeitraum, Abwechslung vom Alltag brachten und in Wandertheatern, Wanderkinos und Panoramen naturwissenschaftliche Entdeckungen, technischen Erfindungen, Musik, Kunst und die neusten Nachrichten präsentierten. Es wurden zum Beispiel der Phonograph, der Kinematograf, die Röntgenstrahlung oder das Automobil auf Jahrmärkten erstmals vorgestellt.

Aus Spielgeräten höfischer Gärten wurden zunächst von Dampfmaschinen angetriebene, später hochtechnisierte und modern dekorierte Schaustellergeschäfte.

Architektur der Schaustellergeschäfte

Frühe Karussells waren zunächst rein funktionale Baukörper. Für die horizontale Bewegung wurden Sitzmöglichkeiten an hölzernen Drehkreuzen befestigt. Für die vertikale Drehvorrichtung hatte man eine offene Radkonstruktion aufgestellt. Nach rechts und links führende Schaukelbewegungen erfolgten mittels einfacher Konstruktion, bei der eine Sitzgelegenheit zwischen zwei Stützen eingehängt war.
Auch die ersten Belustigungsgeschäfte waren meist einfache, hölzerne Baukörper, die mit Planen geschlossen waren. Dort wurden Abnormitäten und Völker- und Länderschauen vorgeführt.
Schießvorrichtungen und Wurfspiele wurden nicht selten unter freiem Himmel oder in einfachen, marktstandähnlichen Holzgestellen, die ebenfalls mit Planen überzogen waren, angeboten. Diese wurden auch zum Verkauf von Back- und Wurstwaren genutzt.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebten die Volksfeste einen enormen Wandel und der professionelle Bau von Karussells begann.
Die Herstellung von Karussells war zunächst kein zu erlernender Berufszweig, sondern entwickelte sich meist aus dem Handwerk des Zimmermanns oder Stellmachers. Später kamen Konstrukteure und Ingenieure dazu. Inzwischen werden unter dem Oberbegriff Herstellerfirmen von Karussells und anderen Bauaufgaben im Schaustellergewerbe ein ganzes Team von Fachkräften zusammengefasst, die für Planung, Gestaltung, Ausführung und Sicherheit zuständig sind.

Die Baukörper der Schaustellergeschäfte  orientierten sich an Bauformen, die aus der klassischen Architektur angelehnt sind. Grundbauformen wie der Rundbau, der Hallenbau, der Skelettbau sowie der Pavillonbau  wurden weiter entwickelt und ermöglichen individuelle Fantasien und Wunschvorstellungen bis hin zu den Grenzen der körperlichen Aktivitäten. 

Dekoration der Schaustellergeschäfte

Die dekorative Gestaltung der Karussells und aller anderen Volksbelustigungen lassen einen Vergleich zu allen Stilepochen der bildenden Kunst zu. In den Dekoration finden sich Motive der romantischen Salonmalerei mit Zitaten des Barocks oder des Rokokos, die ihre Vorbilder im Lebensstil der Feudalgesellschaft des 18. und 19. Jahrhundert erkennen lassen.
Um 1900 wird auch mit Jugendstilelementen dekoriert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Moderne mit der Pop Art und der zeitgenössischen Kunst ebenfalls in die Dekorationen der Schaustellergeschäfte auf den Volksfesten ein.
Elektrische Beleuchtung und Kirmesorgeln als musikalische Untermalung wurden weiter entwickelt und perfektioniert und vervollständigen das Gesamtkunstwerk Volksfest.

Alle Sinne werden auf dem Volksfest angesprochen

Neben dem kulturellen und sozialen Austausch, die ein Volksfest ermöglichen, werden außerdem fast alle Sinne angesprochen. Denn die Besucher geben sich der spannenden Mischung von bunten Bildern, Geräuschen, Nervenkitzel und Geschmacksreizen hin. Sie genießen beim Bummel über den, in einem geschützten Raum entstandenen, Festplatz den Reiz des Zusammenspiels von Dynamik und einer fast vergessenen Romantik, die nur ein Volksfest bietet. Dazu kommt das Festprogramm, dass auf unterschiedliche Bräuche und Rituale traditioneller sakraler und weltlicher Feste, wie Kirchweihfest, Schützenfeste und höfische Feste hinweisen.

Lebendige Tradition auf Historischen Jahrmärkten

Im 21. Jahrhundert kann der Volksfestbesucher sowohl lebendige Tradition erleben als auch modernste Innovationen ausprobieren. Daneben bieten die wieder in Mode gekommenen Historischen Jahrmärkte traditionelle Volksfestattraktionen wie das Pferdekarussell, die Raupe, die unvergessene Berg- und Talbahn und auch manuelle Kraftmesser wie z.B.  Hau den Lukas. Gleichzeitig bieten moderne Volksfeste sensationelle Karussells, Schaukeln und gigantische Stahlkolosse, (Achterbahn, Riesenrad, Wildwasserbahn) und katapultieren die Volksfestbesucher auf Wunsch in dreidimensionale Bewegungsapparate.

Zentrale Träger der Volksfeste geben ihr Wissen und Erfahrungen weiter

Die Träger der Deutschen Volksfest-Kultur sind die Schausteller und Schaustellerinnen, ohne sie sind die modernen Volksfeste nicht denkbar! 
Überwiegend als Familienbetriebe agierend, ist ihnen die erfolgreiche Entwicklung der Volksfest-Kultur zu verdanken. Seit Jahrzehnten übermitteln sie ihre Ideen den Herstellern und bildenden Künstlern (Maler) und ergänzen damit deren neuste Entwicklungen in Technik und kunstvoller Ausstattung der Schaustellergeschäfte. Mit ihrer Erfahrung wird die Nachhaltigkeit in Bezug zur Klima-, Umwelt- und Integrationsproblematik ausgebaut, das Belustigungsangebot auf den Volksfesten immer anspruchsvoller, bunter und auf die Besucher aller Altersstufen angepasst.

In der Tradition der Schausteller werden seit vielen Generationen das Wissen und die Erfahrungen innerhalb der Familie weitergegeben. Für sie bedeutet das Familiengeschäft Tradition, Familienbewusstsein, Zusammengehörigkeit und Identifikation mit dem Beruf. Ihre Mobilität, ihre traditionellen Handwerkstechniken zur Herstellung von Waren oder zur Entwicklung und Überarbeitung von Geschäften, Werbetechniken vom Handzettel bis zur Ansage vor Publikum haben sie jahrhundertelang entwickelt, perfektioniert und tradiert.
Ausführliche Informationen unter: Schausteller Einführung 

Vernetzung

Im Jahre 1883 wurde die erste Fachzeitschrift der Schausteller „Der Komet – Fachblatt für das Reisegewerbe“ und den Markthandel in Pirmasens gegründet.
1996 wurde  Zeitschrift „Kirmes und Park Revue“ als zweite Fachzeitschrift neben der Fachzeitschrift „Der Komet“ gegründet. Neben ähnlichen Themen wie im „Komet“, werden seriell Schaustellerchroniken veröffentlicht, über Volksfeste berichtet, neue Fahrgeschäfte vorgestellt und dem Verbleib von alten Geschäften nachgegangen.

Aufgabe des Kulturgut-Volksfest-Archiv

Die Vielschichtigkeit der Deutschen Volksfest-Kultur als lebendige Tradition im Bewusstsein der Gesellschaft zu verankern und kommenden Generationen zu vermitteln, ihr Gedächtnis zu bewahren und zu aktualisieren, ist Aufgabe dieses ersten digitalen Deutschen Kulturgut-Volksfest-Archivs.

Darüberhinaus wird versucht, in den Beiträgen über große und kleine Volksfeste in Deutschland aktuellen Fragen nachzugehen:

  1. Was begeistert die Menschen (noch immer) an einem Kirmesbesuch?
  2. Wie steht es um das Verhältnis zwischen großen und kleinen Volksfesten?
  3. Wünschen sich Besucher eher traditionelle Volksfeste oder moderne Ausprägungen?
  4. Wie ist Kirmes mit Tradition und Kultur der Menschen/ des Landes verbunden?
 
 

© Margit Ramus